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KULTUR&GESCHLECHT BIS 1850
Bedeutung von Begriffen
Nicht festgelegt
Erhält Sinn im Kontext und Laufe der Zeit
Immer im Wandel → abhängig von Perspektive, Theorie und Zeit
Kulturbegriff
Entwicklung von der Bedeutung der Landwirtschaftspflege
Definition: Kultur als ganzheitliche Lebensweise
Geschichte
In der Vergangenheit → historische Ereignisse → ihre Darstellung durch Geschichtsschreibung (erfolgt aus einer bestimmten Perspektive, ist zeitlich&räumlich geprägt)
Verbindung Vergangenheit | Gegenwart | Zukunft → durch Geschichtsphilosophie
Gegenwärtige Kulturgeschichte
untersucht die Vergangenheit aus kulturgeschichtlicher Perspektive
Themenfelder wie: Politik, Wirtschaft, Recht, Geschlechterordnung
Geschichtswissenschaft
Die Interessen, Fragen, Methoden, Kategorien und Interpretationen werden von der Theorie und Perspektive bestimmt
Kulturgeschichte
Historien von Herodot (antiken Schriften) → Menschheitsgeschichte, keine Fortschrittsgeschichte
Lateinischer Mittelalter → Geschichte im Kontext der Heilsgeschichte (Wiederkehr Jesus)
Frühe Neuzeit Humanismus 16. Jh. → Ad Fontes (Motto = Zu den Quellen zurück)
Geschichtsschreibung Teil der Literatur, erzählende Geschichte
Aufklärung 18. Jh. → Bruch von heilsgeschichtlichen Erzählungen, Interesse an außereuropäischen Kulturen
Paradigma der Fortschrittsgeschichte (besagt, dass sich die Gesellschaft immer zum Besseren entwickelt)
Voltaire
Definierte die Geschichte als Erzählung von wahren Fakten im Gegensatz zu Fabel
Betonte die Bedeutung von Topografie und Sittenbeschreibungen anderer Länder in der Geschichtsschreibung
Christoph Adelung
Kulturstufenmodell
Definierte Kultur als die Veredelung oder Verfeinerung der geistigen und körperlichen Kräfte eines Volkes
Fortschrittsnarativ → beschreibt die Entwicklungslinie von barbarisch bis zivilisiert
Kultur&Geschlecht 18. Jh.
Umbau der europäischen Gesellschaften von ständisch → patriarchalisch-bürgerlich Geschlechtergesellschaft
Naturrecht ↑ Religion ↓
Rousseau Aufklärungsphilosophen beeinflusste das neuzeitliches Naturrecht, betonte auch die Rolle der Frauen in der Erziehung
Marie-Olympe-de-Gouges
Französische Frauenrechtlerin
Schriftstellerin
Revolutionärin
Verfasste politische Texte (Broschüren, Flugbllätter, Plakate)
Marie-Olympe-de-Gouges: Remarque patriotiques
Forderung: soziale Maßnahmen für die ärmsten Teile der Bevölkerung
Finanzierung: Einführung einer Luxus- und Glücksspielsteuer
Bildung für alle Bevölkerungsschichten, Männer wie Frauen
Trennung von Kirche und Staat
Strafrechtsreform
Abschaffung der Todesstrafe
Freie Wahlen
Verfassung
Abschaffung der Sklaverei
Gleichberechtigung der Frauen
Marie-Olympe-de-Gouges: Die Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte
1789 von der französischen Nationalversammlung verabschiedet
machte Olympe bekannt
Marie-Olympe-de-Gouges: Die Erklärung der Rechte der Frau und Bürgerin
1791 forderte die Gleichstellung der Geschlechter
betonte die natürlichen und unverjährbaren Rechte von Frauen
kritisierte den Verlauf der Revolution
verhaftet, angeklagt und schließlich hingerichtet
Mary Wollstonecraft
veröffentlichte Werke zur Bildung von Mädchen und zur Verteidigung der Rechten der Frauen
Kritik an die Ideologie des Weiblichen und die Unterdrückung von Frauen
Traditionelle Geschlechterordnung
Laut Enzyklopädie Brockhaus 1815
Männer als schaffend, kraftvoll und im öffentlichen Leben aktiv betrachtet
Frauen als schön, passiv und im häuslichen Bereich aktiv angesehen
18.&19. Jh. Rechtliche Veränderungen
fügte zur Umgestaltung der Rolle der Frau von Hausmutter → Hausfrau
ABGB 1786 → Gütertrennung, Vermögensverwaltung
ABGB 1811 → Ausbau der bürgerlich-patriarchalen Geschlechterlogik
19. Jh. Patriarchale Geschlechterlogik
Nationalökonomische Diskurse → Männer Lohn = Lebensunterhalt einer Familie, Frauen Lohn = alleinstehend / Zusatzverdienst
Sozialpolitische Diskurse → Ärzte: biologische Differenzen zw. Mann und Frau
Praktiken der Arbeitgeberinnen → Redefinition von Arbeitsschritten um diese weiblicher zu konnotieren: Büroarbeit (Niedriger Lohn: statt unqualifizierter Männer gut ausgebildete Frauen zu rekrutieren)
Professionalisierung vieler Berufsfelder und Bildungspolitik → berechtigt nur Absolventen höherer Bildungseinrichtung
Revolution 1848
brachte Frauen in politische Bewegungen
demonstrierten gegen die Lohnpolitik
