PuP Matura - Thema 1, 2

Aspekte der wissenschaftlichen Psychologie und Wahrnehmung

Grundlagen der Psychologie und Begriffsdefinitionen

  • Definition des Begriffs Psychologie: Der Begriff leitet sich etymologisch ab und bedeutet "Lehre von der Seele".

  • Das Konzept der Seele:

    • Die Vorstellung einer unsterblichen Seele dient oft dazu, die Furcht vor dem Tod zu mindern.

    • Aristoteles: Unternahm den ersten Versuch einer Definition der Seele.

    • René Descartes (17. Jh.): Definierte die Seele als Denkkraft und Bewusstsein.

    • David Hume (18. Jh.): Beschrieb die Seele als ein Bündel von Bewußtseinsinhalten.

    • Heutige Definition: Die Seele wird als der nicht-körperliche Teil des Menschen verstanden, der sich im "Ich-Empfinden" ausdrückt.

  • Forschungsgegenstand: Die Psychologie konzentriert sich auf das Erleben und Verhalten eines Individuums.

    • Erleben: Innere Prozesse, die nicht direkt beobachtbar sind. Sie werden durch Introspektion (Selbstbeobachtung) erforscht.

    • Verhalten: Äußerungen eines Lebewesens, die beobachtbar sind, wie sprachliche Äußerungen, Mimik, Gestik und Handlungen.

  • Wissenschaftliche Einordnung: Bis zum Jahr 18791879 war die Psychologie ein Teilgebiet der Philosophie und basierte primär auf Anschauungen und Erfahrungserkenntnissen.

Alltagspsychologie versus Wissenschaftliche Psychologie

  • Alltagspsychologie (Subjektive Psychologie):

    • Menschen erwerben im Laufe ihres Lebens durch eigene Erfahrungen ein subjektives psychologisches Allgemeinwissen.

    • Probleme der Alltagspsychologie:

      1. Einzelergebnisse werden undifferenziert verallgemeinert.

      2. Die Aussagekraft eigener Urteile wird massiv überschätzt.

      3. Hindsight-Bias: Die Erinnerung wird durch nachträgliche Einsicht verzerrt.

  • Ziele der wissenschaftlichen Psychologie:

    • Beobachten und Beschreiben des Gegenstands.

    • Erklären und Bewerten der Phänomene.

    • Verändern durch Vorhersage und gezielte Beeinflussung.

  • Wissenschaftliche Prinzipien:

    • Objektivität: Mehrere unabhängige Versuche oder Forscher führen zum gleichen Schluss.

    • Validität (Gültigkeit): Ein Testverfahren misst tatsächlich das Merkmal, das es zu messen vorgibt.

    • Reliabilität (Zuverlässigkeit): Ein Versuch oder Test kann unter gleichen Bedingungen reproduziert werden und liefert konsistente Ergebnisse.

  • Forschungsmethoden:

    • Beobachtung: Systematische Erfassung von Verhalten.

    • Experiment: Dient der Ermittlung von allgemeinen Gesetzmäßigkeiten.

    • Test: Dient der Feststellung individueller Ausprägungen von Merkmalen.

    • Befragung: Erhebung von Daten durch Interviews oder Fragebögen.

Disziplinen und Interaktionsformen

  • Psychiatrie: Eine Teildisziplin der Medizin, die sich mit psychischen Störungen befasst.

  • Psychotherapie: Eine Interaktion zwischen einem Therapeuten und einem Klienten zur Heilung oder Linderung psychischer Probleme.

  • Psychoanalyse (nach Sigmund Freud): Eine spezifische Methode der Psychotherapie, die verstärkt mit der Bewältigung der Vergangenheit arbeitet.

  • Intrapersonelle Prozesse: Psychische Prozesse, die innerhalb des Individuums selbst stattfinden.

  • Interpersonelle Prozesse: Prozesse, die sich zwischen Individuen in der sozialen Interaktion abspielen.

