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Aristoteles, Poetik IX – Aufgabe des Dichters?
Nicht zu erzählen, was sich wirklich zugetragen hat, sondern was sich zutragen könnte – was nach Wahrscheinlichkeit oder Notwendigkeit möglich ist.
Dichter vs. Geschichtsschreiber (Aristoteles)
Unterschied ist NICHT Vers vs. Prosa (man könnte Herodot in Verse setzen). Geschichtsschreiber zeigt was war (das Einzelne); Dichter zeigt was sein könnte (das Allgemeine). Daher gilt Poesie als philosophischer und höher.
Was bedeutet Mimesis – und der entscheidende Kniff?
Mimesis = Nachahmung; Kunst ahmt eine vorkünstlerische, außerliterarische Wirklichkeit nach. Kniff: Das Nachgeahmte ist nicht vorgegeben, sondern entsteht erst im Akt der Nachahmung (produktiv, nicht bloß reproduktiv).
Katharsis?
Rezeptionsergebnis der Mimesis: Affektereignis beim Rezipienten – die Gefühlsreinigung der Tragödie. Mimesis entspringt einem allgemeinmenschlichen Nachahmungsbedürfnis (anthropologische Antriebskraft).
Auerbach: Titel, Fach, Grundthese?
Erich Auerbach, Mimesis. Dargestellte Wirklichkeit in der abendländischen Literatur – zentrales Werk der romanistisch-komparatistischen Lit.-wiss. des 20. Jh. Grundthese: Formen der Wirklichkeitsdarstellung verändern sich historisch und sind kulturell geprägt.
Auerbachs Ausgangsvergleich + Pointe?
Odyssee (Homer): klar, vollständig ausgeleuchtet, äußerlich. vs. Bibel: fragmentarisch, vieldeutig, mit Tiefendimension. Merksatz: Stil = Erkenntnisweise von Wirklichkeit → Stilfragen sind immer sozial- und erkenntnistheoretisch.
Ständeklausel – und ihr Bruch?
Antike Regel: hohe Themen = hoher Stil. Bruch ab 18./19. Jh. (Balzac, Flaubert): das gewöhnliche Leben wird würdiger Gegenstand ernster Darstellung; Mischung der Stile (Tragisches, Alltägliches, Komisches nebeneinander).
Chronotopos – Definition + Urheber?
"Raumzeit" nach Michail Bachtin: untrennbarer Zusammenhang von Zeit und Raum. Räumliche und zeitliche Merkmale verschmelzen; die Zeit verdichtet sich und wird sichtbar, der Raum wird von der Zeit mit Sinn erfüllt.
Chronotopos & Gattung – die These?
Das Genre wird vornehmlich vom Chronotopos determiniert, wobei die Zeit das ausschlaggebende Moment ist. Als Form-Inhalt-Kategorie bestimmt er auch das Bild vom Menschen (immer chronotopisch).
Die zwei Hypothesen der Gattungsanalyse?
1) Veränderungen der lit. Raum-/Zeitdarstellung verraten Veränderungen von Wissens- und Wahrnehmungsformen außerhalb der Literatur. 2) Diese Gattungen zuzuordnen erlaubt Aussagen über das System Literatur und seine Funktionen in einer Epoche.
Chronotopos des Ritterromans?
"Chronotopos des Abenteuers": göttlich verbürgte Ordnung, Gut gegen Böse, Natürliches + Übernatürliches. Abenteuerzeit jenseits chronologischer/biologischer Gesetze – ständig passiert etwas, doch die Helden altern nicht.
Chronotopos des Schelmenromans (Bachtin)?
"Abenteuerlicher Alltagsroman – der Weg durch eine vertraute Welt". Alltagswelt und -zeit im Zentrum; Wirklichkeit nicht mehr göttlich vorgegeben, sondern Resultat menschlicher Handlungen in kontingenter Welt.
Chronotopos des Don Quijote?
Parodistische Überschneidung beider: Ritterroman ("fremde wunderbare Welt") + Schelmenroman ("Landstraße durch die heimatliche Welt"). Keine Abenteuerzeit, sondern banale Zeit der historischen Wirklichkeit.
Picaresca – Herkunft + erster Vertreter?
Genuin spanische Erfindung. Erster Vertreter: Vida de Lazarillo de Tormes (1554, anonym). Weitere: Guzmán de Alfarache, La Pícara Justina, El Buscón (Quevedo).