ökonomische Absicherung von Berufsgruppen wie: Wäscherinnen, Blumenmacherinnen, Kupferstichmalerinnen, Handschuhnäherinnen
aber nach der Niederschlagung → Aktivistinnen verhaftet oder verloren ihre Rechte
Karolin von Perin
Initiatorin des Frauenvereins Wiener demokratischer Frauenverein
Aufgabe: politische, soziale und humane
Nach der Niederschlagung Karolin und Gefährte verhaftet, er wurde hingerichtet, sie durfte nach München emigrieren, kam 1849 zurück und starb verarmt
KULTURBEGRIFF 19. JH. (2 HÄLFTE)
Jacob Burckhardt → Begriff der Hochkultur, definierte Kultur als Vorliebe der sozialen Eliten (Kunstgeschichte)
Differenz zw. Staat, Wirtschaft, Religion und Kultur
Edward B. Tylor → erweiterte den Kulturbegriff auf Wissens- und Glaubenssysteme, Kunst, Moral, Recht = alles was den Menschen zum Mitglied der Gesellschaft macht
Abgrenzung primitive Kulturen → gehört zu Anthropologie / Ethnologie
Karl Lamprecht
Geschichtswissenschaft
Individualistische oder Politikgeschichte → sieht den Menschen als Persönlichkeit: Individualpsychologie; rekonstruiert den Einzelwillen (große Männer)
Kollektivistische und Kulturgeschichte → sieht den Menschen als Gattungswesen: Sozialpsychologie; rekonstruiert den Gesamtwillen eines „Volkes“, einer „Rasse“ (Kultur)
Max Weber
Sozialwissenschaft = Kulturwissenschaft → Einbeziehung von politischen, religiösen und klimatischen Kontexten
Sozialwissenschaft als Wirklichkeitswissenschaft soll auf empirische Beobachtungen basieren und nicht nur auf Gedanken beruhen
KULTUR&GESCHLECHT
19. Jh. 2 Hälfte kämpfte die Frauenbewegung für die Öffnung der höheren Bildungseinrichtungen für Frauen → Habsburgermonarchie ab 1897
Joseph Späth betonte dass Frauen die Fähigkeit zur wissenschaftlichen Ausbildung nicht generell abgesprochen werden könne und verwies auf erfolgreiche weibliche Absolventinnen
Theodor Bischoff argumentierte hingegen für die geistige Inferiorität von Frauen aufgrund von Gehirnunterschieden
Widerstand gegen das Studium von Frauen → man befürchtete Gefahren für den wissenschaftlichen Ernst und eine Veränderung der Geschlechterordnung
Ludwig Kleinwächter
Gynäkologe behauptete dass die Menstruation die Psyche der Frauen beeinflusse und zu einer Beeinträchtigung der geistigen Fähigkeiten führe
Paul Julius Möbius
Arzt veröffentlichte 1900 das Pamphlet Über den physiologischen Schwachsinn des Weibes, in dem er behauptete, dass Frauen aufgrund übermäßiger geistiger Aktivität krank und ungeeignet für Geburt und Mutterschaft seien
Gegenstimmen Rosa Mayreder
warnte vor einer Einschränkung der Frauenrolle in der Zukunft und forderte, dass Frauen selbst bestimmen sollten, wer sie sein möchten
Ende 19. Jh. Frauenstimmrechtsbewegung in Österreich
entwickelte sich insbesondere nachdem steuerzahlende Frauen in NÖ 1889 ihr Wahlrecht verloren hatten
Bürgerlich-liberale Frauen setzten auf Petitionen
Die Sozialdemokratische Partei Österreichs (SDAPÖ)
Aufnehmen 1892 des Frauenwahlrechts im Parteiprogramm
zuerst das allgemeine Wahlrecht für Männer erkämpft werden müsse
Verein Sozialdemokratische Frauen und Mädchen 1902 gegründet, um die Rechte von Frauen innerhalb der Partei zu fördern
Gewerkschaftsbewegung
Frauen für Mutterschaft und Hausarbeit bestimmt
nicht als Gewerkschaftlerinnen geeignet seien → viele Gewerkschaften Frauen ablehnten
Arbeit von Frauen wurde häufig unterschätzt und fand wenig Beachtung → Frauenberufe gedrängt / Frauengewerkschaften organisiert
Frauentag 19. März 1911
Strategie, als Frauen in verschiedenen Ländern für ihre Rechte demonstrierten
1911 Österreich beteiligten sich sowohl sozialistische als auch bürgerliche Frauen an den Demonstrationen
Verteuerung von Lebensmittel;
Arbeitszeitverkürzung;
freie Samstagnachmittage;
Witwen und Waisenversorgung;
Wöchnerinnenschutz;
gegen Kinderarbeit;
die Abschaffung des §30 des Vereinsgesetzes, der Frauen die Mitgliedschaft in politischen Parteien verbot
Einige der Forderungen wurden nach dem Ersten Weltkrieg – je nach Nachfolgestaat der zerfallenen Reiche – umgesetzt.
Manifest der 93
1914 verfasst von Ludwig Fulda
unterzeichnet von 93 deutschen Wissenschaftlern, Künstlern und Schriftstellern
Das Manifest protestierte gegen die Lügen und Verleumdungen, mit denen die Feinde Deutschlands im Krieg versuchten, das Land in Verruf zu bringen
Es betonte die angebliche Verteidigung der europäischen Zivilisation und lehnte Anschuldigungen gegen Deutschland ab.]
