Kommunikationspsychologie und Interkulturelle Kommunikation

Grundvorgang der zwischenmenschlichen Kommunikation

  • Sender: Eine Person, die ein Anliegen hat und dieses mitteilen möchte.

  • Verschlüsselung: Der Sender übersetzt sein Anliegen in erkennbare Zeichen (Sprache, Tonfall, Gestik, Mimik). Das Ergebnis wird als Nachricht bezeichnet.

  • Empfänger: Die Person, die das wahrnehmbare Gebilde der Nachricht entschlüsseln muss.

  • Verständigung: Erreicht, wenn die gesendete und die empfangene Nachricht weitgehend übereinstimmen.

  • Feedback (Rückmeldung): Der Empfänger gibt dem Sender eine Rückmeldung darüber, wie er die Nachricht entschlüsselt hat, wie sie angekommen ist und was sie bei ihm ausgelöst hat. Dies erlaubt dem Sender den Abgleich seiner Sende-Absicht mit dem Resultat.

  • Komplexität: Jede Nachricht ist ein "Paket" mit multiplen Botschaften, was die Kommunikation störanfällig, aber auch spannend macht.

Die vier Seiten einer Nachricht (Schulz von Thun)

Friedemann Schulz von Thun unterscheidet vier seelisch bedeutsame Seiten einer Nachricht, die am Beispiel des Satzes „Du, da vorne ist grün!“ (gesagt von einem Mann zu seiner fahrenden Frau) verdeutlicht werden:

  • Sachinhalt (Sachinformation):

    • Beinhaltet die reine Information, Daten und Fakten.

    • Beispiel: Die Ampel steht auf Grün.

  • Selbstoffenbarung (Ich-Botschaft):

    • Jede Äußerung gibt Informationen über den Sender preis (bewusst oder unbewusst).

    • Beinhaltet die gewollte Selbstdarstellung und die unfreiwillige Selbstenthüllung.

    • Beispiel: Der Sender ist deutschsprachig, sieht Farben, ist wach, ist innerlich dabei und hat es vielleicht eilig.

    • Psychologisch brisant: Man kann versuchen, sich anders darzustellen (Selbsterhöhung oder Selbstverbergung).

  • Beziehung (Beziehungsbotschaft):

    • Drückt aus, wie der Sender zum Empfänger steht und was er von ihm hält.

    • Übermittelt durch Formulierung, Tonfall und nonverbale Signale.

    • Der Empfänger hat hierfür ein „besonders empfindliches Ohr“, da er sich als Person behandelt fühlt.

    • Unterteilt in:

    • Du-Botschaft: Was der Sender vom Empfänger hält (z. B. „Du bist hilfsbedürftig“).

    • Wir-Botschaft: Wie der Sender die Beziehung sieht (z. B. „Ich muss dir sagen, was zu tun ist, und du akzeptierst das“).

    • Beispielreaktion: Die Frau antwortet barsch: „Fährst du oder fahre ich?“, da sie die Bevormundung ablehnt, nicht den Sachinhalt.

  • Appell (Appellseite):

    • Fast alle Nachrichten haben das Ziel, den Empfänger zu einer Handlung, Unterlassung, zum Denken oder Fühlen zu veranlassen.

    • Versuch der Einflussnahme kann offen oder versteckt (Manipulation) sein.

    • Bei Manipulation werden die anderen drei Seiten funktionalisiert (tendenziöse Sachseite, gezielte Selbstdarstellung).

    • Beispiel: „Gib Gas!“

Das Werte- und Entwicklungsquadrat

Dieses Modell stellt komplexe Einflussfaktoren der Verständigung dar.

  • Grundprinzip: Jeder positive Wert (Tugend/Leitprinzip) entfaltet nur dann eine konstruktive Wirkung, wenn er in einer „ausgehaltenen Spannung“ zu einem positiven Gegenwert (Schwesterntugend) steht.

  • Entwertete Übertreibung: Ohne diese Balance verkommt ein Wert zu einer negativen Übertreibung.

    • Beispiel: Sparsamkeit (Wert) braucht Großzügigkeit (Gegenwert). Ohne Großzügigkeit wird Sparsamkeit zu Geiz; ohne Sparsamkeit wird Großzügigkeit zu Verschwendung.

  • Struktur des Quadrats:

    • Oben stehen die zwei positiven Werte (positives Spannungsverhältnis).

    • Unten stehen die jeweiligen negativen Übertreibungen.

