Micro-Foundations II - Resilienz, Scheitern und Lernen in Projekten
Rückblick: Micro-foundations und Kreativität in Projekten
Konzept der Micro-foundations:
Micro-foundations dienen dazu, kollektive Phänomene auf Organisationsebene durch die Analyse individueller Handlungen und Interaktionen zu erklären.
Kernidee: Organisationale Routinen können nicht ohne den Bezug zu den zugrunde liegenden Individuen vollständig verstanden werden.
Colemans Bathtub: Dieses Modell beschreibt, wie kollektive Outcomes (Makro-Ebene) bottom-up durch individuelles Handeln (Mikro-Ebene) entstehen.
Bedeutung für das Projektmanagement (PM): Die Teamleistung stellt ein Aggregat individueller Beiträge dar. Daher ist die Auswahl der richtigen Personen für ein Projekt eine strategisch entscheidende Aufgabe.
Kreativität im Projektkontext:
Definition: Kreativität wird als die Produktion neuer und nützlicher Ideen definiert. Sie gilt als die notwendige Vorstufe zur Innovation.
Kontextfaktoren: Projekte bieten aufgrund von Zeitdruck und Neuartigkeit einen idealen Kontext für kreative Problemlösungen.
Amabile-Modell: Dieses Modell definiert drei wesentliche Komponenten für kreative Leistung:
Fachwissen (Expertise bildet das Fundament).
Kreative Fähigkeiten.
Motivation (insbesondere intrinsische Motivation wirkt als Katalysator).
Denkstile und Methoden:
Divergentes Denken: Öffnet den Lösungsraum zur Ideenfindung. Die vier Säulen nach Guilford sind: , , und .
Konvergentes Denken: Dient der Auswahl und Umsetzung von Ideen.
Methoden zur Förderung: Brainstorming, die -Hüte-Methode (Wechsel der Denkrichtung) und die Reizwortanalyse.
Ideenbewertung und Auswahl:
Viele Organisationen scheitern nicht an einem Mangel an Ideen, sondern an der mangelnden Navigationskompetenz innerhalb des Ideenraums.
Creativity Bias: Ein psychologisches Phänomen, bei dem Menschen in Auswahlprozessen oft unbewusst konservative Optionen bevorzugen.
Zur Reduktion von Unsicherheit wird eine Kombination aus quantitativen und qualitativen Kriterien für die Ideenselektion empfohlen.
Projektmanagement: Scheitern und Resilienz
Warum scheitern Projekte?
Projektinterne Ursachen (Fehler im Einflussbereich des Projektes):
Projektsteuerung: Inkonsequentes Controlling und fehlende Korrekturmaßnahmen bei Abweichungen.
Wissenslücken: Fehlende Expertise im Team oder mangelhafte Dokumentation von Best Practices.
Methodenfehler: Unrealistische Zeitplanung und mangelhaftes Scope-Management.
Teamdynamik: Ungeklärte Rollen, interne Konflikte und fehlende psychologische Sicherheit.
Projektexterne Ursachen (Einflussfaktoren von außen):
Unternehmenspolitik: Verschiebung von Prioritäten innerhalb der Organisation.
Stakeholder-Dynamik: Widersprüchliche Anforderungen von Kunden oder Fachabteilungen.
Marktumwelt: Regulatorische Änderungen, technologische Disruptionen oder Schocks in der Lieferkette.
Ressourcen-Kontext: Fachkräftemangel oder plötzliche Budgetkürzungen.
Die Rolle der Resilienz:
Störungen bedeuten nicht zwangsläufig das Scheitern eines Projekts. Resilienz erklärt, warum Projekte trotz Störungen (Konflikte, Zeitdruck, Ressourcenengpässe) handlungsfähig bleiben.
Mechanismen zur Erhaltung der Handlungsfähigkeit:
Anpassungsfähigkeit.
Ressourcenmobilisierung.
Priorisierung.
Koordination.
Lernen unter Unsicherheit.
Ergebnisse resilienten Handelns: Entscheidungen können weiter getroffen werden, Rollen bleiben klar, Ressourcen werden umverteilt und Projektziele werden angepasst, statt sie aufzugeben.
