Vorlesung 5: Biologie I: Erblichkeit der Persönlichkeit

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Fachbegriffe und Definitionen zur Vorlesung über die Erblichkeit der Persönlichkeit, quantitative und molekulare Verhaltensgenetik, Temperamentsmodelle, Anlage-Umwelt-Zusammenspiel sowie Epigenetik.

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Primäre Fragestellungen der Verhaltensgenetik

Die Verhaltensgenetik untersucht drei zentrale Kernfragen:

  1. Welcher prozentuale Anteil der phänotypischen Varianz in Verhalten, Kognitionen und Emotionen geht auf genetische Unterschiede (VGV_G) vs. Umwelteinflüsse (VUV_U) zurück?

  2. Auf welche Weise interagieren und korrelieren Anlage und Umwelt miteinander?

  3. Welche spezifischen Umweltaspekte sind wirksam (geteilte vs. nicht-geteilte Umweltfaktoren)?


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Selektives Züchten (Forschungsmethode)

Eine tierexperimentelle Methode der Verhaltensgenetik:

  • Vorgehen: Gezielte Verpaarung von Männchen und Weibchen, die ein bestimmtes phänotypisches Merkmal besonders stark aufweisen.

  • Schlussfolgerung: Häuft sich das Merkmal in den Folgegenerationen, ist dies ein Nachweis für dessen Erblichkeit.

  • Befund: Bei Hunden konnten Verhaltensweisen wie Aggressivität oder Verträglichkeit gezüchtet werden.

  • Grenze: Beim Menschen aus ethischen Gründen unzulässig.


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Familienstudien (Verhaltensgenetik)

Ein verhaltensgenetisches Untersuchungsdesign:

  • Prinzip: Korrelation des genetischen Verwandtschaftsgrades (% identischer Gene) mit der Ähnlichkeit im Persönlichkeitsmerkmal:

    • Verwandte 1. Grades (Eltern, Geschwister, Kinder): ca. 50 %50\,\% gemeinsame Gene.

    • Verwandte 2. Grades (Grosseltern, Onkel, Tanten, Nichten, Neffen): ca. 25 %25\,\% gemeinsame Gene.

    • Verwandte 3. Grades (Cousins/Cousinen): ca. 12.5 %12.5\,\% gemeinsame Gene.

  • Logik: Zeigen Personen mit höherer genetischer Verwandtschaft stärkere Ähnlichkeit, spricht dies für Erblichkeit.

  • Methodisches Problem: Höhere genetische Verwandtschaft ist im Alltag meist mit ähnlicherer Umwelt konfundiert.


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Zwillingsstudien (Design und Schätzformel)

Methode zum Vergleich von eineiigen Zwillingen (MZ, 100 %100\,\% identische Gene) und zweieiigen Zwillingen (DZ, 50 %50\,\% identische Gene):

  • Logik: Bei konstanter Umwelt spricht rMZ>rDZr_{MZ} > r_{DZ} für genetische Einflüsse; bei konstanter Genetik (MZ getrennt vs. zusammen) spricht ein Unterschied für Umwelteinflüsse.

  • Einfachster Erblichkeitsindex (Falconer): h2=2(rMZ−rDZ)h^2 = 2(r_{MZ} - r_{DZ})

  • Beispiele:

    • Körpergrösse: rMZ=.93r_{MZ} = .93, rDZ=.48→h2=2(.93−.48)=.90r_{DZ} = .48 \rightarrow h^2 = 2(.93 - .48) = .90 → 90% erlblich & 10% Umwelt

    • Extraversion: rMZ=.51r_{MZ} = .51 , rDZ=.21→h2=2(.51−.21)=.60r_{DZ} = .21 \rightarrow h^2 = 2(.51 - .21) = .60

[index geht von 0-1. 0 bedeutet keinen EInfluss. 1 wäre das maximum 100% genetischer einfluss]

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Annahme der gleichen Umwelt ("Equal Environments Assumption") [Kritik Zwillingstudien]

Eine fundamentale Grundannahme klassischer Zwillingsuntersuchungen:

  • Inhalt: Eineiige Zwillinge (MZ) teilen zwar doppelt so viele Gene wie zweieiige Zwillinge (DZ), sind jedoch keinen systematisch ähnlicheren Umweltbedingungen ausgesetzt.

