Thema 3: Gedächtnis und Lernen

Einführung in das Gedächtnis

  • Definition des Gedächtnisses: Das Gedächtnis wird definiert als die Fähigkeit, Informationen zu verarbeiten, zu speichern und zu einem späteren Zeitpunkt bei Bedarf wieder abzurufen.

  • Drei Phasen der Informationsverarbeitung:

    • Phase 1 – Enkodierung (Kodierung): Wahrgenommene Informationen werden verarbeitet, indem sie mit bereits bestehenden kognitiven Inhalten verknüpft werden. Dieser Prozess findet primär im Ultrakurzzeitgedächtnis statt.

    • Phase 2 – Organisation und Speicherung: Die enkodierten Informationen werden strukturiert und dauerhaft abgelegt. Dies wird dem Kurzzeitgedächtnis und dem Übergang zum Langzeitgedächtnis zugeordnet.

    • Phase 3 – Abruf: Die gespeicherten Informationen können entweder spontan oder nach einer gezielten Aufforderung wiedergegeben werden (Langzeitgedächtnis).

  • Neurobiologische Grundlagen: Jeder Lernprozess führt zu einer Ausweitung des Neuronennetzes. Durch häufige Wiederholung werden die Verbindungen zwischen den betroffenen Nervenzellen gestärkt, was die Erinnerung dauerhafter macht.

  • Vergessen: Vergessen basiert auf Fehlleistungen beim Abruf, kann aber auch die direkte Folge von Gedächtnishemmungen oder Gedächtnistäuschungen sein.

Der Aufbau des Gedächtnisses

  • Ultrakurzzeitgedächtnis (Sensorisches Gedächtnis):

    • Es speichert unmittelbare, flüchtige sensorische Informationen.

    • Die Behaltensdauer beträgt höchstens ein paar Sekunden.

    • Psychische Präsenzzeit: Ein Begriff von William Stern für diesen kurzen Zeitraum.

    • Forschung von George Sperling: Er bewies, dass die Wiedergabefähigkeit weniger von der Dauer des Reizes abhängt, sondern maßgeblich von der Behaltenszeit des sensorischen Speichers.

    • Unterteilungen:

    • Echoisches Gedächtnis: Zuständig für auditiven Input (Hörreize).

    • Ikonisches Gedächtnis: Zuständig für visuellen Input (Sehreize). Hierzu zählt auch das photographische Gedächtnis (Eidetik).

  • Kurzzeitgedächtnis (Arbeitsgedächtnis):

    • Informationen werden hier etwa 20Sekunden20\,\text{Sekunden} lang gespeichert.

    • Werden sie nicht durch Wiederholungsprozesse gefestigt, werden sie vergessen. Erfolgt eine intensive Verarbeitung, gelangen sie ins Langzeitgedächtnis.

  • Langzeitgedächtnis (Wissensgedächtnis):

    • Der Abruf von Informationen ist ein rekonstruktiver Vorgang.

    • Theorie der Mehrebenenverarbeitung (Craik & Lockhart): Je tiefer eine Information verarbeitet wird (z. B. durch Verknüpfung mit Bedeutung), desto leichter ist sie später auffindbar.

    • Gliederung des Langzeitgedächtnisses:

    • Explizites Gedächtnis (bewusstes Abrufen):

      • Episodisches Gedächtnis: Speicherung persönlicher Erlebnisse und autobiografischer Informationen.

      • Semantisches Gedächtnis: Speicherung von Faktenwissen und allgemeinen Ereignissen.

    • Implizites Gedächtnis (unbewusstes Wissen):

      • Prozedurales Gedächtnis: Verinnerlichte motorische Fähigkeiten (z. B. Radfahren, Gehen).

      • Perzeptuelles Gedächtnis: Ermöglicht das Wiedererkennen bereits bekannter Muster oder Merkmale. Ein wichtiger Aspekt ist das Priming (die unbewusste Aktivierung von Assoziaten durch Vorerfahrungen).

Erforschung des Vergessens und Erkenntnisse der Gedächtnisforschung

  • Hermann Ebbinghaus als Pionier:

    • Er untersuchte das Gedächtnis mittels Selbstversuchen mit sinnfreien Silbenreihen, um Störfaktoren durch Vorwissen auszuschließen.

    • Er untersuchte Lernaufwand, Vergessensgeschwindigkeit und die Anzahl notwendiger Wiederholungen.

  • Wichtige Erkenntnisse nach Ebbinghaus:

    • 1. Die Vergessenskurve: Sie zeigt den zeitlichen Verlauf des Informationsverlusts.

