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Warum genau die politische Philosophie?
Sie beschäftigt sich als normative Disziplin mit der Kritik, der Sinngebung und der Wegweisung allen politischen Handelns und nimmt das Politische in Gesellschaften schlechthin in den Fokus.
Warum genau die politische Philosophie?
Zu ihren Themenbereichen gehören
die Bestimmung und Begründung zentraler politischer Prinzipien wie Freiheit oder Gerechtigkeit,
die Begründung und Durchsetzung von Menschenrechten,
die Verhältnisbestimmung von öffentlichem Handeln und persönlichem Glück,
Fragen der sozialen Gerechtigkeit und
Fragen der internationalen Beziehungen und der Friedenssicherung.
Ausgehend von diesen grundlegenden Fragestellungen nimmt die politische Philosophie auch Stellung zu konkreten politischen Themen wie beispielsweise die Frage der betrieblichen Mitbestimmung oder des staatlichen Einflusses auf ökonomisches Handeln
Die wichtigsten Theorien der letzten drei Jahrhunderte, die noch heute Einfluss auf die Ökonomie haben, um abschließend noch einen Einblick in die Wachstumskritik im 21. Jahrhundert zu gewähren.
Adam Smith und die unsichtbare Hand
Bentham und Mills – Utilitarismus oder die Suche nach dem Glück
John Rawls und Fairness
Adam Smith und die unsichtbare Hand
Der schottische Moralphilosoph Adam Smith gilt als Urvater des ungehemmten Kapitalismus, der auf die unsichtbare Hand des Marktes vertraute und den Einfluss des Staates auf die Wirtschaft begrenzen wollte.
Sein Werk „Wohlstand der Nationen“ (1776) wird oft auf zwei Kernthesen reduziert:
Arbeitsteilung ist effizient.
Ein freier Markt führt zu Wohlstand.
Adam Smith und die unsichtbare Hand
Kernaspekte der Theorie
Will den Einfluss des Staates auf das Wirtschaftsgeschehen möglichst geringhalten.
Sein Idealbild von wirtschaftlicher und sozialer Harmonie schuf er in einer Zeit, in der absolutistische Nationalstaaten durch rücksichtslose Kolonialisierung den eigenen Reichtum maximieren wollten.
Für Smith aber sollte nicht das Gold, sondern die vom Volk geleistete Arbeit die Quelle des Wohlstands und Reichtums werden
Laut Gerhard Streminger (2017) kann Smiths ökonomische Theorie nicht ohne die verhaltenswissenschaftlichen Vorüberlegungen aus der „Theorie der ethischen Gefühle“ (1759) verstanden werden.
Smith war auf jeden Fall ein Liberaler, der für den Freihandel eintrat. Er war aber auch skeptisch gegenüber vielen Aspekten des Unternehmertums und plädierte für Gewerkschaften, staatlichen Arbeitsschutz und hohe Löhne. Außerdem solle der Staat die schlimmsten Auswüchse von Armut bekämpfen und für ausreichend Bildung sorgen. Mit Bildung sei aber nicht Schulwissen oder das Erlernen eines bestimmten Berufes gemeint, sondern das Erlernen von empathischen Fähigkeiten – speziell, dass sich ein Mensch in die Situation anderer hineinversetzen und neutral über eine Sache urteilen könne.
Adam Smith muss bis heute für den Glauben herhalten, dass ein entfesselter Markt den Wohlstand aller am besten mehre. „Smiths Wohlstand der Nationen ist auch heute noch der Quelltext für eine ganze Wissenschaft. Dass ein fast 250 Jahre altes Buch immer noch Grundlage und wichtige Inspirationsquelle einer ganzen Wissenschaftsdisziplin ist, die sich zudem als modern und wegweisend gibt, ist einmalig.“ (Streminger, 2017, S. 189)
Der schottische Ökonom hat aber die starke Rolle des Marktes, wie sie heute oft propagiert wird, niemals in Reinform so eingefordert. Eine Gesellschaft ohne starken Staat kann genauso wenig funktionieren, wie eine Gesellschaft ohne freien Markt, so lautet Smiths These
Bentham und Mills – Utilitarismus oder die Suche nach dem Glück
Was soll ich tun? Diese ethische Grundfrage stellten sich die beiden britischen Philosophen Jeremy Bentham (1748–1832) und John Stuart Mill (1806–1873) und beantworteten sie mit folgender Grundregel: Handle so, dass die Folgen deiner Handlungen das Glück der Betroffenen maximieren.
