1/32
Vokabel-Lernkarten zur tabellarischen Übersicht über die Stufen 1 bis 4 der psychosozialen Entwicklung nach Erik Erikson (Altersangaben, Leitsätze, Krisenmerkmale, Erziehungsverhalten und Misslingensfolgen).
Stufe 1: Urvertrauen vs. Urmisstrauen (Alter und Leitsatz)
Alter: ca. 0–1,5 Jahre (M7) bzw. 0–1 Jahr (M6); Leitsatz: „Ich bin, was man mir gibt.“
Urvertrauen
Ein diffuses Grundgefühl der Geborgenheit im Säuglingsalter, das durch das Erleben von „Nehmen“ und „Bekommen“ entsteht (kein Vertrauen in eine bestimmte Person).
Urmisstrauen
Gegenpol zum Urvertrauen, der durch unvermeidbare Enttäuschungen im Säuglingsalter (wie Warten, Zahnen, Abstillen) hervorgerufen wird; Ziel der Stufe 1 ist eine Balance zwischen beiden Polen.
Förderliches Erziehungsverhalten in Stufe 1
Stabile, liebevolle und verlässliche Bezugspersonen (nicht nur die Mutter); feinfühliges Reagieren auf Ausdrucksformen des Säuglings; Zulassen kurzer Phasen ohne sofortige Reaktion zur Förderung von Eigenaktivität und Frustrationstoleranz.
Ungünstiges Erziehungsverhalten in Stufe 1
Grobe Vernachlässigung oder das gegenteilige Extrem: das Kind nur verwöhnen und liebkosen sowie keinerlei Enttäuschung zulassen.
Folgen bei Misslingen von Stufe 1
Ohne Urvertrauen entstehen innere Unruhe, Konzentrationsprobleme und kaum Zuversicht gegenüber anderen (nach M6: Angst, Abhängigkeitswünsche); ohne Misstrauenserfahrung besteht wenig Anstrengungsbereitschaft; bei beiden Extremen z. B. Hyperaktivität und fehlende Frustrationstoleranz.
Stufe 2: Autonomie vs. Scham und Zweifel (Alter und Leitsatz)
Alter: ca. 1,5–3 Jahre (M7) bzw. 1–3 Jahre (M6); Leitsatz: „Ich bin, was ich will.“
Krise in Stufe 2 (Autonomie vs. Scham und Zweifel)
Das Kind will seinem eigenen Willen folgen (Autonomie ≠ Mündigkeit) und stößt auf Regeln und Verbote der Erwachsenen (Wut). Scham entsteht, wenn das eigene Tun als „schlecht“ bezeichnet wird. Das Ziel ist es, Bedürfniskontrolle zu verinnerlichen und trotzdem eigene Wünsche zu verfolgen.
Förderliches Erziehungsverhalten in Stufe 2
Nicht einseitig rigide kritisieren oder strafen; das Kind nicht als „schlecht“ abstempeln; erzieherische Konsequenz durch klare Regeln als Orientierung bieten; ermuntern, eigene Wünsche zu verfolgen; Erkunden (Exploration) zulassen.
Ungünstiges Erziehungsverhalten in Stufe 2
Streng-rigides Verhalten, bei dem sich das Kind nur Ge- und Verboten unterwerfen muss, oder zu nachgiebiges Verhalten ohne klare Grenzen.
Folgen bei Misslingen von Stufe 2
Zwanghaftes Verharren in Gehorsamsorientierung oder spätere Ablehnung aller Ge- und Verbote; Schwierigkeiten mit Autoritäten und Ordnung; nach M6: Zwänge, Selbstkritik und Perfektionismus.
Stufe 3: Initiative vs. Schuldgefühl (Alter und Leitsatz)
Alter: 3–6 Jahre (M7) bzw. 3–5 Jahre (M6); Leitsatz: „Ich bin, was ich mir vorstellen kann zu werden.“
Krise in Stufe 3 (Initiative vs. Schuldgefühl)
Das Kind ergreift Initiative, ist neugierig und probiert Rollen aus (nach M6: ca. 400 Fragen am Tag). Rivalität und Konkurrenz (Eltern, Geschwister, Kita) führen zu Schuldgefühlen; im Rahmen der Gewissensbildung werden Wünsche unterlassen, um geliebten Menschen nicht zu schaden.
Förderliches Erziehungsverhalten in Stufe 3
Initiativen ermutigen und Grenzen aufzeigen, ohne das Kind abzuweisen oder zu verspotten; elterliches Vorbild sein; Forderungen, Verbote und Sanktionen begründen und erläutern.
Ungünstiges Erziehungsverhalten in Stufe 3
Rigide Machtausübung und Abweisung gegenüber dem Kind; tolerantes, aber desinteressiertes Verhalten (keine Grenzen, keine Rückmeldung); Erzeugen von Schuldgefühlen auf fragwürdige Weise oder unkritisches Billigen jeder Initiative.
Folgen bei Misslingen von Stufe 3
Wenig Initiative, kaum eigenes Gewissen und schnelle Unterwerfung unter Autoritäten ODER hektische Initiative und Beziehungsprobleme; Unfähigkeit, Zurückweisungen zu ertragen, bzw. übertriebene Schuldgefühle (nach M6: Schuldkomplexe, Übergewissenhaftigkeit).
Stufe 4: Werksinn vs. Minderwertigkeitsgefühl (Alter und Leitsatz)
Alter: 6–12 Jahre (M7) bzw. 6–11 Jahre (M6); Leitsatz: „Ich bin, was ich lerne.“
Werksinn
Das Bestreben des Kindes im Schulalter (Stufe 4), etwas Nützliches zu leisten und dafür Anerkennung zu finden.