    • Nach 20Minuten20\,\text{Minuten} sind bereits mehr als 40%40\,\% vergessen.

    • Nach 1Stunde1\,\text{Stunde} sind etwa 60%60\,\% vergessen.

    • Nach 1Tag1\,\text{Tag} sind etwa 70%70\,\% vergessen.

    • Durchschnittlich bleibt langfristig nur etwa ein Fünftel (20%20\,\%) im Gedächtnis.

    • Fazit: Der steilste Abfall der Erinnerung erfolgt direkt nach dem Lernen.

    • 2. Die Ersparnismethode: Erneutes Lernen eines bereits gelernten (aber scheinbar vergessenen) Stoffes erfordert weniger Wiederholungen. Gedächtnisspuren bleiben im Gehirn vorhanden und können schneller reaktiviert werden.

    • 3. Gesetz von Ebbinghaus: Ein Anstieg der Stoffmenge führt zu einem unverhältnismäßig starken Anstieg des Lernaufwands. Zudem beeinflusst die Sinnhaftigkeit den Erfolg: Sinnvolle Texte werden deutlich langsamer vergessen als sinnfreie Silben.

Gedächtnishemmung und -täuschung

  • Gedächtnishemmungen: Faktoren, die Aufnahme, Speicherung oder Abruf von Informationen behindern.

  • Gedächtnistäuschungen: Fehlerhafte oder völlig falsche Reproduktion von Informationen.

  • Differenzierung des Transfers:

    • Positiver Transfer: Vorwissen unterstützt das Erlernen neuer Aufgaben.

    • Negativer Transfer: Störende Einflüsse (z. B. Gefühle) behindern den Lernprozess.

  • Arten der Gedächtnishemmung (nach Hubert Rohracher):

    • Affektive Hemmung: Starke Gefühle beeinträchtigen den Lernprozess.

    • Assoziative Hemmung: Ein bereits verknüpfter Inhalt lässt sich nur schwer mit einem neuen Inhalt verbinden.

    • Ähnlichkeitshemmung: Das Lernen von zwei sehr ähnlichen Themenbereichen führt zu gegenseitigen Störungen.

    • Retroaktive (rückwirkende) Hemmung: Neue Informationen erschweren das Behalten älterer Informationen.

    • Proaktive (vorauswirkende) Hemmung: Ein vorangegangener Lernprozess behindert den nachfolgenden.

    • Ekphorische Hemmung: Die Wiedergabe eines Inhalts wird blockiert, wenn kurz vor dem Abruf ein neuer Inhalt gelernt wird.

  • Gedächtnistäuschungen im Detail:

    • False-Memory Syndrom: Tatsächliche Erlebnisse werden fehlerhaft reproduziert, da das Gedächtnis kreativ rekonstruiert (Fehlinformationseffekt).

    • Deja-vu Erlebnisse: Unbewusste Reize lösen die fälschliche Erinnerung an eine frühere Situation aus.

  • Theorien zum Vergessen nach Daniel Schacter:

    • Geistesabwesenheit: Mangelnde Aufmerksamkeit führt zu Konfusionsvergessen.

    • Transienz (Vergänglichkeit): Nervenverbindungen schwächen sich bei Nichtgebrauch ab.

    • Blockierung: Information ist vorhanden, aber nicht abrufbar (z. B. Zungenspitzen-Phänomen).

Lerntheorien: Grundlagen

  • Definition: Lerntheorien untersuchen die Bedingungen des Lernens: wie wir lernen, was uns verändert und unter welchen Umständen dies geschieht.

  • Zentrale Begriffe:

    • Lernverhalten: Beobachtbare Aktionen (z. B. Üben, Wiederholen).

    • Lernprozess: Innerer, nicht beobachtbarer Vorgang im Kopf.

    • Lernergebnis: Die sichtbare Verhaltensänderung als Resultat des Lernens.

  • Zwei Hauptperspektiven:

    • 1. Behaviorismus: Fokus auf beobachtbares Verhalten. Erklärt Lernen durch Reiz-Reaktions-Ketten (Input: StimulusBlack BoxOutput: Response\text{Input: Stimulus} \rightarrow \text{Black Box} \rightarrow \text{Output: Response}). Die inneren Vorgänge (Black Box) werden nicht untersucht.

    • 2. Kognitive Theorie: Fokus auf interne geistige Prozesse und die Verarbeitung von Informationen im Kopf.

Signallernen (Klassische Konditionierung)

  • Prinzip: Ein ursprünglich neutraler Reiz wird mit einem natürlichen Reiz gekoppelt, bis der neutrale Reiz allein die Reaktion auslöst.