Formale Merkmale des Schelmenromans?
Autodiegetische Lebensbeschreibung (= fiktive Autobiographie, Rückblick). Episoden an verschiedenen Orten = "vertikaler Durchlauf durch unterschiedliche Gesellschaftsschichten". Prinzipielle Fortsetzbarkeit/Ausdehnung.
Merkmale des pícaro + Lázaros Lage?
Niedriger Stand, unehrenhafte Herkunft, am Rande der Gesellschaft. Lázaro = "mozo de muchos amos" → Überlebenskampf und List. Zwang zur Erfindung einer alternativen Biografie (narrative Kompensation der Herkunft) = "Fiktionskompetenz".
Lazarillo: Struktur + gebrochenes Happy End?
Sieben Kapitel / neun Herren (Blinder, Pfarrer, Kleinadliger … → Erzpriester in Toledo, als pregonero/Ausrufer). Gebrochenes Ende: niedriger Stand + seine Frau ist Geliebte des Erzpriesters.
Unzuverlässiger Erzähler – Grund + Gesellschaftskritik?
Unzuverlässig wegen Schönung der Biografie + materiellem Weltbild. Kritik (= desengaño): die auf race (limpieza de sangre), class (Ständehierarchie) und gender (Patriarchat) gegründete Ordnung als fundamentale Unordnung. Einfluss: menippeische Satire.
Zwischenfazit: was will der Schelmenroman?
Zugleich "wahrscheinlich" (neo-aristotelische Mimesis, "wie es gewesen sein könnte") UND "nützlich" (Horaz: prodesse et delectare). Greift auf "fiktionsverschleiernde" Elemente zurück – die Geschichte soll sich lesen, als sei sie wirklich passiert.
Werk, Teile, Eingangssatz (Don Quijote)?
El ingenioso hidalgo Don Quixote de la Mancha, zwei Teile (1605 + 1615). "En un lugar de la Mancha, de cuyo nombre no quiero acordarme…"
Auffälligkeiten des Romananfangs?
Unbestimmtheit von Ort, Zeit, Name (auch des Erzählers) – paradox, weil der Text sonst alle Details genau beschreibt; kontrastiert mit der Ausschmückung der Ritterromane. Semantik des Ärmlichen/Anachronistischen (dürres Pferd, alte Lanze).
Humoralpathologie + Huarte de San Juan?
DQs Körper (mager, trocken, "gelb") = cholerischer Typ der antiken Vier-Säfte-Lehre. Huarte, Examen de ingenios (1575): schrieb dem cholerisch-melancholischen Menschen Erfindungsreichtum (ingenio) zu → Parallele zu DQ.
Quijada / Quesada / Quejana – Funktion?
Erzähler zeigt den Text als Sammlung widersprüchlicher Quellen, behauptet aber im selben Atemzug, er weiche "keinen Strich von der Wahrheit" ab = ironischer Effekt. Namen tragen Konnotationen (Quijada=Kiefer, Quejana=queja/Klage).
Don Quijote als Leser – was passiert?
Er liest so viele Ritterromane, dass ihm "das Gehirn austrocknet" und er Fiktion und Wirklichkeit nicht mehr trennt. = Reflexion über die Macht der Fiktion über Subjekt und Welt – wie Texte unsere Wahrnehmung prägen.
Helm, Rocinante, Selbstbenennung – gemeinsamer Punkt?
Schaffung eigener Realität mittels Sprechakten: erklärt den geflickten Helm zum besten Turnierhelm (ohne Test); benennt Pferd (Rocinante) und sich selbst (Don Quijote de la Mancha – erfundene Genealogie, Selbsternennung verstößt gegen Ritterregeln).
Warum der erste "echte" moderne Roman?
Selbstreflexivität über Fiktion; inkorporiert/parodiert alle Gattungen (Ritter-, Schelmen-, Schäferroman, Novelle …); Bruch mit Aufstiegsschema (komisches Scheitern); stellt die Bedeutungsvielfalt und -unsicherheit aus (statt wie der Schelmenroman Bindung an Wirklichkeit zu sichern).
Dialogizität / Polyphonie + dreifache Urheberschaft?
