Störungen im Bereich von Morphologie und Syntax: Kompensierter Dysgrammatismus

Grundlagen der Linguistik: Das Stellungsfeldermodell und V2

  • Das Stellungsfeldermodell nach Kauschke (2012):     * Das Modell unterteilt deutsche Sätze in verschiedene Felder: Vorfeld, Linke Klammer, Mittelfeld und Rechte Klammer.     * Verberststellung (V1): Das finite Verb steht in der Linken Klammer (z. B. „Hast du eine Blume malen?“).     * Verbzweitstellung (V2): Ein Satzglied steht im Vorfeld, das finite Verb in der Linken Klammer (z. B. „Ich habe eine Blume gemalt“ oder „Heute male ich eine Blume aus“).     * Verbletztstellung (V-end): Das finite Verb steht in der Rechten Klammer, meist eingeleitet durch eine Subjunktion im Vorfeld oder der Linken Klammer (z. B. „… weil ich eine Blume gemalt habe“).

  • Flexible Satzstellung im Deutschen:     * Hauptsätze sind nicht starr auf die Struktur Subjekt-Verb-Objekt (SVXSVX) fixiert.     * Topikalisierung: Besetzung des Vorfelds durch Satzglieder, die normalerweise nicht satzeinleitend vorkommen (z. B. Objekte oder Adverbiale).     * Möglichkeiten der Vorfeldbesetzung (Topikalisierung nach Altmann 1976):         * Infinites Verb: „Gesehen hat Peter das Buch“.         * Akkusativobjekt: „Das Buch liest Peter heute“.         * Präpositionalobjekt: „Nach dem Buch fragt Peter“.         * Adverbiale Bestimmung der Zeit (Temporaladverbial): „Heute liest Peter das Buch“.         * Adverbiale Bestimmung des Ortes: „In der Bibliothek liest Peter das Buch“.         * Fragewort: „Wer liest das Buch?“, „Was liest Peter?“.

Erwerb der Wortstellung und flexiblen Syntax

  • Meilensteine des Grammatikerwerbs (DGPP 2013):     * 18.18. bis 24.24. Monat: Produktion von Wortkombinationen (Zwei- bzw. Mehrwortäußerungen).     * 3.3. Lebensjahr: Anstieg der Äußerungslänge auf durchschnittlich ca. 33 Wörter; Rückgang von Konstituentenauslassungen (z. B. Subjekt).     * 30.30. bis 36.36. Monat: Erwerb der Verbzweitstellung (V2V2) (z. B. „Lisa isst Kuchen“ statt „Lisa Kuchen essen“).     * 30.30. bis 36.36. Monat: Verwendung verschiedener Satzarten (Aussage-, Frage-, Ausrufsatz) sowie des obligatorischen Artikels.     * 36.36. Monat: Auftreten von Nebensätzen.     * 2.2. bis 3.3. Lebensjahr: Korrekte Subjekt-Verb-Kongruenz (Personalflexion).     * 36.36. Monat bis Einschulung: Aufbau des Kasussystems (erst Akkusativ, später Dativ).     * 2.2. bis 6.6. Lebensjahr: Aufbau des Pluralsystems.     * 3.3. bis 4.4. Lebensjahr: Vorübergehende Überregularisierungen (z. B. „gegeht“).

Kompensierter Dysgrammatismus: Definition und Symptomatik

  • Begriffsbestimmung (Siegmüller 2016):     * Der Begriff stammt aus der „Patholinguistischen Therapie“.     * Betroffene Kinder entwickeln im Vorschulalter ein Bewusstsein für ihre grammatischen Probleme.     * Kompensationsstrategie: Sie vermeiden Fehler, indem sie starre, auswendig gelernte Satzmuster produzieren.

  • Kernsymptome (Siegmüller 2013, 2016):     * Starrheit: Unflexible Produktion der Konstituentenabfolge Subjekt-Prädikat-Objekt (SPOSPO).     * Aneinanderreihung: SPOSPO-Sätze werden ohne Variation oder komplexe Verknüpfungen aneinandergereiht.     * Pronominalisierung: Pronomina dienen oft als einzige Verbindung zwischen Sätzen.     * Fehlende Variation: Keine Objekttopikalisierungen und kein komplexer Satzbau.     * Eingeschränktes Verständnis: Probleme beim Verstehen von topikalisierten oder komplexen Sätzen.     * Inhaltsarme Äußerungen: Häufiger Gebrauch von Modalverbkonstruktionen (dürfen, können, mögen, müssen, sollen, wollen) und Kopulastrukturen (sein, werden, bleiben).     * Morphologische Unsicherheiten: Probleme bei der Artikeleinsetzung und der Akkusativ- sowie Dativmarkierung.

