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Was macht die Groß- und Kleinschreibung im Deutschen so besonders?
Die Groß- und Kleinschreibung ist ein charakteristisches Merkmal der deutschen Orthographie. Anders als in vielen anderen Sprachen werden im Deutschen nicht nur Satzanfänge und Eigennamen, sondern auch Substantive großgeschrieben.
Dadurch erfüllt die Großschreibung eine wichtige Funktion für die Struktur eines Satzes und erleichtert das Erkennen wesentlicher Satzbestandteile. Dennoch gehört die satzinterne Großschreibung zu den fehleranfälligsten Bereichen der deutschen Orthographie
Schwierigkeiten entstehen vor allem dann, wenn Wörter ihre Wortart wechseln. Um diese Schreibungen zu erklären, haben sich in der Linguistik zwei grundlegende Ansätze entwickelt: der wortbezogene und der syntaktische Ansatz.
Was betrachtet der wortbezogene Ansatz zunächst?
Der wortbezogene Ansatz betrachtet Wörter zunächst unabhängig von ihrem Satzkontext. Im Mittelpunkt stehen dabei die Merkmale, die ein Wort von sich aus besitzt. Substantive werden demnach dadurch bestimmt, dass sie Personen, Gegenstände, Orte, Lebewesen oder abstrakte Begriffe bezeichnen
Neben konkreten Wörtern wie „Baum“ oder „Auto“ zählen daher auch Begriffe wie „Mut“ oder „Hoffnung“ zu den Substantiven. Nach Nerius (Die deutsche Orthographie, 2007) bezeichnen Substantive jedoch nicht ausschließlich tatsächlich existierende Gegenstände.
Vielmehr können auch Zustände, Eigenschaften oder Handlungen sprachlich als Gegenstände dargestellt werden. Dies erklärt, weshalb auch Wörter wie „das Lesen“ oder „das Tanzen“ großgeschrieben werden, obwohl sie ursprünglich Verben sind.
Was spielt im wortbezogenen Ansatz auch eine wichtige Rolle?
Neben der semantischen Bedeutung spielen im wortbezogenen Ansatz auch morphologische Merkmale eine zentrale Rolle. Typische Substantive verfügen über ein festes Genus und können mit einem Artikel verbunden werden. Man kann beispielsweise „der Baum“ oder “die Blume” sagen.
Darüber hinaus sind Substantive flektierbar und können verschiedene Kasus- und Numerusformen annehmen. Zudem lassen sie sich durch Attribute erweitern, zum Beispiel „der große Baum“.
Eisenberg (Grundriss der deutschen Grammatik, 2020) weist jedoch darauf hin, dass diese Merkmale nicht immer eindeutig sind, da auch andere Wortarten teilweise ähnliche Eigenschaften aufweisen können. Deshalb reichen Genus oder Artikel nicht allein aus, um jedes Substantiv sicher zu bestimmen.
Was ist ein weiteres Kennzeichen?
Ein weiteres Kennzeichen sind typische Wortbildungsmuster. Viele Substantive besitzen Endungen wie „-heit“, „-keit“, „-ung“ oder „-nis“. Wörter mit diesen Endungen lassen sich deshalb bereits anhand ihrer Form als Substantive erkennen.
Wo stößt der wortbezogene Ansatz auf Grenzen?
Die Grenzen des wortbezogenen Ansatzes zeigen sich insbesondere dort, wo dieselbe Wortform unterschiedlichen Wortarten angehören kann. Dies wird besonders deutlich bei substantivierten Verben.
Vergleicht man die Sätze „Das Schreiben fällt ihm leicht“ und „Er kann gut schreiben“, wird deutlich, dass die Wortform identisch ist. Erst der Satzzusammenhang entscheidet darüber, ob „Schreiben“ als Substantiv oder als Verb verwendet wird.
Dasselbe gilt für Adjektive wie „gut“. In „das Gute“ handelt es sich um ein substantiviertes Adjektiv, während „ein gutes Buch“ lediglich ein Adjektiv innerhalb einer Nominalgruppe enthält. Der wortbezogene Ansatz stößt hier an seine Grenzen, da die Wortform allein keine eindeutige Entscheidung zulässt.