REPRÄSENTATION | GENDER | ERFAHRUNG
Stuart Hall
britischer Soziologe
Mitbegründer Cultural Studies + New Left Review
Forschungsschwerpunkte: Kultur, Macht, Identität, Ideologie, Rassismus, Repräsentation, Populismus, Hegemonie, Globalisierung, Differenz, Ethnizität
Stuart Hall: Repräsentation
In NLR betonte er → Kulturphänomene wie Kino und Jugendkultur direkte Relevanz für die sozialen Unzufriedenheiten und Bedürfnisse der Menschen innerhalb des kapitalistischen Systems haben
Die Bezeichnung von Dingen, Tieren beruht auf sozialer Übereinkunft
Beispiel: Schafe könnten auch Hunde genannt werden, trees auch seerts
Stuart Hall: Representation. Cultural Representations and Signifying Practices
Buch von Stuart Hall
Wie entstehen geteilte Vorstellungen? → Voraussetzung: gemeinsame Sprache (Zeichen und Symbole) = Laute, Wörter, Bilder, Musiknoten, Objekte
betonte die Bedeutung der Sprache und anderer Zeichen und Symbole bei der Produktion von Bedeutung: Sprache fungiert als Repräsentation von Gedanken, Ideen, Gefühlen
wies darauf hin, dass Sprache nicht geschlechtsneutral ist und Geschlecht erzeugt
Beispiel: Das linguistische Zeichen „Physiker“ (m) evoziert(e) ? das
Vorstellungsbild eines Mannes und nicht jenes einer Frau.
Das linguiste Zeichen „Sekretärin“ (w) evoziert(e) ? das
Vorstellungsbild einer Frau und nicht jenes eines Mannes.
Ferdinand de Saussure
Theorie der Zeichen besagt, dass die Beziehung zwischen Gegenstand und Wort willkürlich, aber durch Konventionen festgelegt ist
(Bezeichnetes vs. Bezeichnendes)
Beispiel: Holzstock kann auf vieles verweisen
Politikgeschichte: Herrscherstab
Wirtschaftsgeschichte: Relevanz von Holz für die Energiegewinnung
Sozialgeschichte: Element der sozialen Differenzierung
Frauengeschichte: Mittel für physischen Gewalt
Kulturgeschichte: welche Bedeutungen konnten mit dem Holzstab verbunden sein – was sagt uns das über die Gesellschaft.
Kontext der Aussage: Bedeutungen ändern sich mit der Zeit → Historische Semantik unterscheidet sich je nach kulturellem Kontext → Übersetzung
Andere Repräsentationssysteme
Zeichen, wie Piktogramme, Geräusche, Gesten, Musik, Kleidung
Beispiel: Ampel → Die Bedeutung, die wir den Farben rot, gelb und grün
geben, ist nicht den Farben inhärent, sondern basiert auf – in diesem Fall sogar
internationellen – Aushandlungsprozessen
Ampel in den letzten Jahren zunehmend genützt, um die heterosexuelle Geschlechterordnung + Konzepte wie Frausein / Mannsein zu dekonstuieren
I. Bedeutung von Vorstellungsbilder
Repräsentation erfolgt nicht nur von realen Objekten, sondern auch von abstrakten Konzepten wie Freundschaft, Liebe, Ehe, Paradies und Himmel
Ohne conceptual maps / Vorstellungsbilder im Kopf kann man die Welt nicht interpretieren
Ohne ähnliche conceptual maps kann man nicht miteinander kommunizieren → ständige Missverständnisse
Voraussetzung → nicht eine gemeinsame Sprache als Deutsch / Englisch, sonder gemeinsame Vorstellungsbilder
II. Bedeutung von Vorstellungsbilder
Konzeption von Kultur ist nicht auf Sprache oder Nationalität beschränkt, sondern basiert auf gemeinsame Vorstellungsbilder und einer ähnlichen Wahrnehmung der sozialen Welt
Kultur als shared conceptual maps oder ähnliche Wahrnehmung der sozialen Welt
Repräsentation ist der Link zw. Wort - Zeichen - Vorstellung im Kopf
Kommunikation kann nur funktionieren, wenn die Kodierung auch von den Rezipient*innen dekodiert werden kann
Jacque Derrida
französischer Philosoph + Sprachwissenschaftler
verwies, dass die Bedeutung eines Begriffs oft in Opposition zu einem anderen Begriff / Konzept erzeugt wird
Beispiel: Mann - Frau; gut - böse; schön - hässlich
Roland Barthes
Ausdehnung auf alle Objekte und auch Praktiken, die als Zeichen verstanden und damit gelesen werden können
Beispiel: Kleidungsstücke (Bezeichnetes) → elegant, formell, casual (Bezeichnende) = Kleidungsstücke werden zu Zeichen
Denotation: Grundbedeutung → Jeans
Konnotation: mitschwingende Bedeutungen, kontextabhängig, situativ
Sprache der Mode
Voraussetzung: kulturelles Wissen
Die Bezeichnende stehen in enger Verbindung mit der Kultur, dem Wissen und der Geschichte, und durch sie dringt die Umwelt (der Kultur) sozusagen in das System der Repräsentation ein (Barthes nach Hall zitiert)
Bausteine zur Analyse der Produktion von Bedeutung
Sprache im weitesten Sinn – von Wörtern bis zu Gesten
Vorstellungsbilder | Referenzrahmen
Kulturbegriff, der Kultur als Prozess versteht – doing culture
Sensibilität für den Kontext – Stein, Grenzstein, Pflasterstein
