VL5 - Essstörungen & Störungen durch Psychotrope Substanzen

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Was sind die diagnostischen Kriterien für Anorexia nervosa

Diagnostische Kriterien:

  • Gewichtsverlust bzw. bei Kindern fehlende Gewichtszunahme:

    • mind. 15 % unter dem normalen oder für das Alter & Körpergröße erwarteten Körpergewicht (oder BMI < 17,5)

  • Selbst herbeigeführter Gewichtsverlust durch Vermeidung „fett machender“ Speisen

  • Körperschema-Störung:

    • Selbstwahrnehmung als „zu dick“,

    • aufdrägende Furcht, zu dick zu werden

    • sehr niedrige persönliche Gewichtsschwelle

  • Endokrine Störung der Hypothalamus-Hypophysen-Gonaden-Achse:

    • Frauen: Amenorrhoe

    • Männer: Interesseverlust an Sexualität und Potenzverlust (im DSM-5 aufgehoben)

  • Kriterien einer Bulimia nervosa werden nicht erfüllt

2
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Welche Typus der Anorexie nervosa gibt es? (ICS-10-GM-2008)

Restriktiver Typus (F50.00)

  • während aktueller Episode hat Person keine regelmäßigen Fressanfälle gehabt

  • oder kein “Purging-Verhalten (z.B selbstinduziertes Erbrechen, Missbrauch von Diuretika, Laxantien oder Klistieren) gezeigt

    “Binge-Eating / Purging” - Typus (F50.01)

  • während aktueller Episode hat Person regelmäßig “Essanfälle” gehabt

  • “Purging”- Verhalten (z.B selbstinduziertes Erbrechen, Missbrauch von Diuretika, Laxantien oder Klistieren) gezeigt

3
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Was sind die wichtigsten epidemiologischen Merkmale und der typische Verlauf der Anorexia nervosa?

  • Störungsbeginn: 14-18 Jahre

    Prävalenz

  • 0,2–0,8 % (weibl. Personen, 14–20 Jahre, Screening + klinisches Interview)

  • höhere Raten, wenn Bevölkerungsstichproben ohne vorgeschaltetes Screening untersucht werden


Verlauf

  • ca. 70 % genesen weitgehend oder vollständig (oft erst nach 6–7 Jahren)

  • Mortalität innerhalb von 5 Jahren: über 10 %

  • Langfristiger behandelter Verlauf:

    • 17 % verstorben

    • 51 % vollständig remittiert

    • 21 % teilweise remittiert

    • 10 % erfüllen weiterhin alle Kriterien der Anorexia nervosa




Geschlechterverhältnis

  • 10 : 1 (weibliche:männliche Personen)

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Weitere psychologische Merkmale bei Anorexia Nervosa

  • Selektives Essverhalten, „verbotene“ Nahrungsmittel


  • Verdeckte gegensteuernde Maßnahmen wie
    z.B. Bewegungsdrang, Einläufe, Laxantien, Diuretika, Schilddrüsen- Präparate, etc.


  • heimliches exzessives Wiegen, permanente Beschäftigung mit Essen, Kalorientabellen etc.


  • Bei restriktivem Typus: Rigidität

  • Andere bekochen (vgl.: Berufswahl!)

  • Nicht in der Öffentlichkeit essen

  • Familiäre Spannungen

5
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Anorexia Nervosa - Komorbidität

bei > 80%, v.a. depressive Störungen, Angst- und Zwangsstörungen


Weitere psychische Auffälligkeiten:

  • Affektive Instabilität

  • Perfektionismus

  • Anhedonismus

  • Soziale Isolation

6
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Anorexie online

  • ProAna Webseiten propagieren anorektischen “Lebensstil“

  • „unterstützen“ sich beim Erreichen von (teils lebensbedrohlichen) Abnehmzielen

  • teils obskure, teils (leider) effektive Abnehmtipps

<ul><li><p>ProAna Webseiten propagieren anorektischen “Lebensstil“</p></li></ul><ul><li><p class="p3">„unterstützen“ sich beim Erreichen von (teils lebensbedrohlichen) Abnehmzielen</p></li><li><p class="p3">teils obskure, teils (leider) effektive Abnehmtipps</p></li></ul><p></p>
7
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Anorexia Nervosa - körperliche Folgen