Definitionen und Ebenen der Resilienz
Definitionen:
Psychologische Resilienz (Luthar et al., 2000): Positive Anpassung im Kontext erheblicher Widrigkeiten. Es ist ein zweidimensionales Konstrukt aus der Exposition gegenüber Risiken und positiven Anpassungsergebnissen.
Duden: Psychische Widerstandskraft; die Fähigkeit, schwierige Lebenssituationen ohne anhaltende Beeinträchtigung zu überstehen.
Drei Ebenen der Resilienz:
Individuelle Resilienz: Fähigkeit einer Person, trotz Belastung oder Rückschlägen funktionsfähig zu bleiben. Quellen: Selbstwirksamkeit, Emotionsregulation, Erfahrung, Lernen.
Team-Resilienz: Fähigkeit eines Teams, unter Druck koordiniert zu bleiben und Leistung aufrechtzuerhalten. Quellen: Vertrauen, psychologische Sicherheit, geteilte mentale Modelle, Backup-Verhalten.
Organisationale Resilienz: Fähigkeit einer Organisation, Störungen zu antizipieren, zu bewältigen und sich anzupassen. Quellen: Ressourcenpuffer, flexible Strukturen, Governance, Lernsysteme, Kultur.
Sichtweisen auf Resilienz:
Bounce-back: Rückkehr zum vorherigen Leistungsniveau nach einer Störung.
Absorptionsfähigkeit: Funktionsfähig bleiben während einer Störung (z. B. durch Redundanzen).
Adaptive Fähigkeit: Verhalten an veränderte Bedingungen anpassen (z. B. Rollenneuverteilung).
Lernfähigkeit: Störungen führen zur Transformation grundlegender Strukturen.
Individuelle Resilienz und Schutzfaktoren
Drei "Protective Factors" (Triade der Schutzfaktoren nach Garmezy, 1991):
Persönliche Schutzfaktoren: Anpassungsfähigkeit, Toleranz, Leistungsorientierung, Kommunikationsfähigkeit, Selbstdisziplin, Problemlösefähigkeit, Humor, Zielstrebigkeit.
Schützendes, familiäres Umfeld: Pflegende Familie, enge Beziehung zu einem erwachsenen Familienmitglied.
Externe Ressourcen zur Unterstützung: Fürsorgliches Umfeld außerhalb der Familie, positives Schulklima.
Persönliche Schutzfaktoren im Detail:
Widerstandsfähigkeit (Hardiness): Sinnhaftigkeit, Kontrolle und Gefühl von Verpflichtung.
Self-Enhancement: Positive Selbstwert-Verzerrung zur Vermeidung von Selbstzweifeln.
Repressive Coping: Kurzfristiges Ausblenden negativer Emotionen zur Funktionserhaltung.
Selbstwirksamkeit: Der Glaube, persönlich wirkungsvoll zu sein.
Resilienz messen: Resilience Factor Inventory (RFI):
Besteht aus Items und misst Komponenten:
Emotionsregulation: Emotionen im Griff behalten.
Impulskontrolle: Eigenes Verhalten steuern.
Kausalanalyse: Probleme effektiv diagnostizieren.
Selbstwirksamkeitsüberzeugung: Glaube an die eigene Fähigkeit.
Optimismus: Realistischer Glaube an die Zukunft.
Empathie: Erkennen der Motivation anderer.
Zielorientierung/Aufgeschlossenheit: Suche nach neuen Möglichkeiten.
Beispielhafte Normwerte: Ein Wert von liegt beispielsweise über dem Normwert von .
Resilienz als dynamischer Prozess
Kritik am Eigenschafts-Begriff: Resilienz ist kein statisches Persönlichkeitsmerkmal. Sie ist kontextabhängig und variabel über die Lebensspanne oder Projektlaufzeit.
Prozesslogik:
Resilienz entsteht erst im Zusammenspiel von Widrigkeit (Ereignis/Schock) und positiver Anpassung.
Wachstum (Posttraumatisches Wachstum): Ein System kann durch das Lernen aus Krisen ein höheres Funktionsniveau erreichen als vor der Störung.
Resilienz-Rückkopplungsschleife: Ein kontinuierlicher Zyklus aus Antizipation, Reaktion und post-krisenhaftem Lernen.
Teamresilienz: Synergie und Dynamik
Zentrale Aussage: Ein resilientes Team ist nicht einfach die Summe resilienter Individuen (Alliger et al., 2015).
