Quali VL 4: „Die“ qualitative Forschung gibt es nicht – Grundsätze und Vielfalt qualitativer Verfahren

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ethnographische qualitative Methoden; Verstehen als Erkenntnisprinzip

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Grundsätze des symbolischen Interaktionismus

  • „Action depends on meaning“ – Handlungen sind von Bedeutungen abhängig (nicht obj.)

  • „Different people assign different meanings to things“ – verschiedene Personen schreiben den Dingen unterschiedliche Bedeutungen zu

  • „Meanings can change“ – Bedeutungen können sich ändern

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Erkenntnistheoretische Annahmen

  • Realität wird von uns hergestellt (Konstruktivismus) ➪ man kann sich nicht unmittelbar auf eine gegebene Welt beziehen

  • Wie erlangen Dinge über Interaktion an Bedeutung?

  • Prozesse der Benennung (& Sprache) und Symbolisation ➪ so wird es zu “empirischen Welt” (Blumer)

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Was ist „empirische“ Forschung?

  • Griech. empeiría: auf Erfahrung beruhendes Wissen

  • Empirische Methoden: auf erfahrbaren und beobachtbaren Zusammenhängen beruhende Erkenntnisproduktion, die theoretisch begründet ist und regelgeleiteten Verfahren folgt

  • Methoden: Verfahren, Vorgehensweisen bei der Erhebung und Auswertung von empirischem Material (Daten)

  • Methodologie: theoretische Begründung des Verfahrens

4
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Was ist qualitative Forschung?

  • oft induktiv (mit deduktiven Elementen)

  • Lebenswelten “von innen heraus” aus Sicht der handelnden Menschen beschreiben

  • damit will sie zu einem besseren Verständnis sozialer Wirklichkeit(en) beitragen und auf Abläufe, Deutungsmuster (im historischen Kontext) und Strukturmerkmale aufmerksam machen

    • diese bleiben für Nichtmitglieder geschlossen, für Mitglieder Selbstverständlichkeit, unbewusst

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Deduktion

Theorie ➪ Empirie

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Induktion

Empirie ➪ Theorie

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Abduktion

Aha-Momente, Geistesblitz, kann zur Entwicklung von Theorie führen

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Neues und Unbekanntes erforschen

  • standardisierte Methoden brauchen für die Konzipierung ihres Erhebungsinstruments (z.B. Fragebogen) eine feste Vorstellung für den Untersuchungsgegenstand

  • qualitative Forschung: offen für das Neue im Untersuchten, das Unbekannte im scheinbar Bekannten

    • damit können auch Wahrnehmungen von Fremdheit in der modernen (unvorhersehbaren) Alltagswelt beschrieben und in ihrer Bedeutung verortet werden

  • Ethnographische Methoden: Mirko- oder Mesoebene

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Logik des Entdeckens in der qualitativen Sozialforschung

  • Logik des Entdeckens: Generierung von Hypothesen bis hin zu gegenstandsbezogenen Theorien im Forschungsprozess, damit Zurückstellung von Hypothesen zu Beginn der Untersuchung

  • Forderung zu Offenheit des Vorgehens

    • also nicht Standardisierung der Instrumente, sondern ein Vorgehen, das den Verlauf eines Gesprächs oder einer Beobachtungssituation an den jeweiligen Relevanzen und den Besonderheiten der zu interviewenden oder beobachtenden Personen orientiert und ihnen dabei so viel Spielraum wie möglich in der Gestaltung der Situation lässt (Rosenthal)

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Prinzip der Offenheit

  • soziale Realität im unterschiedlichen Ausmaß mit Hilfe offener Verfahren annähern

  • Ziel: Welt zunächst aus Perspektive der Handelnden in der Alltagswelt (nicht Wissenschaftler) zu erfassen und die Praktiken sozialen Handelns in ihrer Komplexität im alltäglichen Kontext zu untersuchen

  • herausfinden, wie Menschen ihre Welt interpretieren und wie sie diese Welt interaktiv herstellen

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Theoretische Grundlagen

  • Konstruktivistisches Verständnis sozialer Wirklichkeit

  • Verstehen als Erkenntnisprinzip (interpretatives Paradigma)

  • Konstruktionen erster und zweiter Ordnung bzw. ersten und zweiten Grades (Schütz)

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Konstruktivismus

  • Theoretische Perspektive, die das Verhältnis zur Wirklichkeit problematisiert und die sozialen, kommunikativen und gesellschaftlichen Beiträge zur Herstellung einer ‚objektiv gegebenen‘ Wirklichkeit betont;