  • Theoretische Psychologie: Umfasst Fächer, in denen die Grundlagen psychischer Prozesse erforscht werden, eingeteilt in:

    • Kognitive und biologische Grundlagen des Verhaltens und Erlebens.

    • Grundlagen intra- und interpersoneller Prozesse.

  • Allgemeine Psychologie: Gliedert sich in Teilbereiche wie Wahrnehmung, Gedächtnis und Lernen, Denken und Sprache, Problemlösen, Intelligenz, Motivation und Emotionen.

  • Biologische Psychologie: Untersucht das zentrale Nervensystem und dessen Auswirkungen auf psychische Prozesse.

  • Populärwissenschaftliche Psychologie: Wissenschaftliche Themen der Psychologie werden für die allgemeine Öffentlichkeit verständlich aufbereitet.

Modelle der wissenschaftlichen Psychologie

  • Behavioristisches Modell (Pavlov, Thorndike, Skinner):

    • Fokus: Ausschließlich beobachtbares Verhalten, das objektiv messbar ist.

    • Analyse des Zusammenhangs zwischen Verhalten und Umfeld (Reiz-Reaktions-Kette).

    • Determinisumus: Der Mensch wird durch Umweltbedingungen geprägt und bestimmt.

    • Untersuchungsmethode: Messung von Reiz und Reaktion (oft Tierversuche mit Ratten und Tauben).

    • Historische Vorläufer: Aristoteles, John Locke, David Hume.

  • Kognitives Modell (Jean Piaget):

    • Fokus: Wie Informationen enkodiert, gespeichert, verarbeitet und abgerufen werden.

    • Menschenbild: Ein einsichtiges, verantwortungsvolles Wesen, das aktiv handelt und Ziele verfolgt (kein bloßes Produkt der Umwelt).

    • Methoden: Selbstauskünfte, Messung physiologischer Zustände, Messung von Reaktions- und Entscheidungszeiten.

  • Biopsychologisches Modell (Roth):

    • Fokus: Erklärt Erleben und Verhalten durch die Funktionsweise des Gehirns und Nervensystems.

    • Kernfragen: Einfluss von Hormonen auf Gefühle, Auswirkung von Genen auf Verhalten, Einfluss der Psyche auf den Körper.

    • Methoden: PET (Positronen-Emissions-Tomographie) und EEG (Elektroenzephalografie) zur Messung von Gehirnaktivitäten.

  • Tiefenpsychologisches Modell (Adler, Freud, Jung):

    • Fokus: Der Mensch wird von starken, oft unbewussten seelischen Kräften angetrieben.

    • Kernannahme: Konflikte bestimmen die spätere Persönlichkeit; Persönlichkeitsstörungen resultieren aus unerfüllten Wünschen oder Kindheitstraumata.

  • Humanistisches Modell (Bühler, Fromm, Rogers, Frankl, Maslow):

    • Entstand als Reaktion auf Behaviorismus und Tiefenpsychologie.

    • Kritik am Behaviorismus: Mensch wird nicht als passive Maschine (Reiz-Reaktions-Automat) gesehen.

    • Kritik an der Tiefenpsychologie: Mensch reduziert auf ein triebbestimmtes Wesen.

    • Fokus: Selbstentfaltung und Selbstverwirklichung als oberste Ziele. Der Mensch ist von Grund auf gut, frei, verantwortlich und trifft rationale Entscheidungen.

  • Weitere Perspektiven:

    • Evolutionäre Perspektive: Untersuchung evolutionär entstandener psychischer Anpassungsvorgänge.

    • Kulturvergleichende Perspektive: Untersuchung soziokultureller Muster sowie universeller und kulturspezifischer Aspekte des Verhaltens.

Wahrnehmung: Prozess und Psychophysik

  • Der Wahrnehmungsprozess:

    1. Physikalischer Reiz

    2. Umwandlung in Nervenimpulse

    3. Umwandlung in eine Empfindung

    4. Verarbeitung und Interpretation (Einfluss nicht-sensorischer Faktoren)

  • Selektivität: Es werden nur Merkmale wahrgenommen, für die wir Sensoren besitzen und die momentan von Bedeutung sind.

