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Vokabel-Lernkarten zum Einführungsseminar Neuere deutsche Literaturwissenschaft bei Prof.'in Dr. Manuela Günter über die Definitionen von Literatur, Kanon, Epochenbegriffen und aktuellen literaturgeschichtlichen Ansätzen des 21. Jahrhunderts.
Littera / Litteratura
Lateinische Wortursprünge des Literaturbegriffs: 'littera' (der Buchstabe) und 'litteratura' (Buchstabenlehre, Schriftkunst). Historisch bezog sich Literatur seit dem Buchdruck im 16. Jahrhundert zunächst auf alles schriftlich Fixierte (Schriftkultur).
Fiktion
Grundlegendes Merkmal von Literatur als Dichtung; bezeichnet das Beruhen literarischer Texte auf Erfindung und das Entwerfen alternativer Welten im Unterschied zur reinen Faktenabbildung.
Literarische Wertung
Zuschreibung von ästhetischem oder kulturellem Wert an Texte nach bestimmten Kriterien wie Formgestaltung, Sprachkunstwerk, Gesellschaftskritik oder Wirkung (Effekte auf Leser*innen).
Literarischer Kanon
Ein als hoch- bzw. erstrangig bewerteter, herausragender Bestand an materialen Texten und Deutungsweisen, der als unbedingt tradierenswert gilt und wiederholt sowie intensiv gelesen wird.
Lesemotivationen (Funktionen von Literatur)
Gründe für die Lektüre von Dichtung: Kompensation (Involvement, emotionaler Ausgleich), Unterhaltung (Identifikation), Bildung (kritische Distanz zur Welt) und der Erwerb von symbolischem Kapital.

Fisches Nachtgesang
Ein 1905 in den 'Galgenliedern' von Christian Morgenstern publiziertes Gedicht, das gänzlich ohne Buchstaben auskommt und ausschließlich aus metrischen Zeichen für Längen und Kürzen aufgebaut ist.

Fountain (Marcel Duchamp)
Ein 1917 entstandenes Ready-Made (ein industriell gefertigtes, signiertes Urinal), das alltägliche Gegenstände durch Kontextverschiebung zu Kunst erklärt und das Konzept moderner literarischer Ready-Mades prägte.
Literarisches Ready-Made
Verfahren, bei dem ein vorgefundener Gebrauchs- oder Alltagstext unverändert als literarisches Sprachkunstwerk inszeniert wird (z. B. Peter Handkes Übernahme von 'Die Aufstellung des 1. FC Nürnberg vom 27.1.1968' in 'Die Innenwelt der Außenwelt der Innenwelt').
Epoche (Literaturwissenschaft)
Vom griechischen 'epoché' (Einschnitt, Zäsur) abgeleiteter Zeitraum, der rückblickend anhand dominanter literarischer Strömungen, Themen, Stilmerkmale, Gattungen und dichtungstheoretischer Prämissen abgegrenzt wird.
Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen
Ein zentrales Problem literaturwissenschaftlicher Periodisierung, das beschreibt, wie verschiedene Epochenströmungen parallel zur selben Zeit existieren können (wie Klassik und Romantik oder Biedermeier und Vormärz).
Weimarer Klassik (1794–1805)
Durch das Wirken von Johann Wolfgang von Goethe und Friedrich Schiller geprägte literarische Epoche, die ab dem 19. Jahrhundert als normativer Höhepunkt der deutschen Nationalliteratur galt.
Periodisierung
Das methodische Ordnungsprinzip zur zeitlichen Gliederung von Literaturgeschichte (Temporalisierung), bei dem Epochenbegriffe als heuristische Modelle, Konstruktionen und Arbeitshypothesen dienen.
Große Epocheneinteilung (Europäische Geschichte)
Die dreigliedrige Haupteinteilung der europäischen Kulturgeschichte in Antike (ca. 800 v. u. Z. – ca. 500 u. Z.), Mittelalter (ca. 500 – ca. 1500) und Neuzeit (1600 – Gegenwart).
Aufklärung (Epochenphasen)
Von ca. 1680 bis 1800 dauernde Epoche der deutschen Literatur, gegliedert in Frühaufklärung (ca. 1680–1730), Aufklärung/Empfindsamkeit (ca. 1740–ca. 1780) und Sturm und Drang (ca. 1765–1785).
Moderne und Avantgarden (1880–1918)
Epochenkomplex der literarischen Moderne mit Strömungen wie Naturalismus, Ästhetizismus und Expressionismus sowie den avantgardistischen Bewegungen Futurismus, Dadaismus und Surrealismus.
Medienliteraturgeschichte (Friedrich Kittler)
Theoretischer Ansatz, der die traditionelle geistesgeschichtliche Literaturgeschichtsschreibung kritisiert und fordert, Literatur als Technik- und Mediengeschichte zu begreifen, da Speicher- und Übertragungsmedien Schreibweisen, Formen und Themen maßgeblich determinieren.
Distant Reading (Franco Moretti)
Quantitativer, antikanonischer Ansatz im Rahmen der Digital Humanities, der große Textmengen mittels digitaler Modelle (Graphen, Karten, Stammbäume) makrogeschichtlich analysiert, statt einzelne Werke detailgenau zu interpretieren.
Ereignisorientierte Literaturgeschichte (Wellbery / Ryan)
Qualitativer Ansatz in 'Eine Neue Geschichte der deutschen Literatur' (dt. 2007), der auf übergreifende Epochenbegriffe verzichtet, einzelne Jahreszahlen als historische Fixpunkte setzt und Texte mittels Close Reading als punktuelle Ereignisse statt als kontinuierliche Entwicklung analysiert.