  • Erkenntnistheoretische Position (stark von Philosophie geprägt), die davon ausgeht, dass „Erkenntnisprozesse nicht die Wirklichkeit in sich aufnehmen und wie in einem Spiegel realistisch ‚abbilden‘ (…), sondern vielmehr vermittelt durchihre eigene Organisation aktiv erzeugen“ (Hirschauer)

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Verstehen als Erkenntnisprinzip

  • „Verstehen können wir jenen Vorgang nennen, der einer Erfahrung Sinn verleiht.“ (Soeffner 2004:165)

  • Praktizierte Alltagsroutinen: Selbstverstehen & Fremdverstehen

  • Fremdverstehen: diskontinuierlich, partiell, prinzipiell zweifelhaft

  • Wenn Verstehen auf einem allgemeinen, alltäglichen Vermögen basiert, was zeichnet dann sozialwissenschaftliches Verstehen aus?

    • Wissenschaftler deutet (wie jeder) Wahrnehmungen als Verweise auf einen ihnen zugrunde liegenden Sinn hin, aber: er versucht sich über die Voraussetzungen und Methoden seines Verstehens Klarheit zu verschaffen, auch Wahrnehmungen von anderen verstehen

      • nur dadurch wird Verstehen zur wissenschaftlichen Methode

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Zweifel an Selbstverständlichkeiten beim sozialwissenschaftlichen Verstehen

  • theoretische Subsinnwelt (Schütz, phänomenologischer Begriff): Einstellung des prinzipiellen Zweifels an sozialen Selbstverständlichkeiten

    • Dieses Verstehen ist anders als das alltägliche nicht bezogen auf pragmatische Bedürfnisse des Lebensvollzugs, sondern auf Relevanzsystem eines pragmatisch desinteressierten Beobachters

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Alfred Schütz (1899-1959): Tatsachen

  • Tatsachen sind immer schon aus einem universellen Zusammenhang durch unsere Bewusstseinsabläufe ausgewählte Tatsachen, also immer interpretative Tatsachen

    • entweder sind sie in künstlicher Abstraktion aus ihrem Zusammenhang gelöst, oder aber sie werden nur in ihrem partikulären Zusammenhang gesehen – in beiden Fällen interpretativ

    • alle Tatsachen sind vorinterpretiert

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Konstruktionen zweiten Grades

  • Deutungen der Tatsachen im Feld: Konstruktionen 1. Grades

  • Deutungen der SozialwissenschaftlerInnen: Konstruktionen 2. Grades

  • kontrollierte, methodisch überprüfte und überprüfbare, verstehende Rekonstruktionen der Konstruktionen erster Ordnung; man kann Bedeutungen von anderen Akteuren integrieren

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Konstruktionen erster Ordnung

  • Beschreibung und Analyse jener Konstruktionen, auf die sich das Handeln und Planen von Gesellschaftsmitgliedern in alltäglicher, pragmatischer Perspektive beziehen

    • Konstruktionen ‚erster Ordnung‘ (Schütz) der alltäglichen, soziohistorisch verankerten Typen, Modelle, Routinen, Plausibilitäten, Wissensformen, Wissensbestände und (oft impliziten) Schlussverfahren

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Wissensbestände der Akteure

„(…) diese Verfahren verfolgen das Ziel, die Welt zunächst aus der Perspektive der Handelnden in der Alltagswelt und nicht aus jener der Wissenschaftler zu erfassen und die Praktiken sozialen Handelns in ihrer Komplexität im alltäglichen Kontext zu untersuchen. (…) [Es geht darum] herauszufinden, wie Menschen ihre Welt interpretieren und wie sie diese Welt interaktiv herstellen. Es geht dabei nicht nur um die Perspektiven und Wissensbestände der Akteure, die ihnen bewusst zugänglich sind, sondern auch um die Analyse des impliziten Wissens und die jenseits ihrer Intentionen liegende interaktive Erzeugung von Bedeutungen.“ (Rosenthal 2015:15-16)

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Qualitative Forschung ist ein Oberbegriff für Ansätze und Verfahren der empirischen Sozialforschung, die …

  • überwiegend dem interpretativen, verstehenden Paradigma zuzuordnen sind;

  • auf einem konstruktivistischen Verständnis von sozialer Wirklichkeit beruhen;

  • gemeinsame Kennzeichen und Prinzipien (wie z.B. Offenheit) aufweisen;

  • und sich gleichzeitig durch eine hohe Diversität im Hinblick auf Vorgehensweisen

  • und theoretische Verortungen auszeichnen.