SenderIn und EmpfängerIn

Encoding / Decoding (von Medien)
Postulat: wie die Botschaft gelesen wird, hängt von der Leser*in / Konsument*in ab
Dominant-hegemoniale Lesart (die gewünschte Lesart)
Ausgehandelte Lesart - Zwischenstufe
Oppositionelle Lesart - widerständige Lesart
Kulturgeschichte | Pluralisierung
von wissenschaftlichen Zugängen und Gegenständen
in der Gegenwart wie auch in der Vergangenheit:
gegen Homogenisierung: die Frau in der Neuzeit, die Araber, die Christen, die Muslime
Gender
Um Frauen überhaupt als Objekte der Geschichtsforschung einzuführen, wurde zu Beginn kaum zwischen den Frauen differenziert, sondern sehr allgemein nach den historischen Ursachen der Unterdrückung von Frauen gefragt
1970er Frauen- und Geschlechtergeschichte
Entstand mit, aber auch gegen die Sozial- und Gesellschaftsgeschichte
Ausgangspunkt 2te Frauenbewegung USA
Institutionalisierung von Women‘s Studies an verschiedenen US-Universitäten
Gründung der ersten interdisziplinären Zeitschriften Feminin Studies + Signs
1975/76 erste programmatische Überlegung zur Frauen- und Geschlechtergeschichte
Gerda Lerner
Österreichische Historikerin
Begründerin des ersten Graduate Degree Program in Women's History
Fokus auf die Erforschung der tatsächlichen Erfahrungen von Frauen in der Geschichte → zuerst Rekonstruktion der Geschichte der Frauen, erst dann Vergleich mit der Geschichte von Männern = Allgemeine Geschichte
Natalie Zemon Davis
kanadisch-amerikanische Historikerin
Betonung der Geschlechterrollen und sexuellen Symbolismen in verschiedenen Zeiten zu entdecken, herauszufinden wie sie funktionierten, aber auch warum sie sich veränderten
Historisierung der Geschlechterordnung
gegen die isolierte Betrachtung von Frauen
Rezeption der Frauen- und Geschlechtergeschichte
Gerda Lerner wurde im deutschen Sprachraum rezipiert, während die Arbeiten von Natalie Zemon Davis und Joan Scott weniger Beachtung fanden
Ausnahme: Frühneuzeitforschung → Frühneuzeitlerinnen gründeten
den bis heute existierenden Arbeitskreis 1994 explizit als Geschlechtergeschichte; zu den Tagungen waren als Teilnehmer* innen wie auch als Vortragende von Beginn auch Männer eingeladen
1970er Sex-Gender-Unterscheidung
Unterscheidung zwischen biologischem Geschlecht (Sex) und sozialer Geschlechtsidentität (Gender)
Die kulturwissenschaftliche Definition → "Sex" als biologischen Unterschieden und "Gender" als sozialer Klassifizierung in "männlich" und "weiblich"
Die sexualwissenschaftliche Definition → "Sex" als physische Merkmale und "Gender" als psychologische Transformation des Selbst
Problem der sex-gender Unterscheidung
Debatte über die angeborenen und erlernten Verhaltensweisen
Keine Historisierung der Vorstellungen vom Körper + Geschlechterordnung
Verbleibt im binären Rahmen → Natur (sex) / Kultur (gender)
Geschlecht als analytische Kategorie
Ausgangspunkt:
Erforschung und Sichtbarmachung der Konstruktionsprozesse der Geschlechterdifferenz
Methode: Geschlecht als analytische Kategorie
Definition von Gender laut Joan Scott:
"Gender ist ein konstitutives Element sozialer Beziehungen, die auf wahrgenommenen Unterschieden zwischen den Geschlechtern beruhen, und das Geschlecht ist ein primäres Mittel, um Machtverhältnisse zu kennzeichnen.”
ACHTUNG → wichtig ist vor allem das oft überlesene Wort „perceived“ (wahrgenommen). Joan Scott trennt damit nicht zwischen sex und gender, sondern berücksichtigt, dass historische Gesellschaften ganz andere Körperkonzepte hatten.
Joan Wallach Scott
US-amerikanische Historikerin
betont, dass Gender auf verschiedenen Ebenen konstruiert wird, darunter kulturelle Symbole, normative Konzepte, soziale Institutionen und individuelle Identitäten
betont, dass Geschlecht auf allen Ebenen der Gesellschaft erzeugt wird, darunter rechtliche Regulierungen, aber auch der geschlechtsspezifische Arbeitsmarkt und das Bildungssystem
Erfahrung Joan Scott: The Evidence of Experience, in: Critical Inquiry, vol. 17
Joan Scott betont auch die Bedeutung von Sichtbarmachung der Erfahrung als Ausgangspunkt der Forschung und die Frage nach Macht- und Herrschaftsprozessen bei der Konstitution von Differenzen
Kritik an der mangelnden Theoretisierung des Erfahrungsbegriffes
Methode: Erfahrung nicht als Ergebnis, sonder als Ausgangspunkt der Forschung
Wichtig: Multiplizierung der historischen Subjekte - Erzählperspektiven
Problem: ist die Sichtweise jener Person, die die Erfahrung machte / darüber berichtet, Ausgangspunkt der Erklärung?
