Nationale Identitäten seit dem 19. Jahrhundert: Realität oder Konstruktion?

Nationale Identitäten seit dem 19. Jahrhundert: Realität oder Konstruktion?

Einführung

  • Der "Tag der Deutschen Einheit" wird jährlich mit Bürgerfesten gefeiert, die in wechselnden Landeshauptstädten stattfinden.
  • Die Frage nach nationalen Identitäten wird anhand des Mottos "Vereint in Vielfalt" beleuchtet.

Historischer Überblick

  • Wiener Kongress (1814/15): Neuordnung Europas nach Napoleon, Gründung des Deutschen Bundes.
  • Hambacher Fest (1832): Nationale und liberale Bewegung fordert einen deutschen Nationalstaat.
  • Revolution von 1848/49: Scheitert der Versuch, einen deutschen Nationalstaat zu gründen.
  • Zweiter Einigungskrieg (1866): Preußen siegt gegen Österreich.
  • Dritter Einigungskrieg (1870/71): Deutsche Staaten siegen gegen Frankreich, Gründung des Deutschen Kaiserreichs.
  • Erster Weltkrieg (1914-1918): Aggressive Nationalpolitik des Deutschen Kaiserreiches.
  • Vertrag von Maastricht (1993): Begründung der Europäischen Union als weiterer Integrationsschritt.

Die "Idee der Nation"

  • Die Vorstellung, einer bestimmten Nation anzugehören, und der daraus resultierende Nationalstaat haben die deutsche und europäische Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts maßgeblich geprägt.
  • Die ideologische Überhöhung der nationalen Idee führte zu Leid und Abgrenzung.
  • Das Selbstverständnis der Nationen ist einem historischen Wandel unterworfen, besonders im Fall der deutschen Nation.
  • Das Bild der Nation ist wandelbar.

Fragen zur nationalen Identität

  • Welche Antworten gibt es auf die Frage, was eine Nation ist?
  • Welche unterschiedlichen Wege gab es von der Idee der Nation zum Nationalstaat?
  • Wie wandelte sich das Selbstverständnis der deutschen Nation seit der Gründung des Nationalstaates?

Nationenbildung - nationale Identität

Phase 1

  • Ende des 18. Jahrhunderts bis Mitte des 19. Jahrhunderts.
  • "Romantische" Phase des Protonationalismus.
  • Getragen von Intellektuellen.
  • Die Idee der Nation wurde vorwiegend kulturell, literarisch oder volkskundlich argumentiert.

Phase 2

  • Mitte des 19. Jahrhunderts bis zum Ersten Weltkrieg.
  • Nationalismus wird zum Massenphänomen.
  • Oft gewalttätig, da Staatsgrenzen nicht mit den gewünschten nationalen Grenzen übereinstimmten.

Phase 3

  • Zwischen dem Ersten und dem Zweiten Weltkrieg.
  • Extremer, ausgrenzender Nationalismus, oft mit rassistischen Anlehnungen.

Phase 4

  • Nach dem Zweiten Weltkrieg.
  • "Wiedergeburt" der Nation.

Definition von Nation

  • Nationen sind nicht naturgegeben, sondern das Ergebnis eines geschichtlichen Prozesses (Konstrukt).
  • Der Begriff der "Erfindung der Nation" (Benedict Anderson) prägt die Diskussion.
  • Viele unterschiedliche politische und gesellschaftliche Bedingungen und Faktoren beeinflussen die Nationsbildung.
  • Die Bedeutung der "Nation" wird politisch und gesellschaftlich verhandelt.

Typen der Nationsbildung

  • Gründung eines Nationalstaates durch Umgründung (z.B. Frankreich).
  • Gründung eines Nationalstaates durch Vereinigung mehrerer Staaten (z.B. Deutschland, Italien).
  • Gründung eines Nationalstaates durch Abspaltung eines bestehenden Staates (z.B. Sowjetunion, Jugoslawien).

Äußere Bezugspunkte der Nationsbildung

Sprache

  • Oft gemeinsame Sprache.
  • Ausnahmen: Die Schweiz mit vier Muttersprachen.