Hormonelle Veränderungen (niedrige Konzentrationen von Geschlechtshormonen, z.B. Östrogen):

  • sexuelle Funktionsstörungen

  • Ausbleiben oder Nichteintreten der Regel

Spätrisiken: Infertilität, Osteoporose


Stoffwechselverlangsamung:

  • Hypotonus (niedriger Blutdruck) Schwäche, Schwindel

  • Bradykardie (zu langsamer Herzschlag)u.U. lebensbedrohlich

  • Reduzierte Körpertemperatur → häufiges Frieren

  • Wassereinlagerungen (Ödeme) in den Beinen und inneren Organen


Lanugobehaarung




Gastrointestinale Veränderungen:

  • Verringerte Magen-Darm-Motilität

Völlegefühl (auch bei geringen Mengen), Verstopfung


Weitere körperliche Folgen:

  • Trockene Haut, Haarausfall

  • Anämie (Blutarmut)

  • „Schrumpfung“ der Organe

  • etc.

8
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Anorexie Nervosa - körperliche Folgen

Latente Gefahr bei extremen Untergewicht:

  • Immunsystem bricht zusammen harmlose Infekte führen zum Tod


Akute Lebensgefahr bei:

  • Kaliummangel Herztod (durch Erbrechen oder zu viel trinken)


Bei zu wenig Flüssigkeitszufuhr oder Laxantienmissbrauch:

  • Gefahr für die Nieren Patienten kommen erst nach 2 Jahren Symptomfreiheit auf die Transplantationsliste

Symptome meist reversibel nach ca. 3 Monaten Normalgewicht

9
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Welche diagnostischen Kriterien kennzeichnen die Bulimia nervosa?

  • häufige Episoden von Fressattacken (in einem Zeitraum von 3 Monaten mind. 1 mal [neu: DSM-5] pro Woche), bei denen große Mengen an Nahrung in sehr kurzer Zeit konsumiert werden

  • Andauernde Beschäftigung mit Essen, unwiderstehliche Gier oder Zwang zu essen (Craving)

  • Gewichtskontrollierende Gegenmaßnahmen mit einer oder mehreren Verhaltensweisen:

    • selbstinduziertes Erbrechen

    • Missbrauch von Abführmitteln

    • zeitweilige Hungerperioden

    • Gebrauch von Appetitzüglern, Schilddrüsenpräparaten oder Diuretika

  • Selbstwahrnehmung als “zu fett”, mit einer sich aufdrängenden Furcht, zu dick zu werden

  • nicht im Verlauf von Episoden einer Anorexia Nervosa

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Welche Typus der Bulimia nervosa gibt es?

“Purging”-Typ:

  • regelmäßiges Erbrechen oder Missbrauch von Laxantien, Diuretika oder Klistieren

“Nicht-Purging”-Typ:

  • keine regelmäßigen Purging-Maßnahmen stattdessen z.B. Fasten oder übermäßige körperliche Aktivität, nicht regelmäßig Erbrechen induziert oder Laxantien, Diuretika oder Klistiere missbraucht

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Bulimia nervosaEpidemiologie und Verlauf

Epidemiologie

  • Prävalenzraten:

    • 2–4 % in Selbsteinschätzungs-Fragebogenstudien

    • ca. 1 % in methodisch aufwendigeren Studien mit klinischen Interviews

  • Prävalenz steigend

  • Bulimia nervosa tritt häufiger in der Mittel- und Oberschicht sowie in industrialisierten Ländern auf

  • Geschlechterverhältnis: ca. 20:1 (Frauen:Männer)


Verlauf

  • Erkrankungsbeginn meist im frühen Erwachsenenalter (ca. 80 % vor dem 22. Lebensjahr)