  • Wichtige Forscher:

    • Iwan Pawlow: Der Hund speichelt beim Klang eines Tons, nachdem dieser mehrfach zusammen mit Futter (natürlicher Reiz) dargeboten wurde.

    • John B. Watson (Little Albert): Bewies, dass auch emotionale Reaktionen wie Angst durch Konditionierung erlernt werden können.

Instrumentelle und Operante Konditionierung

  • Lernen am Erfolg: Verhalten wird durch seine Konsequenzen geformt.

  • Instrumentelle Konditionierung (Thorndike):

    • Experiment: Hungrige Katze im Problemkäfig findet durch Versuch und Irrtum den Öffnungsmechanismus.

    • Effektgesetz: Verhaltensweisen mit angenehmen Konsequenzen (Triebbefriedigung) treten häufiger auf; solche mit unangenehmen Folgen seltener.

  • Operante Konditionierung (Skinner):

    • Skinner-Box: Ratten oder Tauben lernen durch Hebeldrücken Futter zu erhalten.

    • Kern: Konsequenzen verändern die Auftretenswahrscheinlichkeit eines Verhaltens.

  • Vier Arten der Konsequenz:

    • Positive Verstärkung: Hinzufügen eines angenehmen Reizes (z. B. Lob, Taschengeld). Verhalten wird häufiger.

    • Negative Verstärkung: Entfernen eines unangenehmen Reizes (z. B. Abstellen eines Warntons beim Anschnallen). Verhalten wird häufiger.

    • Positive Bestrafung: Hinzufügen eines unangenehmen Reizes (z. B. Schimpfen, Schmerz). Verhalten wird seltener.

    • Negative Bestrafung: Entfernen eines angenehmen Reizes (z. B. Wegnahme des Smartphones). Verhalten wird seltener.

  • Pädagogische Relevanz: Eltern verstärken oft ungewollt negatives Verhalten (z. B. Nachgeben bei Quengeln als positive Verstärkung für das Kind).

Modelllernen (Albert Bandura)

  • Definition: Lernen durch Beobachtung und Imitation von Modellen. Besonders relevant für soziales Lernen (Werte, Sprache, Rollenverteilung).

  • Zentrale Prozesse: Identifikation mit dem Modell und Internalisierung (Verinnerlichung) von Werten.

  • Chamäleon-Effekt: Unbewusste Nachahmung von Körperhaltung oder Gestik (stärker ausgeprägt bei empathischen Menschen).

  • Die zwei Phasen nach Bandura:

    • 1. Lernphase (Aneignung):

    • Aufmerksamkeit: Abhängig von Auffälligkeit, Sympathie und Nutzen des Modells.

    • Gedächtnis: Speicherung des beobachteten Verhaltens.

    • 2. Ausführungsphase:

    • Motorische Reproduktionskompetenz: Fähigkeit, das Verhalten physisch auszuführen.

    • Motivation: Erwartung von Erfolg oder Belohnung.

  • Das Bobo-Doll-Experiment:

    • Kinder sahen Filme von aggressiven Erwachsenen gegen eine Puppe.

    • Beobachtung von Belohnung der Aggression führte zu verstärkter Imitation.

    • Beobachtung von Bestrafung führte zu deutlich reduzierter Imitation.

    • Fazit: Man lernt auch aus den Folgen, die das Verhalten bei anderen Personen hat.

  • Bedingungen für Nachahmung:

    • Verhalten ist erfolgreich/angenehm.

    • Modell ist mächtig (Eltern, Lehrer).

    • Modell ist beliebt, respektiert oder dominant.

    • Ähnlichkeit zum Modell (Alter, Geschlecht, Interessen).

    • Modell wirkt seriös.

Verhaltenslernen

  • Bereiche des Lernens:

    • Kognitive Inhalte: Fakten, Regeln, Sprachen.

    • Fertigkeiten (Sensomotorik): Zusammenspiel von Denken und Bewegung (z. B. Jonglieren, Radfahren).

    • Emotionale Einstellungen: Gefühle und Haltungen (z. B. Angst vor Situationen, Offenheit gegenüber Migranten).

    • Soziales Verhalten: Interaktion mit anderen (z. B. Höflichkeit, Tischmanieren).

  • Zusammenfassendes Schema:

    • Klassische Konditionierung (Pawlow): Reiz weckt Erwartung.

    • Operante Konditionierung (Skinner): Konsequenz formt Verhalten.

    • Modelllernen (Bandura): Beobachtung führt zur Übernahme von Verhalten.