→ so wird die Frage "subjects are constituted as different in a first place" ebenso beiseite gelassen, wie jene nach Sprache, Diskurs und Geschichte
E. P. Thompson
Britischer marxistischer Historiker, Intellektueller, Friedensaktivist
Mitgründer der Zeitschrift Past & Present
betont die Klassenbildung und das Klassenbewusstsein → Klassen = soziale Beziehungen, die durch historische Prozesse entstehen, bei denen Menschen ihre eigene Geschichte leben
Klasse: nicht eine Struktur, sondern eine soziale Beziehung
Klassenbewusstsein: sowohl eine kulturelle wie auch ökonomische Erzeugung
Agency: Handlungsfähigkeit als ein zentrales Element im Machen der Arbeiterklasse
Joan Scott knüpft mit ihren Überlegungen, sowohl zur Konzeptualisierung von Geschlecht wie auch von Erfahrung auch beim Klassenbegriff von E.P. Thompson an
Subjekt | Identität | Intersektionalität
Subjekt
Die Frage, warum wir handeln, wie wir handeln, und wie soziale Praxis entsteht, steht im Fokus der Untersuchungen von Michel Foucault und Pierre Bourdieu
Beide Philosophen lehnen das traditionelle Konzept des autonomen Subjekts ab
Michel Foucault
französischer Philosoph, Psychologe, Historiker, Soziologe,
politischer Intellektueller
Begründer der Diskursanalyse
Ausgangspunkt seiner Überlegungen: Verbindung von Strukturen und individuellen Existenzen
kritisiert den vorherrschenden Subjektbegriff und seine strukturalistische Reduktion auf die umgebenden Strukturen → postuliert ein konstituiertes Subjekt
Forschungsinteresse: Wissens- und Machtregime; Abgrenzung von der traditionellen Ideen- und Geistesgeschichte → Diskursanalyse
Michel Foucault: Diskurs
Diskurse / diskursive Formationen bringen die Gegenstände hervor, die sie angeblich abbilden
Beispiel: Geschlechterdiskurs, Körperdiskurs, Hygienediskurs etc.
Michel Foucault: Was ist ein Autor?
Das buch wendet sich gegen den traditionellen Begriff des Autors / Geniekonzepts
Kritik an Roland Barth
Frage nach der Funktion des Autors → Historisierung der Funktion des Autors
Diskurse, in denen der Autor wichtig ist vs. wo er keine Rolle spielt (Karl Marx, Sigmund Freud, Ferdinand de Saussure und auch Michel Foucault selbst)
Das autonome Subjekt
geht auf René Descartes zurück
damit gemeint ist ein mit Bewusstsein ausgestattetes, denkendes, erkennendes, handelndes Subjekt, welches mit einem Wesenskern (Seele / Geist) ausgestattet ist, welcher sich nicht verändert
Kritik von: Bertholt Brecht, Simone de Beauvoir, Judith Butler
Pierre Bourdieu
französischer Soziologe, Ethnologe, politischer Intellektueller
Ablehnung subjektivistischer und objektivistischer Modellen → argumentiert, dass objektive Strukturen und subjektive Erfahrungen in einer dialektischen Beziehung stehen
geht davon aus, dass der Subjektbegriff untrennbar mit alten Vorstellungen behaftet ist → neuer Begriff Akteur
Pierre Bourdieu: Praxeologische Herangehensweise
Grundannahme: Soziale Welt schreibt sich dem Körper ein und bringt damit den
Habitus hervor. Einschreibung auf drei analytisch trennbaren Ebenen
Wahrnehmungsschemata → strukturiert die alltägliche Wahrnehmungen der Welt
Denkschemata → die Akteure interpretieren und ordnen kognitiv die soziale Welt und entwickeln moralische und ästhetische Maßstäbe
Handlungsschemata → bringt die Praktiken der Akteure hervor
=> werden unbewusst / unreflektiert angewandt → ihre Geschichte wird vergessen
Pierre Bourdieu: Wie entsteht Agency?
Menschen sind mit Widersprüchen konfrontiert = Raum an potentiellen Handlungsmöglichkeiten → bedingte Freiheit zu wählen = Akteure
Pierre Bourdieu: Relationales Denken
Über den Habitus regiert die Struktur / soziale Welt, die ihn erzeugt hat, die Praxis und gleichzeitig bringt die Praxis die Struktur / soziale Welt hervor
Pierre Bourdieu: Doxische Erfahrung
ist dann gegeben, wenn objektive und verinnerlichte Strukturen übereinstimmen
Beispiel: Geschlechterordnung → indem die duale Ordnung der Geschlechter objektiviert in der sozialen Welt und inkorporiert im Habitus präsent ist, scheint sie in der Natur der Dinge zu liegen
Judith Butler
US-amerikanische Philosophin
Ausgangspunkt: These von Maurice Merleau-Ponty the body is an “historical idea” rather than a “natural species”
Kritik: Körper wird als passives Medium gedacht
Körper → nicht mit gender core / gender identity ausgestattet
Alternative zw. den Denkoptionen → Gender als performativ
Performativität orientiert an der heterosexuellen Matrix
Am Körper festmachbare und historisch auch festgemachte Differenzen
Farbe der Haut | der Haare | der Augen
groß | klein; dick | dünn; schön | häßlich
Gesichtsbehaarung
Ausformung der Hüften
Identität
verschiedene Verwendungen und Bedeutungen → semantisch immer mit der Konnotation von Beständigkeit
Ursprünglich → Feststellung der Identität einer Person / Identitätsnachweis
Ab 1960er verbreitet als innere Einheit in Bereichen, wie Sozialwissenschaften, Psychoanalyse und Soziologie
Ab 1980er verbreitet in den Geistes- und Kulturwissenschaften → mit Konzepten wie Rasse, Geschlecht, Klasse, Sexualität, Religion und Nationalität in Verbindung gebracht = identity Politics / Identitätspolitik
Versuche, Identität als fragmentiert, vielfältig, instabil, vereinbart, konstruiert und fließend zu konzipieren → diese Ansätze bleiben einer essentialistischen Vorstellung des Subjekts verhaftet
Problem → Identität wird heute sowohl als Praxis- als auch als Analysekategorie betrachtet
Rogers Brubaker and Frederick Cooper Beyond Identity, in: Theory and Society, Vol.