  • In 25–30 % der Fälle geht eine Anorexia nervosa voraus

  • Der Verlauf ist insgesamt günstiger als bei Anorexia nervosa

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Bulimia nervosa – Weitere Merkmale und Komorbidität

Komorbiditäten

  • Bei ca. 50 % bestehen zusätzlich affektive Störungen oder Angststörungen

  • Bei ca. 20 % liegen Drogen- oder Alkoholmissbrauch bzw. -abhängigkeit vor

  • Bei stationär behandelten Patienten treten Cluster-B- und Cluster-C-Persönlichkeitsstörungen gehäuft auf


Weitere psychische Auffälligkeiten

  • Affektive Instabilität

  • Impulsivität

  • Selbstverletzungen

  • Perfektionismus

  • Soziale Isolation

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Bulimia nervosa – Körperliche Folgen der gegensteuernden Maßnahmen

Körperliche Folgen

  • Mangelernährungserscheinungen treten häufig trotz Normalgewicht auf

  • vgl. körperlicher Folgen AN


  • Weitere Folgen der gegensteuernden Maßnahmen:

    • Schädigung des Zahnschmelzes, Parodontose & Zahnverlust durch Magensäure

    • Anschwellen bzw. Entzündung der Speicheldrüsen

    • Elektrolytstörungen, die Herz-, Hirn- und Nierenfunktionsstörungen verursachen können (Kaliummangel = akute Lebensgefahr)

    • Schwielen am Handrücken und Blutungen durch selbstinduziertes Erbrechen

14
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„Binge-Eating“-Störung (BED)

A. Wiederkehrende Essanfälle:

  • Verzehr großer Nahrungsmenge

  • Kontrollverlust

B. Verhaltensmerkmale:

  • schnelles Essen; Essen bis zu Völlegefühl;

  • Essen, wenn nicht hungrig; allein essen;

  • Schuldgefühle

C. Leiden aufgrund der Essanfälle

D. Essanfälle im Durchschnitt an mindestens 2 Tagen pro Woche für 6 Monate

E. Kein regelmäßiger Einsatz unangemessener kompensatorischer Verhaltensweisen

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BED: Begleitende Symptomatik

Psychisch

  • Affektive Störungen, Angststörungen

  • Negatives Körperbild, geringes Selbstwertgefühl,

  • interpersonelle Probleme

  • Psychosoziale Folgen von Adipositas (Stigmatisierung und soziale Diskriminierung)

  • Beeinträchtigte Lebensqualität


Physisch

  • Übergewicht, Adipositas (bei ca. 60-65% der Betroffenen)

  • Medizinische Folgeprobleme von Adipositas, z. B. Kardiovaskuläre Erkrankungen, Typ II Diabetes mellitus

  • Inanspruchnahme der Gesundheitsversorgung über Adipositas ohne BED hinausgehend

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BED: Epidemiologie und Verlauf

Epidemiologie

  • Prävalenz in Allgemeinbevölkerung: ca. 2%

  • Prävalenz bei übergewichtigen Personen, die an Gewichtsreduktionsprogramm teilnehmen: ca. 30%


Geschlechterverteilung

  • Frauen ca. 1,5 mal häufiger betroffen als Männer

Verlauf

  • Insgesamt deutlich günstiger als bei Anorexia nervosa und Bulimia nervosa

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Entstehung und Aufrechterhaltung von Essstörungen

18
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Set-Point-Theorie

  • Ein gewisses Körpergewicht ist biologisch vorgegeben

  • Das Essverhalten reguliert sich so, dass immer wieder auf dieses Körpergewicht zurückgekommen wird


Veränderungen des Set Points sind nur in geringem Ausmaß möglich & erst nach sehr langfristigen Gewichtsveränderungen

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Risikofaktoren (Auswahl) von Essstörungen

  • Genetische Faktoren, Geschlecht

    In der Kindheit:

  • Gesundheitsprobleme, körp./sex. Missbrauch (Bulimie, Anorexie?),

  • Adoption/Pflegeunterbringung (Anorexie)

  • Esskonflikte, wählerisches Essverhalten, Kämpfe um Mahlzeiten (Anorexie)