  • Begleitende Auffälligkeiten:     * Phonologische und metaphonologische Probleme.     * Probleme beim Wortabruf.     * Unzureichend entwickelte Textgrammatik.     * Erschwerter Lese- und Rechtschreiberwerb.

Diagnostik des kompensierten Dysgrammatismus

  • Herausforderung: Das Störungsbild ist schwer zu identifizieren, da die Kinder oberflächlich korrekte Aussagesätze verwenden und keine offensichtlichen Fehler machen.

  • Diagnostikverfahren:     * Rezeptive Fähigkeiten: Test zum Satzverstehen von Kindern (TSVKTSVK).     * Expressive Fähigkeiten: Spontansprachanalyse.     * Standardisierte Tests: Patholinguistische Diagnostik bei Sprachentwicklungsstörungen (PDSSPDSS, 2.2. und 3.3. Auflage), Untertest „Bildgeschichte“.     * TSVK Subtest 33 (Wortstellungsvariationen im Aktivsatz): Prüft das Verständnis von Sätzen wie „Dem Mann winkt das Kind“ (ARGARG) im Vergleich zu „Der Mann winkt dem Kind“.

Therapieziele und Ansätze nach PLAN

  • Therapiezielableitung (Siegmüller & Kauschke 2012):     * Schnelle Auflösung des starren SVOSVO-Satzmusters.     * Aufbau eines flexibel besetzten Vorfeldes im Aussagesatz.     * Produktion von WW-Fragestrukturen.     * Aufbau komplexen Satzbaus (Satzverständnis und -produktion).

  • Therapiebereiche nach PLAN (Syntax + Morphologie):     * Aufbau und Erweiterung von Satzstrukturen:         * Anbahnung und Festigung der Verbzweitstellung.         * Aufbau von Fragestrukturen und Nebensätzen.     * Korrektur und Flexibilisierung von Satzstrukturen:         * Korrektur der Verbstellung.         * Flexibilisierung der Satzstrukturen (Überwindung der Kompensation).

Fallstudie: Bastian

  • Anamnese:     * Geboren 19981998, lebt in Berlin, Muttersprache Deutsch.     * Familienanamnese: Vater hat eine Lese-Rechtschreib-Schwäche (LRSLRS).     * Medizinisch: Temporär verminderte Hörfähigkeit auf einem Ohr (1212 bis 1616 Wochen) vor Polypentfernung.

  • Entwicklungsverlauf:     * Alter 2;02;0 bis 3;23;2 Jahre: Überwiegend Einwortäußerungen (EWA¨EWÄ), auch aus Verben. Verblose Zweiwortäußerungen (ZWA¨ZWÄ) wie „da Papa“.     * Alter 3;23;2 bis 4;64;6 Jahre: Zunahme von ZWA¨ZWÄ mit Verb (SVS-V oder OVO-V). Dreiwortäußerungen (DWA¨DWÄ) in SPOSPO-Struktur oder mit Kopulaverb.     * Symptomatik: 34%34\,\% der Aussagesätze zeigten eine Verbletztstellung (SOPSOP) mit unflektiertem Verb. Keine Topikalisierungen vorhanden.

  • Diagnostikdaten (PDSSPDSS bei 4;04;0 Jahren):     * Verstehen von WW-Fragen: TT-Wert 2424.     * Artikeleinsetzung vor Unika: TT-Wert 1010.     * Morphologie Gesamtwert: TT-Wert 3434.     * Wortproduktion Verben: TT-Wert 3636.     * Normalbereich beginnt ab einem TT-Wert von 4040.

Fragenkatalog und Übungen

  • Frage 1: Was sind Symptome für kompensierten Dysgrammatismus?     * Unflexible SPOSPO-Abfolge, hoher Anteil an Modalverben/Kopulastrukturen, Unsicherheiten bei Artikeln und Kasusmarkierung, eingeschränktes Verständnis für komplexe Sätze.

  • Frage 2: Was sind häufig begleitende Auffälligkeiten?     * Wortabrufprobleme, fehlende Textgrammatik, Probleme beim Schriftspracherwerb (LRSLRS).

  • Frage 3: Zentrale Therapieaspekte nach Siegmüller & Kauschke (2012)?     * Aufbau des flexibel besetzten Vorfeldes.

  • Frage 4: Warum wird der „Du-Trigger“ in der Therapie genutzt?     * Der „Du-Trigger“ (verstärkter Input mit der 2.2. Person Singular) dient dazu, die Verbzweitstellung und die korrekte Subjekt-Verb-Kongruenz zu provozieren und zu festigen.