  • Konsequenz bei Verletzung: Umwelteinflüsse würden fälschlicherweise der Anlage zugeschrieben, was zur Überschätzung von h2h^2 führt.

  • Empirische Evidenz: Befürchtungen einer verzerrten elterlichen Gleichbehandlung werden durch Befunde an fehldiagnostizierten Zwillingen und getrennt aufgewachsenen MZ-Zwillingen weitgehend entkräftet.


6
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Adoptionsstudien (Methodik und Sonderfall MISTRA)

Untersuchungsdesign zur getrennten Erfassung von genetischen und umweltbezogenen Einflüssen:

  • Vergleichsebenen:

    • Korrelation Adoptivkind mit leiblichen Eltern: spricht für den Einfluss der Anlage (keine gemeinsame Umwelt).

    • Korrelation Adoptivkind mit Adoptiveltern: spricht für den Einfluss der Umwelt (keine geteilte Genetik).

  • Getrennt aufgewachsene eineiige Zwillinge: Da die Genetik identisch ist und keine gemeinsame Umwelt vorliegt, kann die Korrelation rMZAr_{MZA} direkt als Heritabilitätskoeffizient (h2h^2) interpretiert werden.

  • Methodische Aspekte: Adoptivfamilien sind bzgl. Intelligenz, Persönlichkeit und SÖS repräsentativ; systematische selektive Zuordnungen ("selective placement") treten kaum auf.


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Erblichkeitswerte psychologischer Merkmale im Vergleich

Empirische Befunde aus Zwillings- und Adoptionsstudien:

  • Kognitive Fähigkeiten (Intelligenz): Stärkste Erblichkeit unter den Persönlichkeits-/Leistungsmerkmalen (h2≈.48h^2 \approx .48 bis .80.80).

  • Big Five: Moderate Erblichkeit von ca. 40 %40\,\% bis 50 %50\,\% (neuere Meta-Analysen eher bei 40 %40\,\%).

  • Verhaltenssignaturen ("Behavioral Signatures"): Geringere Erblichkeit von ca. 25 %25\,\%.

[z.B Aufgaben wie: Logik problem lösen, ein Lied vorsinge ect. aber in solchen Situationen hat die Situation einen grösseren Einfluss als die Gene]

  • Spezifische Merkmale: Aggressivität (51 %51\,\% bis 72 %72\,\%), Selbstwert (31 %31\,\% bis 49 %49\,\%), Perfektionismus (42 %42\,\% bis 46 %46\,\%).

  • Einstellungen & Beziehungsstile: Beziehungsstil (0 %0\,\% bis 17 %17\,\%) und Jugendreligiosität (nahe 0 %0\,\%) sind kaum erblich; Traditionalismus (59 %59\,\%) und Religiosität im Erwachsenenalter (44 %44\,\%) zeigen hingegen substanzielle Erblichkeit.

[sagt uns aber nicht warum das so ist. Ist nur Deskriptiv]


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Erblichkeitskoeffizient (h2h^2) und Haupteffektmodell

Statistisches Mass zur Varianzzerlegung:

  • Haupteffektmodell: Additive Zerlegung der phänotypischen Gesamtvarianz (VPV_P) ohne Berücksichtigung von Interaktionen oder Korrelationen: VP=VG+VU+VfV_P = V_G + V_U + V_f (Genvarianz VGV_G, Umweltvarianz VUV_U, Messfehlervarianz VfV_f). [—> rein additives Model]

  • Berechnungsformel: h2=VGVP×100h^2 = \frac{V_G}{V_P} \times 100

  • Bedeutung: Gibt an, wie viel Prozent der beobachtbaren phänotypischen Merkmalsstreuung innerhalb einer Population durch genotypische Unterschiede erklärt werden können.

[praktisch aber eigentlich inadequat weil keine infos über wechselwirksamkeit]

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Fünf fundamentale Fehlinterpretationen der Heritabilität

Fünf Aspekte, die Erblichkeit nicht aussagt:

  1. Nicht auf das Individuum übertragbar: Populationsstatistik über Differenzen; auf individueller Ebene sind Gene und Umwelt untrennbar verflochten (Kuchen-Analogie: Mehl vs. Eier).