    In der Adoleszenz

  • früher Pubertätsbeginn

  • Übermäßige Beschäftigung mit Figur und Gewicht

  • Mangel an Selbstwertgefühl (Bulimie)

  • Erhöhter Alkoholkonsum (Bulimie)

  • Mangelnde Soziale Unterstützung (Bulimie)

  • Psychiatrische Komorbidität/ Neurotizismus (Bulimie)

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Aufrechterhaltende Faktoren (Auswahl) von Essstörungen

Psychologische / biologische Folgen der Mangelernährung


psychologisch:

  • starke Beschäftigung mit Essen, bizarre Essgewohnheiten, depressive Verstimmungen, Schlaf- und Konzentrationsstörungen, reduziertes Sozialverhalten

  • Hunger-/ Sättigungsgefühl wird nicht (mehr) wahrgenommen

  • Dichotomisierung von Nahrungsmitteln (gut/schlecht)

  • verm. Fähigkeit Stressbewältigung/ neg. Gefühlszustände auszuhalten, Selbstabwertung


biologisch:

  • Veränderungen mit nachfolgender Minderung des Energieverbrauchs; Störungen der Magenmotilität/-entleerung

Gezügeltes Essverhalten (restrained eating): höhere Wahrscheinlichkeit für Heißhungerattacken nach Periode mit gezügeltem Essverhalten

Angstreduktion durch Erbrechen: negative Verstärkung

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Multifaktorielles Modell der Essstörungen Anorexia und Bulimia Nervosa

Essstörungen entstehen durch das Zusammenspiel verschiedener prädisponierender Faktoren:

  • Biologisch: körperlich, neurobiologisch, genetisch, ernährungsphysiologisch

  • Soziokulturell: Schlankheitsideal, Familie & Peers

  • Familiär: Interaktionsmuster

  • Individuell: Perfektionismus, niedriger Selbstwert, körperliche Unzufriedenheit

  • Kognitiv: Grundannahmen

  • Ein auslösendes Ereignis führt zum Beginn der Essstörung

  • Es entwickeln sich Kernsymptome:

    • Einstellungen/Gedanken

    • gestörtes Essverhalten (z.B. Diäten)

    • Selbstbewertung abhängig von Figur und Gewicht

  • Aufrechterhaltende Bedingungen (restriktives Essverhalten, Stress, Lernerfahrungen, dysfunktionales Coping und kognitive Prozesse) halten die Störung aufrecht

  • Die aufrechterhaltenden Faktoren stehen mit den prädisponierenden Faktoren in Zusammenhang und bilden nach Beginn der Symptomatik einen Teufelskreis


<p>Essstörungen entstehen durch das Zusammenspiel verschiedener <strong>prädisponierender Faktoren</strong>:<br><br></p><ul><li><p><strong>Biologisch:</strong> körperlich, neurobiologisch, genetisch, ernährungsphysiologisch</p></li><li><p><strong>Soziokulturell:</strong> Schlankheitsideal, Familie &amp; Peers</p></li><li><p><strong>Familiär:</strong> Interaktionsmuster</p></li><li><p><strong>Individuell:</strong> Perfektionismus, niedriger Selbstwert, körperliche Unzufriedenheit</p></li><li><p><strong>Kognitiv:</strong> Grundannahmen</p></li></ul><ul><li><p>Ein <strong>auslösendes Ereignis</strong> führt zum Beginn der Essstörung</p></li><li><p>Es entwickeln sich <strong>Kernsymptome</strong>:</p><ul><li><p>Einstellungen/Gedanken</p></li><li><p>gestörtes Essverhalten (z.B. Diäten)</p></li><li><p>Selbstbewertung abhängig von Figur und Gewicht<br><br></p></li></ul></li><li><p><strong>Aufrechterhaltende Bedingungen</strong> (restriktives Essverhalten, Stress, Lernerfahrungen, dysfunktionales Coping und kognitive Prozesse) halten die Störung aufrecht<br><br></p></li><li><p>Die aufrechterhaltenden Faktoren stehen mit den prädisponierenden Faktoren in Zusammenhang und bilden nach Beginn der Symptomatik einen <strong>Teufelskreis</strong></p></li></ul><p><br></p>
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Allgemeine Therapiebestandteile bei AN & BN