29
Verwendung des Identitätsbegriffs
Identität und politische Interesse → Position im sozialen Raum
Kollektive Identität → Sameness
Kernaspekt des Selbst → Selfhood (Psychologie)
Produkt und Basis politischen Handels
Konzeption des zeitgenössischen Subjekts → Produkt konkurrierender Diskurse
Rogers Brubaker and Frederick Coope kann man auf den Identitätsbegriff verzichten?
Nein, aber anders
Stuart Hall → Wer braucht „Identität“ ?
Laurence Grossberg → neu konzipieren
Margaret Somers → Erzählungen in einem historisch spezifischen relationalen Umfeld platzieren
Charles Tilly → Verbindung von Erfahrung und Identität
Rogers Brubaker and Frederick Coope Gegenvorschlag
Verwendung anderer Begriffe statt eines Begriffes → Auflösung des Gewirrs der Bedeutungen
Identifikation = prozessualer aktiver Begriff, muss nicht zu einer Gruppenidentität führen → Selbst- und Fremdidentifikation kann sich unterscheiden
unterscheiden zw. relationaler Identifikation → besteht in Beziehungen wie Verwandtschaft und kategorialer Identifikation → betrifft die Zugehörigkeit zu einer Klasse oder einem Geschlecht
Externe Identifikation
bezieht sich auf formalisierte und kodifizierte Systeme wie staatliche Klassifizierungsraster für Geschlecht, Religion, Nationalität, Bildung und Gesundheit
Kategorien können bestritten werden
Beispiel: Debatte um drittes Geschlecht
Soziale Bewegungen
interaktiv, diskursiv vermittelte Prozesse zur Erzeugung von Solidaritäten → Ergebnis muss nicht Identität sein
Selbstverständnis → veränderbarer situativer sozialer Sinn (Bourdieu)
Gemeinsamkeit
Verbundenheit
Zusammengehörigkeitsgefühl (Max Weber)
Intersektionalität
Kimberly Crenshaw
Intersektionalitätsbegriff geprägt
entsandt als Antwort auf die in 80er Identitätspolitiken
Diese Identitätspolitiken betrachteten Menschen aufgrund einer analytischen Kategorie wie Geschlecht, Rasse oder sexuelles Begehren als homogene Gruppen
Vorschlag: die Identität von schwarzen Frauen am Schnittpunkt von gender und race zu verorten, da ihre Erfahrungen und Interessen sowohl von der schwarzen Bürgerrechtsbewegung als auch von der Frauenbewegung marginalisiert wurden
Kimberly Crenshaw analysiert Fallbeispiel
Klage von schwarzen Frauen gegen die Einstellungpolitik von General Motors
Antidiskriminierungsgesetze boten den schwarzen Frauen keine Hilfe → General Motors wies zurück den Vorwurf des Sexismus und Rassismus, da er sowohl weiße Frauen als auch schwarze Männer einstellte
Da die patterns of subordination bei schwarzen Frauen sich überkreuzen / intersect, hätten sie als Gruppe spezifische politische Anliegen und Bedürfnisse / intersectional needs
Dazu Joan Scott: das politische Ziel kann nicht den Anspruch von equality sein, sondern von Gleichberechtigung / equal Rights
Intersektionalität – Rezeption
Sozialwissenschaften → Kulturwissenschaften
um verschiedene Unterdrückungsregime wie Klasse, “Rasse“ und Geschlecht gemeinsam zu betrachten
Intersektionalität 80er + 90er
Entstehung sozialer Bewegungen, die die klassische Trias „Rasse“, Klasse, Geschlecht in Frage stellten → weil es eine Reihe anderer soziokultureller Zugehörigkeiten gebe, welche für die Erfahrung von Menschen bestimmend sein können und politisch bedeutsam werden = Identity Politics
Die Kategorien, an deren Schnittpunkt sich "Identitäten" bilden, haben sich vervielfacht
Sie schien die Lösung zu sein, um die Vorstellung von homogenen Gruppen beizubehalten
Problem: Beschränkung auf die jeweils benachteiligte Position → Frau, schwarz, lesbisch etc. Dabei wird übersehen, dass personale Zugehörigkeit nicht nur diskriminierend, sonder auch privilegierende Effekte haben
Intersektionalität - Relationalität
alternatives Instrument, um soziale Ungleichheit nicht nur zu beschreiben, sondern auch historisch zu analysieren
Statt eines Denkens in festgeschriebenen Substanzen, ein Denken in Relationen und Prozessen
Historisierung der Kategorien
Begriffe = Denkwerkzeuge → es macht einen Unterschied, ob man Wechselwirkungen als intersektional oder interagierend, relational oder interdependent denken
Identitätspolitik und Übersetzung
Die Gedichte von Amanda Gorman, darunter »The Hill We Climb«, welches sie bei der Inauguration von Joe Biden vortrug, sollten von Marieke Lucas Rijneveld ins Niederländische übersetzt werden. Nach heftiger Kritik an ihrer Person – weiß und nichtbinär – legte Marieke Lucas Rijneveld den Übersetzungsauftrag zurück.
