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Wahrnehmung und Infoverarbeitung
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Wahrnehmung
Prozess der Aufnahme und Verarbeitung von sensorischen Informationen bzw. Reizen durch die Sinnesorgane.
➢ Produkt aus Informationsaufnahme und Informationsverarbeitung
Informationsverarbeitung
Gedächtnisprozesse bzw. kognitive Operationen und Strategien, die die Encodierung (Einprägen), das Speichern (Behalten) und den Abruf (Erinnern, Wiedergabe) von Information beeinflussen (Gedächtnis)
Intuition
Nicht durch Überlegung, sondern durch unmittelbares
Erfassen des Wesens einer Wirklichkeit gewonnene, der Offenbarung ähnliche Einsicht (Für Jung eine von vier psychischen Fähigkeiten des Menschen: neben dem Empfinden = Sinneswahrnehmung, dem Denken und dem Fühlen)
Wer war der Gründervater vom gestaltpsychologischen Ansatz
Max Wertheimer (1880-1943)
Fokus von Gestaltpsychologie
Ausgangspunkt: Erkenntnis, dass visuelle Wahrnehmung mehr als nur die additive Registrierung
mehrerer Lichtpunkte ist
Ziel der Gestaltpsychologen: Regeln formulieren, nach denen Einzelteile zu ganzen Gestalten zusammengefügt werden
Gesetz der guten Gestalt:
Jedes Reizmuster wird so gesehen, dass die resultierende Struktur so einfach wie möglich ist.
Gesetz der Ähnlichkeit
Ähnliche Dinge erscheinen zu zusammengehörigen Gruppen geordnet.
Gesetz der Nähe
Dinge, die sich nahe beieinander befinden, erscheinen als zusammengehörig.
Kritik am gestalt Ansatz
Gestaltgesetze erklären mehrdeutige Figuren schlecht. Dies gilt insbesondere für Kippbilder
Gestaltgesetze konkurrieren oft miteinander
Der gestaltpsychologische Ansatz liefert Erklärungen meist erst im Nachhinein. Er beschreibt eher, als dass er erklärt oder vorhersagt.
Unbeantwortet bleibt die Frage: Was geschieht während des Wahrnehmungsprozesses in unserem kognitiven System?
Kontexteffekte bei der Wahrnehmung (2 mit Beispielen)
Kontext trägt dazu bei, mehrdeutige Reize zu identifizieren (z.B. Satzkontext, temporaler Kontext) Kontext und Personenzustände sind aber auch für Fehlleistungen verantwortlich
Erwartungseffekte - Beispiele:
▪ Eine Person wird in einer Menschenmenge einfacher entdeckt, wenn auf sie gewartet wird
▪ Die Größe von Münzen wird parallel zu ihrem Wert überschätzt (Münzen mit höherem Wert werden
stärker überschätzt).
Motivationseffekte - Beispiel:
▪ Hunger und Durst lassen die Abbildungen von Essen und Trinken heller erscheinen als die Abbildungen anderer Gegenstände | Nachdem Versuchspersonen ihren Hunger und Durst gestillt hatten, verschwand dieser Effekt
Bottom-up Processing
-Rahmen, um verschiedene Arten von Determinanten mentaler Verarbeitungsprozesse zu unterscheiden
-Relies on properties of the stimulus such as patterns of light and dark areas
-basierend auf physikalischen Stimulusmerkmalen (gestaltgesetze, Mustererkennung)
Top-Down Processing
-Vorhandene physikalische Reizmerkmale vs. andere kognitive und lernerfahurungs- abhängige Integrationsprozesse
-Relies on higher-level info such as prior knowledge and experience
Was weiss man über Wahrnehmung
Menschliche Wahrnehmung ist alles andere als objektiv
An der Wahrnehmung ist viel mehr beteiligt als nur die Merkmale des wahrzunehmenden Stimulus, es sind eher Kombinationen anzunehmen: bottom up/top down process
Experiment von Bargh, Chen and Burrows 1996
-Infoverarbeitung ist vielfach unbewusst
-Information: „Untersuchung von Sprachfertigkeiten“
Bearbeitung von vielen Scrambled-Sentence-Aufgaben
• Neutrale Version (n=15)
• Altersstereotyp-Version (n=15)
„Versuch ist nun beendet. Der Aufzug ist auf der anderen Seite des Vorraums. Danke für‘s Mitmachen.“
Mitarbeiter*in stoppt die Zeit, die von der Tür des Versuchsraums bis zu einer Markierung nahe des Aufzugs benötigt wird (9.75 m) = abhängige Variable
Debriefing und informelle Abfrage, ob Versuchspersonen die Wörter im Test bewusst wurden, die mit dem Altersstereotyp im Zusammenhang stehen, und ob diese Wörter sie in irgendeiner Weise beeinflusst haben (war bei keiner Versuchsperson der Fall)
-elderly needed more time to walk after having seen words old,lonely, grey, sentimental …
Das Altersstereotyp wurde unbewusst aktiviert, das eigene Verhalten wurde dem Stereotyp angepasst.
