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Lernkarten im Karteikartenstil (Fachbegriff und Definition) zur Vorlesungssitzung 'Migration und Bildungsungleichheit' von Tina Baier.
Migrationsbezogene Kategorien (Begriffsabgrenzung)
Vier grundlegende Differenzierungen nach den Vorlesungsfolien:
Staatsangehörigkeit: Die formale und rechtliche Zugehörigkeit einer Person zu einem Staat.
Geburtsland: Das Land, in dem eine Person physisch geboren wurde.
Migrationshintergrund: Berücksichtigt meist das eigene Geburtsland und das der Eltern (die Definition variiert zwischen Studien).
Generationenstatus: Unterscheidung zwischen 1. Generation (selbst zugewandert), 2. Generation (im Inland geboren mit zugewanderten Eltern) und teils 1.5. Generation (im Kindesalter bzw. früh zugewandert).
Kompetenzdisparitäten in PISA 2025 (Schweiz, Naturwissenschaften)
Verteilung der Jugendlichen auf Kompetenzniveaus nach Erzinger et al. (2026):
Befund: Jugendliche der 1. und 2. Generation fallen mehr als doppelt so häufig in die leistungsschwache Risikogruppe (unter Niveau 2).

Verteilung auf Anforderungsniveaus der Sekundarstufe I (ÜGK 2016, 9. Klasse)
Befunde nach Gomensoro et al. (2025) für die 9. Klasse in der Schweiz:
Hohe Anforderungen:
In der Schweiz geboren (mind. ein Elternteil ebenfalls): 45,1 %45,1%
2. Generation übrige EU: 34,8 %34,8%
2. Generation Türkei: 23,7 %23,7%
2. Generation Balkan: 14,0 %14,0%
1. Generation insgesamt: 12,4 %12,4%
Grundanforderungen (Überrepräsentation von Zuwanderungsgruppen):
2. Generation Balkan: 53,3 %53,3%
1. Generation insgesamt: 46,9 %46,9%
2. Generation Türkei: 44,6 %44,6%
In der Schweiz geboren: nur 19,2 %19,2%
Kernbefund: Jugendliche der 1. Generation sowie der 2. Generation aus dem Balkan und der Türkei sind in Klassen mit Grundanforderungen massiv überrepräsentiert und besuchen weitaus seltener Züge mit hohen Anforderungen als Einheimische.

Sekundarstufe-II-Abschluss nach Elternbildung und Herkunft (BFS 2022, LABB)
Sek-II-Abschlussquoten bis zum Alter von 25 Jahren (Kohorte 2010):
Befund: Neben der sozialen Herkunft besteht bei gleicher Elternbildung ein dauerhafter Abschlussnachteil für im Ausland Geborene mit ausländischer Staatsangehörigkeit.
Universitätseintritt nach Migrationsstatus (SKBF 2026)
Vergleich der beobachteten Eintrittsquoten mit Quoten bei gleichen Kompetenzen:
Fazit: Bei gleichen schulischen Kompetenzen verringern sich die Unterschiede beim Hochschulzugang fast vollständig, was auf hohe Bildungsaspirationen in Zuwandererfamilien hinweist.
Erklärungsansätze nach Dollmann (2017)
Dreiteiliges Erklärungsmodell für migrationsbezogene Bildungsdisparitäten:
Individuelle und familiäre Ressourcen:
Ökonomische und kulturelle Ressourcen
Unterrichtssprache und institutionelles Wissen über das Bildungssystem
Bildungsaspirationen und Bildungsentscheidungen:
Bildungsziele und Aufstiegsmotivation
Abwägung von Kosten und Erfolgsaussichten
Institutionelle Bewertung und Auswahl:
Herkunftsbezogene Erwartungen bei Benotung und Auswahl
Mögliche Diskriminierung beim Bildungs- und Ausbildungszugang
Primäre Herkunftseffekte im Migrationskontext
Leistungs- und Kompetenzdisparitäten, die durch ungleiche Lernbedingungen verursacht werden. Zentrale Bedingungen nach Folie 14:
Unterrichtssprache: Lerngelegenheiten in Familie, vorschulischer Betreuung und Schule.
Einwanderungsalter und Schulerfahrungen: Zeitpunkt der Zuwanderung und Kontinuität der Bildungslaufbahn.
Elterliche Lernunterstützung: Sprachkenntnisse und Vertrautheit der Eltern mit schulischen Anforderungen.
Soziale Herkunft: Formales Bildungsniveau und ökonomische Ressourcen des Elternhauses.
Sekundäre Herkunftseffekte im Migrationskontext
Unterschiede in Bildungsentscheidungen und Bildungswegen nach sozialer Herkunft bzw. Migrationsstatus, die selbst bei vergleichbaren schulischen Leistungen fortbestehen.
Sie beruhen auf herkunftsspezifischen Kosten-Nutzen-Kalkulationen, Statusreproduktionsmotiven sowie ausgeprägten Bildungsaspirationen.
Schulnoten nach Migration und sozialer Herkunft (Becker & Schubert 2011 / IGLU-E)
Anteil mit sehr guten oder guten Durchschnittsnoten (Deutsch, Mathematik, Sachkunde) am Ende der 4. Klasse in Deutschland:
Befund: Soziale Schicht und Migrationshintergrund verstärken sich kumulativ zu Ungunsten zugewanderter Kinder.