  • Kommunikation im Konflikt: Kontrahenten neigen dazu, den eigenen Standpunkt als „Wertehimmel“ (positiv) zu sehen und dem anderen die „entwertete Übertreibung“ (den Keller der Entartung) zu unterstellen.

  • Nutzen: Hilft bei der Polarisierung durch aktives Zuhören zu klären, wo der andere tatsächlich steht, und den „wahren Kern“ in extremen Meinungen zu würdigen.

Transaktionsanalyse: Grundlagen und Ich-Zustände

Die Transaktionsanalyse (TA) wurde von Eric Berne und Thomas Harris entwickelt.

  • Ursprung: Wilder Penfield (Neurochirurg) aktivierte durch elektrische Sonden am Schläfenlappen Erinnerungen, die Patienten wie einen Film mit allen ursprünglichen Gefühlen wiedererlebten.

  • Das Gehirn als Aufzeichnungsgerät: Harris verglich das Gehirn mit einer HiFi-Anlage, die jedes Erlebnis seit der Geburt originalgetreu aufzeichnet.

  • Drei Ich-Zustände: Ein Mensch besteht aus drei psychischen Realitäten, in denen er sich befinden kann:

    • Eltern-Ich (EL): Beinhaltet alle von außen (Eltern/Bezugspersonen) herangetragenen Befehle, Verhaltensregeln und Werte bis zum ca. 5.5. oder 6.6. Lebensjahr. Sie werden ungeprüft als „unzweifelhafte Wahrheiten“ gespeichert.

    • Kindheits-Ich (K): Die Aufzeichnung innerer Ereignisse, insbesondere der Gefühle und Reaktionen des Kindes auf äußere Ereignisse. Aufgrund früher Hilflosigkeit ist hier oft die Grundeinstellung „Ich bin nicht o.k.“ gespeichert.

    • Erwachsenen-Ich (ER): Beginnt, wenn das Kind realisiert, dass es durch eigenes Handeln Einfluss nehmen kann. Es beschafft aktiv Informationen, wertet Daten aus allen drei Ich-Zuständen aus und trifft rationale Entscheidungen. Es überprüft zudem die Inhalte des Eltern-Ichs.

Die vier Lebensanschauungen (Grundeinstellungen)

Entwickeln sich laut Harris bis zum 3.3. Lebensjahr basierend auf dem „Streicheln“ (Zuneigung/Care) durch Bezugspersonen.

  1. Ich bin nicht o.k. – Du bist o.k.: Die häufigste Einstellung. Resultiert aus dem Gefühl der Hilflosigkeit gegenüber den „mächtigen“ Eltern. Führt oft zu Rückzug oder dem Suchen nach starken Führungspersönlichkeiten.

  2. Ich bin nicht o.k. – Du bist nicht o.k.: Entsteht bei gefühlskalten Eltern. Führt zu totaler Resignation (im Extremfall Selbstmord).

  3. Ich bin o.k. – Du bist nicht o.k.: „Kriminelle Lebensanschauung“. Entsteht oft durch erlittene Gewalt (Terror) der Eltern. Das Kind fühlt sich nur o.k., wenn es in Ruhe gelassen wird. Kein Gewissen gegenüber anderen.

  4. Ich bin o.k. – Du bist o.k.: Eine bewusste Entscheidung, die durch das Erwachsenen-Ich gesteuert werden muss. Erfordert das Bewusstmachen der eigenen Situation und das Sammeln positiver Erlebnisse.

Transaktionstypen

Eine Transaktion ist der Austausch von Reizen und Reaktionen zwischen den Ich-Zuständen zweier Personen.

  • Komplementäre Transaktion: Die Pfeile verlaufen parallel. Die Reaktion erfolgt aus dem angesprochenen Ich-Zustand und geht an den erwarteten Ich-Zustand zurück. Kommunikation kann unendlich weiterlaufen.

  • Gekreuzte Transaktion: Der Empfänger antwortet aus einem anderen Ich-Zustand als erwartet. Dies führt oft zu Irritationen oder Gesprächsabbruch.

  • Verdeckte Transaktion: Es werden zwei Botschaften gleichzeitig gesendet: eine offene (meist verbal) und eine psychologische, verdeckte (meist nonverbal).

  • Winkeltransaktion: Der Sender spricht gleichzeitig zwei Ich-Zustände des Empfängers an (häufig in Werbung und Verkauf).

Strokes (Zuwendungen)

Nach Claude Steiner sind Strokes (Einheiten der Anerkennung) lebensnotwendig.

  • Arten von Strokes:

    • Positiv: Wertschätzung, Lob.