Was sagt der syntaktische Ansatz?
An diesem Punkt setzt der syntaktische Ansatz an. Im Mittelpunkt steht nicht mehr das einzelne Wort, sondern seine Funktion innerhalb des Satzes. Nach Furhop (Orthographie, 2015) sind Substantive vor allem dadurch gekennzeichnet, dass sie den Kern einer Nominalgruppe bilden.
Eine typische Nominalgruppe besteht aus einem Artikelwort, gegebenenfalls einem oder mehreren Attributen und dem Substantiv als Kern.
Was erklärt der syntaktische Ansatz dadurch?
Der syntaktische Ansatz erklärt dadurch viele Schreibungen, die mit dem wortbezogenen Ansatz nur schwer zu erfassen sind. Besonders deutlich wird dies bei substantivierten Verben und Adjektiven.
In der Wortgruppe „das schnelle Lesen“ bildet „Lesen“ den Kern der Nominalgruppe und wird deshalb großgeschrieben. Im Satz „Ich lese schnell“ liegt dagegen keine Nominalgruppe vor, sodass „lesen“ als Verb kleingeschrieben wird.
Was ist die Erweiterungsprobe?
Zur Bestimmung solcher Fälle werden verschiedene syntaktische Proben verwendet. Besonders wichtig ist die Erweiterungsprobe.
Kann ein Wort durch Attribute erweitert werden, spricht dies dafür, dass es den Kern einer Nominalgruppe bildet. Aus „das Lesen“ wird beispielsweise „das schnelle Lesen“.
Ossner (Orthographie, 2010) betont deshalb, dass gerade die Fähigkeit eines Wortes, Artikel und Attribute an sich zu binden, eines der zuverlässigsten Kriterien für die Bestimmung von Substantiven darstellt.
Warum spielt die Satzstruktur auch eine wichtige Rolle?
Daneben spielt die Satzstruktur eine wichtige Rolle. Nominalgruppen können als Subjekt, Objekt oder Bestandteil von Präpositionalgruppen auftreten.
Im Satz „Der kleine Hund liebt die wilde Jagd“ bilden sowohl „der kleine Hund“ als auch „die wilde Jagd“ vollständige Nominalgruppen. Ihre Kerne sind „Hund“ und „Jagd“, weshalb beide Wörter großgeschrieben werden.
Wo stößt der syntaktische Ansatz auf seine Grenzen?
Trotz seiner hohen Erklärungskraft besitzt auch der syntaktische Ansatz Grenzen. Nicht jede Schreibweise lässt sich ausschließlich über die Satzstruktur erklären.
Feste Redewendungen wie „im Großen und Ganzen“ beruhen teilweise auf historischen Entwicklungen oder orthographischen Konventionen.
Außerdem gibt es Wörter, deren Funktion erst durch eine genaue Analyse des Satzkontextes bestimmt werden kann.
Was wird deutlich, wenn man beide Ansätze vergleicht?
Vergleicht man beide Ansätze, wird deutlich, dass sie unterschiedliche Schwerpunkte setzen.
Der wortbezogene Ansatz eignet sich besonders für eindeutig erkennbare Substantive, deren Bedeutung oder Wortbildung bereits Hinweise auf die Großschreibung liefert.
Der syntaktische Ansatz hingegen berücksichtigt die grammatische Funktion eines Wortes.
Nach Betzel und Drol (Orthographie, 2020) lassen sich gerade substantivierte Wortarten durch ihre Stellung als Kern einer Nominalgruppe wesentlich zuverlässiger bestimmen als allein über ihre Bedeutung.
Was lässt sich zusammenfassend sagen?
Zusammenfassend kann man sagen, dass sich beide Ansätze gegenseitig ergänzen.
Während der wortbezogene Ansatz wichtige Informationen über die semantischen und morphologischen Eigenschaften von Substantiven liefert, geht der syntaktische Ansatz einen Schritt weiter, da er auch komplexe und mehrdeutige Schreibungen systematisch erfassen kann.