Diesen utilitaristischen Imperativ begründet Bentham rein quantitativ, während Mills auch qualitative Argumente anführt.
Handlungen werden danach beurteilt, ob sie den größtmöglichen Nutzen (für die größtmögliche Anzahl an Betroffenen) haben. Der Mensch ist ein Bedürfniswesen, das auf Maximierung von Lust (Freude) und Minimierung von Unlust (Leid/Schmerzen) ausgerichtet ist.
Oberstes Ziel ist die Maximierung von Freude und die Minimierung von Leid.
Bentham und Mills – Utilitarismus oder die Suche nach dem Glück
4 Prinzipien des Utilitarismus

Bentham und Mills – Utilitarismus oder die Suche nach dem Glück
Bewertung der Theorie
kommt häufig auch in politischen Entscheidungen zum Tragen, mit denen das Gesamtwohl der Gesellschaft erhöht und das Glück möglichst Vieler vergrößert werden soll.
Es wird abgewogen, welche politischen Entscheidungen die besten Konsequenzen für die größte Anzahl an Betroffenen hätten.
Schwächen:
Wie definiert, quantifiziert, berechnet und vergleicht man Freud und Leid?
die angebliche Berechnungsgrundlage (die Folgen) sind sehr vage und nicht wirklich einschätzbar.
Bei einer reinen Betrachtung der Folgen wird nur das Ergebnis bewertet und nicht der Weg dorthin, was zum größten Kritikpunkt an der Nutzenethik führt: Der Nutzen für die Allgemeinheit führt zu Verletzungen von Grund- und Menschenrechten. So können beispielsweise Minderheiten im Sinne des Allgemeinwohls unterdrückt werden.
Die Nutzenmaximierung ist aber auch zur Grundkonstante einer jeden gängigen Wirtschaftstheorie geworden. „Mit dem utilitaristischen Nutzen fließt nicht nur eine neue Kategorie in die Wirtschaftstheorie ein, sondern auch eine neue Moralbegründung, die sich nachhaltig auf das Selbstverständnis der Ökonomik ausgewirkt hat.“
So gilt in der Ökonomie bis heute der utilitaristische Grundsatz: Je größer der Reichtum, umso größer die Freude, desto größer das Glück. Die Anlagen des utilitaristischen Menschen sind mithin perfekt auf den Funktionsmechanismus der Wirtschaft ausgelegt
John Rawls und Fairness
John Rawls (1921–2002) läutete 1971 mit seinem Werk „Eine Theorie der Gerechtigkeit“ einen tiefgreifenden Wandel in der philosophischen Szene ein.
„An die Stelle des utilitaristischen Prinzips vom ‚größten Glück der größten Zahl‘ tritt […] der Gedanke der ‚Gerechtigkeit als Fairness‘.“
Rawls konzipierte die „Theorie der Gerechtigkeit als Fairness“ in der Tradition des Kontraktualismus und als Alternative zum Utilitarismus.
Vertragstheorie oder auch Kontraktualismus ist eine legitimierende Vorstellung, um staatliche Rechtsordnungen moralisch und institutionell zu begründen.
Ziel: eine geordnete Gesellschaft mit Individuen zu schaffen, die nach ihrer Befähigung ihren Platz im System erhalten, und Regeln für das Zusammenleben zu finden, die für alle fair und akzeptabel sind.
John Rawls und Fairness
Welche Grundregeln braucht eine gerechte Gesellschaft? Um diese Frage zu beantworten, wählt Rawls die Methode eines Gedankenexperiments: Er versetzt die Gesellschaft in einen Urzustand.