Vermehrung der Erzählstimmen. Fiktion der dreifachen Urheberschaft: unbekannter arab. Autor + Übersetzer Cide Hamete Benengeli + "segundo autor". Karnevaleskes Stimmengewirr (Polyphonie) ggü. dem monologischen Diskurs der Theologie. Auch: mise en abyme (Teil II).
Epistemologischer Hintergrund (Don Quijote)?
Renaissance-Frage "Was ist Erkenntnis?" (Roeck); Wiederentdeckung des Skeptizismus (Cicero, Sextus Empiricus).
Barock = Übergang von theologisch fundierter zu intersubjektiv konstruierter Wirklichkeit. Strosetzki: Frage nach gesellschaftlicher Akzeptanz von Vorstellungen; Torheit als Wert (wie bei Erasmus).
Realismus – Kern + Datierung?
Reaktion auf veränderte Wahrnehmungsbedingungen der Moderne. In Frankreich 1830–1870 geprägt. Kern: NICHT Wiedergabegenauigkeit der Dingwelt, sondern das Bezugsgeflecht aus Wirklichkeit + Erfahrung + künstlerischer Darstellung (Dethloff).
Generelle Merkmale des Realismus?
Antiromantisch/antiidealisierend (Sexus, Erotik, Alltäglichkeit); zeitgenössische soziale/politische/ökonomische Realität ohne Tabus; sozialtypische Konzeption des Menschen; kritisch-didaktische Funktion (defekte Wirklichkeit); besondere Kunstwirklichkeit durch komplexe Technik.
Problem der erzählten Gesellschaft + Lösung?
Romanwelt soll Gesellschaft als Ganzes repräsentieren, doch diese ist zu komplex für jede Mimesis → erfordert Modellbildung (Auerochs). Lösung: Modellkonstruktionen, die pars pro toto stehen (eine Stadt / ein Liebespaar = ganze Nation/Gesellschaft).
Galdós – Bedeutung + Episodios nacionales?
"Eigentlicher Begründer des modernen spanischen Romans". Episodios nacionales: koppeln ein herausragendes nationales Ereignis mit dem Erleben einer partikularen Durchschnittsperson (pars pro toto).
Tristana (1892) – Handlung als Allegorie?
Junge Frau will sich vom ungeliebten älteren Mann emanzipieren, muss in Abhängigkeit zurück. Parallele: span. Volk befreit sich in der Revolution 1868, wird unter der Restauration zurückgezwungen → echter "Restaurations-Roman".
Tristana – intertextueller Bezug im Anfang?
Eröffnung spielt auf Don Quijote an ("vivía, no ha muchos años, un hidalgo…"). Namenspiel: D. Lope de Sosa / Garrido, getauft aber Juan López Garrido → "Lope" ist Selbststilisierung. = Überlappung von Wirklichkeitsabbildung und Prägung durch fiktionale Modelle.
Tristana – der Erzähler (Neuschäfer)?
Kein autoritärer Erzähler mehr, der eine Lesart aufzwingt. Er mischt sich ein, spottet, mag aber alle; urteilt von Fall zu Fall, "weiß auch nicht mehr als wir". Galdós' Selbstbescheidung (Verzicht auf "höheres Wissen" des frz. Realismus); Standpunkte (erlebte Rede, innerer Monolog) relativieren sich gegenseitig.
Der rote Faden der Vorlesung?
Literatur kopiert Wirklichkeit nicht, sondern produziert eine Version davon. Jede Epoche/Gattung hat eigene Konventionen des "Wirklichen" → diese verraten, wie man die Welt wahrnahm. Belegt über Mimesis + Chronotopos entlang: Ritter- → Schelmenroman → Quijote → Realismus.
Almodóvar, Dolor y gloria (2019) – wozu der Einstieg?
Schlussszene (Erinnerung an die Kindheit) macht sichtbar: Erinnerung ≠ Wirklichkeit; Vergangenheit nur in erzählter, gestalteter Form; Kunst produziert eine Version der Realität. = die ästhetische Grundfrage seit der Antike.
Schelmenroman vs. Don Quijote – der Schlüsselkontrast?
Schelmenroman will eine gesicherte Bindung zur Wirklichkeit herstellen (verschleiert seine Fiktion). Don Quijote stellt die Unsicherheit der Bedeutung aus – meta-reflexive Gattung als Reaktion auf die epistemologischen Umbrüche der Frühen Neuzeit