Ethik Flashcards
Grundlagenbegriffe der Ethik
Ethik
- Teilbereich der Philosophie, der sich mit den Grundlagen des moralischen Handelns beschäftigt.
- Fragen: Was soll ich tun? Wie soll ich leben? Was ist ein gutes Leben?
- Kritische Reflexion über moralische Vorstellungen.
- Ziel: Formulierung allgemeingültiger Prinzipien moralischen Handelns.
- Teilgebiet der praktischen Philosophie.
- Systematische Reflexion moralischer Prinzipien, Normen und Werte.
- Ziel: Erarbeitung objektiver oder intersubjektiv gültiger Kriterien für moralisch richtiges Handeln.
- Unterscheidung:
- Deskriptive Ethik: Empirische Beschreibung moralischen Verhaltens.
- Angewandte Ethik: Konkrete Anwendung ethischer Theorien auf Einzelfälle.
- Zentrales Anliegen: Klären, unter welchen Bedingungen Handlungen als gut, gerecht oder richtig gelten können und wie Menschen miteinander umgehen sollten.
Moral
- In einer Gesellschaft herrschende Normen und Werte, die als verbindlich gelten.
- Zeigt, was Menschen als richtig oder falsch, gut oder böse empfinden.
- Orientierung oft nach kulturellen, religiösen oder sozialen Konventionen.
- Gelebte Praxis normativer Vorstellungen innerhalb einer bestimmten sozialen Gruppe oder Gesellschaft.
- Umfasst Verhaltensregeln, Wertvorstellungen, Überzeugungen und Konventionen, die für ein moralisch gutes Leben als bindend angesehen werden.
- Entstehung durch Erziehung, Tradition, Religion, Gesetze oder soziale Praktiken; Unterschiede von Gesellschaft zu Gesellschaft.
- Die Ethik reflektiert kritisch über diese Moralvorstellungen und fragt nach ihrer Begründbarkeit und universellen Gültigkeit.
Normativität
- Moralische Aussagen beanspruchen Gültigkeit – sie sagen, wie Menschen handeln sollen, nicht nur wie sie handeln.
- Die Ethik prüft die Begründbarkeit solcher normativen Ansprüche.
- Zentrales Merkmal moralischer Aussagen: Sie behaupten nicht nur, wie etwas ist, sondern sagen, wie etwas sein soll.
- Unterscheidung von bloß deskriptiven Aussagen.
- Deskriptiv: ‚Manche Menschen lügen.‘
- Normativ: ‚Man soll nicht lügen.‘
- Ethik als normative Theorie versucht, Regeln aufzustellen, die Handlungen bewerten können – unabhängig von individuellen Vorlieben oder gesellschaftlichen Konventionen.
Philosophen der Antike
Sokrates – Das sokratische Gespräch
- Sokrates (470–399 v. Chr.) gilt als Begründer der ethischen Philosophie.
- Keine eigenen Schriften; sein Denken ist durch die Dialoge Platons überliefert.
- Zentrales Anliegen: ethisches Wissen klären und die Menschen zur Selbsterkenntnis führen.
- Entwicklung des sokratischen Gesprächs – eine Methode, in der durch gezielte Fragen die Unwissenheit der Gesprächspartner aufgedeckt und gemeinsames Nachdenken angeregt wird.
- Ziel: moralische Begriffe wie 'Gerechtigkeit', 'Tapferkeit' oder 'Frömmigkeit' zu präzisieren.
- Beispiel: In Platons 'Apologie' konfrontiert Sokrates seine Mitbürger mit ihren vermeintlichen Kenntnissen über Tugend und entlarvt Widersprüche.
- Kritik: Die Methode führt oft zu Aporien (Ratlosigkeit), ohne konkrete Antworten zu geben. Zudem kann sie überheblich oder destruktiv wirken.
Platon – Höhlengleichnis
- Platon (427–347 v. Chr.), Schüler des Sokrates, entwickelte die Theorie der Ideen, nach der es eine unsichtbare Welt vollkommen reiner Formen gibt.
- Das Höhlengleichnis (in 'Der Staat') beschreibt Menschen, die in einer Höhle gefesselt leben und nur Schatten an der Wand sehen – Sinnbild für das Leben in Unwissenheit.
- Der Aufstieg eines Gefangenen ins Licht der Sonne steht für die Erkenntnis des Wahren, Guten und Schönen durch philosophisches Denken.
- Das Gute ist für Platon die höchste Idee, vergleichbar mit der Sonne, die alles sichtbar macht.
- Beispiel: Der Philosoph ist derjenige, der aus der Höhle steigt und das Licht (Wahrheit) erkennt – er trägt die Verantwortung, zurückzukehren und andere zu lehren.
- Kritik: Platons Dualismus zwischen sinnlicher und intelligibler Welt wirkt abgehoben und realitätsfern. Die Idee des Philosophenkönigs ist autoritär.
Aristoteles – Mesoteslehre
- Aristoteles (384–322 v. Chr.), Schüler Platons, entwickelte eine realistische Ethik auf Basis der menschlichen Natur.
- Ziel des Lebens ist Eudaimonia – ein Zustand gelingender, tugendhafter Lebensführung im Einklang mit der Vernunft.
- Tugendhaftigkeit entsteht durch Gewöhnung und Praxis, nicht durch angeborene Eigenschaften.
- Die Mesoteslehre besagt, dass Tugenden in der Mitte zwischen zwei Extremen liegen (Übermaß und Mangel).
