Kapitel 17.5_Spezielle Traumatologie
17.5 Spezielle Traumatologie
17.5.1 Schädel-Hirn-Trauma
Beim Schädel-Hirn-Trauma wird zwischen primärer und sekundärer Schädigung des Gehirns unterschieden.
Primäre Schädigung
Die primäre Schädigung entsteht direkt durch das Trauma, abhängig vom Unfallmechanismus.
Zelluläre Strukturen des Gehirns werden unwiderruflich zerstört.
Die Intervention des medizinischen Teams kann diese Schäden nicht mehr beeinflussen.
Schutzmaßnahmen (z.B. Helme) können die einwirkende Kraft minimieren.
Sekundäre Schädigung
Entsteht durch suboptimale Bedingungen für gestörte, aber nicht komplett zerstörte zelluläre Strukturen.
Das bedrohte Gewebe kann sich erholen, jedoch müssen optimale Bedingungen sichergestellt werden.
Beeinträchtigungen der zerebralen Autoregulation nach einem Trauma sind häufig, was den sekundären Schaden verstärkt und mit einer schlechteren Prognose assoziiert ist.
Weitere Störfaktoren sind zerebrale Ödeme und Hämatome, die das Gewebe schädigen.
17.5.1.1 Einteilung des Schädel-Hirn-Traumas
Unterteilung in offenes und gedecktes Schädel-Hirn-Trauma (SHT).
Offenes SHT: Kopfhaut, Schädelknochen und Dura mater sind beschädigt, das Gehirn liegt "offen".
Gedecktes SHT: Kriterien für ein offenes SHT sind nicht erfüllt.
Der Schweregrad wird mit der Glasgow Coma Scale (GCS) bewertet, basierend auf der Reaktion des Patienten.
Prüfkriterien: Augenöffnung, motorische Reaktion, verbale Reaktion.
Tabelle 1: Glasgow Coma Scale
Punkte | Augen öffnen | Beste verbale Antwort | Beste motorische Antwort |
|---|---|---|---|
6 | auf Aufforderung | orientiert | gezielt auf Schmerzreiz |
5 | spontan | desorientiert | ungezielt auf Schmerzreiz |
4 | auf Aufforderung | zusammenhanglose Worte | Beugesynergismen |
3 | auf Schmerzreiz | unverständliche Laute | Strecksynergismen |
2 | keine | keine | keine |
Tabelle 2: Schweregrade des Schädel-Hirn-Traumas
Schweregrad | Synonym | Merkmal | GCS-Wert | Bleibende Schäden |
|---|---|---|---|---|
SHT 1. Grades | Gehirnerschütterung | Bewusstlosigkeit (wenige Sekunden) | 15-12 | Keine |
SHT 2. Grades | Gehirnprellung | Bewusstlosigkeit > 15 min, Hirnödem | 12-9 | Offene oder geschlossene Hirnschädigung |
SHT 3. Grades | Gehirnquetschung | Bewusstlosigkeit Tage bis Monate | 8-3 | Bleibende Schäden sind zu erwarten |
17.5.1.2 Präklinische Beurteilung des Schädel-Hirn-Traumas
Ziel: Frühe Erkennung eines schweren Schädel-Hirn-Traumas.
Anwendung des cABCDE-Schemas, bei dem unter "D-Disability" Symptome eines SHT erkannt werden.
Abb. 1: Pathologische Pupillendiagnostik beim schweren Schädel-Hirn-Trauma
Hinweise auf SHT: Blut-/Liquoraustritt, Monokel- oder Brillenhämatom, Stufenbildung oder Krepitationen im Gesicht.
Monokel- und Brillenhämatom
Monokelhämatom: Eingeschränkt auf ein Auge.
Brillenhämatom: Hämatome beider Augenhöhlen, oft Hinweis auf ernsthafte Verletzungen.
Abb. 2
Monokelhämatom durch lokales Augentrauma, Brillenhämatom infolge Schädelbasisfraktur.
Patientenüberwachung
Ständige Reevaluation des Zustands, insbesondere Erkennung von Anzeichen eines erhöhten intrakraniellen Drucks.
Cushing-Trias: Hypertension, Bradykardie, pathologische Atemmuster.
Maßnahmen
Sicherung und Überwachung der Vitalfunktionen.
Sofortinterventionen basierend auf Untersuchungsergebnissen.
Hochdosierte Sauerstoffgabe über Maske, 30° Oberkörperhochlagerung zur Drucksenkung.
Zervikalstütze bei erhöhtem Druck kritisch bewerten.
Immobilisation der Halswirbelsäule bei allen Patienten mit SHT anraten.
Abb. 3: Zervikalstütze.
Abb. 4: Immobilisation der Wirbelsäule
Nutzung einer Vakuummatratze ist empfohlen.
Zähne und Zahnfragmente
Herausgeschlagene Zähne sollten feucht gelagert werden, optimal in einer Zahnrettungsbox.
Zähne nicht länger als 20-30 Minuten trocken lagern.-
17.5.2 Thoraxtrauma
Definition
Alle Verletzungen des Brustkorbs, Mediastinums oder der Lungen durch äußere Gewalteinwirkung.
Grundlage der Basisuntersuchung
Inspektion, Auskultation, Palpation sowie Perkussion.
Technisches Monitoring (Pulsoxymetrie, Kapnografie etc.) und Sonographie empfohlen.
17.5.2.1 Verletzungen des thorakalen Bewegungsapparates
Rippenfraktur: Bruch einer knöchernen Rippe, häufig nach stumpfer Gewalt.
Symptome: Schmerzen, Druckschmerz, Hämatom, Hypoventilation.
Komplikationen
Pneumothorax, Hämatothorax, Instabilität, Versorgung durch Notfallsanitäter.
Zentrale Verletzungen wie Milz- oder Leberverletzungen durch schweres Thoraxtrauma.
17.5.3 Abdominaltrauma
Stumpfes Abdominaltrauma
Wird durch Beschleunigungsmechanismen verursacht.
Typische Symptome: Bauchschmerzen, Abwehrspannung, Übelkeit.
Penetrierendes Abdominaltrauma
Offene Wunden am Bauch, oftmals mit austretenden Eingeweiden.
Wundversorgung, Nahrungsverweigerung und Kreislaufstabilisierung erforderlich.
Verlauf und Prognose
Abhängig von den Organverletzungen und Schockzustand.
Kinder sind stärker betroffen.
17.5.4 Beckentrauma
Selten, aber mit hoher Letalität, ca. 20 % bei schwerverletzten Patienten.
Sofortige Stabilisierung des Beckens bei Verdacht.
17.5.5 Wirbelsäulentrauma
Verletzungen der Wirbelsäule erfordern Immobilisation zur Vermeidung sekundärer Schäden.
Dokumentation des neurologischen Befunds vor Schmerztherapie ist wichtig.
Literaturverzeichnis
Aufgezählte Literaturquellen zu den Themen der Traumatologie.