1. Normalisierung von Essverhalten und Gewicht

  • Identifikation auslösender und aufrechterhaltender Bedingungen

  • Abbau der „schwarzen Liste“, Umgang mit Essanfällen und Erbrechen

  • Stimuluskontrolle und Reaktionsverhinderung

2. Bearbeitung des zugrundeliegenden Problemverhaltens

  • Aufbau von Selbstwertgefühl/Selbstverantwortung

  • Hilfe bei Aufbau adäquater familiärer Prozesse

  • Nachholen verpasster Entwicklungsschritte, Aufbau von Emotionsregulation, sozialer Kompetenz, Reduktion dysfunktionaler Kognitionen und Lernprozesse

3. Verbesserung von Körperwahrnehmung und –akzeptanz

  • Körperübungen, Körpererfahrungen

  • Reduktion dysfunktionaler Kognitionen zu Körper und Gewicht

4. Rückfall-Prophylaxe

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Ambulante Therapie vs. Stationäre Therapie

Ambulante Therapie

  • Bedeutet oft Motivationsaufbau für eine stationäre Therapie

  • Frequenz und Intensität deutlich geringer

  • Gewicht, Kaliumspiegel, Medikamentenmissbrauch und Trinkmenge kontrollieren

    Stationäre Therapie

  • BMI ≤ 15 kg/m2 oder Gewichtsverlust (> 20 % über sechs Monate)

  • Ausgeprägte somatische Folgeerscheinungen (Elektrolytentgleisungen, Niereninsuffizienz)

  • Schnelle Gewichtsabnahme, kein Erfolg bei Gewichtszunahme

  • Komorbide Störungen (z.B. Diabetes)

  • Starke familiäre Probleme/ Konflikte

Bei Behandlungsbeginn der ambulanten Therapie auf eine Warteliste setzen lassen

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Medikamente vs. Psychotherapie?

Antidepressants versus Psychological Treatments and their Combination for Bulimia Nervosa

  • Ziele: Vergleich von Antidepressiva und Psychotherapie sowie deren Kombination

  • Auswahl der Studien: alle RCTs bis Juni 2007

  • Datenbasis: 7 Studien mit N = 343

  • Outcomekriterien: (a) 100% frei von Essanfällen; (b) bulimische Symptomatik

Ergebnisse (Auswahl)

1. Reine Psychotherapie etwas besser als reine Antidepressivatherapie (39 vs. 20% essanfallsfrei; Dropoutrate 18 vs. 40%)

2. Kombination besser als Antidepressivatherapie (42 vs. 23% essanfallsfrei; Dropoutrate 34 vs. 41%)

3. Kombination lediglich leicht besser als Psychotherapie (49 vs. 36% essanfallsfrei; jedoch Dropoutrate 30 vs. 16%)

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Zusammenfassung Essstörungen

Wichtigste Diagnosegruppen (Zusätzlich existieren Untergruppen/ Mischformen)

  • Anorexia nervosa

  • Bulimia nervosa

  • Binge Eating Disorder (DSM-5, im ICD-10 unter Essstörung nnb. zu klassifizieren)

  • Adipositas ?!?

  • nach ICD-10 Stoffwechselerkrankung;

  • ggf. Zusatzdiagnose Atypische Essstörung oder Essstörung nnb. oder F54 „Psychische Faktoren und Verhaltenseinflüsse bei andernorts klassifizierten Krankheiten“

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Biopsychosoziales Entstehungsmodell (psychotropisch)

  • Alkoholkonsum:
    Kurzfristig Enthemmung, Beruhigung oder Stimulation → wirkt zunächst positiv

  • Intrapsychischer Teufelskreis (Psyche):
    Falsche Erwartungen an Alkohol („hilft mir“), schlechtere Selbstwahrnehmung und fehlende Bewältigungsstrategien → erneutes Trinken

