PuP Matura - Thema 1, 2
Aspekte der wissenschaftlichen Psychologie und Wahrnehmung
Grundlagen der Psychologie und Begriffsdefinitionen
Definition des Begriffs Psychologie: Der Begriff leitet sich etymologisch ab und bedeutet "Lehre von der Seele".
Das Konzept der Seele:
Die Vorstellung einer unsterblichen Seele dient oft dazu, die Furcht vor dem Tod zu mindern.
Aristoteles: Unternahm den ersten Versuch einer Definition der Seele.
René Descartes (17. Jh.): Definierte die Seele als Denkkraft und Bewusstsein.
David Hume (18. Jh.): Beschrieb die Seele als ein Bündel von Bewußtseinsinhalten.
Heutige Definition: Die Seele wird als der nicht-körperliche Teil des Menschen verstanden, der sich im "Ich-Empfinden" ausdrückt.
Forschungsgegenstand: Die Psychologie konzentriert sich auf das Erleben und Verhalten eines Individuums.
Erleben: Innere Prozesse, die nicht direkt beobachtbar sind. Sie werden durch Introspektion (Selbstbeobachtung) erforscht.
Verhalten: Äußerungen eines Lebewesens, die beobachtbar sind, wie sprachliche Äußerungen, Mimik, Gestik und Handlungen.
Wissenschaftliche Einordnung: Bis zum Jahr war die Psychologie ein Teilgebiet der Philosophie und basierte primär auf Anschauungen und Erfahrungserkenntnissen.
Alltagspsychologie versus Wissenschaftliche Psychologie
Alltagspsychologie (Subjektive Psychologie):
Menschen erwerben im Laufe ihres Lebens durch eigene Erfahrungen ein subjektives psychologisches Allgemeinwissen.
Probleme der Alltagspsychologie:
Einzelergebnisse werden undifferenziert verallgemeinert.
Die Aussagekraft eigener Urteile wird massiv überschätzt.
Hindsight-Bias: Die Erinnerung wird durch nachträgliche Einsicht verzerrt.
Ziele der wissenschaftlichen Psychologie:
Beobachten und Beschreiben des Gegenstands.
Erklären und Bewerten der Phänomene.
Verändern durch Vorhersage und gezielte Beeinflussung.
Wissenschaftliche Prinzipien:
Objektivität: Mehrere unabhängige Versuche oder Forscher führen zum gleichen Schluss.
Validität (Gültigkeit): Ein Testverfahren misst tatsächlich das Merkmal, das es zu messen vorgibt.
Reliabilität (Zuverlässigkeit): Ein Versuch oder Test kann unter gleichen Bedingungen reproduziert werden und liefert konsistente Ergebnisse.
Forschungsmethoden:
Beobachtung: Systematische Erfassung von Verhalten.
Experiment: Dient der Ermittlung von allgemeinen Gesetzmäßigkeiten.
Test: Dient der Feststellung individueller Ausprägungen von Merkmalen.
Befragung: Erhebung von Daten durch Interviews oder Fragebögen.
Disziplinen und Interaktionsformen
Psychiatrie: Eine Teildisziplin der Medizin, die sich mit psychischen Störungen befasst.
Psychotherapie: Eine Interaktion zwischen einem Therapeuten und einem Klienten zur Heilung oder Linderung psychischer Probleme.
Psychoanalyse (nach Sigmund Freud): Eine spezifische Methode der Psychotherapie, die verstärkt mit der Bewältigung der Vergangenheit arbeitet.
Intrapersonelle Prozesse: Psychische Prozesse, die innerhalb des Individuums selbst stattfinden.
Interpersonelle Prozesse: Prozesse, die sich zwischen Individuen in der sozialen Interaktion abspielen.
Theoretische Psychologie: Umfasst Fächer, in denen die Grundlagen psychischer Prozesse erforscht werden, eingeteilt in:
Kognitive und biologische Grundlagen des Verhaltens und Erlebens.
Grundlagen intra- und interpersoneller Prozesse.
Allgemeine Psychologie: Gliedert sich in Teilbereiche wie Wahrnehmung, Gedächtnis und Lernen, Denken und Sprache, Problemlösen, Intelligenz, Motivation und Emotionen.
Biologische Psychologie: Untersucht das zentrale Nervensystem und dessen Auswirkungen auf psychische Prozesse.
Populärwissenschaftliche Psychologie: Wissenschaftliche Themen der Psychologie werden für die allgemeine Öffentlichkeit verständlich aufbereitet.
Modelle der wissenschaftlichen Psychologie
Behavioristisches Modell (Pavlov, Thorndike, Skinner):
Fokus: Ausschließlich beobachtbares Verhalten, das objektiv messbar ist.
Analyse des Zusammenhangs zwischen Verhalten und Umfeld (Reiz-Reaktions-Kette).
Determinisumus: Der Mensch wird durch Umweltbedingungen geprägt und bestimmt.
Untersuchungsmethode: Messung von Reiz und Reaktion (oft Tierversuche mit Ratten und Tauben).
Historische Vorläufer: Aristoteles, John Locke, David Hume.
Kognitives Modell (Jean Piaget):
Fokus: Wie Informationen enkodiert, gespeichert, verarbeitet und abgerufen werden.
Menschenbild: Ein einsichtiges, verantwortungsvolles Wesen, das aktiv handelt und Ziele verfolgt (kein bloßes Produkt der Umwelt).
Methoden: Selbstauskünfte, Messung physiologischer Zustände, Messung von Reaktions- und Entscheidungszeiten.
Biopsychologisches Modell (Roth):
Fokus: Erklärt Erleben und Verhalten durch die Funktionsweise des Gehirns und Nervensystems.
