Übergewicht und Adipositas: Prävalenz, Diagnose und Therapie
Prävalenz und soziale Ungleichverteilung von Übergewicht und Adipositas
Soziale Ungleichverteilung im Kindes- und Jugendalter
Es besteht ein direkter Zusammenhang zwischen einem niedrigen sozioökonomischen Status (SES) und einer höheren Prävalenz von Übergewicht und Adipositas.
Der Trend zeigt, dass die Übergewichtsprävalenz bei Kindern und Jugendlichen aus Familien mit niedrigem SES im Zeitverlauf weiter zugenommen hat.
Sozial benachteiligte Kinder gelten als besonders gefährdet.
Epidemiologische Daten in Deutschland
Allgemeine Prävalenz: der Männer und der Frauen sind übergewichtig ().
Adipositas bei Erwachsenen: Etwa ein Viertel der Erwachsenen ist adipös ().
Geschlechtsspezifische Verteilung der Adipositas: bei Männern und bei Frauen.
Alterseffekt: Die Prävalenz steigt mit zunehmendem Alter an.
Sozioökonomischer Einfluss: Adipositas tritt bei Personen mit hohem sozioökonomischem Status deutlich seltener auf.
Trends: In den letzten zwei Jahrzehnten ist eine Zunahme der Adipositas zu verzeichnen, die besonders bei Männern und jungen Erwachsenen ausgeprägt ist.
Definition und neue Konzepte der Diagnose
Definition nach S3-Leitlinie der DAG
Adipositas ist eine über das Normalmaß hinausgehende Vermehrung des Körperfetts, die mit gesundheitlichen Risiken einhergeht.
Die Definition basiert nicht ausschließlich auf dem Body-Mass-Index (BMI).
Neues EASO-Konzept zur Diagnose und Therapie
Kernaussage: Die Diagnose soll nicht allein auf dem BMI oder der Fettmasse beruhen.
Komponenten der Diagnose:
Anthropometrische Komponente: oder in Kombination mit einer Waist-to-Height-Ratio () > 0,5.
Klinische Komponente: Berücksichtigung medizinischer Folgen, funktioneller Einschränkungen und psychischer Auswirkungen.
Stadieneinteilung: Die Diagnose führt zu einer Stadieneinteilung und darauf basierenden individuellen Therapiezielen.
Fokus: Der Schwerpunkt liegt auf den Gesundheitsfolgen statt ausschließlich auf der Gewichtsreduktion.
Komorbiditäten und gesundheitliche Folgen
Adipositas-assoziierte Erkrankungen
Stoffwechsel: Typ-2-Diabetes, Insulinresistenz, Fettstoffwechselstörungen, Gicht, metabolisches Syndrom.
Herz-Kreislauf: Bluthochdruck (Hypertonie), Koronare Herzerkrankung (KHK), Schlaganfall, Phlebitis, venöse Stauung.
Organe: Gallensteinleiden, Nicht-alkoholische Fettlebererkrankung (NAFLD), Leberverfettung (Steatosis hepatis), Leberentzündung, Leberzirrhose, Refluxerkrankung, Pankreatitis.
Atemwege: Schlafapnoe-Syndrom, Kurzatmigkeit, Hypoventilationssyndrom, Lungenerkrankungen.
Bewegungsapparat: Kniegelenks-Arthritis, Rückenschmerzen, Achsfehlstellungen im Kniegelenk, Fußfehlstellungen, Epiphysiolyse capitis femoris (Risiko für Coxarthrose).
Reproduktion: Polyzystisches Ovarsyndrom (PCOS), Infertilität, Zyklusstörungen.
Sonstiges: Katarakt, idiopathische intrakranielle Hypertonie (Pseudotumor cerebri), Hauterkrankungen, Intertrigo, Harninkontinenz.
Krebsrisiko
Zusammenhang mit bösartigen Neubildungen an Uterus, Niere, Leber, Colon, Brust, Gebärmutterhals, Prostata, Speiseröhre und Bauchspeicheldrüse.
Besonderheiten bei Kindern und Jugendlichen (Häufigkeit von Begleiterkrankungen)
Gestörte Nüchternglykämie/Glukosetoleranz: .