Selbst wenn belastbare Personen zusammenarbeiten, kann das Team scheitern, wenn Kommunikation fehlt, Zuständigkeiten unklar sind oder kein Informationsaustausch stattfindet.
Teamressourcen (Stoverink et al., 2020):
Team potency: Gemeinsames Vertrauen, schwierige Aufgaben bewältigen zu können.
Team mental model of teamwork: Geteiltes Verständnis der Zusammenarbeit.
Capacity to improvise: Kreatives und flexibles Handeln bei Unerwartetem.
Psychological safety: Sicherheit, Fehler und Sorgen offen anzusprechen.
Prozesslogik des Team-Handelns (Alliger et al., 2015):
Minimize (Vor der Adversität): Stressoren antizipieren, Frühwarnsignale erkennen, Rollen klären.
Manage (Während der Adversität): Zwischen Normal- und Krisenmodus wechseln, Aufgaben neu koordinieren, überlastete Mitglieder unterstützen.
Mend (Nach der Adversität): Lagebild stabilisieren, Spannungen bearbeiten, im Debrief lernen.
Psychologische Sicherheit und Mentale Modelle
Geteilte mentale Modelle:
Eine gemeinsame kognitive Landkarte des Teams (Was passiert gerade? Wer weiß was? Wer macht was?).
Ermöglicht koordiniertes Handeln unter Druck und die Vorhersage der Bedürfnisse anderer Teammitglieder.
Psychologische Sicherheit (Amy Edmondson):
Definition: Die Überzeugung, dass interpersonelle Risikobereitschaft (Fehler gestehen, Geheimes ansprechen) keine negativen Konsequenzen hat.
Zonen-Modell: Hoher Anspruch kombiniert mit niedriger psychologischer Sicherheit führt in die Angst-Zone. Hohe Sicherheit und hoher Anspruch führen in die Lern- & Resilienzzone.
Ebenen der psychologischen Sicherheit: Inklusionsresilienz, Beitragsresilienz, Lernresilienz und Transformationsresilienz.
Teams mit hoher Sicherheit zeigen stärkeres Lernverhalten (Daten sammeln, Reflektieren, Experimentieren).
Lernen aus Fehlern und Debriefing
Debriefing (Nachbesprechung):
Elemente: Schaffung eines sicheren Rahmens, Austausch über Gefühle, Analyse der Gründe für Erfolg/Scheitern, Ableitung von Key-Learnings und Übertragbarkeit.
Barrieren für das Lernen aus Fehlern:
Threat-Rigidity: Unter Druck verfallen Organisationen in starre, alte Routinen.
Outcome Bias: Man bewertet nur das Ergebnis, investiert aber nicht in die Analyse der Prozesse.
Self-Shielding: Externalisierung von Ursachen zum Schutz des Selbstwerts.
Kausalitäts-Dilemma: In dynamischen Projekten ist die Kopplung von Ursache und Wirkung oft unklar.
Lernebenen (Argyris & Schön, 1978):
Single-loop learning: Fehlerkorrektur innerhalb bestehender Regeln (Optimierung des "Wie").
Double-loop learning: Hinterfragen der zugrundeliegenden Werte und Strategien (Das "Warum").
Triple-loop learning: Hinterfragen der gesamten Identität und Existenzgrundlage.
4I-Modell des organisationalen Lernens:
Intuiting: Individuelle Musterkennung.
Interpreting: Austausch durch Sprache.
Integrating: Geteiltes Verständnis in der Gruppe.
Institutionalizing: Verankerung in Regeln und Routinen.
Organisationale Resilienz nach Duschek (2020)
Definition: Dynamische Fähigkeit einer Organisation, unerwartete Ereignisse zu antizipieren, damit umzugehen und sich davon zu erholen, während Kernfunktionen aufrechterhalten werden.
Drei Phasen:
Antizipation: Bedrohungen frühzeitig erkennen.
Bewältigung: Flexibel und handlungsfähig bleiben.
Adaptation: Lernen und gestärkt hervorgehen.
Verankerung: Wissen wird durch strukturelle Maßnahmen (Checklisten, Software), kulturelle Maßnahmen (Werte) und Sozialisation (Mentoring, On-the-job-Erfahrung) organisational wirksam.