  2. Nicht über Zeit und Populationen konstant: Verändert sich die Umweltvarianz, ändert sich h2h^2 (homogene Umwelt führt zu höherem h2h^2, heterogene Umwelt senkt h2h^2).

  3. Keine absolut präzise Statistik: Unterliegt Stichprobenschwankungen und Messfehlern (VfV_f).

  4. Bedeutet keine Unveränderbarkeit: Trotz hoher Erblichkeit können Umweltinterventionen den absoluten Mittelwert verschieben (z. B. historische Zunahme der Körpergrösse bei gleichbleibender Rangordnung).

  5. Erklärt keine biologischen Mechanismen: Trifft keine Aussage über beteiligte neuronale oder biochemische Vermittlungsprozesse.


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Geteilte Umwelt ("Shared Environment")

Umfeldvariablen innerhalb der Familie:

  • Definition: Umwelteinflüsse, die von Kindern innerhalb derselben Familie gemeinsam erlebt werden.

  • Beispiele: Anzahl der Bücher im Haus, Bildungsstand und sozioökonomischer Status der Eltern, Familienklima, gemeinsame Schule.

  • Forschungsbefund: Hat auf nahezu alle Dimensionen der Persönlichkeit (z. B. Extraversion, Neurotizismus) einen verschwindend geringen bis vernachlässigbaren Einfluss.


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Nicht-geteilte Umwelt ("Non-shared Environment")

Individuell erfahrene Umweltfaktoren:

  • Definition: Einzigartige, differentielle Umwelterfahrungen eines Kindes, die es nicht mit seinen Geschwistern teilt.

  • Beispiele: Spezifische Eltern-Kind-Beziehung (unterschiedliche Behandlung), individuelle Peer-Groups, Freizeitaktivitäten, Unfälle, Erkrankungen oder getrennte Schulklassen.

  • Forschungsbefund: Macht nahezu den gesamten durch Umwelt bedingten Varianzanteil von Persönlichkeitsmerkmalen aus (vermutlich über ein Zusammenspiel vieler kleiner Einzeleffekte).


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Anlage-Umwelt-Interaktion

Die differentielle Reaktion auf Umweltbedingungen:

  • Definition: Personen reagieren in Abhängigkeit von ihrem Genotyp qualitativ oder quantitativ unterschiedlich auf dieselbe Umwelt.

  • Beispiel Kognition (Belojevic et al., 2001): Introvertierte konzentrieren sich bei Stille besser als bei Lärm, während Extravertierte unter Lärmeinfluss fokussierter und schneller arbeiten.

  • Beispiel Verhalten (Caspi et al., 2002): Kinder mit genetisch bedingt niedriger MAOA-Enzymaktivität entwickeln bei erlittenem Kindesmissbrauch mit signifikant höherer Wahrscheinlichkeit antisoziales Verhalten als missbrauchte Kinder mit hoher MAOA-Aktivität.

[wer keinen missbrauch erlebt hat war der MAOA keinen unterschied]


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Formen der Anlage-Umwelt-Korrelation

Die ungleiche Exposition gegenüber Umwelten basierend auf dem Genotyp:

  1. Passiv: Eltern vererben Gene und gestalten zugleich eine ihren eigenen Genen entsprechende Umwelt ohne Zutun des Kindes (z. B. sprachbegabte Eltern mit vielen Büchern).

  2. Reaktiv (evozierend): Andere Personen reagieren differenziell auf kindliche Verhaltensweisen, die genetisch mitbeeinflusst sind (z. B. anschmiegsame Säuglinge werden häufiger gekuschelt).

  3. Aktiv ("Niche Picking"): Das Individuum wählt, gestaltet oder sucht aktiv spezifische Lebensumwelten passend zu seiner genetischen Neigung auf (z. B. Extravertierte engagieren sich in Vereinen und Politik).