Minderwertigkeitsgefühl (Stufe 4)
Das Erleben des Kindes, vieles noch nicht zu können; grundsätzlich entwicklungsfördernd, da es zu Anstrengung und Ehrgeiz motivieren kann, während Gleichaltrige zum Vergleichsmaßstab werden.
Förderliches Erziehungsverhalten in Stufe 4
Anforderungen stellen und Anstrengung ermöglichen; realistische Selbsteinschätzung fördern (auch aushalten lernen, dass andere besser sind); eigene Fähigkeiten entdecken lassen; Anerkennung nicht nur auf Spitzenleistungen beschränken.
Ungünstiges Erziehungsverhalten in Stufe 4
Ständiges Abwerten von Bemühungen; reines Loben und Bewahren vor allen Anforderungen („nur spielen“); starker Leistungsdruck mit Anerkennung ausschließlich bei herausragenden Leistungen.
Folgen bei Misslingen von Stufe 4
Ein dominierendes Minderwertigkeitsgefühl als Lebenseinstellung (Meiden von Aufgaben aus Angst vor Kritik); bei bloßem Lob fehlt eine realistische Selbsteinschätzung; ohne Anforderungen werden Herausforderungen nur ungern angenommen.
Fallbeispiel Stufe 1: Ein Säugling erlebt unvermeidbare Enttäuschungen wie Warten oder Zahnen. Welcher Entwicklungskonflikt wird dadurch berührt?
Urvertrauen vs. Urmisstrauen: Das Kind erfährt unvermeidbare Frustrationen (Urmisstrauen), die im Idealfall durch verlässliche Geborgenheit (Urvertrauen) ausbalanciert werden.
Fallbeispiel Erziehungsverhalten in Stufe 1: Eine Bezugsperson reagiert bei einem Säugling nicht sofort auf jedes Quengeln, sondern lässt kurze Phasen verstreichen. Welche Kompetenzen sollen gefördert werden?
Förderung von Eigenaktivität und Frustrationstoleranz.
Fallbeispiel Stufe 2: Ein zweijähriges Kind möchte sich alleine anziehen, gerät bei Verboten in Wut und wird dafür als „schlecht“ bezeichnet. Welche Krise und negative Emotion zeigen sich hier?
Stufe 2: Autonomie vs. Scham und Zweifel; Scham entsteht, wenn das eigene Tun als schlecht bewertet wird.
Fallbeispiel Erziehungsverhalten in Stufe 2: Eltern verlangen von ihrem Kleinkind bedingungslose Unterwerfung unter alle Gebote ohne Raum für eigene Erkundung. Welche Entwicklungsfolge droht?
Zwanghaftes Verharren in Gehorsamsorientierung, spätere Ablehnung von Regeln, Probleme mit Autoritäten sowie Zwänge und Perfektionismus.
Fallbeispiel Stufe 3: Ein fünfjähriges Kind stellt täglich hunderte Fragen, probiert im Spiel verschiedene Berufe aus und rivalisiert mit Geschwistern. Welche Stufe liegt vor?
Stufe 3: Initiative vs. Schuldgefühl.
Fallbeispiel Gewissensbildung in Stufe 3: Ein Kind verzichtet darauf, das Spielzeug eines Freundes zu zerstören, um diesem nicht zu schaden. Welcher psychische Prozess liegt vor?
Gewissensbildung: Eigene Wünsche und Impulse werden unterdrückt, um geliebten Menschen keinen Schaden zuzufügen.
Fallbeispiel Stufe 4: Ein achtjähriges Schulkind möchte ein Vogelhaus bauen, vergleicht sich mit Gleichaltrigen und merkt, dass es manches noch nicht beherrscht. Welche Krise liegt vor?
Stufe 4: Werksinn vs. Minderwertigkeitsgefühl.
Fallbeispiel Erziehungsverhalten in Stufe 4: Eltern halten ein Grundschulkind von allen Aufgaben fern („nur spielen“) und loben es ausschließlich ohne echte Herausforderung. Welche Konsequenz droht?
Dem Kind fehlt eine realistische Selbsteinschätzung und es wird Herausforderungen im späteren Leben nur ungern annehmen.
Unterschied zwischen Stufe 1 und Stufe 2 hinsichtlich der Selbstwirksamkeit des Kindes
In Stufe 1 erlebt der Säugling passive Geborgenheit durch „Nehmen“ und „Bekommen“ („Ich bin, was man mir gibt“); in Stufe 2 agiert das Kind aktiv über den eigenen Willen und die Abgrenzung („Ich bin, was ich will“).
Unterschied zwischen Stufe 2 und Stufe 3 hinsichtlich des Entstehens negativer Gefühle
In Stufe 2 entsteht Scham primär durch äußere Abwertung („schlecht“ genannt werden bei Regelverstößen); in Stufe 3 entstehen Schuldgefühle zunehmend von innen durch die beginnende Gewissensbildung und Rivalität.
Unterschied zwischen Stufe 3 und Stufe 4 hinsichtlich Handlungsantrieb und Vergleichsmaßstab
In Stufe 3 treiben Phantasie, Rollenspiel und Initiative an („was ich mir vorstellen kann zu werden“); in Stufe 4 stehen reales Lernen, das Schaffen nützlicher Werke und der Leistungsvergleich mit Gleichaltrigen im Fokus („was ich lerne“).