Einführung in Public und Nonprofit Marketing
Lernziele
- Sie verstehen, was Marketing ist und warum es auch gemeinwohlorientierte Organisationen betrifft.
- Sie erkennen, dass Marketing mehr ist als reine Werbung; es umfasst das Gestalten von Austausch- und Beziehungsprozessen.
- Sie können die Besonderheiten des Marketings im öffentlichen Sektor und im Nonprofit-Sektor reflektieren.
- Leitfragen (eigene Lernkontrolle):
- Warum braucht z. B. die Polizei Marketing?
- Welche Aha-Momente, Beispiele und offenen Fragen nehme ich aus dem Seminar mit?
Grundverständnis Marketing (nach Meffert et al. 2024, S. 2)
- Ziel: Effiziente und bedürfnisgerechte Gestaltung von Austauschprozessen
- Kernaufgaben:
- Austauschprozesse gestalten → freiwilliger Tausch von Leistungen gegen Geld, Aufmerksamkeit oder Unterstützung
- Beziehungen managen → Vertrauen aufbauen & pflegen
- Bedürfnisse verstehen → permanente Zielgruppenorientierung
- Effizienz sichern → knappe Ressourcen mit maximaler Wirkung einsetzen
- Marketing = aktiver Gestaltungsprozess (≠ nur Werbung)
- Populäre Kampagnen als Praxisbeispiele
- Spotify Jahresrückblick-Kampagne 2018
- BVG-Kampagne #weilwirdichlieben 2015
Dienstleistungsmarketing – Besonderheiten gegenüber Sachgütern
- Immaterialität
- Dienstleistungen sind nicht greif-, lager- oder transportierbar.
- Uno-Actu-Prinzip
- Produktion & Konsum finden simultan statt.
- Integration des externen Faktors
- Kund:innen wirken an der Leistung mit (Co-Creation).
- Heterogenität
- Servicequalität lässt sich nicht vollständig standardisieren; jede/r erlebt die Leistung anders.
- Leistungspotenzial statt Sachgut
- Verkauft wird ein Leistungsversprechen.
- Folge: Fokus auf Vertrauen & Erwartungsmanagement.
Fallbeispiel: Polizei München – Imagefilm #WirFürEuch 2024
- Leitfragen des Marketing-Teams:
- Zielgruppen? (Bürger:innen, potenzielle Bewerber:innen, Politik, Medien …)
- Botschaften? (Sicherheit, Bürgernähe, Arbeitgeberattraktivität …)
- Marketing-Ziele? (Vertrauen stärken, Personal gewinnen, positives Image erzeugen …)
Gründe für Public & Nonprofit Marketing
- Szenario: Sie arbeiten in einer nicht-kommerziellen Einrichtung
- Warum betreiben wir Marketing?
- Wen wollen wir erreichen?
- Was wollen wir bewirken (Verhaltensänderung, Spenden, Engagement …)?
- Wichtig: Ohne aktives Marketing riskieren Gemeinwohl-Akteure Ressourcenknappheit, Vertrauens- und Legitimationsverlust.
Akteure im Öffentlichen Sektor (Staat & Kommunen)
- Öffentliche Verwaltungen / Anstalten des öffentlichen Rechts (AöR)
- Beispiele: Gesundheitsamt, Jobcenter, Bibliothek, Museum, Polizei, Schule, Hochschule, Rundfunkanstalt …
- Ziele: Bedarfsdeckung, Information, Teilhabe, Vertrauen, Imagepflege, Verhaltenssteuerung, Arbeitgeberattraktivität
- Kampagnenbeispiel: BR-Jubiläumskampagne 2024
- Öffentliche Unternehmen
- Beispiele: Stadtwerke (Versorgung/Entsorgung), Verkehrsunternehmen, Krankenhaus, Zoo, Wohnungsbaugesellschaft …
- Ziele: Bedarfsdeckung, Kund:innenbindung, Image, Verhalten steuern, Arbeitgeberattraktivität
Akteure im Dritten Sektor
- Nonprofit-Organisationen (NPOs)
- Beispiele: Wohlfahrtsverband, Sportverein, Förderstiftung, Menschenrechts-NGO
- Ziele: Bedarfsdeckung, Spenden, freiwilliges Engagement, Aufmerksamkeit, politische Unterstützung
- Kampagnenbeispiel: Amnesty International – Briefmarathon
- Sozialunternehmen
- Beispiele: Inklusionsbetrieb, soziale Bildungseinrichtung, Social Start-up, Second-Hand-Kaufhaus
- Ziele: Absatzsteigerung, soziale Wirkung, Image, Bewusstsein für gesellschaftliche Themen
- Kampagnenbeispiel: Viva Con Agua – „Water is a human right“ 2018
Sektorale Marketing-Unterschiede (Warum? Für wen?)
- Kommerzielles Marketing
- Zweck: Gewinnerzielung
- Zielgruppe: Kund:innen mit Wahlfreiheit in einem Polypol-Markt
- Public Marketing
- Zweck: Bedarfsdeckung & Information der Bürger:innen
- Marktform: oft (natürliches) Monopol; Nachfrage teilweise zwangsweise
- Nonprofit Marketing
- Zweck: Bedarfsdeckung & Engagementförderung
- Besonderheit: Nutzer:innen (Leistungsempfänger) und Zahler:innen (Spender:innen, Politik) sind häufig nicht identisch
Vertiefung der B2C-Unterschiede
- Kommerziell: Polypol, freie Nachfrage, Gewinn, Konsument:innen
- Öffentlich: (Oligo-)Monopol, Zwangsnachfrage, Kostendeckung + Information, Bürger:innen
- Nonprofit: Polypol bzw. lokales Monopol, getrennte Finanzierungsverantwortung, Ressourcenakquisition, vielfältige Zielgruppen (Klient:innen, Mittelgeber:innen, Öffentlichkeit, Politik)
- Diese strukturellen Unterschiede prägen Austauschbeziehung, Kommunikationsstil und Erfolgsmetriken.
Best-Practice & Reflexionsfragen
- Aufgabe: Recherchieren Sie eine Organisation mit gelungenem Marketing im Public oder Nonprofit-Sektor.
- Welche Marketing-Ziele verfolgt sie?
- Welche Zielgruppen adressiert sie?
- Was macht die Kampagne besonders effektiv? (Kreativität, Storytelling, Partizipation …)
- Eigene Lernreflexion (Lerncheck):
- Persönliche Aha-Momente des Tages?
- Besonders prägnante Beispiele?
- Zentrale Erkenntnis aus dem Seminar?
- Themen, über die ich mehr erfahren möchte?
Take-aways
- Marketing ist ein universelles Gestaltungsprinzip für Austauschbeziehungen – nicht exklusiv für gewinnorientierte Firmen.
- Gemeinwohl- und Nonprofit-Organisationen haben eigene Herausforderungen (z. B. Zwangsnachfrage, Finanzierungslogik, Vertrauensaufbau), weshalb ihr Marketing strategisch gedacht werden muss.
- Dienstleistungsmerkmale (Immaterialität, Uno-Actu, Kundenintegration, Heterogenität, Leistungspotenzial) stellen zusätzliche Anforderungen an Kommunikation und Qualitätsmanagement.
- Erfolgreiches Public/Nonprofit Marketing verbindet klar definierte Ziele, zielgruppenspezifische Botschaften und messbare Wirkungen – von Imagebildung bis Ressourcenakquisition.