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Was leistet die interpretative Sozialforschung?

  • Untersuchung von Unbekanntem und Neuem

  • Nachvollzug des subj. gemeinten Sinns

  • Rekonstruktion des latenten Sinns

  • Rekonstruktion der Komplexität von Handlungsstrukturen im Einzelfall

  • Deskription sozialen Handelns und sozialer Milieus

  • empirisch begründete Theorien- und Hypothesenbildung

  • Hypothesen- und Theorieüberprüfung am Einzelfall

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Was leistet interpretative und generell qualitative Sozialforschung nicht?

  • Aussagen über Verteilung und Repräsentativität ihrer Ergebnisse

  • numerische Verallgemeinerungen, d. h. Verallgemeinerungen basierend auf Häufigkeiten

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Vielfalt innerhalb der qualitativen Forschung

Theoretische Grundlagen: z.B. Pragmatismus/Symbolischer Interaktionismus, Phänomenologie, Ethnomethodologie, Kritische Theorie/feministische, dekoloniale Theorien, Diskurstheorien, etc.

Forschungsperspektiven: z.B. Zugänge zu subjektiven Sichtweisen vs. Beschreibung von Prozessen der interaktiven Herstellung sozialer Ordnung; Re/Produktion soziale Ungleichheit, …

Anwendungsfelder und Disziplinen: z.B. Soziologie, Gesundheitswissenschaften, Politikwissenschaft, Kommunikationswissenschaft, Wirtschaftswissenschaft, etc.

Normativität: Wie (macht- und gesellschafts-) kritisch ist die Forschung? Welche Rolle kann/soll Forschung spielen (z.B. im Hinblick auf Problemlösung und social change)?

Methodisches Vorgehen bei der Datenerhebung und –auswertung (inkl. Grad der Offenheit, Tiefe der Interpretation, Forschungsbeziehungen)

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Kennzeichen qualitativer Forschung

  • Methodisches Spektrum

  • Gegenstandsangemessenheit von Methoden

  • Orientierung an Alltagsgeschehen, Alltagswissen, Perspektiven der Beteiligten

  • Kontextualität als Leitgedanke ➪ Indexikalität

  • Einzelfall / Fallanalyse als Ausgangspunkt

  • Prinzip der Offenheit

  • Verstehen als Erkenntnisprinzip

  • Entdeckung und Theoriebildung als Ziel

  • Reflexivität der Forschenden

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Kontextualität und Indexikalität

  • Unsere sprachlichen Äußerungen und Handlungen beziehen sich fortwährend auf situative und kontextuelle Gegebenheiten;

    • sie verweisen („Index“-Finger) auf einen Kontext ➪ Indexikalität der Äußerungen – versucht man mitzuerheben

  • Sie können nur in den spezifischen Umständen verstanden werden, unter denen sie hervorgebracht werden;

  • Äußerungen und Handlungen sind prinzipiell mehrdeutig und beziehen ihre jeweilige Bedeutung aus dem situativen Kontext (der Deutenden); sie werden in der qualitativen Forschung – unter Bezugnahme auf den Kontext, in dem die Daten generiert wurden – gedeutet.

  • Kontextualität als Leitgedanke

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Methodisch kontrolliertes Fremdverstehen

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empirisches Beispiel: Asyle von Erving Goffman (1922-1982)

  • Geboren in Kanada als Sohn jüdischer Einwanderer aus der Ukraine

  • Soziologie-Studium in Toronto & Chicago; Social Anthropology in Edinburgh

  • Professor of Sociology at UC Berkeley, 1981 Präsident der ASA

  • Zentrale Werke, u.a.:

    • „The Presentation of Self in Everyday Life“ (1956)

    • „Asylums. Essays on the Social Situation of Mental Patients and Other Inmates” (1961)

    • “Stigma. Notes on the management of spoiled identity” (1963)

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Totale Institutionen nach Goffman

Totale Institutionen sind nach Erving Goffman soziale Einrichtungen (Gefängnisse, Klöster, Psychiatrien), in denen alle Lebensbereiche – Wohnen, Arbeiten und Freizeit – an einem Ort und unter einer einzigen zentralen Autorität verschmolzen sind. Merkmale:

  • Ortsgleichheit

  • Gemeinsamkeit (der Gruppe)

  • Reglementierung: exakter Stundenplan schreibt jede Aktivität von oben vor

  • Einheitlicher Plan: Alle Aktivitäten dienen dem einen rationalen Ziel der Institution (z. B. Heilung, Strafe oder Ausbildung)

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