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Temperament (Definition und Kernkomponenten)

Die biologisch fundierte Basis der Persönlichkeit:

  • Definition: Vererbte, stark durch biologische Faktoren geprägte und bereits in früher Kindheit sichtbare individuelle Stile emotionaler und motivationaler Tendenzen mit zeitlicher Stabilität über die Lebensspanne.

  • Kernbestandteile:

    • Erleben positiver vs. negativer Stimmungen.

    • Arousal-Niveau und Reaktivität auf Umweltreize.

    • Fähigkeit zur physiologischen und Verhaltens-Selbstberuhigung.

    • Willentliche Steuerung der Aufmerksamkeit.


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New York Longitudinal Study (Thomas & Chess)

Klassisches Längsschnittmodell kindlicher Temperamentsstrukturen:

  • Methodik: Untersuchung von über 100 Kindern von der Geburt bis ins Jugendalter basierend auf 9 Dimensionen aus Elternberichten.

  • Drei resultierende Temperamentstypen:

    1. "Easy": Anpassungsfähig, überwiegend fröhlich, regelmässige biologische Rhythmen.

    2. "Difficult": Häufig negativ gestimmt, unregelmässige Rhythmen, reagiert intensiv und schwer anpassungsfähig auf Neuerungen.

    3. "Slow-to-warm-up": Niedrige Reaktivität, gehemmt-zögerliches Antwortverhalten bei neuen Stimuli.

  • "Goodness of Fit": Das Ausmass an Harmonie zwischen dem Temperament des Kindes und den elterlichen Erwartungen bzw. Erziehungspraktiken entscheidet über spätere Anpassungsprobleme.


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EASI-Modell (Buss & Plomin)

Theoretisches Temperamentsmodell basierend auf elterlichen Verhaltensbeurteilungen:

  • Drei genetisch fundierte, zeitstabile Dimensionen:

    1. Emotionalität ("Emotionality"): Rasche und intensive physiologische Erregung in stressigen Situationen (entspricht Neurotizismus).

    2. Aktivität ("Activity"): Verhaltensenergie/Intensität und Tempo/Geschwindigkeit (entspricht Extraversion).

    3. Geselligkeit ("Sociability"): Präferenz, Zeit mit anderen Menschen zu verbringen statt allein zu sein (entspricht Extraversion & Verträglichkeit).

  • Einschränkungen (kritik): Verlässt sich primär auf Elternberichte; biologische Kernmechanismen wurden im Modell nicht explizit identifiziert.


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Verhaltensinhibition nach Kagan (Laborbefunde und Stabilität)

Experimentelles Paradigma zur Reaktivität auf Unbekanntes:

  • Laboruntersuchung (Alter 4 Monate): Beurteilung motorischer und vokaler Erregung auf neuartige Reize (Rückenwölben, Strampeln, Weinen):

    • 20 %20\,\% "inhibited" (hoch-reaktiv auf Neuheit).

    • 40 %40\,\% "uninhibited" (niedrig-reaktiv).

    • 40 %40\,\% gemischtes Profil.

  • Follow-ups (14 bis 54 Monate): Gehemmte Kinder reagieren bei Fremden mit physiologischer Hypererregung (höhere Herzrate, Blutdruckanstieg) und sprechen im Alter von 54 Monaten signifikant weniger mit Unbekannten.

  • Biologische Mechanismen: Niedrige Reizschwelle und Überaktivität der Amygdala; Heritabilität liegt bei h2=.64h^2 = .64 (14 Monate) bzw. h2=.51h^2 = .51 (24 Monate).


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Längsschnittstudie zu Inhibition und Wohlbefinden (Tang et al., 2020)

Langzeitprädiktion von kindlichem Temperament auf Erwachsenenmerkmale:

  • Untersuchungsdesign: Erfassung der Verhaltensinhibition mit 14 Monaten, physiologische Messung der Verhaltens- und Fehlerüberwachung mit 15 Jahren sowie Diagnose von Psychopathologie mit 26 Jahren.

  • Zentraler Befund: Stärker inhibierte Kleinkinder wurden signifikant häufiger sozial gehemmte Erwachsene mit höheren Raten an Depression und Ängstlichkeit.