→ Priming von Konzepten
Priming = Vorbereitung/ Erleichterung/Bahnung einer Reaktion auf einen Zielreiz durch Verarbeitung eines anderen Reizes
Stroop Effekt
-Stroop, 1935; vgl. Dunbar & MacLeod, 1984)
-Automatische Prozesse (z. B. Lesen) können schwer unterdrückt werden und sie können mit anderen Informationen (z. B. Farbe der Wörter) interferieren.
-The Stroop effect is a cognitive phenomenon where identifying the ink color of a word is slower and more error-prone if the text color conflicts with the word's meaning (e.g., reading "red" printed in blue ink). It demonstrates the brain's struggle to override automatic reading processes in favor of slower, intentional color naming.
Experiment von Langer, Blank und Chanowitz 1978
Durchführung
• Unwissende Versuchsteilnehmer am Kopierer der Universitätsbibliothek
Vertrauter des Versuchsleiters (VL) spricht die Versuchspersonen (VPn) an:
▪ Bedingung 1: „Entschuldige, ich habe 5 Seiten. Darf ich zuerst kopieren?“
▪ Bedingung 2: „Entschuldige, ich habe 5 Seiten. Darf ich zuerst kopieren, weil ich es eilig habe?“
▪ Bedingung 3: „Entschuldige, ich habe 5 Seiten. Darf ich zuerst kopieren, weil ich kopieren muss?“
Abhängige Variable: Vorlassen am Kopierer oder nicht Weitere Variation: 20 statt 5 Seiten
Gedankenlosigkeit
= automatische Ausführung von Verhaltensweisen ohne dass Situationsmerkmale berücksichtigt werden
Kommt häufig vor, auch in der sozialen Interaktion
Wenn die Situation selbst aber Hinweisreize enthält, die eine intensive Verarbeitung hervorruft (hier: hohe Kosten), ist Gedankenlosigkeit unwahrscheinlicher.
Nach Langer et al. (1978) ist Gedankenlosigkeit eher die Regel als die Ausnahme.

Experiment von Englisch 2005
Durchführung
Versuchspersonen: Rechtsreferendare (erfahren, mit 1. Staatsexamen)
Realitätsnahe Aufgabe: Ausführliche Beurteilung eines Vergewaltigungsfalls anhand umfassender Fallmaterialien (Sachverhaltsschilderung, Zeugenaussagen, Sachverständigengutachten etc.) und Strafgesetzbuch
Auch in den Unterlagen: Protokoll über einen parteiischen Zwischenruf eines Zuschauers: ▪ Bedingung 1: „Geben Sie ihm doch einfach fünf Jahre!“
▪ Bedingung 2: „Sprechen Sie ihn doch einfach frei!“
(Weitere Variation: Beschäftigung mit Zwischenruf)
Abhängige Variable: Festgelegtes Strafmaß in Monaten
Ergebnis:
Deutlicher Einfluss des Zwischenrufs auf Strafmaß (wenn damit beschäftigt)
Nur 2% der Rechtsreferendare konnten sich vorstellen, dass der Zwischenruf sie beeinflusst hat.
