Modul 4b – Public Health und Betriebliche Gesundheitsförderung
Grundlagen von Public Health und der WHO
- Public Health: Wissenschaft und Praxis zur Verhinderung von Krankheiten, Verlängerung des Lebens und Förderung der physischen sowie psychischen Gesundheit unter gerechter Ressourcenverteilung.
- Ansatz: Erfassung vorgelagerter Determinanten (Upstream-Faktoren) und gesellschaftlicher Rahmenbedingungen anstelle einer reinen bio-medizinischen Einzelfallbehandlung (Downstream).
- Weltgesundheitsorganisation (WHO):
- Gegründet 1948, Hauptsitz in Genf, 194 Mitgliedsstaaten.
- Oberstes Ziel: Verwirklichung des bestmöglichen Gesundheitsniveaus, definiert als Zustand vollständigen physischen, geistigen und sozialen Wohlergehens.
- Erfolge: Ausrottung der Pocken im Jahr 1977, flächendeckende Behandlung von Frambösie und Reduktion der Polio-Fälle seit 1988 um über 99\,\% auf 6 gemeldete Fälle im Jahr 2021.
- Kritikpunkte: Verzögerte oder umstrittene Reaktionen bei Ausbrüchen wie H1N1 (2009), Ebola (2014) und Corona (2020 mit rund 6,8 Millionen Todesfällen bis März 2023).
- Finanzierung: Rund 85\,\% des Gesamtbudgets stammen aus zweckgebundenen Spenden (z. B. Gates Stiftung), was Risiken finanzieller Abhängigkeit birgt. Der Austritt der USA wurde am 22.01.2026 wirksam.
Ottawa-Charta der WHO (1986)
- Bedeutung: Grundsatzdokument für Gesundheitsförderung und Settingprojekte. Markiert den Wandel zum salutogenetischen Denken und wendet sich gegen rein risiko- und verhaltensbasierte Schuldzuweisungen („Victim blaming“).
- Handlungsstrategien:
- Advocate: Eintreten für Gesundheit und Beeinflussung relevanter Faktoren.
- Enable: Befähigen und ermöglichen zur Erlangung des größtmöglichen Gesundheitspotenzials und Abbau von Gesundheitsunterschieden.
- Mediate: Vermitteln und vernetzen zwischen Politik, Gesundheitssystem, Wirtschaft und Medien.
- Aktionsfelder:
- Gesundheitsförderliche Gesamtpolitik entwickeln
- Gesundheitsfördernde Lebenswelten schaffen
- Gesundheitsbezogene Gemeinschaftsaktionen unterstützen
- Persönliche Kompetenzen entwickeln
- Gesundheitsdienste neu orientieren
Der Setting-Ansatz
- Definition: Basiert auf der Ottawa-Charta (1986) und ist rechtlich in § 20a V Abs. 1 Satz 1 und § 20b SGB V (Präventionsgesetz / PrävG von 2015) verankert. Umfasst dauerhafte sozialräumliche Systeme (z. B. Kita, Schule, Betrieb, Pflegeeinrichtung, Kommune).
- Kernelemente: Entwicklung gesundheitsfördernder Lebensbedingungen (Verhältnisprävention), Empowerment, Partizipation der Zielgruppen und Integriertes Handeln.
- Stufen des Setting-Ansatzes:
- Stufe 1 (Vorstufe Setting-Orientierung): Vermittlung verhaltensbezogener Informationen im Setting (z. B. Expertenvorträge zu Ernährung oder Sucht).
- Stufe 2: Vereinzelt punktuelle verhältnisbezogene Strukturveränderungen (z. B. Bau einer Schulküche).
- Stufe 3 (Setting-Ansatz): Partizipativer, koordinierter Prozess der gesundheitsfördernden Organisations- und Strukturentwicklung (z. B. Transformation zur „Gesunden Schule“ mit interdisziplinärem Steuerkreis und Koordination).
Betriebliche Gesundheitsförderung (BGF)
- Definition: Alle systemischen Interventionen in Betrieben zur Senkung von Belastungen und Stärkung von Ressourcen.
- Zielgruppe: Rund 46,3 Millionen Erwerbstätige im 4. Quartal 2024 (Statistisches Bundesamt Destatis).
- Rechtliche Grundlage: Verankert in § 20b SGB V.
- Ansatzpunkte und Umsetzung: Integration in Unternehmensleitlinien, Arbeitsorganisation und Personalwesen mittels Partizipation, Projektmanagement, Organisationsentwicklung und Gesundheitsberichten.
Soziale Ungleichheit und gesundheitliche Chancengleichheit
- Benachteiligungsformen:
- Vertikale Benachteiligung: Ungleichheit durch niedrigen sozioökonomischen Status (Bildung, Einkommen, Berufsstellung).
- Horizontale Benachteiligung: Ungleichheit durch Merkmale wie Geschlecht, Alter und Migrationshintergrund (§ 20 SGB V).
- Herausforderungen: Blaming the victim, Stigmatisierung und Erschwerung des Zugangs durch soziallagenblinde Angebote.
- Interventionsebenen nach Whitehead (1995):
- Individuen stärken (Bewältigungsfähigkeiten, Verhaltensänderung)
- Gemeinden und Gemeinschaften stärken (Soziale Netzwerke, Beteiligung)
- Zugang zu Einrichtungen und Diensten verbessern (Barrieren senken, Niedrigschwelligkeit)
- Makroökonomische und kulturelle Veränderungen anstoßen (Sozial-, Wirtschafts- und Beschäftigungspolitik)
- Modell der Ursachen der Ursachen (Flussparabel):
- Downstream (Individualmedizin): Rettung und Akutbehandlung einzelner Personen im Fluss.
- Upstream (Public Health / Health in all Policies): Ansetzen an den gesellschaftlichen und politischen Ursachen nahe der Quelle, um das Hineinfallen in den Fluss strukturell zu verhindern.