Projektmanagement - Vorlesung 11: Multiprojektmanagement und Projektportfolios
Rückblick: Innovation als organisationaler Prozess
Innovation entsteht nicht allein durch Kreativität: Es handelt sich um einen organisationalen Prozess, der Bewertung, Selektion und Umsetzung erfordert.
Strukturelle Spannungen: Organisationen befinden sich in einem dauerhaften Konflikt zwischen Exploratíon (Erschließung von Neuem) und Exploitation (Ausschöpfung des Bestehenden). Diese Bereiche konkurrieren um Aufmerksamkeit, Ressourcen und Legitimität.
Einfluss von Strukturen und Routinen: Organisationale Entscheidungslogiken neigen dazu, stabile, anschlussfähige und risikoärmere Lösungen zu bevorzugen.
Innovationsfähigkeit: Erfolgreiche Organisationen müssen Chancen erkennen, neues Wissen integrieren und bestehende Strukturen kontinuierlich anpassen.
Organisationale Verankerung: Kreative Ideen benötigen gezielte Aufmerksamkeit, Unterstützung, Ressourcen und organisationale Legitimation, um umgesetzt zu werden.
Soziale und politische Prägung: Netzwerke, Machtstrukturen und interne Fürsprache beeinflussen maßgeblich, welche Ideen tatsächlich realisiert werden.
Rolle von Netzwerken: Schwache Bindungen („weak ties“) verbinden unterschiedliche Wissensräume und fördern neue Perspektiven.
Grenzüberschreitung: Nutzer, Lead User und externe Netzwerke dienen als zentrale Wissensquellen.
Open Innovation: Die Innovationsfähigkeit hängt zunehmend von der Integration externen Wissens und der Gestaltung organisationaler Offenheit ab.
Organisationskultur: Vertrauen, Fehlerakzeptanz, Offenheit und psychologische Sicherheit bilden die Basis für innovatives Handeln.
Organisatorisches: Übung „Project Failure Lab“
Anmeldung: Die Freischaltung erfolgt am um Uhr über Blackboard.
Struktur der Übung:
Es handelt sich um ein Fallstudien-Seminar auf freiwilliger Basis.
Durch erfolgreiche Teilnahme können bis zu Bonuspunkte für die Klausur erworben werden.
Fristen: Entscheidung zur Teilnahme und Gruppenbildung bis zum , Uhr über Blackboard.
Ablauf und Anforderungen:
Analyse: Untersuchung eines realen, gescheiterten oder problematischen Projekts hinsichtlich der Ursachen des Scheiterns.
Bearbeitungszeitraum: Tage (Bereitstellung der Unterlagen Tage vor den Präsentationstagen).
Ergebnis: Erstellung eines Plakats im Format A1 ().
Präsentation: Dauer Minuten plus Minuten Diskussion. Die Präsentationen finden zwischen dem und im HS bzw. HS statt.
Teilnahmebedingung: Anwesenheit für die gesamte Dauer von vier Stunden am jeweiligen Präsentationstag.
Grundlagen des Multiprojektmanagements
Definition Multiprojektmanagement (MPM): Die gleichzeitige, koordinierte Steuerung mehrerer Projekte innerhalb einer Organisation. Ziel ist die Nutzung von Synergien und die systematische Auflösung von Ressourcenkonflikten (Archer & Ghasemzadeh, ).
Drei Dimensionen des MPM:
Selektion: Welche Projekte werden durchgeführt?
Priorisierung: In welcher Reihenfolge werden sie bearbeitet?
Ressourcenverteilung: Mit welchen Mitteln (Personal, Budget) werden sie ausgestattet?
Gründe für die Entstehung von Projektportfolios:
Anstieg der Projektanzahl: Organisationen managen selten nur ein Einzelprojekt („Projektifizierung“).
Steigender Integrationsgrad: Projekte stehen nicht isoliert, sondern weisen personelle und inhaltliche Verflechtungen auf.
Strategieumsetzung: Projekte sind das zentrale Mittel, um die Unternehmensstrategie operativ umzusetzen.
Strategische Portfolioebene und Managementobjekte
Hierarchie des Managements:
Operative Ebene (Projektmanagement): Fokus auf spezifische Leistungsziele wie Time, Budget und Scope („Die Dinge richtig tun“).
Taktische Ebene (Programm-Management): Verwaltung einer Gruppe zusammengehöriger Projekte mit gemeinsamem Nutzen.
Strategische Ebene (Projektportfolio-Management): Gesamtheit aller Projekte zur Erreichung der Unternehmensziele („Die richtigen Dinge tun“).
Definition Projektportfolio: Die Gesamtheit aller Projekte einer Organisationseinheit zu einem bestimmten Zeitpunkt. Es ist ein dynamisches Steuerungsobjekt, das sich durch Zu- und Abgänge ständig verändert (Cooper et al., ).
Vergleich Einzelprojektlogik vs. Portfolioebene:
Einzelprojekt: Optimierung lokaler Zielgrößen; Projektleitung fokussiert auf eigenen Erfolg; Gefahr lokaler Effizienz, die zu globalen Engpässen führt.
