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Was versteht man in der Psychologie unter “psychischer Entwicklung” des Individuums? (5 Kernmerkmale nach Pinquart, 2011)
Unter der “psychologischen Entwicklung” des Individuums versteht man die geordnete (regelhafte), gerichtete und längerfristige Veränderung des Erlebens und Verhaltens über die gesamte Lebensspanne.
Entwicklung des Individuums: Fokus liegt auf der einzelnen Person
Geordnetheit (Regelhaftigkeit): Veränderung treten nicht zufällig auf, sondern folgen logischen Abfolgen
Gerichtetheit: Die Entwicklung steuert auf bestimmte Zustände (z.B. höhere Komplexität) zu
Längerfristigkeit: Es handelt sich um dauerhafte Veränderungen (Abgrenzung zu kurzfristigen Befindlichkeiten wie Müdigkei oder Launen)
Lebensspanne: Die Entwicklung beginnt mit der Empfängnis und endet erst mit dem Tod
Welche vier allgemein-psychologischen Aufgaben hat die Entwicklungspsychologie?
nach Pinquart, 2011:
Beschreibung der menschlichen Entwicklung (Was verändert such wann?)
Erklärung der Entwicklung (Warum verändern sich Dinge? Was sind die Ursachen?)
Vorhersage (Prognose) der Entwicklung (Wie wird sich eine Person zukünftig verhalten?)
Beeinflussung (Intervention) der menschlichen Entwicklung (Wie kann man positive Verläufe fördern oder Risiken minimieren?)
Welche drei anwendungsorientierten Aufgaben hat die Entwicklungspsychologie?
nach Montada, 2008:
Bestimmung des aktuellen Entwicklungsstandes (Diagnostik)
Prognose des zukünftigen Entwicklungsstandes
Möglichkeiten zur Beeinflussung des Entwicklungsverlaufes (Prävention/Therapie)
Erkläre das Grundproblem von „Anlage vs. Umwelt“ und den aktuellen wissenschaftlichen Konsens.
Anlage: biologische Grundausstattung eines Menschen - konkret die von den Eltern übermittelten Gene
Umwelt: materielle und soziale Umgebung, welche die Entwicklung prägt (z.B. das familiäre Zuhause, die besuchte Schule, der Freundeskreis, die Kultur, usw.)
Wissenschaftlicher Konsens: Entwicklung wird niemals von nur einem Faktor bestimmt, sondern ist immer das Resultat aus dem Zusammenspiel beider Faktoren
Moderne Forschungsfrage: Wissenschaft fragt nicht mehr “Was von beiden?”, sondern “Wie genau das Zusammenspiel von Anlage und Umwelt bei der Entwicklung ist”
Studie von Haworth, 2010: 11.000 Zwillinge aus 4 Ländern, Nachweis das die Erblichkeit (Relevanz der Gene) für die allgemeine kognitive Fähigkeit von der Kindheit bis zum jungen Erwachsenenalter nimmt zu
Was bedeutet die Annahme des „aktiven Kindes“? Beschreibe dazu die Methode und Ergebnisse des Saug-Experiments von DeCasper & Fifer (1980).
Konzept: Kinder sind keine passiven Empfänger ihrer Umwelt. Sie tragen von Geburt an aktiv durch ihre Aufmerksamkeit, ihren Sprachgebrauch und ihr Spielverhalten zu ihrer eigenen Entwicklung bei.
Das Experiment (DeCasper & Fifer, 1980):
Methode: Untersuchung mit 2 Tage alten, neugeborenen Säuglingen mittels einer Variante des High-Amplitude-Sucking (Saugpräferenzmethode). Die Säuglinge bekamen Kopfhörer auf. Die Länge der Pausen zwischen ihren Saugbewegungen steuerte, welche Stimme eingespielt wurde (Stimme der eigenen Mutter vs. Stimme einer fremden Person).
Hälfte der Säuglinge: Lange Pause = Stimme der Mutter; kurze Pause = fremde Stimme; Andere Hälfte umgekehrt
Ergebnis: Säuglinge lernen extrem schnell und passen ihre Pausenzeiten beim Saugen gezielt so an, dass sie die Stimme ihrer eigene Mutter deutlich länger und häufiger hörten
Beweis: Säuglinge steuern ihre Umwelt aktiv, um Reize auszuwählen
Grenzen Sie kontinuierliche und diskontinuierliche Entwicklungsmodelle voneinander ab. Welches prominente Beispiel wird genannt?
Kontinuierliche Entwicklung: Vorstellung, dass altersbedingte Veränderungen völlig allmählich, gleichmäßig und in kleinen Schritten eintreten (wie kontinuierliches Wachstum eines Baumes)
Diskontinuierliche Entwicklung: Vorstellung, dass Entwicklung mit gelegentlich, abrupten und großen Wandlungen einhergeht. Sie wird als Abfolge von qualitativen Stufen oder Stadien verstanden (wie Verwandlung der Raupe zum Schmetterling)
Zentrales Beispiel für Diskontinuität: Piagets Stufentheorie der kognitiven Entwicklung
Was versteht man unter „Sozialer Stützung“ (Mechanismengewinnung) und wie prägt der soziokulturelle Kontext das Denken?
Soziale Stützung/ Mechanismen der Veränderung:
Kognitive Entwicklung wird stark durch soziale Interaktionen vorangetrieben.
Soziale Stützung: kompetentere Person (z.B. Elternteil/Lehrkraft) bietet dem Kind ein unterstützendes Gerüst; Kind wird in die Lage versetzt, Probleme auf einem höherem Niveau zu lösen (z.B. durch Vormachen, Erklären von Teilzielen); Qualitativ hochwertige Stützung führt nachweislich zu besserem Lernerfolg
Soziokultureller Kontext:
Institutionen, Bräuche, Technologien und Werte einer spezifischen Gesellschaft prägen die Entwicklung massiv
z.B. Abakus (Rechenschieber): nur in bestimmten Ländern verwendet führt dazu das nur diese Kinder eine bestimmte Rechenstrategie entwickeln
Welche 4 Gründe nennt Scarr (1992) für interindividuelle Unterschiede? Wie nutzt die Praxis die Methode der Blickpräferenz?
Scarr: Warum entwickeln sich Kinder (selbst Geschwister) unterschiedlich?
Genetische Unterschiede
Unterschiedliche Behandlung durch Eltern und andere Bezugspersonen
Unterschiedliche Reaktionen der Kinder auf dieselbe Erfahrungen
Die bewusste Wahl unterschiedlicher Umgebungen durch die Kinder selbst (aktive Nischenplatzierung)
Forschung und Kindeswohl/ Blickpräferenz: Wissenschaftliche Erkenntnisse helfen bei Diagnosen im Alltag
Prinzip: Säuglinge betrachten gemusterte Flächen länger als komplett graue Flächen (sofern sie unterscheiden können)
Praxis: durch Variieren der Streifenabstände und des Kontrasts kann man bereits ab 2 Monaten das exakte Ausmaß einer visuellen Beeinträchtigung exakt diagnostizieren
Erkläre den genauen Unterschied zwischen strukturierter und natürlicher Beobachtung. Nenne jeweils das Vorlesungsbeispiel.