  • Neurobiologischer Teufelskreis (Gehirn):
    Toleranz ↑, Belohnungssystem verändert sich (Gehirn produziert bzw. nutzt körpereigene Glücksstoffe schlechter), Suchtgedächtnis (Alkohol = starke Belohnung) und Reize lösen Craving aus → erneutes Trinken

  • Psychosozialer Teufelskreis (Umfeld):
    Probleme in Familie, Beruf und sozialen Beziehungen sowie fehlende Alternativen → Alkohol wird weiter als Bewältigungsstrategie genutzt, Mangel an Alternativressourcen

  • Folge:
    Alle drei Teufelskreise verstärken den Anreiz und die Automatisierung des Alkoholkonsums → die Abhängigkeit bleibt bestehen oder nimmt zu

<ul><li><p><strong>Alkoholkonsum:</strong> <br>Kurzfristig Enthemmung, Beruhigung oder Stimulation → wirkt zunächst positiv<br><br></p></li><li><p><strong>Intrapsychischer Teufelskreis (Psyche):</strong> <br>Falsche Erwartungen an Alkohol („hilft mir“), schlechtere Selbstwahrnehmung und fehlende Bewältigungsstrategien → erneutes Trinken<br><br></p></li><li><p><strong>Neurobiologischer Teufelskreis (Gehirn):</strong> <br>Toleranz ↑, Belohnungssystem verändert sich (Gehirn produziert bzw. nutzt körpereigene Glücksstoffe schlechter), Suchtgedächtnis (Alkohol = starke Belohnung) und Reize lösen Craving aus → erneutes Trinken<br><br></p></li><li><p><strong>Psychosozialer Teufelskreis (Umfeld):</strong> <br>Probleme in Familie, Beruf und sozialen Beziehungen sowie fehlende Alternativen → Alkohol wird weiter als Bewältigungsstrategie genutzt, Mangel an Alternativressourcen<br><br></p></li><li><p><strong>Folge:</strong> <br>Alle drei Teufelskreise <strong>verstärken den Anreiz und die Automatisierung des Alkoholkonsums</strong> → die Abhängigkeit bleibt bestehen oder nimmt zu</p></li></ul><p></p>
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Neurobiologischer Teufelskreis: „Suchtgedächtnis“, „Cue Reactivity“

Annahme:
Selbstbestimmte Regulation des Alkoholkonsums durch neuropsychologische Veränderungen dauerhaft erschwert


  • Klassische Konditionierung:

    • Alkohol = unkonditionierter Stimulus → Dopamin/Belohnung

    • neutrale Reize (z.B. Essen, Orte, Personen) werden zu konditionierten Stimuli

    • Diese lösen später Craving aus

    Automatisierte Reiz-Reaktions-Ketten → schwer löschbar

    • Belohnungssystem reagiert weniger auf natürliche Verstärker

    • Alkohol wird zur exklusiven Quelle von Wohlbefinden


<p><strong>Annahme: </strong><br><span>Selbstbestimmte Regulation </span>des Alkoholkonsums durch neuropsychologische Veränderungen <span>dauerhaft erschwert</span><br><br><br></p><ul><li><p class="p2"><strong>Klassische Konditionierung:</strong></p><ul><li><p>Alkohol = unkonditionierter Stimulus → Dopamin/Belohnung</p></li><li><p>neutrale Reize (z.B. Essen, Orte, Personen) werden zu konditionierten Stimuli</p></li><li><p>Diese lösen später Craving aus<br><br></p></li></ul><p>Automatisierte Reiz-Reaktions-Ketten → schwer löschbar</p><ul><li><p>Belohnungssystem reagiert weniger auf natürliche Verstärker</p></li><li><p>Alkohol wird zur exklusiven Quelle von Wohlbefinden</p></li></ul><p><br></p></li></ul><p></p>
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Was beschreibt das Dual-Process-Modell der Alkoholabhängigkeit?