Portfolio: Maximierung des strategischen Nutzens; Abwägung von Abhängigkeiten; Ziel ist der gesamtsystemische Durchsatz.
Ziele des PPM nach Cooper et al. ():
Wertmaximierung: Sicherstellung des maximalen ROI und strategischen Impacts.
Balance: Gleichgewicht zwischen Risiko/Sicherheit, Innovation/Kerngeschäft sowie Kurz-/Langfristigkeit.
Strategische Ausrichtung: Konsequente Orientierung an der Unternehmensstrategie.
Selektion und Priorisierung von Projekten
Notwendigkeit der Selektion: Da Projektideen („Ideenüberschuss“) die begrenzten Ressourcen übersteigen, führt ein Mangel an Selektion zu sinkender Effizienz.
Evaluierungskriterien:
Innovationsprojekte: Hoher Ertrag, aber auch hohes Risiko und hoher Ressourcenbedarf.
Protokollprojekte: Geringes Risiko und geringer Bedarf, aber auch geringer strategischer Wert.
Strategic Fit als Leitkriterium: Der Grad, in dem ein Projekt die Marktposition, das Wachstum und die Werte der Organisation unterstützt.
Impact-Effort-Matrix (Cooper et al., ):
Strategic Champions: Hoher Fit bei minimalem Aufwand.
Strategic Bets: Wichtige Pfeiler, jedoch ressourcenintensiv.
Fill-ins: Operative Notwendigkeit ohne strategischen Hebel.
Ressourcengrab: Teure Ablenkung ohne Mehrwert.
Evaluierungsmethoden:
Finanzielle Methoden: NPV (Net Present Value), ROI (Return on Investment), ECV (Expected Commercial Value).
Scoring-Modelle: Gewichtete Kriterien und Punkteskalen (fördern Transparenz, können aber manipulativ genutzt werden).
Portfolio-Diagramme: Matrix-Visualisierungen und Bubble-Charts zur Sichtbarmachung der Balance.
Hürden in der Praxis: Vage Strategien, politisches Taktieren („rhetorischer Fit“), optimierte Projektbeschreibungen zur Punktmaximierung und machtbasierte Zuteilungen führen weg vom rationalen Ideal.
Ressourcenallokation und Engpassmanagement
Ressourcenarten: Finanzen (beschränkt/politisch verhandelt), Personal (Spezialisten nicht beliebig skalierbar), Management-Aufmerksamkeit.
Resource Allocation Syndrome: Ein Zustand, in dem Ressourcen permanent umverteilt werden, ohne dass ein Projekt die kritische Masse an Aufmerksamkeit für Fortschritt erhält (Engwall & Jerbrant, ). Hauptsymptom ist chronisches Multitasking.
Planning Fallacy: Projekte werden systematisch zu optimistisch geplant.
Opportunitätskosten: Welcher strategische Wert geht verloren, wenn Ressourcen heute in Projekt X statt in Projekt Y investiert werden?
Theory of Constraints in der Projektlandschaft:
Der Engpass bestimmt den Durchsatz des gesamten Systems.
Teufelskreis: Zu viele Projekte werden genehmigt Ressourcen werden fragmentiert Projekte verzögern sich Neue Projekte starten trotz laufender Rückstände Engpass verschärft sich.
Portfolio-Koordination: Ein Balanceakt zwischen vollständiger Standardisierung (starr, regelbasiert) und direkter Abstimmung (flexibel, personenabhängig). Instrumente sind Staffing-Boards, PMO-Eskalationen und Project-Freeze-Perioden.
Politischer Prozess (Bower, ): Ressourcenentscheidungen spiegeln oft Machtstrukturen wider. Der „Impetus“ (Antrieb) liegt oft beim mittleren Management, das Projekte nach oben zur Ratifikation (Top-Management) treibt.
Projektifizierung und Governance
Wandel der Organisationsform (Sydow et al., ):
Traditionell: Wissen stabil in Fachabteilungen; lineare Karrieren; Identität im Gesamtunternehmen.
Projektbasiert: Wissen in temporären Teams (Verlustgefahr nach Projektende); Karriere durch „Projektbiographien“; Identität primär im aktuellen Projekt.
Portfolio Governance: System von Regeln und Prozessen, das die strategische Steuerung sicherstellt (Aubry et al., ).
Kernbereiche: Informationsfluss, Entscheidungsrechte, Accountability (Verantwortlichkeit) und Eskalationspfade.
Rollen des Project Management Office (PMO):
Supportives PMO: Stellt Methoden, Templates und Beratung bereit; keine Entscheidungshoheit.
Kontrollierendes PMO: Setzt Standards durch, prüft Compliance, besitzt Eskalations- und Vetorechte.
Direktives PMO: Maximale Zentralisierung; direkte Führungsverantwortung für strategische Vorhaben.
Transparenz und Standardisierung:
Voraussetzung: Einheitliche Definitionen, Statusberichte und Meilensteinstrukturen.
Goldene Regel: So viel Standardisierung wie nötig, so wenig wie möglich. Überstandardisierung tötet Flexibilität und führt zu reiner „Template-Compliance“.