Kultur

  • Bezug auf gemeinsame Kultur.
  • Schwer zu definieren, was diese Kultur ausmacht.

Abstammung bzw. Ethnie

  • Nationalisten behaupten gemeinsame Abstammung.
  • Oft Verbindung zu rassistischem Gedankengut.
  • Widerlegung durch moderne Genomforschung.

Geschichte

  • Gemeinsame Geschichte spielt eine wichtige Rolle.
  • Konstruktion von Gründungsmythos (z.B. Arminius).

Religion

  • Religion kann eine Bedeutung haben (z.B. Polen als katholische Nation).
  • In Deutschland eher spaltend (Protestanten und Katholiken).

Territorium

  • Frage nach den Grenzen des Staates.
  • Oft Konflikte um Gebiete mit uneindeutiger Zugehörigkeit (Sprache, Religion, Abstammung).

Werte und Normen:

  • Bezug auf gemeinsame Werte (z.B. Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit).

Emanuel Joseph Sieyès: Was ist der Dritte Stand?

  • Eine Nation ist eine Gesellschaft unter einem gemeinschaftlichen Gesetz, vertreten durch eine gesetzgebende Versammlung.
  • Der Adel nimmt eine Sonderstellung ein und kann nicht als Teil der Nation betrachtet werden.
  • Der Dritte Stand umfasst alles, was zur Nation gehört.

John Stuart Mill: Die Nation als Produkt der gemeinsamen Vergangenheit

  • Eine Gruppe von Menschen bildet eine Nation, wenn sie durch gegenseitige Sympathien verbunden sind.
  • Gemeinsame politische Vergangenheit und Erinnerungen prägen das Nationalgefühl.

Benedict Anderson: Die Nation als „vorgestellte Gemeinschaft“

  • Die Nation ist eine vorgestellt politische Gemeinschaft, vorgestellt als begrenzt und souverän.
  • Selbst die größte Nation hat begrenzte Grenzen, jenseits derer andere Nationen liegen.
  • Die Nation wird als Gemeinschaft von Gleichen vorgestellt, unabhängig von Ungleichheit.

Friedrich Meinecke: Kulturnation und Staatsnation

  • Unterscheidung zwischen Kulturnationen (basierend auf Kulturbesitz) und Staatsnationen (basierend auf politischer Geschichte und Verfassung).
  • Kulturgüter wie Sprache, Literatur und Religion schaffen eine Kulturnation.
  • Politische Einflüsse können die Entstehung einer Gemeinsprache und -literatur fördern.
  • Innerhalb einer Staatsnation können Angehörige verschiedener Nationen leben (Beispiel Schweiz).
  • Eine Kulturnation kann in mehrere Staatsnationen zerfallen.

Eric Hobsbawm: Sind Nationen naturgegeben?

  • Die Nation ist keine ursprüngliche oder unveränderliche soziale Einheit.
  • Nationalismus geht der Nation voraus.
  • Nationen sind Konstrukte, die von oben geschaffen, aber von unten analysiert werden müssen.
  • Nationale Identifikation kann sich im Laufe der Zeit verändern.

Herfried und Marina Münkler: Die neuen Deutschen

  • Deutscher ist, wer für sich und seine Familie selbst sorgen kann.
  • Religiöser Glaube ist Privatsache.
  • Entscheidung für Lebensform und Partnerwahl liegt im Ermessen des Einzelnen.
  • Das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland ist entscheidend.
  • Deutschsein ist kein Merkmal, auf dem man sich ausruhen kann.

Der Weg zum deutschen Nationalstaat

  • Das Bewusstsein, einer Nation anzugehören, führte nich immer gradlinig zum Nationalstaat.
  • Strukturen und Gegenkräfte wirkten der Nationalstaatsgründung entgegen.
  • Der Weg zur Nationalstaatsgründung prägte die nationale Identität.

Europa nach dem Wiener Kongress

  • Die europäischen Grenzen wurden durch die Beschlüsse des Wiener Kongresses verändert.
  • Der Deutsche Bund wurde 1815 gegründet.
  • Die Heilige Allianz sicherte die Monarchie.
  • Die nationalliberale Bewegung entstand im ausgehenden 18. Jahrhundert.