Automatisierte Prozesse:

  • schnell, wenig kognitive Kontrolle

  • durch Auslösesituationen aktiviert

  • schwer zu unterdrücken

Kontrollierte Prozesse:

  • langsam, kognitiv aufwändig

  • für Abstinenz notwendig

Sucht = Dominanz automatisierter Prozesse

Abstinenz:

  • Bewusste Informationsverarbeitung/ Handlungsregulation
    (controlled processing)

  • Vergleichweise langsam & kognitiv aufwändig

→ bewusste Regulation überfordert

<p><strong>Automatisierte Prozesse:</strong></p><ul><li><p>schnell, wenig kognitive Kontrolle</p></li><li><p>durch Auslösesituationen aktiviert</p></li><li><p>schwer zu unterdrücken<br><br></p></li></ul><p><strong>Kontrollierte Prozesse:</strong></p><ul><li><p>langsam, kognitiv aufwändig</p></li><li><p>für Abstinenz notwendig</p></li></ul><p>Sucht = Dominanz automatisierter Prozesse<br><br></p><p>Abstinenz: </p><ul><li><p><span>Bewusste </span>Informationsverarbeitung/ Handlungsregulation <br>(controlled processing)</p></li></ul><ul><li><p class="p2">Vergleichweise langsam &amp; kognitiv aufwändig</p></li></ul><p></p><p></p><p>→ bewusste Regulation überfordert</p>
29
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Neurobiologischer Teufelskreis – Transmittersysteme

  • Chronischer Alkoholkonsum schädigt verschiedene Transmittersysteme (dopaminerges, serotonerges System und endogene Endorphine)
    mangelnde Selbstaktivierung des Belohnungssystems

  • Abstinenz führt durch den Endorphinmangel zu Craving, Reizbarkeit und Dysphorie (prolongiertes Entzugssyndrom)

  • Erneuter Alkoholkonsum gleicht den Endorphinmangel kurzfristig aus und lindert die Beschwerden
    negative Verstärkung

  • Dadurch verlieren natürliche belohnende Erfahrungen (z.B. Essen, Sport, soziale Kontakte) ihren Verstärkerwert

  • Alkohol: exklusivere Quelle zur Erreichung von Wohlbefinden

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Psychosozialer Teufelskreis – gestörte Trinkkultur

  • Alkoholkonsum ist in vielen gesellschaftlichen Kontexten normal und akzeptiert

  • Dadurch können riskante Konsumformen lange unbemerkt bleiben (Eisbergphänomen: das Problem entwickelt sich schleichend)

  • Mit der Zeit wird aus normalem Konsum ein gestörtes Konsumverhalten, das sozial mitgetragen oder verharmlost wird

  • Die soziale Akzeptanz begünstigt die Aufrechterhaltung der Alkoholabhängigkeit

<ul><li><p><strong>Alkoholkonsum</strong> ist in vielen <strong>gesellschaftlichen Kontexten</strong> normal und akzeptiert<br><br></p></li><li><p>Dadurch können <strong>riskante Konsumformen</strong> lange unbemerkt bleiben (<strong>Eisbergphänomen</strong>: das Problem entwickelt sich schleichend)<br><br></p></li><li><p>Mit der Zeit wird aus <strong>normalem Konsum</strong> ein <strong>gestörtes Konsumverhalten</strong>, das sozial mitgetragen oder verharmlost wird<br><br></p></li><li><p>Die soziale Akzeptanz begünstigt die <strong>Aufrechterhaltung der Alkoholabhängigkeit</strong></p></li></ul><p></p>
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Was ist das Abstinenzparadigma

= Suchttherapie:
Ausrichtung der Behandlungsbemühungen auf die Abstinenz von der jeweiligen Substanz

  • Ziel: lebenslange Abstinenz



Therapie umfasst:

  • körperliche Entgiftung

  • qualifizierte Entzugsbehandlung

  • medizinische Rehabilitation



Probleme der Versorgung:

  • geringe Inanspruchnahme/Erreichbarkeit der Betroffenen

  • Unsicherheit und Vorbehalte von Betroffenen

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Aktuelle Problemstellungen in der Versorgung von Menschen mit Alkoholabhängigkeit