In diesem Urzustand treffen rational denkende und handelnde Personen eine Entscheidung über die richtigen Prinzipien für den Aufbau einer gerechten menschlichen Gesellschaft. Die Personen, die diesen Urvertrag schließen, befinden sich in einem „Schleier der Unwissenheit“ und haben keine Ahnung, welche individuellen Interessen, Fähigkeiten und welche soziale und ökonomische Stellung sie in der zu begründenden Gesellschaft haben werden. Dieses Nichtwissen erzeugt für Rawls Fairness in der Entscheidung.
John Rawls und Fairness
Wissen im Urzustand
Wissen über
Verständnis von politischen Fragen und Wirtschaftstheorien
Grundregeln der gesellschaftlichen Organisation
Gesetze der menschlichen Psychologie Eine schwache Theorie des Guten
Kein Wissen über
Soziale Stellung
Talente/Begabungen, Alter, Geschlecht, Gesundheit, körperliche Verfassung, Intelligenz, Charakter
Moralauffassung (Vorstellung des Guten)
John Rawls und Fairness
Die Menschen, die in Unkenntnis ihrer späteren gesellschaftlichen Stellung den Urvertrag abschließen, verpflichten sich zwei Gerechtigkeitsprinzipien zu respektieren:
das Gleichheitsprinzip (Grundfreiheiten/Grundrechte),
das Differenzprinzip (gerechte Verteilung von Gütern und Chancengleichheit).
Das 2. Prinzip ist auch unter der Maximin-Regel geläufig: Es wird die Option mit dem maximalen Minimum gewählt. Oder mit anderen Worten: Es geht nicht wie im Utilitarismus um den besten Durchschnittsnutzen, sondern um eine Art Sozialstaat, in welchem es auch den Personen mit der schlechtesten Rolle noch einigermaßen gut geht.
Gleichheitsprinzip hat immer Vorrang vor dem Differenzprinzip, da der 2. Grundsatz nicht auf Kosten von Grundrechten durchgesetzt werden kann.
John Rawls und Fairness
Bewertung
Rawls Prinzipien der Gerechtigkeit bzw. der Versuch diese umzusetzen, lassen sich seit Jahrzehnten nicht nur im politischen Umfeld, sondern auch in einer Vielzahl an Beispielen in der Unternehmenswelt beobachten. Themen wie Chancengleichheit und Grundfreiheiten nehmen immer mehr Platz in der Unternehmenskultur ein. Außerdem würde laut Cohen (2010) eine Gesellschaft, die auf dem Konzept der Gerechtigkeit als Fairness aufgebaut wäre und dieses von Generation zu Generation weitergäbe, die ökologische Nachhaltigkeit auf eine Weise angehen, die sich von der jetzigen stark unterscheidet.
Wachstum oder nicht? – Degrowth, Next-Growth, Green-Growth oder Nogrowth?
Schon vor 50 Jahren setzte sich der Club of Rome kritisch mit dem ökonomischen Wachstum und seinen Grenzen auseinander. Allerdings dauerte es dann noch mindestens 40 Jahre, bis die Wachstumskritik im Mainstream angekommen war. Seit mittlerweile mehr als zehn Jahren rütteln vermehrt vor allem Ökologen, aber auch Ökonomen am neoliberalen Glauben an das unbegrenzte Wachstum einer Wirtschaft.
Wachstum oder nicht? – Degrowth, Next-Growth, Green-Growth oder Nogrowth?
Ansicht Tim Jackson
So fragt sich beispielsweise Tim Jackson, britischer Ökonom, in seinem Buch „Wohlstand ohne Wachstum“, wie zukünftig in einer endlichen Welt gelebt und gewirtschaftet werden kann.
„Soziale Ungerechtigkeit und auf Umweltzerstörung gegründeter Wohlstand für einige wenige können nicht die Grundlage einer zivilisierten Gesellschaft sein.“
Er spricht von einem Wachstumsdilemma, in dem wir uns gerade befinden. Unter den gegebenen ökonomischen Bedingungen sei Stabilität nur durch Wachstum möglich. Vor allem Staat und Politik seien in der Pflicht, den grenzenlosen Konsumismus einzudämmen und für eine gerechtere Gesellschaft zu sorgen. „Ein Staat, der sich nur darauf beschränkt, Marktfreiheit im Sinne eines grenzenlosen Konsumismus zu schützen, hat nichts mit einem Gesellschaftsvertrag zu tun, der diesen verdient.“
Wachstum oder nicht? – Degrowth, Next-Growth, Green-Growth oder Nogrowth?
