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Was ist das Ziel?
Die generative Linguistik will syntaktische Strukturen vollständig und präzise beschreiben – also nicht nur beobachten, wie Menschen sprechen, sondern erklären, warum bestimmte Sätze grammatisch sind und andere nicht. Das System dahinter soll explizit und formalisierbar sein.
1. Competence vs. Performance
Chomsky unterscheidet scharf zwischen zwei Ebenen:
Competence ist das unbewusste, internalisierte Regelwissen eines Sprechers – das mentale Grammatiksystem, das er besitzt, unabhängig davon, ob er es gerade benutzt.
Performance ist der tatsächliche Sprachgebrauch in realen Situationen – mit Versprechern, Abbrüchen, Pausen, Nervosität.
Die generative Linguistik interessiert sich primär für die Competence, also das idealisierte Wissen des sog. ideal speaker-listener. Performance-Fehler sind für die Theorie irrelevant, weil sie externe Faktoren widerspiegeln, nicht das Sprachsystem selbst.
Beispiel: Du weißt, dass „Das Buch liest das Kind" grammatisch ist – auch wenn du diesen Satz noch nie gehört hast. Das ist Competence.
2. Introspection
Da Competence nicht direkt beobachtbar ist, nutzt die generative Linguistik die Introspektion von Muttersprachlern als zentrale Datenquelle.
Muttersprachler können intuitiv beurteilen, ob ein Satz grammatisch klingt – ohne die Regel explizit benennen zu können. Diese Grammatikalitätsurteile (grammaticality judgments) sind die empirische Basis der Theorie.
Beispiel: Ein Deutschsprecher weiß sofort, dass *„Kind das Buch liest das" falsch ist – aber er kann meistens nicht erklären warum. Die Linguistik versucht genau das zu formalisieren.
3. Universal Grammar (UG)
Das vielleicht bekannteste Konzept: Chomsky argumentiert, dass alle menschlichen Gehirne mit einem angeborenen sprachlichen Bauplan ausgestattet sind – der Universal Grammar.
Kinder lernen ihre Muttersprache zu schnell und zu perfekt, um es allein durch Imitation oder Input zu erklären → das nennt sich das Poverty of the Stimulus-Argument.
Der Input, den Kinder bekommen, ist unvollständig und fehlerhaft (Performance!), aber trotzdem entwickeln alle Kinder ein vollständiges Grammatiksystem.
Fazit: Das Wissen muss teilweise angeboren sein.
Die UG enthält also keine einzelne Sprache, sondern den Rahmen, innerhalb dessen alle möglichen menschlichen Sprachen funktionieren.
4. Switchboard Concept (im Rahmen der FLA)
Dieses Konzept gehört in den Kontext des First Language Acquisition (Erstspracherwerb) und ergänzt die UG-Idee.
Die UG enthält gewissermaßen einen Schalterkasten: Grammatische Parameter, die für jede Sprache unterschiedlich eingestellt sind.
Beim Spracherwerb "schaltet" das Kind bestimmte Funktionen ein oder aus, je nachdem, welche Sprache es hört.
Funktionen, die die Zielsprache nicht braucht, werden deaktiviert.
Beispiel: Der Pro-Drop-Parameter: Im Italienischen oder Spanischen kann das Subjektpronomen weggelassen werden („Parlo" = Ich spreche). Im Deutschen oder Englischen ist dieser Schalter auf „aus" – das Pronomen muss stehen („Ich spreche", „I speak").
Das Kind muss also nicht jede Regel einzeln lernen – es stellt nur die richtigen Schalter.
5. Language Universals
Wenn die UG wirklich universell ist, muss es Eigenschaften geben, die alle Sprachen teilen – unabhängig von Kultur oder Geschichte.
Chomsky und andere haben solche Universalien identifiziert:
Universal | Erklärung |
|---|---|
Vokale & Konsonanten | Jede Sprache hat beide Lautklassen |
Schwarz/Weiß | Alle Sprachen haben Begriffe für diese Grundfarben |
Nomen & Verben | Alle Sprachen unterscheiden Dinge von Handlungen/Zuständen |
Silben auf Vokale endend | Eine sehr verbreitete Silbenstruktur (CV) |
Diese Universalien sind kein Zufall – sie sind der empirische Fingerabdruck der Universal Grammar.
Zusammenfassung
UG (angeboren)
↓
Kind hört Input (Performance des Umfelds)
↓
Switchboard stellt Parameter ein
↓
Competence der Zielsprache entsteht
↓
Linguist nutzt Introspektion, um sie zu beschreiben
↓
→ Generative Grammatik als formales RegelwerkDie generative Linguistik ist also im Kern eine Theorie des menschlichen Geistes – Sprache ist für Chomsky primär ein mentales, biologisches Phänomen, kein soziales.