Die Anfänge der nationalen Bewegung

  • Die Bewegung forderte die staatliche Einheit der Nation, eine Gesellschaft freier Bürger, Verfassungen, Menschenrechte und Gewaltenteilung.
  • Das Bürgertum wurde zum wichtigsten Träger der Bewegung.
  • Höhepunkt war das Hambacher Fest 1832.
  • Die Staatsapparate reagierten mit Pressezensur, Verhaftungen und Verboten.

1848 – der Wunsch nach Einheit und sein Scheitern

  • Revolutionen in Europa führten zu Unruhen in den deutschen Staaten.
  • Konservatismus, Liberalismus, demokratischer Radikalismus und Sozialismus entstanden.
  • Die nationale Einheit war ein gemeinsames Anliegen.
  • Im März 1848 kam es zu Barrikadenkämpfen.
  • Eine Nationalversammlung tagte in der Frankfurter Paulskirche.

Ringen um den Nationalstaat

  • Im März 1849 wurde in der Paulskirche eine Verfassung beschlossen.
  • Garantie von Grundrechten.
  • Entscheidung für eine konstitutionelle Monarchie.
  • Wahl des preußischen Königs zum „Kaiser der Deutschen“.
  • Streit über die Grenzen des Nationalstaates (sprachliche Zugehörigkeit oder Territorien des Deutschen Bundes).
  • Großdeutsche Lösung vs. kleindeutsche Lösung.

Gründe des Scheiterns

  • Die alten Kräfte (Preußen und Österreich) hatten sich wieder konsolidiert.
  • Die fürstlichen Regierungen waren zu Reformen bereit.
  • Die Beamten und die Armeen blieben loyal.

Die Schleswig-Holstein-Frage

  • Deutschgesinnte Herzogtümer versuchten sich von Dänemark zu lösen.
  • Preußische Truppen unterstützten die Schleswig-Holsteiner.
  • Die europäischen Großmächte zwangen Preußen zu einem Waffenstillstand.
  • Die Nationalversammlung stimmte dem Waffenstillstand zu.

Ende der Revolution

  • Die alten Mächte blieben handlungsfähig.
  • Der preußische König wies die Kaiserkrone zurück.
  • Der Versuch einer Revolution „von unten“ scheiterte.

1871 – die Reichsgründung und -einigung „von oben“

  • Österreich übernahm wieder die Führung im Deutschen Bund.
  • Repräsentative Gesetzgebung, Parteienbildung und Pressefreiheit wurden eingeschränkt.
  • Die Nationalbewegung lebte fort.

Der deutsche Dualismus

  • Preußen und Österreich zeigten Gegensätzlichkeiten in der Wirtschaftspolitik.
  • Preußen verweigerte die Aufnahme Österreichs in den Zollverein.
  • Österreich verfolgte eine Schutzzollpolitik, Preußen eine Freihandelspolitik.
  • Preußen befürwortete eine direkt gewählte Volksvertretung für den Deutschen Bund.

Deutsch-Dänischer Krieg

  • Preußen und Österreich besiegten Dänemark.
  • Sie teilten sich die Verwaltung der Herzogtümer.

Deutsch-Deutscher Krieg

  • Preußen marschierte in Holstein ein.
  • Preußen siegte über Österreich und dessen Verbündete.
  • Der Deutsche Bund wurde aufgelöst.
  • Der deutsche Dualismus war zugunsten Preußens entschieden.

Deutsch-Französischer Krieg und Reichseinigung

  • Frankreich registrierte die zunehmende Stärke Preußens mit Unbehagen.
  • Otto von Bismarck nutzte den Druck Frankreichs, um die süddeutschen Regierungen zum Abschluss von Bündnissen zu bewegen.

Gründung des Deutschen Kaiserreiches

  • Bismarck bemühte sich um die Zustimmung der süddeutschen Staaten.
  • Die Kaiserwürde wurde dem preußischen König angeboten, der sie akzeptierte.
  • Deutschland wurde durch eine Revolution „von oben“ zum Nationalstaat.
  • Die nationale Idee wurde von den herrschenden konservativen Kräften verwirklicht.