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1890-1900
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Was ist die Grundidee des Symbolismus und gegen welche Strömungen grenzt er sich ab?
Der Symbolismus (ca. 1890–1920) versteht sich als radikale Gegenbewegung zum Realismus und Naturalismus. Während diese die äußere, materielle Welt sachlich und objektiv abbilden wollten, lehnten die Symbolisten diese „nüchterne“ Darstellung ab. Ihr Ziel war es, eine Welt der Schönheit und der reinen Ästhetik zu erschaffen, die über die bloße Realität hinausgeht.
Wie lässt sich das Weltbild des Symbolismus im zeitgeschichtlichen Kontext beschreiben?
Das Weltbild war stark von Pessimismus und einer Untergangsstimmung (Fin de Siècle) geprägt. Durch die rasante Industrialisierung, die Säkularisierung (Abkehr von der Religion) und neue wissenschaftliche Theorien fühlten sich viele Menschen in einer „sterbenden Welt“ gefangen. Der Symbolismus reagierte darauf mit einer Flucht in die Kunst und das Geistige, um dem grauen Alltag zu entfliehen.
Was genau ist ein „Symbol“ in dieser Epoche und welche Funktion hat es?
Ein Symbol ist ein bildhaftes Zeichen, das über sich selbst hinausweist und eine tiefere, allgemeingültige Aussage transportiert. Es dient als stellvertretender Bedeutungsträger für abstrakte Begriffe oder Gefühle.
Beispiele: Die Taube für den Frieden oder das Kreuz für das Christentum.
Funktion: Symbole sollen das Unaussprechliche und Geheimnisvolle der Welt erfahrbar machen, ohne es platt zu benennen.
Merkmale
Natur: Rückkehr zur Natur, Sinneseindrücke, Friedlichkeit
Individuum: persönliche Empfindungen, Emotionalität
Großstadt: neue Geräusche, Betonung von kleinen und unscheinbaren Momenten im Alltag
Ästhetik: Fokus auf Farben und Lichteffekte, Abbildung einer verträumten Realitat
Liebe & Tod: besondere Gefühle zu anderen Menschen, Einfluss auf das Selbst, Umgang mit Verlust
Im Impressionismus ist die Handlung einer Erzählung eher zweitrangig. Das bedeutet, es ist nicht so wichtig, was genau passiert, sondern wie es passiert.
Welchen Stellenwert hat die Sprache im Symbolismus?
Die Sprache wird im Symbolismus sehr elitär und kunstvoll eingesetzt (L'art pour l'art – die Kunst um der Kunst willen). Es geht nicht um Information, sondern um Suggestion. Die Wörter sollen durch ihren Klang, ihren Rhythmus und ihre Bildhaftigkeit eine magische Stimmung erzeugen. Der Fokus liegt auf der „Schönheit des Wortes“ und weniger auf einem klaren, rationalen Sinn.
Worin liegt der Ursprung des Symbolismus?
Der Symbolismus hat seinen Ursprung in Frankreich. Ein wichtiger Meilenstein war das „Symbolische Manifest“ (1886) des Dichters Jean Moréas. Von dort aus verbreitete sich die Strömung als Teil der Moderne über ganz Europa.
Klausur-Tipp: Vergleich Impressionismus vs. Symbolismus
Impressionismus: Fokus auf den flüchtigen, äußeren Sinnesreiz und dessen subjektive Wirkung (Momentaufnahme).
Symbolismus: Fokus auf die tiefere, verborgene Bedeutung hinter den Dingen und die Erschaffung einer ästhetischen Kunstwelt (Tiefe).
Welche besondere Rolle kommt dem Leser/der Leserin in der symbolistischen Lyrik zu?
Da die symbolistische Sprache auf Mehrdeutigkeit setzt und keine eindeutige „Wahrheit“ vermittelt, nimmt der Leser eine aktive Rolle ein. Ein Gedicht muss individuell erschlossen werden; der Leser muss eigene Gedanken, Gefühle und Ideen investieren, um den tieferen Sinn hinter den Symbolen zu begreifen. Das Werk bleibt oft ein Geheimnis, das nur „Eingeweihte“ voll verstehen.
Was versteht man unter dem Prinzip „Hinter dem Sichtbaren liegt das Unsichtbare“?
In der symbolistischen Kunst hat jedes äußere, sichtbare Objekt eine symbolische Bedeutung, die für etwas Inneres oder Abstraktes steht. Um ein Werk in seiner Gesamtheit zu verstehen, reicht es nicht aus, die Oberfläche zu betrachten. Man muss die Symbolik entschlüsseln, die das eigentliche Wesen des Werks ausmacht.
Wer sind die bedeutendsten Vertreter des deutschsprachigen Symbolismus?