Ankerinfo effekt
(Willkürliche) numerische Information verzerrt
numerisches Urteil
Früher Nachweis (Tversky & Kahnemann, 1974):
Glücksrad drehen und Prozentsatz afrikanischer
Staaten in der UN schätzen
Hohe praktische Relevanz (z.B. Verhandlungen aller
Art)
Erklärungen:
Positives Hypothesentesten: Entspricht Urteilsobjekt dem Informationsanker?
Nachfolgend bessere Zugänglichkeit von Informationen, die für das Zutreffen des Ankers sprechen
Infoverarbeitung als heuristisch
Menschliches Denken ist oft durch „heuristische“ (d.h. verkürzte) Informationsverarbeitung
gekennzeichnet (im Gegensatz zur merkmalsgeleiteten Informationsverarbeitung, die aufwändiger ist)
Heuristiken:
Kognitive „Daumenregeln“ oder „Eilverfahren“
Schränken Bereich möglicher Antworten ein | erhöhen Effizienz von Denkprozessen
Sind oft richtig, doch häufiger aber auch falsch Weitere wichtige Heuristiken (neben der Ankerheuristik):
Verfügbarkeitsheuristik:
Beispiel: Gibt es mehr Wörter mit K als Anfangsbuchstabe oder mit K als drittem Buchstaben?
Repräsentatvitätsheuristik:
Beispiel: Welche Auftretensreihenfolge ist beim Münzwurf wahrscheinlicher? ZZZZZZ oder ZKKZKZ?
Wahrnehmung
eine wichtige Rolle spielt der Kontext, in dem wir die Situation wahrnehmen
trägt dazu bei, mehrdeutige Reize zu identifizieren
Kontext und Personenzustände sind aber auch für Fehlleistungen verantwortlich
Fehlleistungen können sich sowohl positiv als auch negativ auswirken
▪ Auftreten von Erwartungseffekten
Der Pygmalion-Effekt/Rosenthal-Effekt
Feldexperiment: Untersuchung der Lehrer-Schüler-Interaktion an einer Grundschule
Durchführung eines Tests, der angeblich die 20% der Schüler*innen ermittelt, von denen im kommenden Schuljahr aufgrund eines Entwicklungsschubes eine Leistungssteigerung zu erwarten wäre
Tatsächlich: Intelligenztest
Auswahl der „besonders potentialträchtigen Schüler*innen“ per Losverfahren
Abgesehen von der Weitergabe der Namen der „Testsieger“ keine Intervention seitens der Forscher
WiederholungdesIntelligenztestsnacheinemJahr
−Zufälligausgewählte20%zeigteneinebesondersausgeprägteLeistungssteigerung
−ErwartungeneinerLehrerin/einesLehrersbezüglichderLeistungenbestimmterSchüler*innen beeinflussen nicht nur die Beurteilungen der Schüler*innen, sondern auch die
tatsächlichen Leistungen
Kritik am Rosenthal effekt
-zu kleine Stichproben
-unzuverlässiger Intelligenztest
-verwendeter IQ-Test war nicht für die Altersgruppe geeignet
▪ Wurde inzwischen aber häufig repliziert und die Ergebnisse bestätigt
▪ Aber: Der Effekt ist insgesamt schwach und tritt vor allem dann auf wenn Lehrkräfte ihre Schüler*innen nicht sehr gut kennen
▪ Kritik und Reproduktion unter anderem bei Forghani-Arani et al. (2015)
▪ Nur 6% der Lehrenden in dieser Studie „unbiased“, Lehrkräfte schließen aber explizit eine
Beeinflussung bei sich aus
Selbsterfüllende Prophezeiung
InterpersonelleErwartung,dieihreeigeneErfüllungselbst verursacht
− BeziehtsichaufSituationen,inwelchendieinterpersonelle Erwartung einer Person bei einer zweiten Person zu eben dem erwarteten Verhalten führt, sodass die erste Person in ihrer Sicht bestätigt wird
⮚ Die mentale Antizipation eines Ereignisses bewirkt selbst das Ergebnis der Antizipation
− EffektnegativerErwartungmanchmalGolem-Effektgenannt

Was ist framing
Ein Effekt, der von der Formulierung einer Aussage abhängt
Die Formulierung erzeugt eine bestimmte Emotion oder Handlung, ohne dabei den Inhalt zu ändern
Fakten werden so präsentiert, dass den Personen bestmöglich die positiven/negativen Aspekte aufgezeigt werden
Entscheidend: Die Assoziation, die die Personen mit einem Begriff verbinden
Framing setzt nicht auf Täuschung oder das Vorhalten falscher Tatsachen
Risky Choice Framing
Risky Choice Framing
Eine „riskante“ Entscheidung zwischen mindestens 2 Optionen wird erzeugt, um die Auswahl zu beeinflussen
Eine Option ist mit einem Verlust verbunden
Menschen wollen Verluste vermeiden
Die Person entscheidet sich für die Option ohne Verlust
Beispiel
„3 zum Preis von 2“
Entscheidung mehr zu kaufen wird erzwungen
Kaufe ich nur ein Produkt oder kaufe ich eins mehr und kriege auch noch eins geschenkt?