    • Negativ: Kritik, Abwertung.

    • Bedingt: Beziehen sich auf eine Leistung (z. B. „Gut gemacht“).

    • Unbedingt: Beziehen sich auf die Person (z. B. „Schön, dass es dich gibt“).

  • Steiners Märchen von den Kuscheltüchern:

    • Anfänglich gab es reichlich „warme Kuscheltücher“ (positive Zuwendung).

    • Eine Hexe verbreitete die Lüge, diese könnten ausgehen, was zu Geiz und der Verteilung von „kalten Nesselfetzen“ (negativen Zuwendungen) führte.

    • Dies beschreibt die „Stroke Economy“ – die künstliche Verknappung von Zuneigung in einer Gesellschaft.

Kultur und interkulturelle Kommunikation

  • Kultur: Umfasst alles vom Menschen Geschaffene (Regeln, Sprache, Religion, Kunst). Sie ist stabil, unterliegt aber stetigem Wandel.

  • Ethnozentrismus: Die Annahme, die eigene Kultur sei der Maßstab für alle anderen.

  • Kulturstandards: Implizite, unbewusst verinnerlichte Denk- und Handlungsmuster einer Herkunftsregion.

  • Hofstedes Kulturdimensionen (66 Dimensionen):

  1. Machtdistanz: Akzeptanz ungleicher Machtverteilung (hoch in Lateinamerika/Türkei, niedrig in Deutschland).

  2. Individualismus vs. Kollektivismus: Individuum im Zentrum (USA/England) vs. Wir-Gefühl (Japan/China).

  3. Maskulinität vs. Feminität: Leistung/Erfolg (maskulin) vs. Lebensqualität/Fürsorge (feminin).

  4. Unsicherheitsvermeidung: Bedürfnis nach Regeln/Gesetzen zur Risikominimierung.

  5. Langzeit- vs. Kurzzeitorientierung: Sparsamkeit/Beharrlichkeit vs. Flexibilität/Spontaneität.

  6. Genuss vs. Zurückhaltung: Umgang mit der Auslebung von persönlichen Bedürfnissen.

  • Interkulturelle Kommunikation: Verständigung zwischen Menschen unterschiedlicher kultureller Prägung. Missverständnisse entstehen oft durch unterschiedliche nonverbale Muster und Kulturstandards.

Fallstudien zur interkulturellen Kommunikation

  • Mike Brown Team:

    • Mike (USA, individualistisch/maskulin) fordert Wochenendarbeit.

    • Sven (Schweden, feminin) priorisiert Familie.

    • Fernando (Brasilien, hohe Machtdistanz) erwartet klare Anweisungen statt Fragen.

    • Takahiro (Japan, kollektivistisch) möchte den Bericht in der Gruppe statt einzeln anfertigen.

  • Li-Ming Wang & Frau Hofmann:

    • Li-Ming (China) lehnt Tee aus Höflichkeit zunächst ab (erwartet wiederholtes Angebot).

    • Frau Hofmann (Deutschland) nimmt das „Nein“ wörtlich.

    • Ergebnis: Li-Ming ist gekränkt, Frau Hofmann verwirrt.

  • Fabio & Sophie:

    • Sophie (Deutsch, hoher Planungsbedarf/Zuverlässigkeit) vs. Fabio (Italienisch, Flexibilität/Spontaneität).

    • Konfliktpotenzial durch unterschiedliche Zeit- und Planungsorientierung (Pünktlichkeit bei Besuchen).

Paul Watzlawick und die menschliche Kommunikation

Paul Watzlawick, ein berühmter Kommunikationswissenschaftler, formulierte fünf Axiome der Kommunikation:

  1. Man kann nicht nicht kommunizieren: Jede Art von Verhalten kommuniziert eine Botschaft.

  2. Jede Kommunikation hat einen Inhalts- und einen Beziehungsaspekt: Der Inhalt bezieht sich auf die Informationen, die übermittelt werden, während der Beziehungsaspekt ausdrückt, wie die Sender und Empfänger zueinander stehen.

  3. Kommunikation erfolgt immer in einem Kontext: Der Kontext, in dem die Kommunikation stattfindet, beeinflusst die Bedeutung der Botschaften.

  4. Kommunikation ist sowohl analog als auch digital: Verbale Sprache ist digital, während nonverbale Kommunikation analog ist.

  5. Kommunikation ist interdependent: Das Verhalten und die Reaktionen der Kommunikationspartner beeinflussen einander ständig.