  • Moderator: Dieser negative Entwicklungspfad zeigte sich am stärksten bei Personen, die im Jugendalter (15 Jahre) eine ausgeprägte neurophysiologische Fehlerüberwachung aufwiesen.


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Effortful Control und Gewissensentwicklung (Kochanska & Knaack, 2003)

Studie zum Zusammenspiel von Temperament und elterlicher Erziehung:

  • Effortful Control (Rothbart): Die willentliche Fähigkeit, eine dominante impulsive Verhaltensreaktion aktiv zu unterdrücken, um eine subdominante Zielreaktion auszuführen.

  • Einfluss elterlicher Erziehung: Mütterliche Machtausübung ("mother's assertion of power") korreliert negativ mit der Ausprägung der Effortful Control beim Kleinkind.

  • Entwicklungsfolge: Eine hohe Effortful Control mit 2-3 Jahren sagt im Alter von 5 Jahren ein stärker entwickeltes Gewissen und moralisches Verhalten voraus.


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Kandidatengen-Studien und das DRD4-Gen

Molekulargenetischer Ansatz zur Identifikation spezifischer Allele:

  • Beispiel DRD4-Gen: Kodiert Dopaminrezeptoren; Personen mit langen Allelvarianten besitzen verminderte Dopaminsensitivität und benötigen mehr stimulierende Erfahrungen für ein optimales Dopaminniveau (hypothetische Assoziation mit "Novelty Seeking").

  • Grenzen der Methodik:

    • Sehr geringe Replikationsraten in Folgestudien.

    • Extrem kleine Einzelgeneffekte.

    • Persönlichkeitsmerkmale sind hochgradig polygen determiniert.


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Genomweite Assoziationsstudien (GWAS)

Hypothesenfreies molekulargenetisches Hochdurchsatzverfahren:

  • Prinzip: Simultanes Testen von Hunderttausenden bis Millionen Single Nucleotide Polymorphisms (SNPs) an Stichproben mit n>100′000n > 100'000 auf Assoziationen mit Persönlichkeitstraits.

  • Ergebnisse:

    • Durch SNPs erklärte Heritabilität liegt bei ca. 10 %10\,\% (im Gegensatz zu ca. 40 %40\,\% bis 50 %50\,\% in Zwillingsstudien →\rightarrow Problem der "missing heritability").

    • Einzeleffekte sind verschwindend klein.

    • Genetische Kopplung ("Genetic Linkage"): Assoziationen sind nicht zwingend kausal, da funktionslose SNPs mit benachbarten wirksamen Genabschnitten gemeinsam vererbt werden können.


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Epigenetik und Histonmodifikation

Umweltinduzierte Regulation der Genexpression:

  • Definition Epigenetik: Untersuchung biochemischer Prozesse, die die Funktion und Expression von Genen verändern, ohne die eigentliche Basensequenz der DNA anzutasten.

  • Histonmodifikation: DNA ist um Histon-Proteine gewickelt. Biochemische Umweltreize (z. B. Stress, Ernährung) verändern die Raumform der Histone:

    • Bei dichter Faltung wird die DNA für Transkriptionsfaktoren unzugänglich (Gen "ausgeschaltet").

    • Bei gelockerter Faltung ist der DNA-Strang lesbar (Gen "eingeschaltet").


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Reversibilität epigenetischer Prägung (Weaver et al., 2006)

Tierexperimenteller Nachweis umweltbedingter Genregulation bei Ratten:

  • Versuchsaufbau: Rattenbabys wurden nach der Geburt experimentell an "gute" (fürsorgliche) oder "schlechte" (nachlässige) Rattenmütter transferiert.

  • Ergebnis: Bei schlechten Müttern aufgewachsene Tiere zeigten im Erwachsenenalter atypisch hohes Angstverhalten, vermittelt über veränderte Histonstrukturen.

  • Intervention: Die Verabreichung eines histonmodifizierenden Medikaments hob den Erziehungseffekt vollständig auf, sodass die Tiere wieder ein normales Angstniveau zeigten.

  • Schlussfolgerung: Erziehungserfahrungen wirken kausal über reversible epigenetische Mechanismen auf Verhaltensmuster.