Typ-2-Diabetes: .
(Prä-)metabolisches Syndrom: .
Steatosis hepatis: .
Gallensteine: .
Orthopädische Folgestörungen: .
Heterogenität des adipösen Phänotyps
Mechanische Folgen: Arthrose, Reflux, Plantarfasziitis.
Sozioökonomische Folgen: Niedriges Einkommen, Arbeitslosigkeit, geringere Bildung, Probleme bei Versicherungen oder bariatrischen Hilfsmitteln.
Psychische Folgen: Depression, Angststörungen, Persönlichkeitsstörungen, geringes Selbstwertgefühl, geringe Selbstwirksamkeit, schlechtes Körperbild, Demenz, Binge-Eating.
Das Adipositas-Paradox und die Rolle der Körperzusammensetzung
Zusammenhang von BMI und Gesamtsterblichkeit
Der Kurvenverlauf ist U-förmig: Sehr niedriger BMI führt zu höherer Sterblichkeit (oft wegen geringer Muskelmasse oder Mangelernährung). Ein hoher BMI erhöht die Sterblichkeit ebenfalls.
Die niedrigste Sterblichkeit liegt bei einem von ca. .
Männer weisen bei gleichem BMI eine höhere Sterblichkeit auf als Frauen.
Das Paradoxon
Übergewichtige Menschen haben teilweise eine gleiche oder niedrigere Mortalität als Normalgewichtige. Adipositas Grad I zeigt nicht immer eine erhöhte Sterblichkeit.
Erklärung: Der BMI unterscheidet nicht zwischen Fettmasse und Muskelmasse. Besonders ältere Menschen profitieren von Energiereserven.
Fettmasse (FM) vs. fettfreie Masse (FFM)
umfasst Muskulatur, Knochen, Organe und Körperwasser.
Die erhöhte Mortalität bei niedrigem BMI resultiert oft aus einer geringen .
Nicht Fett schützt, sondern ausreichende Muskelmasse.
Tofi (Thin Outside, Fat Inside): Auch schlanke Menschen können im Inneren verfettet sein.
Sarkopene Adipositas: Die Kombination aus viel Fett und wenig Muskelmasse ist besonders gefährlich.
Bedeutung der Skelettmuskulatur
Größtes metabolisch aktives Gewebe ( des Körpergewichts).
Funktionen: Energiebedarf, Insulinsensitivität, Proteinspeicher, endokrine Funktion (Myokine), Thermoregulation.
Folgen von Sarkopenie: Mitochondriale Dysfunktion, oxidativer Stress, Insulinresistenz, Immunschwäche, Frailty (Gebrechlichkeit).
Neuroendokrine Regulation und Hormone
Leptin (Sättigungshormon)
Produktion im Fettgewebe; Spiegel ist proportional zur Fettmasse.
Wirkung im Hypothalamus: Hunger , Sättigung .
Bei Adipositas: Hohe Leptinspiegel, aber Sättigungswirkung bleibt aus aufgrund von Leptinresistenz.
Reproduktion: Niedriges Leptin signalisiert dem Gehirn unzureichende Reserven für eine Schwangerschaft (führt zu Amenorrhoe, z. B. bei Anorexia nervosa).
Ghrelin (Hungerhormon)
Bildung im Magen.
Wirkung: Steigerung von Hunger und Appetit.
Spiegel steigt vor Mahlzeiten an.
Weitere Signale
Darmhormone (nach dem Essen): , , , .
Pankreas: Insulin wirkt physiologisch als Sättigungssignal.
Zentrale Steuerung
Hypothalamus: Kontrolle des Energiehaushalts.
Hirnstamm: Verarbeitung von Darmsignalen.
Limbisches System: Belohnung, Lust, Emotionen.
Kognitive Zentren: Essverhalten, Gewohnheiten.
Adipogene Umwelt (Obesogenic Environment) und Risikofaktoren
Nicht beeinflussbare Faktoren
Niedriger Sozialstatus, Migrationshintergrund (Südeuropa), Übergewicht der Eltern.