Übersetzung des Gedichts ins Identitätspolitik und Cultural Appropriation entstand eine Kontroverse → Übersetzer (Mann)
Identitätspolitik und Cultural Appropriation / kulturelle Aneignung
Kritik der Aneignung bestimmter Bestandteile einer Kultur, die zur Ware gemacht werden → Schmuck, Kleidung, Haartracht, Symbole
Beispiel: von indigenen Amerikaner*innen im Sport
Kritik, dass weiße Schauspieler*innen nicht-weiße Personen spielen
Beispiel: Johnny Depp als indigenen Amerikaner
Kritik, dass die Rolle von queer Personen an heterosexuelle Personen vergeben wird
Identitätsdiebstahl, bei denen Personen vorgaben, zu bestimmten Kulturen oder Ethnien zu gehören, obwohl dies nicht der Fall war
Beispiel: Jessica Krug, Historikerin in einer amerikanische Universität, Forschungsschwerpunkte: Afrikanische und Lateinamerikanische Geschichte
I. Gramsci und Benjamin
Sie haben sich nie begegnet und nie voneinander gelesen
Gründerväter der Cultural Studies, aus unterschiedlichen, aber durchaus vergleichbaren Gründen
Gramsci Biografisches
1891 auf Sardinien geboren
genetischer defekt → Kleinwüchsigkeit, Brustkorbdeformation
verarmte Familie
schulische Ausbildung in Sardinien, Gymnasium in Cagliari
abgebrochenes Studium der Linguistik in Turin
berühmteste Werk → Die Gefängnisbriefe
1921 Einer der Gründer der italienischen kommunistischen Partei
1924 - 26 Gewählter Abgeordneter in Italien
1926 Verhaftung
Verurteilung zu 20 Jahre im Gefängnis
1937 gestorben
Benjamin Biografisches
1892 Berlin geboren
Aufgewachsen in einer wohlhabende jüdisch-deutschen Familie
schulische Ausbildung in ausgezeichneten Schulen
Werk → Berliner Kindheit um 1900
Studium an verschiedenen Unis → Doktorat
1925 Habilitationsschrift von der Uni Frankfurt abgelehnt
1933 Emigration nach Paris, finanzielle Notlage
1940 Versuch der Flucht nach USA, nach der Überquerung der Pyrenäen nimmt er sich das Leben
Gefängnishefte
geschrieben 1929-1935 im faschistischen Gefängnis → beschränkte Lektüremöglichkeiten, Auswege aus der Zensur → Marxismus
1975 erste vollständige Edition in Italien
Sammelsurium von Exzerpten und eigenen Texten, mache sehr fortgeschritten
Gegliedert in Hefte, spätere Hefte erweitern und modifizieren erste Notizen → eigene Irrtümer korrigieren
Themen: Philosophie, Literaturkritik, Geschichte, Kultur, Popularkultur → ein transdisziplinärer Zugang
Die tragende Rolle in allen Heften ist das Denken der Politik
Gefängnisheft 11: Einführung in das Studium der Philosophie
eher eine Einführung in die Methodologie des kritischen Denken aus einer marxistischen (nicht stalinistische) Sicht
enthält den vielzitierten Abschnitt über die filologia vivente / lebendige Philologie
Beispiel für lebendige Philologie: Gefängnisheft 25 und 27
I. Gefängnisheft 25 und 27
25. Heft → Geschichte des Sozialrebellen Davide Lazzaretti
ein ur-christlich inspirierter Sozialismus
Autor von Schriften
von der katholischen Kirche als Häretiker verurteilt → er + Anhänger ermordet von Militär
Gramsci berichtet weiter, dass Lazarettes Leiche im Auftrag von Cesare Lombroso exhumiert wurde, um erbliche Neigung zu Kriminalität festzustellen
Lombroso → Vertreter der positivistischen Anthropologie
Gramscis Interesse an marginale Figur der italienischen Geschichte → entwickelt seine Theorie zu Folklore und zu den Subalternen
II. Gefängnisheft 25 und 27
Die Geschichte der Subalternen → bruchstückhaft + episodisch
Die Subalternen unterliegen der Hegemonie der Herrschenden, selbst und genau dann, wenn sie revoltieren
Die Geschichte der Subalternen darf nicht allgemein verfahren → sond. muss sich mit einzelnen Figuren und Phänomenen befassen
Folklore ist kein pittoreskes Element der Vergangenheit → sond. eine Auffassung von der Welt und vom Leben daher menschlich und politisch ernst zu nehmen
Gramscis Folklore → ihre Folgen
International: Gayatri Spivak: Can the Subaltern speak?