Anstatt rationalem Denken (man zahlt mehr als eigentlich geplant) wird verlustorientiert gedacht
Attributives Framing
▪ Ein Attribut (Merkmal) wird ausgetauscht, um eine Entscheidung zu beeinflussen
Beispiel: Politik / Abstimmungen
„25 % der Bürger lehnen ab, dass München die olympischen Spiele austrägt“ → negativ
Goal Framing
Will Personen zu bestimmter Handlung bewegen
1. FokusaufpositiveFolgenbeiErfüllenderHandlung
2. FokusaufnegativeFolgebeiNichterfüllungderHandlung
Beispiel Umweltverhalten
Positiv: „Wenn Sie Recycling betreiben, tragen Sie aktiv zum Schutz der Umwelt bei.“ Negativ: „Wenn Sie nicht recyceln, belasten Sie die Umwelt unnötig.“
Anders als beim Risky-Choice-Framing wird hier keine andere Entscheidungsoption geboten
Hindsight Bias
Hinterher weiß man immer mehr!“
▪ Der Hindsight Bias/Rückschaufehler beschreibt die menschliche Fehleinschätzung beim Rückblick auf eine Situation
▪ Erstmals 1975 von Baruch Fischhoff an der Carnegie Mellon University in Pittsburgh untersucht
▪ Tritt besonders bei der Zuweisung von Schuld und Verantwortung auf
▪ Empirisch nachgewiesen auch bei verschiedenen Expertengruppen (z.B. Ärzt*innen und Richter*innen)
🡪 Sachkompetenz kann Effekt nicht ausgleichen
What are the 3 levels of hindsight bias

Bestätigungsfehler
Tendenz, Informationen auf eine Weise auszusuchen, ermitteln und zu interpretieren, dass sie
unsere Annahmen bestätigen.
▪ Sorgt dafür, dass wir neue Informationen nur selektiv aufnehmen und an einmal gefassten Überzeugungen festhalten.
▪ Jedes Thema betrachten wir durch die Linse unserer eigenen Überzeugungen. Durch diesen Filter können Fakten verzerrt oder ausgeblendet werden.
Bestätigungsfehler Beispiel und Schulkontext
▪ Mögliche Beispiele:
Die Algorithmen in sozialen Medien präsentieren uns zusätzlich nur noch Fakten, die mit unserem Weltbild übereinstimmen 🡪 bestätigte Annahmen 🡪 Zufriedenheit
Klimaschutzleugnung und sonstige belegbare Theorien 🡪 Menschen neigen dazu, solche Hinweise herunterzuspielen oder ganz zu ignorieren, während sie im Alltag ständig Belege für die Richtigkeit ihrer Thesen zu erkennen glauben.
Inwiefern tritt der Effekt im Schulkontext auf?
▪ Zu frühe Schlussfolgerungen versperren den Blick auf andere Ursachen
• Beispiel: Schlafmangel als Grund für schlechte Noten sehen und daran festhalten, obwohl es möglicherweise andere Gründe hat.
▪ Bilden von Stereotypen
Kinder mit Migrationshintergrund haben schlechtere Leistungen
Mädchen verstehen weniger Mathe als Jungs
▪ Fehlende objektive Evaluation des Unterrichts
• Beschränkung auf eine Art des Unterrichtens 🡪 verhindert Innovation und Weiterentwicklung