Zu den wichtigsten Vertretern zählen:
Rainer Maria Rilke
Stefan George
Hugo von Hofmannsthal
Was ist ein „Dinggedicht“ und welches Ziel verfolgt es?
Das Dinggedicht ist eine spezielle Lyrikform, für die besonders Rilke bekannt ist (z. B. „Der Panther“). Das Ziel ist es, ein Objekt oder ein Lebewesen distanziert und objektiv darzustellen, als würde das „Ding“ über sich selbst sprechen. Das lyrische Ich tritt dabei stark in den Hintergrund und dient nur noch als neutraler Betrachter, um das Wesen des Gegenstandes (das „Ding an sich“) auszudrücken.
Wie wird der „Panther“ in Rilkes Gedicht symbolisch gedeutet?
Der eingesperrte Panther ist ein Symbol für:
Die Eingeschlossenheit und Begrenzung des menschlichen Geistes.
Die Zwänge der modernen Gesellschaft.
Das Gefangensein in starren Routinen, die den Blick auf die Welt (das „Dahinter“) verhindern. Die äußeren Stäbe des Käfigs stehen somit symbolisch für die innere Unfreiheit.
Dinggedicht
Merke dir für die Analyse: Beim Dinggedicht verschwindet die persönliche Meinung des Autors fast vollständig. Das Objekt wird so präzise beschrieben, dass seine äußere Form (z. B. der Gang des Panthers) direkt seinen inneren Zustand (Erschöpfung/Gefangenschaft) widerspiegelt
„Sobald wir etwas aussprechen, entwerten wir es seltsam. Wir glauben, in die Tiefe der Abgründe hinabgetaucht zu sein, und wenn wir wieder an die Oberfläche kommen, gleicht der Wassertropfen an s unseren bleichen Fingerspitzen nicht mehr dem Meere, dem er entstammt." (Maurice Maeterlinck)
Einordnung: Symbolismus (mit starkem Fokus auf die Sprachskepsis).
Interpretation: Maeterlinck beschreibt hier das Grundproblem des Symbolismus: Die Unfähigkeit der Sprache, tiefe Wahrheiten oder komplexe Gefühle angemessen auszudrücken.
Die Metapher des Wassertropfens: Die „Tiefe der Abgründe“ steht für das eigentliche, wahre Erleben. Sobald man versucht, dieses Erleben in Worte zu fassen („an die Oberfläche kommen“), bleibt nur ein „Wassertropfen“ (das Wort) übrig.
Aussage: Das Wort ist nur ein winziger, blasser Abklatsch des eigentlichen „Meeres“ (der Unendlichkeit des Gefühls). Durch das Aussprechen wird die Erfahrung „entwertet“, weil das Wort starr ist und die Lebendigkeit der Tiefe verliert.
Rainer Maria Rilke (1875- 1926)
Ich fürchte mich so vor der Menschen
Wort
Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort.
Sie sprechen alles so deutlich aus:
Und dieses heißt Hund und jenes heißt Haus, und hier ist Beginn, und das Ende ist dort.
s Mich bangt auch ihr Sinn, ihr Spiel mit dem Spott, sie wissen alles, was wird und war; kein Berg ist ihnen mehr wunderbar; ihr Garten und Gut grenzt grade an Gott.
Ich will immer warnen und wehren: Bleibt fern.
10 Die Dinge singen hör ich so gern.
Ihr rührt sie an: sie sind starr und stumm.
Ihr bringt mir alle die Dinge um.
(1899)
Einordnung: Symbolismus / Dingdichtung (Frühphase).
Interpretation: Rilke thematisiert hier die Angst vor einer Sprache, die die Welt durch Definitionen „totmacht“.
Kritik an der Eindeutigkeit (Strophe 1): Das lyrische Ich kritisiert, dass Menschen alles „so deutlich“ aussprechen. Indem sie sagen „dieses heißt Hund und jenes heißt Haus“, legen sie die Dinge fest. Das nimmt der Welt das Geheimnisvolle.
Hybris der Menschen (Strophe 2): Die Menschen glauben, alles zu wissen („wissen alles, was wird und war“). Für sie gibt es kein Staunen mehr („kein Berg ist ihnen mehr wunderbar“). Sie haben die Welt durch ihre Sprache unterworfen und entzaubert.
Die „singenden Dinge“ (Strophe 3): Das lyrische Ich möchte die Dinge lieber „singen“ hören – also ihr wahres Wesen spüren. Durch das menschliche Benennen und Anfassen werden die Dinge jedoch „starr und stumm“.
Fazit: Die menschliche Sprache ist hier ein Werkzeug der Zerstörung („Ihr bringt mir alle die Dinge um“).