  • Hohe Rückfallraten:
    Rückfälle sind trotz Behandlung häufig und gehören zum Verlauf der Alkoholabhängigkeit

  • Geringe Inanspruchnahme/Erreichbarkeit:
    Psycho- und pharmakotherapeutische Interventionen erreichen nur etwa 10 % der Betroffenen, obwohl deutlich mehr profitieren würden

  • Unsicherheit & Vorbehalte der Betroffenen:
    Viele Betroffene erkennen zwar die Notwendigkeit einer Behandlung, sind aber (noch) nicht bereit, vollständig auf Alkohol zu verzichten

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Sozial-kognitives Rückfallmodell (Marlatt & Gordon)

  • Unausgewogene Lebenssituation und scheinbar harmlose Entscheidungen führen in eine Risikosituation (z.B. unangenehme Gefühle, Konflikte, soziale Verführung)

  • Entscheidend ist, ob genügend Bewältigungsfähigkeiten und Abstinenzzuversicht vorhanden sind

  • Gute Bewältigung
    Abstinenz bleibt bestehen und die Abstinenzzuversicht steigt

  • Unzureichende Bewältigung
    Abstinenzbruch (lapse) = einmaliges erneutes Trinken

  • Schuldgefühle und geringe Abstinenzzuversicht nach einem lapse erhöhen das Risiko eines Rückfalls (relapse) = Rückkehr zum alten Konsummuster

  • deshalb wird ein individuelles Risikoprofil erstellt, um persönliche Risikosituationen zu erkennen und gezielt zu behandeln

<ul><li><p><strong>Unausgewogene Lebenssituation</strong> und <strong>scheinbar harmlose Entscheidungen</strong> führen in eine <strong>Risikosituation</strong> (z.B. unangenehme Gefühle, Konflikte, soziale Verführung)<br><br></p></li><li><p>Entscheidend ist, ob genügend <strong>Bewältigungsfähigkeiten</strong> und <strong>Abstinenzzuversicht</strong> vorhanden sind<br><br></p></li><li><p><strong>Gute Bewältigung</strong> <br>→ <strong>Abstinenz</strong> bleibt bestehen und die <strong>Abstinenzzuversicht</strong> steigt<br><br></p></li><li><p><strong>Unzureichende Bewältigung</strong> <br>→ <strong>Abstinenzbruch (lapse)</strong> = einmaliges erneutes Trinken<br><br></p></li><li><p><strong>Schuldgefühle</strong> und geringe <strong>Abstinenzzuversicht</strong> nach einem <em>lapse</em> erhöhen das Risiko eines <strong>Rückfalls (relapse)</strong> = Rückkehr zum alten Konsummuster<br><br></p></li><li><p>deshalb wird ein <strong>individuelles Risikoprofil</strong> erstellt, um persönliche Risikosituationen zu erkennen und gezielt zu behandeln</p></li></ul><p></p>
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Phasen der Behandlung von Sucht

  1. Motivationsphase

  2. Entgiftungsphase

  3. Entwöhnungsphase: psychotherapeutische Bearbeitung suchterhaltender Kognitionen & Verhaltensstrategien

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Grundsätze der Behandlung der Alkoholabhängigkeit

  • Behandlung der körperlichen Komponente:
    Entzug, Behandlung körperlicher Folgeschäden und Stabilisierung

  • Behandlung der psychischen Funktionsstörungen:
    Verbesserung von kognitiven Beeinträchtigungen, Emotionsregulation, Frustrationstoleranz und Abbau ungünstiger Verhaltensmuster (Dekonditionierung)

  • Behandlung der Sozialisationsdefizite:
    Förderung von Alltagsbewältigung, Schul-/Berufsausbildung, stabilen Bezugsgruppen (peer group) und einer langfristigen Lebensperspektive

  • Postentzugsbehandlung:
    Komplexbehandlung, die verschiedene Interventionen (medizinisch, psychotherapeutisch und sozial) kombiniert und durch ein multiprofessionelles Team durchgeführt wird