Kernfragen: Einfluss von Hormonen auf Gefühle, Auswirkung von Genen auf Verhalten, Einfluss der Psyche auf den Körper.
Methoden: PET (Positronen-Emissions-Tomographie) und EEG (Elektroenzephalografie) zur Messung von Gehirnaktivitäten.
Tiefenpsychologisches Modell (Adler, Freud, Jung):
Fokus: Der Mensch wird von starken, oft unbewussten seelischen Kräften angetrieben.
Kernannahme: Konflikte bestimmen die spätere Persönlichkeit; Persönlichkeitsstörungen resultieren aus unerfüllten Wünschen oder Kindheitstraumata.
Humanistisches Modell (Bühler, Fromm, Rogers, Frankl, Maslow):
Entstand als Reaktion auf Behaviorismus und Tiefenpsychologie.
Kritik am Behaviorismus: Mensch wird nicht als passive Maschine (Reiz-Reaktions-Automat) gesehen.
Kritik an der Tiefenpsychologie: Mensch reduziert auf ein triebbestimmtes Wesen.
Fokus: Selbstentfaltung und Selbstverwirklichung als oberste Ziele. Der Mensch ist von Grund auf gut, frei, verantwortlich und trifft rationale Entscheidungen.
Weitere Perspektiven:
Evolutionäre Perspektive: Untersuchung evolutionär entstandener psychischer Anpassungsvorgänge.
Kulturvergleichende Perspektive: Untersuchung soziokultureller Muster sowie universeller und kulturspezifischer Aspekte des Verhaltens.
Wahrnehmung: Prozess und Psychophysik
Der Wahrnehmungsprozess:
Physikalischer Reiz
Umwandlung in Nervenimpulse
Umwandlung in eine Empfindung
Verarbeitung und Interpretation (Einfluss nicht-sensorischer Faktoren)
Selektivität: Es werden nur Merkmale wahrgenommen, für die wir Sensoren besitzen und die momentan von Bedeutung sind.
Psychophysik: Untersuchung der Beziehung zwischen physikalischen Reizen und subjektivem Erleben.
Reizschwelle: Die geringste und höchste Reizintensität/-qualität, die für eine Wahrnehmung nötig ist.
Unterschiedsschwelle: Der geringste physikalische Unterschied zwischen zwei Reizen, der nötig ist, um eine Differenz zu erkennen.
Weber’sches Gesetz: Besagt, dass die Unterschiedsschwelle mit der Intensität des Reizes zunimmt.
Adaptionsniveau: Ein subjektiver Maßstab der Wahrnehmung (z. B. Beurteilung von Gewicht nach Gewohnheit).
Sensorische Adaption: Abnahme der Empfindlichkeit bei gleichbleibendem Reiz (z. B. Gewöhnung an kaltes Wasser oder einen schlechten Geruch).
Einflüsse auf die Wahrnehmung
Nicht-sensorische Einflüsse (Individuelle Faktoren):
Momentaner emotionaler Zustand (Stimmung).
Bisherige Erfahrungen und erlerntes Wissen.
Einstellungen und persönliche Wertehaltungen.
Selektive Aufmerksamkeit:
Cocktailparty-Effekt: Die Fähigkeit, aus einer Geräuschkulisse gezielt Informationen herauszufiltern.
Flaschenhalsmodell: Metapher für die begrenzte Kapazität der Informationsverarbeitung.
Wahrnehmungsabwehr: Unbewusstes Ausblenden von bedrohlichen oder unangenehmen Reizen.
Wahrnehmungsorganisation und Konstanzphänomene
Gestalttheoretischer Ansatz (Gestaltgesetze):
Gesetz der Ähnlichkeit: Ähnliche Figuren werden als zusammengehörig wahrgenommen.
Gesetz der Nähe: Reize, die räumlich eng beieinanderliegen, werden als Einheit aufgefasst.
Gesetz der Geschlossenheit: Unvollständige Reizvorlagen werden im Geist vervollständigt (Bsp.: Kanisza-Dreieck).
Gesetz der Kontinuität: Reize, die eine Fortsetzung einer Anordnung zu sein scheinen, werden als zusammengehörig gesehen.
Lerntheoretischer Ansatz (Wahrnehmungskonstanzen): Objekte werden trotz Veränderung des Netzhautbildes als gleichbleibend wahrgenommen.
Formkonstanz: Erkennen der wahren Form unabhängig von der Perspektive.
Größenkonstanz: Objekte werden als gleich groß wahrgenommen, auch wenn sie sich entfernen (Ausnahme: linear-perspektivische Täuschungen).
Farb-Helligkeitskonstanz: Farben und Helligkeit werden trotz wechselnder Beleuchtung konstant wahrgenommen.
Orientierungskonstanz: Wiedererkennen von Objekten bei ungewohnter Ausrichtung.
Theoretische Konzepte der Wirklichkeit
Radikaler Konstruktivismus:
Wir können die Wirklichkeit nicht so erkennen, wie sie tatsächlich ist, da wir sie selbst konstruieren.
Neurowissenschaftliche Bestätigung: Was wir für real halten, ist eine Konstruktion des Gehirns.
Wahrnehmung ist immer zugleich Informationsaufnahme und Informationsverarbeitung.
Kritik: Der radikale Konstruktivismus nutzt wissenschaftliche Erkenntnisse als Beweis, die nach seiner eigenen Logik (da sie nur Konstruktionen sind) gar keine allgemeine Gültigkeit haben könnten.
Leib-Seele-Problematik: Fragestellung, inwieweit Körper (Leib) und Geist (Seele) zusammenhängen oder eigenständige Einheiten bilden (Sokrates, Platon, Aristoteles, Descartes).