Beeinflussbare Faktoren
Schlecht kontrollierter Schwangerschaftsdiabetes, Rauchen in der Schwangerschaft, kurzes Stillen (< 3\text{--}4 Monate), übermäßige Gewichtszunahme im 1. Lebensjahr.
Lebensstil und Umwelt
Schlafmangel: Führt zu erhöhter Kalorienaufnahme (nicht geringerem Verbrauch) und Zunahme von Bauchfett.
Seasonal Pressures: Gewichtszunahme am Wochenende (höchste Zunahme Sonntag auf Montag) und an Feiertagen.
Kurzfristige Schwankungen: Schwankungen von pro Tag resultieren meist aus Wasserhaushalt, Natriumaufnahme, Glykogenspeichern oder Darminhalt.
Ernährungswissenschaftliche Aspekte
Flüssige Kalorien
Sättigen weniger als feste Nahrung, werden schneller aufgenommen.
Beispiel: Die Sättigung ist am höchsten bei Apfelstücken, gefolgt von Apfelmus und am geringsten bei Apfelsaft.
Energiedichte und Portionsgrößen
Durchschnittliche Energiedichte: Frauen , Männer .
Empfehlung zur Abnahme: < 1,5\,kcal/g.
Portion-Size-Effect: Große Portionen + hohe Energiedichte führen zu bis zu mehr Kalorienaufnahme.
Hochverarbeitete Lebensmittel (Ultra-Processed Foods - UPF)
Charakteristika: Hohe Energiedichte, viel Zucker/Aromen, weiche Textur, geringe Nährstoffdichte (weniger Ballaststoffe, Mikronährstoffe, Omega-3).
Skimpflation: Qualitätsverschlechterung (weniger hochwertige Rohstoffe, mehr Ersatzstoffe wie Wasser oder Aromen) bei gleichem Preis.
Protein Leverage Hypothesis: Menschen essen so lange, bis der Proteinbedarf gedeckt ist. UPF enthalten oft wenig Protein, was zu Überessen führt.
Energy Flux Konzept
Low Energy Flux: Wenig Bewegung, geringer Verbrauch, geringe Kalorienmenge möglich.
High Energy Flux:Viel Bewegung, hoher Verbrauch, höhere Kalorienaufnahme bei besserer Stoffwechselregulation und Appetitkontrolle möglich.
Therapeutische Strategien und Pharmakotherapie
Indikationen zur Gewichtsreduktion
.
bei Vorliegen von adipositasbedingten Gesundheitsstörungen, abdominaler Adipositas oder hohem psychischem Leidensdruck.
Kontraindikationen: Schwangerschaft, konsumierende Erkrankungen.
Pharmakologie (Antiadiposita)
Inkretin-Mimetika: -Rezeptoragonisten (z. B. Semaglutid), duale Agonisten (, z. B. Tirzepatid) und Dreifach-Agonisten (, z. B. Retatrutid).
Wirkungen: Verbesserung von Körpergewicht, Blutzuckerkontrolle, Cholesterinsentkung, Reduktion der Leberverfettung, Erhöhung des Energieverbrauchs.
Nebenwirkungen (Beispiel Semaglutid vs. Placebo): Übelkeit ( vs. ), Durchfall ( vs. ), Erbrechen ( vs. ).
Die MEAL-Strategie
M – Muscle Maintenance: Hohe Proteinaufnahme () und Krafttraining zum Erhalt der FFM.
E – Energy Balance: Vermeidung einer zu starken Restriktion (< 800\,kcal/Tag birgt Risiken).
A – Avoid Side Effects: Kleine Mahlzeiten, langsames Essen gegen gastrointestinale Beschwerden.
L – Liquid Intake: Ausreichende Flüssigkeitszufuhr (> 2\text{--}3\,l/Tag) zur Vermeidung von Obstipation.
Praktische Ernährungstipps
Drei Hauptmahlzeiten, kein Snacking zwischendurch.
Mehr Kalorien in der ersten Tageshälfte (Frühstück schützt).
Ballaststoffreiche Kost (> 21\,g/Tag für Frauen, > 30\,g/Tag für Männer).
Einsatz von S.M.A.R.T.-Zielen (spezifisch, messbar, erreichbar, attraktiv, realistisch, terminiert).