Bildungswunsch vs. Bildungserwartung
Zwei Formen von Bildungsaspirationen:
Bildungswunsch (idealistische Aspiration): Der Bildungsabschluss, den eine Person unter idealen Rahmenbedingungen am liebsten erreichen möchte.
Bildungserwartung (realistische Aspiration): Der Bildungsabschluss, den eine Person unter realistischer Abwägung tatsächlicher Bedingungen, eigener Noten, Ressourcen und konkreter Erfolgsaussichten zu erreichen glaubt.
Migrationsparadox
Das empirische Phänomen, dass Jugendliche mit Migrationshintergrund trotz ungünstigerer soziokultureller Voraussetzungen, geringerer Schulnoten und institutioneller Hürden häufig überdurchschnittlich hohe Bildungsaspirationen und Bildungserwartungen aufweisen.
Konkretes Beispiel (Salikutluk 2016): Jugendliche türkischer Herkunft erwarten an Sekundarschulen bei objektiv gleichen Noten und familiären Voraussetzungen signifikant häufiger das Abitur als Jugendliche ohne Migrationshintergrund, angetrieben durch ausgeprägte Aufstiegsmotivation und hohe Bildungsziele im sozialen Umfeld.
Salikutluk (2016): Studie zu Abiturerwartungen
Untersuchung von Abiturerwartungen und ihren Determinanten:
Daten & Methode: Logistische Regressionen mit N=1129 Schüler/innen der 9. und 10. Klasse an Haupt-, Real- und Gesamtschulen in drei deutschen Bundesländern.
Hauptergebnisse:
Bei vergleichbaren familiären und schulischen Voraussetzungen erwarten Jugendliche türkischer Herkunft signifikant häufiger das Abitur als die deutsche Kontrollgruppe.
Dies wird maßgeblich durch ausgeprägte Aufstiegsmotivation sowie hohe Bildungsziele im sozialen Umfeld erklärt.
Für Jugendliche aus der ehemaligen Sowjetunion [zeigt sich anderes Muster] zeigt sich unter gleichen Voraussetzungen kein statistisch signifikanter Unterschied zur deutschen Gruppe.
[wissen wie schwierig. informationsdefizit hat sich also nicht bewahrheitet]
Sprietsma (2013): Experiment zu Herkunft und Benotung
Experimentelle Studie zu herkunftsbezogener Benotung und Übergangsempfehlungen:
Design: 88 Grundschullehrkräfte in Deutschland beurteilten identische Aufsätze aus der 4. Klasse, denen zufällig ein deutscher oder türkischer Vorname zugewiesen wurde.
Ergebnisse für türkisch klingende Vornamen:
Eine um 0,11 Notenpunkte schlechtere Benotung (SE=0,04, p<0,05)
Eine um 11 Prozentpunkte seltenere Gymnasialempfehlung (SE=3%, p<0,01)
Fazit: Allein die zugeschriebene ethnische Herkunft beeinflusst bei objektiv identischer Leistung die Notenvergabe und den weiteren Bildungsweg negativ.
Imdorf (2017): Institutionelle Auswahl bei Lehrstellen
Qualitative Studie zu Auswahlbegründungen von Ausbildungsbetrieben:
Datensatz: Interviews mit Auswahlverantwortlichen aus 81 Deutschschweizer KMU (Erhebung 2004/2005).
Befund: Als „fremd“ wahrgenommene Jugendliche (besonders aus der Türkei und dem ehemaligen Jugoslawien) werden systematisch ausgeschlossen.
Drei zugeschriebene Risikobereiche:
Zusammenarbeit und Anleitung: Befürchtete Teamkonflikte und Probleme mit Vorgesetzten.
Kundschaft: Befürchtete Ablehnung durch Kundinnen und Kunden.
Ausbildungsverlauf: Unterstellte Risiken für Schulversagen, Ausbildungsabbruch und erhöhten Betreuungsaufwand.
Fazit: Ethnische Zuschreibungen fungieren als institutionalisierte Risikomerkmale zur Begründung von Ausschlüssen.
Klein & Becker (2017): Sprachliche Lerngelegenheiten vor Schuleintritt
Studie zum vorschulischen Wortschatzerwerb:
Stichprobe: N=1196 Kinder im Alter von 3 bis 6 Jahren in Deutschland.
Vergleichsgruppen: Kinder ohne Migrationshintergrund sowie Kinder türkischer Herkunft mit viel bzw. wenig Deutschkontakt zu Hause.
Befund: Eine längere Vorschulbesuchsdauer (in Monaten bei 26Std./Woche) führt zu einem deutlichen Zuwachs des deutschen Wortschatzes.
Der Fördereffekt ist am stärksten bei Kindern türkischer Herkunft mit wenig häuslichem Deutschkontakt, was belegt, dass vorschulische Lerngelegenheiten primäre Herkunftseffekte vor der Einschulung reduzieren können.