Ansicht Niko Paech
Niko Paech geht in seinen Überlegungen noch weiter als Jackson und sieht nicht den Staat, sondern jedes einzelne Individuum in der Pflicht.
Der materielle Wohlstand führt für ihn zu einem maßlosen Lebensstil, der mit großer Selbstverständlichkeit die Umwelt plündere und die Zeche bezahlen die Folgegenerationen.
Von der Wachstumsabhängigkeit müsse sich unweigerlich verabschiedet werden, ob „by design“ oder „by desaster“. Erst wenn sich die Lebenspraxis einzelner Individuen geändert habe, ließe sich realistisch über einen politischen Umbau nachdenken. Grünes Wachstum ist für ihn darüber hinaus aufgrund der möglichen Rebound-Effekte lediglich Augenwischerei und begäbe die Gesellschaft nur in neue Abhängigkeiten statt welche aufzulösen
Grünes Wachstum
Mit diesem Begriff wird Wachstum bei Einhaltung ökologischer Grenzen bezeichnet.
Rebound-Effekte
Rebound-Effekte können ursprünglich erhoffte Einsparungen durch Effizienzsteigerungen aufheben, da eine größere Nachfrage entsteht und somit der Ressourcenverbrauch wieder steigt.
Wachstum oder nicht? – Degrowth, Next-Growth, Green-Growth oder Nogrowth?
Mögliche Lösungswege hin zu einer Postwachstumsökonomie
Reformorientierte Wachstumskritik nach Jackson:
Eine ökologische Makroökonomie zu entwickeln, bedeutet …
… Dienstleistungen auszubauen.
… das BIP abzuschaffen und eine umfassende Gesamtrechnung aufzustellen.
… eine ökologische Steuerreform durchzuführen.
… die Geldmenge öffentlich zu kontrollieren.
… die Konsumkultur zu verändern und
das Einkommen und die Arbeitszeiten zu reglementieren (Jackson, 2012).
Individualethische Wachstumskritik nach Paech
Für eine Postwachstumsökonomie braucht es kreatives Unterlassen durch …
… eine Ökonomie der Nähe.
… kreative Selbstversorgung.
… eine individuelle Ökobilanz.
… Konsumreduktion.
… Entschleunigung und
ein Umdenken auf kultureller Ebene (Paech, 2015).
Wachstum oder nicht? – Degrowth, Next-Growth, Green-Growth oder Nogrowth?
Mit dem Thema Wachstum und Nachhaltigkeit befassen sich noch weit mehr als nur Jackson und Paech + Gemeinsame Erkenntnisse
im deutschsprachigen Diskurs: die beiden Ökonominnen Irmi Seidl und Angelika Zahrnt, die allem voran für eine strukturelle und institutionelle Unabhängigkeit vom Wachstum plädieren.
Gemeinsame Erkenntnisse: dass das Wachstum, wie es derzeit vorherrscht, nicht vereinbar ist mit Nachhaltigkeit. Ihre Überlegungen, wie sie das ändern wollen, unterscheiden sich laut Egan-Krieger aber „nicht nur inkrementell, sondern kategorial“
Wie man in den vorangehenden Ausführungen sieht, wurde der Weisheit letzter Schluss bei der Frage nach dem Wirtschaften der Zukunft noch nicht gefunden (und wird vermutlich auch nie gefunden werden), aber jeder für sich hat in seiner jeweiligen Zeit erkannt, dass ein grundlegender Wandel im Denken, im Wirtschaften und in der Gesellschaft ansteht. Und so scheint auch in der heutigen Zeit ein grundlegender Paradigmenwechsel nicht nur, aber auch im Bereich der Ökonomie unausweichlich zu werden. Die Ausgestaltung des Wandels ist aber wiederum nicht Aufgabe der Philosophie – sie fungiert auch hier hauptsächlich als Impulsgeberin –, sondern der Akteure aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft.