Künstliche Organe - Niere

Anatomie und Physiologie der Niere

  • Position und Form der Niere:     * Die Niere tritt als Paar auf.     * Lage: Zwischen dem 12. Brustwirbel (thoracic) und dem 3. Lendenwirbel (lumbar).     * Form: Bohnenförmig, wobei die konvexe Seite nach außen gerichtet ist.     * Farbe: In der Regel rot-braun.
  • Größe und Gewicht:     * Maße: 4cm4\,\text{cm} dick, 7cm7\,\text{cm} breit und 11cm11\,\text{cm} lang (Merkhilfe: 4711).     * Gewicht: 150 bis 180Gramm150\text{ bis } 180\,\text{Gramm}.
  • Nierenfunktionen:     * Filterung und Exkretion: Ausscheidung von wasserlöslichen Stoffwechselprodukten wie Harnstoff (Urea), Harnsäure (Uric acid), Kalium, Kreatinin sowie Medikamenten oder Giften.     * Regulation:         * Wasserhaushalt (beeinflusst Blutdruck und Volumen).         * Elektrolytgehalt (Osmolarität).         * Säure-Basen-Haushalt (pH-WertpH\text{-Wert}).     * Hormonsekretion:         * Renin (Regulierung des Blutdrucks).         * EPO (Erythropoetin), Vitamin D3D_3, etc.     * Die Niere erhält ca. 20%20\,\% des Herzzeitvolumens (cardiac output).
  • Nierenstruktur:     * Mark (Medulla): Besteht aus 10 bis 1210\text{ bis } 12 Nierenpyramiden.     * Nierenlappen (Renal lobe): Besteht aus einer Pyramide mit dem dazugehörigen Rindenabschnitt (Cortex).     * Nephron: Die funktionelle Einheit innerhalb eines Lappens (insgesamt ca. 1,2Mio.1,2\,\text{Mio.} pro Niere).     * Bestandteile eines Nephrons:         * Nierenkörperchen (Corpuscle): Bestehend aus der Bowman-Kapsel und dem Glomerulum.         * Tubulussystem (Tubulus): Beinhaltet den proximalen Tubulus, die Henle-Schleife (Loop of Henle) und den distalen Tubulus.
  • Blutfluss und Filtration im Nephron:     * Blut tritt über die Arterie in das Körperchen ein, wird gefiltert und verlässt es über die Vene.     * Die Venen verlaufen in direkter Nähe zum Tubulussystem.     * Filtrationsraten:         * 1500l/day1500\,l/day Blut werden durch den Filter im Glomerulum gepresst.         * Filterporen-Größe: 50 bis 100nm50\text{ bis } 100\,nm.         * Glomeruläre Filtrationsrate (GFR): ca. 180l/day180\,l/day.         * Das Filtrat wird als Primärharn bezeichnet (180l/day180\,l/day).         * Durch Rückresorption verbleiben letztlich ca. 1,5l/day1,5\,l/day tatsächlicher Urin zur Ausscheidung.
  • Mechanismen der Rückresorption:     1. Aktives (Druck-) Pressen des Blutes vom Glomerulus in die Bowman-Kapsel: Primärharn enthält Wasser und gelöste Stoffe des Plasmas (Glukose, Harnstoff, Salze), jedoch keine Proteine.     2. Aktiver (energieverbrauchender) Transport von Glukose und Natrium zurück ins Gewebe und Blut (Kapillaren): Aufbau eines Konzentrationsgradienten.     3. Passiver (Osmose) Rückfluss von 80%80\,\% des Wassers aus dem Primärharn aus dem absteigenden (wasserdurchlässigen) Tubulus.     4. Aktiver Transport von Salzen und Nährstoffen im (wasserundurchlässigen) distalen Tubulus: Weiterer Aufbau des Konzentrationsgradienten.     5. Passiver Ausfluss von Wasser im Sammelrohr (Collecting pipe) und weitere Rückresorption von Salzen: Finale Wasser- und Elektrolytregulation.

Nierenparameter und Regulation

  • Wasser- und Elektrolytregulation:     * Wassermenge bleibt extrem konstant (±0,22%\pm 0,22\,\% des Körpergewichts).     * Natriumspiegel extrem konstant.     * Hauptakteure: RAAS (Renin-Angiotensin-Aldosteron-System) und ADH (Antidiuretisches Hormon).
  • Säure-Basen-Haushalt:     * Normaler pH-WertpH\text{-Wert}: 7,4±0,047,4 \pm 0,04.     * Die Niere reguliert durch die Rückresorption von Bikarbonat (HCO3HCO_3^-).
  • Renin-Angiotensin-Aldosteron-System (RAAS):     * Juxtaglomerulärer Apparat: Zellen messen den Blutdruck in der Arteriole (Barorezeptoren) und die Na+-KonzentrationNa^+\text{-Konzentration} im Urin (Maculla densa). Ein Abfall führt zur Freisetzung von Renin.     * Kaskade:         1. Renin wandelt Angiotensinogen in Angiotensin I um.         2. ACE (Angiotensin-Converting-Enzyme) wandelt Angiotensin I in Angiotensin II um.         3. Angiotensin II bewirkt Vasokonstriktion und die Freisetzung von Aldosteron.         4. Aldosteron erhöht die Wasser- und Na+-Ru¨ckresorptionNa^+\text{-Rückresorption} im distalen Tubulus.
  • Antidiuretisches Hormon (ADH):     * Wird vom Hypothalamus bei steigender Plasmaosmolarität oder sinkendem Blutdruck ausgeschüttet.     * Wirkung: Macht das Sammelrohr (Urine-collecting duct), welches normalerweise wasserundurchlässig ist, durchlässig für Wasser, um die Rückresorption zu erhöhen.
  • Regulation des Säure-Basen-Gleichgewichts:     * Lunge: Exkretion von CO2CO_2 (gebildet aus Kohlensäure/Bicarbonat).     * Niere: Exkretion von H+-ProtonenH^+\text{-Protonen} und Rückresorption von Bicarbonat (HCO3HCO_3^-).     * Bei Azidose: Zellen im proximalen Tubulus scheiden H+H^+ im Austausch gegen Na+Na^+ aus.     * Bei Alkalose: Die Rückresorption wird verringert, mehr Bicarbonat wird ausgeschieden.
  • Wichtige Nierenparameter:     * Renal Blood Flow (RBF): ca. 1000ml/min1000\,ml/min.     * Renal Plasma Flow (RPF): ca. 550ml/min550\,ml/min.     * Glomeruläre Filtrationsrate (GFR):         * Männer: 95 bis 145ml/min95\text{ bis } 145\,ml/min.         * Frauen: 75 bis 125ml/min75\text{ bis } 125\,ml/min.     * Siebungskoeffizient (S): Verhältnis der Konzentration im Filtrat zur Konzentration im Plasma.         * S=cfiltratec0S = \frac{c_{filtrate}}{c_0}         * S=0S = 0: Keine Filtration; S=1S = 1: Freie Filtration.         * Substanzen > 10000Da10000\,Da werden zunehmend zurückgehalten. Beispiele: Harnstoff (S=1,0S=1,0), Albumin (S=0,001S=0,001).     * Fractional Excretion (FE): Prozentsatz des Stoffmengenstroms im Endurin im Vergleich zum Primärharn.         * FE=n˙<em>finalurinen˙</em>primaryurineFE = \frac{\dot{n}<em>{final\,urine}}{\dot{n}</em>{primary\,urine}}         * FE=0FE = 0: Vollständige Rückresorption; FE=1FE = 1: Keine Resorption; FE=5FE = 5: Vollständige Sekretion.     * Clearance (C): Theoretisches Plasmavolumen, das pro Zeit vollständig gereinigt wird.         * C=curinecplasma×QurineC = \frac{c_{urine}}{c_{plasma}} \times Q_{urine}         * C=FE×GFRC = FE \times GFR.
  • Klinische Beispiele:     * Natrium (Na+): Typische FENa=1%FE_{Na} = 1\,\%. Ein Indikator für akutes Nierenversagen.     * Kreatinin (Cr): Stoffwechselprodukt aus Muskelaktivität. Es findet fast keine Resorption oder Sekretion statt (FECr100%FE_{Cr} \approx 100\,\%). Daher wird die Kreatinin-Clearance zur Schätzung der GFR genutzt.

Pathophysiologie und Diagnostik

  • Nierenversagen (Kidney failure):     * Akutes Versagen: Plötzlich, meist reversibel.         * Prä-renal: Mangelnde Durchblutung (Thrombus, Schock, Herzinsuffizenz).         * Intra-renal: Direkte Schädigung (Tubulusnekrose, Toxine).         * Post-renal: Abflussbehinderung (Nierensteine).     * Chronisches Versagen: Langsam fortschreitend, irreversibel.         * Ursachen: Diabetes, Hypertonie, Glomerulonephritis, polyzystische Nierenerkrankung.
  • Diagnostische Optionen:     * Labor: Kreatininspiegel (Anstieg erst bei 50%50\,\% Nierenschädigung), Kreatinin-Clearance für GFR, Harnstoff (Anstieg bei 75%75\,\% Schädigung), Elektrolyte.     * Bildgebung: Ultraschall, CT-Scan, MRI-Scan.     * Biopsie: Nachweis von Glomerulonephritis.     * Szintigraphie: Funktionsbildgebung von Gewebe, Schätzung von RBF und GFR.
  • Therapieoptionen:     * Akut: Behandlung der Ursache, temporäre Dialyse.     * Chronisch: Keine Heilung möglich; Transplantation oder dauerhafte Dialyse (Hämodialyse oder Peritonealdialyse).

Design der künstlichen Niere und Dialysetechniken

  • Grundprinzipien der Dialyse:     * Adsorption: Bindung von Stoffen an Oberflächen.     * Filtration: Konvektiver Transport durch Druckgradienten.     * Diffusion: Teilchenbewegung durch Brownsche Molekularbewegung (hauptsächlich genutzt).     * Osmose: Transport durch Konzentrationsdifferenzen an semi-permeablen Membranen.
  • Historische Meilensteine:     * 1913: Dr. Abel (Baltimore) – "Vividiffusion" mit Kollodium-Membran.     * 1924: Dr. Haas (Gießen) – Erste Patientenbehandlung, Entdeckung der Ultrafiltration.     * 1945: Dr. Kolff (Niederlande) – Erstes Überleben eines Patienten (Trommelniere).     * 1950: Dr. Möller (Deutschland) – Reduktion der Behandlungszeit von 1313 auf 88 Stunden.     * 1956: Travenol (Baxter) – Kommerzielle Standardisierung.     * 1966: Dr. Stewart – Entwicklung des ersten Hohlfaserdialysators.
  • Moderne Dialysetechniken:     * Hämoperfusion: Adsorption an Aktivkohle bei spezifischen Vergiftungen (300ml/min300\,ml/min Blutfluss).     * Hämofiltration (HF): Rein konvektiver Transport. Der Flüssigkeitsverlust wird durch Substitutionslösung ausgeglichen. Fluss ca. 300ml/min300\,ml/min, Filtrationsrate ca. 25ml/kgh25\,ml/kg\,h.     * Hämodialyse (HD): Rein diffusiver Transport. Ultrafiltration nur zum Flüssigkeitsentzug (Ödeme). Blutfluss 200 bis 300ml/min200\text{ bis } 300\,ml/min, Dialysatfluss 400 bis 600ml/min400\text{ bis } 600\,ml/min.     * Hämodiafiltration (HDF): Kombination aus HD und HF (diffusiv und konvektiv). Höhere Clearance für mittelgroße Moleküle. Nachteil: Stress für Erythrozyten durch Transmembrandruck (TMP).
  • Dialyse in Zahlen (Deutschland):     * ca. 80.00080.000 Patienten.     * 33 Behandlungen pro Woche für je 4 bis 54\text{ bis } 5 Stunden.     * 100 bis 150Liter100\text{ bis } 150\,Liter Dialysat pro Behandlung.     * Kosten: ca. 40.00040.000\,\text{€} pro Patient und Jahr; Gesamtkosten Deutschland ca. 3Mrd. €3\,\text{Mrd. €}.
  • Peritonealdialyse (PD):     * Das Bauchfell (Peritoneum, 1 bis 2m21\text{ bis } 2\,m^2) dient als Membran.     * Dialysat wird in das Abdomen infundiert (2 bis 3Liter2\text{ bis } 3\,Liter).     * Wasserentzug via Osmose (Glukose im Dialysat).     * Vorteile: Kreislaufschonend, Unabhängigkeit vom Zentrum, geeignet für Berufstätige.     * Nachteile: Proteinverlust, Risiko für Bauchfellentzündung (Peritonitis).

Design und Komponenten des Dialysators

  • Designanforderungen:     * Selektivität (durchlässig für Salze/Harnstoff, undurchlässig für Proteine).     * Hohe Membranfläche (bis zu 2m22\,m^2).     * Geringes Füllvolumen (Priming volume: 100 bis 130ml100\text{ bis } 130\,ml).     * Hämokompatibilität (Vermeidung von Scherkräften und Stagnationszonen).
  • Bauweise:     * Hohlfaserstruktur: Ein Bündel von bis zu 10.00010.000 Fasern.     * Blut fließt durch die Fasern, Dialysat umströmt diese.     * Faserdurchmesser: ca. 300μm300\,\mu m; Wanddicke: 5 bis 40μm5\text{ bis } 40\,\mu m.     * Früher Zellulose, heute synthetische Materialien wie Polysulfon oder Polyethersulfon.
  • Flussprinzip:     * Gegenstromprinzip (Countercurrent flow): Dialysat und Blut fließen in entgegengesetzte Richtungen.     * Vorteil: Ein nahezu konstanter Konzentrationsgradient über die gesamte Länge sorgt für ca. 10%10\,\% höhere Clearance als im Gleichstrom.
  • Membrankategorien:     * Low-Flux vs. High-Flux: High-Flux-Membranen sind durchlässiger für mittelgroße Moleküle.     * Molecular Weight Cut-off (MWCO): Molekulargewicht, bei dem der Siebungskoeffizient S=0,1S = 0,1 (10%10\,\% Durchlass) beträgt.
  • Herstellung:     * Faserbündel ins Gehäuse bringen, Enden versiegeln.     * Potting: Einspritzen von Polyurethan unter Zentrifugalkraft zur Abdichtung.     * Schneiden der Endkappen und Endmontage.
  • Dialysatzusammensetzung:     * Enthält Natrium, Kalium, Kalzium, Magnesium, Chlorid.     * Pufferung meist über Bicarbonat (früher Acetat).     * Glukosegehalt oft bei 1000mg/dm31000\,mg/dm^3.

Kanülierung und Pumpen

  • Gefäßzugang:     * Anforderung: Blutfluss > 200ml/min200\,ml/min für regelmäßigen Zugang.     * Arteriovenöser Shunt (Fistel): Chirurgische Verbindung von Arterie und Vene. Die Vene expandiert und "arterialisiert" sich über Monate.     * Synthetische Grafts: Wenn native Gefäße nicht geeignet sind, wird ein künstliches Gefäß (z. B. aus PTFE) eingesetzt.
  • Kanülen:     * Spezielle Schliffe zur Schmerzreduzierung.     * "Back-eye": Zusätzliche Öffnung auf der Rückseite, um ein Ansaugen an die Gefäßwand zu verhindern.     * Druckverlust nach Hagen-Poiseuille:         * Δp=V˙×η×lπ×r4\Delta p = \frac{\dot{V} \times \eta \times l}{\pi \times r^4}
  • Punktionstechniken:     * Arealpunktion: Nicht empfohlen (Aneurysmarisiko).     * Strickleiter (Rope ladder): Über die Länge der Fistel verteilt.     * Knopfloch (Buttonhole): Immer exakt dieselbe Stelle; Bildung eines Narbenkanals nach ca. 1010 Punktionen.
  • Komplikationen: Thromben, Blutungen, Infektionen, Hämatome, venöse Aneurysmen.
  • Pumpentypen in der Dialyse:     * Rollenpumpen (Roller pumps): Volumenfördernd, Drehzahl bestimmt Fluss. Einsatz für Blut, Dialysat, Substitat.     * Rotationspumpen: Druckgetrieben, oft zur Entgasung genutzt.     * Spritzenpumpen (Syringe pumps): Zur präzisen Dosierung von Heparin (Antikoagulation).
  • Ein-Nadel-Dialyse (Single Needle):     * Nur eine Kanüle erforderlich (schonender).     * Zyklisches Verfahren (Batch-wise); Effektivität jedoch nur ca. halb so hoch wie bei Doppel-Nadel-Verfahren.
  • Zentralvenöser Zugang:     * Shaldon-Katheter: Zwei-Lumen-Katheter für akute oder chronische Dialyse bei Intensivpatienten.