  • Psychophysik: Untersuchung der Beziehung zwischen physikalischen Reizen und subjektivem Erleben.

    • Reizschwelle: Die geringste und höchste Reizintensität/-qualität, die für eine Wahrnehmung nötig ist.

    • Unterschiedsschwelle: Der geringste physikalische Unterschied zwischen zwei Reizen, der nötig ist, um eine Differenz zu erkennen.

    • Weber’sches Gesetz: Besagt, dass die Unterschiedsschwelle mit der Intensität des Reizes zunimmt.

    • Adaptionsniveau: Ein subjektiver Maßstab der Wahrnehmung (z. B. Beurteilung von Gewicht nach Gewohnheit).

    • Sensorische Adaption: Abnahme der Empfindlichkeit bei gleichbleibendem Reiz (z. B. Gewöhnung an kaltes Wasser oder einen schlechten Geruch).

Einflüsse auf die Wahrnehmung

  • Nicht-sensorische Einflüsse (Individuelle Faktoren):

    • Momentaner emotionaler Zustand (Stimmung).

    • Bisherige Erfahrungen und erlerntes Wissen.

    • Einstellungen und persönliche Wertehaltungen.

  • Selektive Aufmerksamkeit:

    • Cocktailparty-Effekt: Die Fähigkeit, aus einer Geräuschkulisse gezielt Informationen herauszufiltern.

    • Flaschenhalsmodell: Metapher für die begrenzte Kapazität der Informationsverarbeitung.

    • Wahrnehmungsabwehr: Unbewusstes Ausblenden von bedrohlichen oder unangenehmen Reizen.

Wahrnehmungsorganisation und Konstanzphänomene

  • Gestalttheoretischer Ansatz (Gestaltgesetze):

    • Gesetz der Ähnlichkeit: Ähnliche Figuren werden als zusammengehörig wahrgenommen.

    • Gesetz der Nähe: Reize, die räumlich eng beieinanderliegen, werden als Einheit aufgefasst.

    • Gesetz der Geschlossenheit: Unvollständige Reizvorlagen werden im Geist vervollständigt (Bsp.: Kanisza-Dreieck).

    • Gesetz der Kontinuität: Reize, die eine Fortsetzung einer Anordnung zu sein scheinen, werden als zusammengehörig gesehen.

  • Lerntheoretischer Ansatz (Wahrnehmungskonstanzen): Objekte werden trotz Veränderung des Netzhautbildes als gleichbleibend wahrgenommen.

    • Formkonstanz: Erkennen der wahren Form unabhängig von der Perspektive.

    • Größenkonstanz: Objekte werden als gleich groß wahrgenommen, auch wenn sie sich entfernen (Ausnahme: linear-perspektivische Täuschungen).

    • Farb-Helligkeitskonstanz: Farben und Helligkeit werden trotz wechselnder Beleuchtung konstant wahrgenommen.

    • Orientierungskonstanz: Wiedererkennen von Objekten bei ungewohnter Ausrichtung.

Theoretische Konzepte der Wirklichkeit

  • Radikaler Konstruktivismus:

    • Wir können die Wirklichkeit nicht so erkennen, wie sie tatsächlich ist, da wir sie selbst konstruieren.

    • Neurowissenschaftliche Bestätigung: Was wir für real halten, ist eine Konstruktion des Gehirns.

    • Wahrnehmung ist immer zugleich Informationsaufnahme und Informationsverarbeitung.

    • Kritik: Der radikale Konstruktivismus nutzt wissenschaftliche Erkenntnisse als Beweis, die nach seiner eigenen Logik (da sie nur Konstruktionen sind) gar keine allgemeine Gültigkeit haben könnten.

  • Leib-Seele-Problematik: Fragestellung, inwieweit Körper (Leib) und Geist (Seele) zusammenhängen oder eigenständige Einheiten bilden (Sokrates, Platon, Aristoteles, Descartes).