- Beispiel: Die Tugend der Tapferkeit liegt zwischen Feigheit und Tollkühnheit.
- Kritik: Die Lehre ist situationsabhängig und subjektiv. Unklar bleibt, wie die „rechte Mitte“ genau zu bestimmen ist.
Pflichtethik: Immanuel Kant
Kants Pflichtethik
- Immanuel Kant (1724–1804) entwickelte eine Ethik, die unabhängig von Gefühlen, Konsequenzen oder äußeren Autoritäten sein sollte.
- Für ihn ist allein der 'gute Wille' moralisch gut – dieser folgt der Pflicht, das moralische Gesetz aus Achtung zu befolgen.
- Moralisches Handeln muss aus Pflicht geschehen, nicht aus Neigung, Nutzen oder Gefühlen.
- Zentral ist der kategorische Imperativ, der als Prüfstein moralischer Handlungen dient.
- Formulierung: 'Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.'
- Maximen, die man nicht verallgemeinern kann (z. B. Lügen), sind unmoralisch.
- Beispiel: Wenn jeder lügen dürfte, wäre Kommunikation sinnlos. Lügen widerspricht daher der Vernunft und ist unmoralisch.
- Formulierung: 'Handle so, dass du die Menschheit sowohl in deiner Person als in der Person eines jeden anderen jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloß als Mittel brauchst.'
- Jeder Mensch hat einen inneren Wert (Würde) und darf nicht instrumentalisiert werden.
- Beispiel: Ausnutzung eines Arbeitnehmers rein zur Profitsteigerung verletzt seine Menschenwürde.
Kritik an Kant
- Kants Ethik gilt als formalistisch, emotionslos und starr.
- Sie erlaubt keine Ausnahmen – selbst Notlügen sind verboten.
- Moralisches Handeln allein aus Pflicht kann kalt und unmenschlich wirken.
- Es fehlt Berücksichtigung konkreter Situationen oder Mitgefühl.
Utilitarismus
Klassischer Utilitarismus – Bentham
- Jeremy Bentham (1748–1832) entwickelte den Utilitarismus als konsequenzialistische Ethik: Der moralische Wert einer Handlung hängt allein von ihren Folgen ab.
- Das Ziel ist das größte Glück für die größte Zahl – dabei zählt Lust (Freude) als einziges Gut, Schmerz als einziges Übel.
- Er schlägt ein hedonistisches Kalkül vor: Intensität, Dauer, Sicherheit, Nähe, Fruchtbarkeit und Reinheit von Lust werden berechnet.
- Beispiel: Eine Maßnahme, die 100 Menschen Freude bringt, ist besser als eine, die nur einem nützt – selbst wenn einige darunter leiden.
- Kritik: Reduktion komplexer moralischer Fragen auf Nutzenmaximierung. Glück ist nicht objektiv messbar, Rechte von Minderheiten bleiben unberücksichtigt.
Qualitativer Utilitarismus – Mill
- John Stuart Mill (1806–1873) unterscheidet zwischen höheren (geistigen) und niederen (körperlichen) Freuden.
- Ein unglücklicher Mensch, der edle Freuden kennt, ist besser dran als ein zufriedenes Tier ohne höhere Fähigkeiten.
- Beispiel: Philosophisches Nachdenken ist wertvoller als bloßer Genuss durch Essen.
- Kritik: Die Unterscheidung wirkt elitär. Wer entscheidet, was 'höher' ist?
Handlungs- und Regelutilitarismus
- Handlungsutilitarismus beurteilt jede einzelne Handlung nach ihren konkreten Folgen.
- Regelutilitarismus fragt, ob die Einhaltung einer Regel langfristig nützlicher ist als ihr Bruch.
- Beispiel: Lügen kann im Einzelfall richtig sein (Handlung), aber eine allgemeine Regel gegen Lügen erzeugt mehr Vertrauen (Regel).
- Kritik: Regeln können zu starr sein. Im Einzelfall ist Regelbruch manchmal moralisch geboten.
Präferenzutilitarismus – Peter Singer
- Peter Singer (geb. 1946) entwickelt eine Form des Utilitarismus, in der nicht Lust, sondern die Erfüllung von Interessen entscheidend ist.
- Jedes Wesen mit Präferenzen (auch Tiere, Babys, Kranke) ist moralisch zu berücksichtigen.
- Beispiel: Tierleid zählt moralisch, weil Tiere Schmerz empfinden und Interessen haben.
- Kritik: Präferenzen können irrational, widersprüchlich oder schwer zu erfassen sein. Interessenskonflikte sind schwer lösbar.
Schopenhauer – Mitleidsethik
Schopenhauer – Mitleidsethik
- Arthur Schopenhauer (1788–1860) kritisiert rationalistische Moralsysteme und stellt das Mitleid ins Zentrum der Ethik.
- Mitleid ist die unmittelbare, emotionale Teilnahme am Leid anderer – es führt dazu, egoistische Interessen zu überwinden.
- Echte Moral beruht nicht auf Vernunft oder göttlichem Gebot, sondern auf der Fähigkeit, sich in andere einzufühlen.
- Beispiel: Man hilft einem Armen, nicht weil es ein Gebot ist, sondern weil man sein Leid fühlt.
- Kritik: Gefühle sind unzuverlässig, inkonsequent und nicht immer moralisch. Eine auf Mitleid gegründete Ethik ist schwer rational begründbar.