In Italien: Ernesto De Martino → Anthropologe, der auf den Spuren Gramscis den italienischen Süden seiner Zeit untersucht hat
Passagenwerk
Sammelsurium von Texten, eigenen Textfragmenten und Zitaten, die Benjamin kommentiert und bearbeitet
Benjamin untersucht das 19. Jh. Paris und befasst sich mit Themen, wie Ökonomie (Warenhäuser, Luxus), Architektur (Eisenkonstruktionen, Passagen), Meiden (Fotografie vs. Malerei), Kunst/Literatur (der Jugendstil)
Transdisziplinärer / kulturwissenschaftlicher Zugang
“Doe materialistische Geschichtsdarstellung führt die Vergangenheit dazu, die Gegenwart in ein kritisches Licht zu bringen“ Zitat Benjamin
Passagenwerk: Erkenntnistheoretisches, Theorie des Fortschritts
Methode des Werks → literarische Montage
Kritik: Fortschritt = ambivalenter Begriff
am Faschismus
II. Gramsci und Benjamin
Einleitung Gramsci: Zeitungen und Feuilletonroman
Medientheorie nicht ohne Mediengeschichte
Zeitungen (17 Jh.) → erst ab 19. Jh. technisch möglich täglich / wöchentlich zu produzieren
19. - 20 Jh. Feuilletonroman = Fortsetzungsroman in den Zeitungen
→ ökonomisches Kalkül: zuerst publizieren Autoren (Alexandre Dumas) im Feuilletonroman, dann als Buch
→ ökonomisches Kalkül der Zeitungshalter → Ökonomisches Kalkül der Zeitungshg: das Publikum bei der Stange halten und zum Kauf anleiten
= heute vergleichbar mit Fernsehserien, früher mit Serienfilme
Gramsci –Zeitung und Feuilletonroman
Popularliteratur verstreut über viele Hefte
Lektüremöglichkeiten des Gefangenen → Zeitungen und Zeitschriften des ital. Faschismus
Gramsci interessierte, dass italienische Zeitungen die französischen Feuilletonromane des 19. Jh. nach wie vor veröffentlichen
Gramscis Feststellung → in Italien keine Popularliteratur, da es keine gemeinsame Weltanschauung zw. Schriftstellern und dem Volk gibt
Feuilletonroman für die Gebildeten, die Intellektuelle kommen nicht aus dem Volk
Feuilletonroman ersetzt und bevorzugt das Phantasieren des Mannes aus dem Volk
Autor nicht so wichtig, es kommt auf die Figur des Helden an = historische Persönlichkeit
Gramsci erkennt den Einfluss von popularen Kulturprodukten (serielles Erzählen) auf die politischen Ansichten
Gramscis Überlegungen-Folgen → Bond-Filme / Umberto Eco Apocalittici e integrati
Einleitung Benjamin: Fotografie, Film und Stummfilm
Medientheorie nicht ohne Mediengeschichte
Fotografie relativ altes Medium, bekannt ab 1830, etabliert seit Mitte 19. Jh.
Film: erste Filmvorführung der Brüder Lumière 1895
Stummfilm bis 1930, danach etabliert sich der Tonfilm
Benjamin im Unterschied zu Gramsci hatte die Möglichkeit Filme zu sehen
Benjamin - Kunstwerkaufsatz
1935 im Pariser Exil verfasst Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit und erscheinen in der Zeitschrift für Sozialforschung → Exilzeitschrift
Benjamin beabsichtigt eine kulturwissenschaftliche informierte Technik-Geschichte der Medien → gegen Begriffe wie Genialität und Ewigkeitswert
Neu: die technische Möglichkeit der Reproduktion des Kunstwerks
betont den Verlust der Aura eines Kunstwerks in reproduzierten Formen wie der Fotografie → vergleiche heute die Reproduktionen von Klimts Kuss auf Teetassen
Benjamin - Fotographie
das erste wirklich revolutionäre Reproduktionsmittel
Fotografie vs. Malerei im 19. Jh. → sinnloser Streit
Heute: Medienumbruch
Benjamin - Film
Der Film verändert u. a. die Wahrnehmungsweisen der Menschen die → ist nicht immer geschichtlich gleich
Theaterschauspieler vs. Filmschauspieler
analysiert die Veränderungen in der Wahrnehmung durch den Film und die Zuschauerreaktionen in einer zerstreuten Rezeption
I. Übersetzung
Umberto Eco
bekannter Semiotik und Schriftsteller
erklärt die Notwendigkeit, bestimmte Ausdrücke und Redewendungen in verschiedenen Kontexten anders zu übersetzen
Friedrich Schleiermacher
deutscher Philosoph
vielfaltige Erscheinungsformen des Übersetzers, betont, dass sogar innerhalb einer Sprache Übersetzung erforderlich sein kann, um Missverständnisse zu vermeiden
Translational Studies - Einführung
Übersetzungsprozessen
Übersetzung zw. natürlichen Sprachen
Übersetzen zw. Kulturen
metaphorische Ausweitung des Übersetzungsbegriffs → Translational Turn
Übersetzungswissenschaft → heute Translationswissenschaft
anglophonen Translation Studies interessieren sich für die Sichtbarkeit von Übersetzer*innen und die Verbindung zu den Postcolonial Studies
Translation Studies und Postcolonial Studies
Kolonisationsprozess hat zu vielfache Vorgänge des Übersetzens geführt
Beispiel: Bibelübersetzung für den asiatischen Raum
Machthierarchien und das kulturelle Prestige bestimmter Sprachen und Kulturen
zw. philologischer Treue
Beispiel: Übersetzung lateinischer, griechischer und hebräischer Texte der Antike in der Renaissance
und produktive Anverwandlung
Beispiel: Galland
Sichtbarmachung der sprachlichen und kulturellen Fremdheit des übersetzten Textes
Gramsci und Benjamin als Übersetzer
Gramsci: am Anfang des Gefängnisaufenthaltes Übersetzungen aus dem Russischen und Deutschen → 23 Märchen der Gebrüder Grimm
traducibilità / translatability → frühe Theorie der kulturellen Übersetzung
Benjamin: Die Aufgabe des Übersetzers → einer der meiszitierteste Texte der Translational Studies
Benjamin spricht in einem emphatischen Sinn von Übersetzen, vom literarischen Übersetzen als einer Aufgabe
Benjamin: Die Aufgabe des Übersetzers
Übersetzungen kommen immer später als das Original
übersetzen zw. den Sprachen aber auch zw. den Epochen → Original bleibt immer gleich, eine Übersetzung kann durch eine neue ersetzt werden (Kritik)
alle Sprachen sind miteinander verwandt in dem was sie ausrücken wollen
die reine Sprache wäre, der die Realität völlig transparent wäre → in Benjamins Worten: eine messianische Vorstellung
unter anderen Martin Luther → “haben die Grenzen des Deutschen erweitert“