Einführung in die Prävention und Gesundheitsförderung

Lernziele der Lektion 1

  • Definitionen zentraler Begriffe: Gesundheit, Krankheit, Prävention und Gesundheitsförderung.

  • Aktuelle Modelle und Strategien zur Gesundheitsförderung und Prävention.

  • Bedeutung der Evaluation von Präventionsmaßnahmen.

  • Institutionelle Verantwortlichkeiten in Deutschland für Prävention und Gesundheitsförderung.

Historie der Prävention und Gesundheitsförderung

  • Ursprung: Der Begriff ‘Prävention’ bzw. ‘Krankheitsprävention’ stammt aus der Sozialmedizin des 19. Jahrhunderts.

  • Frühe Ansätze: Bereits im antiken Rom gab es Maßnahmen zur persönlichen Hygiene und behördliche Regelungen zur Abwasserentsorgung, die als Gesundheitsprävention verstanden werden können. Diese beruhten jedoch auf kulturellen, religiösen oder sozialen Krankheitsverständnissen statt auf naturwissenschaftlichen Grundlagen.

  • Wissenschaftliche Fundierung: Im 19. Jahrhundert gewannen wissenschaftliche Erkenntnisse über Krankheitsursachen an Bedeutung.

    • Beispiel John Snow: 1849 verbreitete der Arzt John Snow zusammen mit William Budd die Ansicht, dass Cholera durch lebende Organismen im Trinkwasser verursacht wird. Snow bewies während einer Epidemie in London, dass eine verseuchte Wasserpumpe die Ursache war. Nach deren Stilllegung endete die Epidemie.

  • Entwicklungsfaktoren: Effektive Prävention erfordert ein Ineinandergreifen von wissenschaftlichen Kenntnissen, gesellschaftlichen Strukturen, Infrastruktur und dem Zeitgeist (Jetter 1992).

  • 20. Jahrhundert: Der Fokus weitete sich von der bloßen Hygiene auf Felder wie Arbeitsschutz und Ernährung aus. Bahnbrechende Fortschritte bei Impfungen, Antibiotika, Antisepsis und Narkose veränderten die Definitionen grundlegend.

Definitionen von Gesundheit und Krankheit

Definitionen sind nicht statisch, sondern unterliegen einem ständigen Wandel durch Zeitgeist, Expertenvorgaben und persönliche Erfahrungen. Es existieren zwei grundlegende Perspektiven:

  1. Pathogenetisches Modell: Gesundheit wird primär durch die Abwesenheit von Krankheit definiert (defizitorientiert, Ressourcen werden ignoriert).

  2. Salutogenese (Aaron Antonovsky): Fokus auf Schutzfaktoren und Ressourcen. Zentrale Frage: Wie bleibt ein Mensch trotz Belastungen gesund?

  • Definition Krankheit (Pschyrembel): Störung der Lebensvorgänge in Organen oder im Organismus mit der Folge subjektiv empfundener bzw. objektiv feststellbarer körperlicher, geistiger oder seelischer Veränderungen.

  • Sozialrechtliche Definition Krankheit: Ein regelwidriger Körper- oder Geisteszustand, der die Notwendigkeit einer Heilbehandlung oder Arbeitsunfähigkeit zur Folge hat ($ 27 SGB V).

  • Definition Gesundheit (WHO 1946): ‘Gesundheit ist ein Zustand des vollständigen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens und nicht nur die Abwesenheit von Krankheit und Gebrechen.’

  • Konzept der Salutogenese:

    • Gesundheits-Krankheitskontinuum: Kein Mensch ist komplett gesund oder krank; man bewegt sich ständig zwischen diesen Polen.

    • Stressoren: Wirken lebenslang auf das Individuum ein. Eine positive Bewältigung führt zu einem Zuwachs an Gesundheit.

    • Kohärenzgefühl (Sense of Coherence): Besteht aus drei Dimensionen: Verstehbarkeit, Handhabbarkeit und Sinnhaftigkeit. Es stärkt die Bewältigungskompetenz.

    • Ressourcen: Mittel zur Erleichterung der Spannungsbewältigung auf individueller und sozio-kultureller Ebene.

    • Generalisierte Widerstansquellen: Quellen, die in jeder Situation die Widerstandsfähigkeit erhöhen.

Differenzierung: Gesundheitsförderung und Krankheitsprävention

  • Gesundheitsförderung (nach Hurrelmann): Alle Eingriffshandlungen, die der Stärkung von individuellen Fähigkeiten der Lebensbewältigung dienen. Fokus auf Schutzgedanken und Ressourcen.

  • Krankheitsprävention (nach Hurrelmann): Alle Eingriffshandlungen, die dem Vermeiden des Eintretens oder Ausbreitens einer Krankheit dienen. Fokus auf Risikofaktoren.

Klassische Einteilung der Prävention

  • Primäre Prävention: Maßnahmen vor dem Ausbruch einer Krankheit zur Reduktion von Neuerkrankungen (z. B. Impfungen).

  • Sekundäre Prävention: Früherkennung und Frühbehandlung bei vorhandenen Krankheitszeichen (z. B. Screening-Untersuchungen).

  • Tertiäre Prävention: Begrenzung von Krankheitsfolgen, Vermeidung von Rückfällen und Ausgleich von Schäden bei bestehender Erkrankung.

  • Primordiale Prävention: Bestrebung, bereits das Entstehen von Risikofaktoren zu verhindern.

Theoretische Modelle des Gesundheitsverhaltens

Das Wissen um Risiken allein reicht oft nicht für eine Verhaltensänderung aus. In der Gesundheitspsychologie unterscheidet man:

Kontinuierliche Prädiktionsmodelle

  • Health-Belief-Modell (Modell gesundheitlicher Überzeugungen): Die Wahrscheinlichkeit einer Compliance hängt ab von:

    1. Subjektiv empfundener Bedrohung (Schwere der Krankheit).

    2. Vulnerabilität (persönliche Verletzbarkeit/Einschätzung des Risikos).

    3. Kosten-Nutzen-Abwägung der präventiven Maßnahme.

  • Theorie der Schutzmotivation: Beinhaltet Bedrohungseinschätzung und Bewältigungseinschätzung (Selbstwirksamkeitserwartung).

Dynamische Stadienmodelle

  • Transtheoretisches Modell (TTM): Unterscheidet Phasen der Änderungsbereitschaft:

    1. Absichtslosigkeit.

    2. Absichtsbildung (Ambivalenz).

    3. Vorbereitung.

    4. Handlung (hohe Aktivität).

    5. Aufrechterhaltung (länger als 66 Monate).

    6. Rückfall (als Teil des Lernprozesses).

  • Sozial-kognitives Prozessmodell: Unterscheidet motivatinale Phase (Intention durch Risikowahrnehmung) und volitionale Phase (Planung, Zielsetzung, Bewältigungsstrategien).

Strategien und Methoden der Prävention

  • Zielgruppen:

    • Universelle Strategie: Gesamtbevölkerung.

    • Zielgruppenspezifisch: Selektiv (gefährdete, noch nicht erkrankte Gruppen) oder indiziert (Personen mit Vorstufen einer Erkrankung).

  • Hochrisikostrategie vs. Bevölkerungsbezogene Strategie:

    • Hochrisikostrategie: Hoher Nutzen für wenige Individuen.

    • Präventionsparadox: Eine Maßnahme, die der Bevölkerung einen hohen Nutzen bringt, bietet dem einzelnen Individuum oft nur wenig (Schwartz/Walter 2002).

  • Verhaltens- vs. Verhältnisprävention:

    • Verhaltensprävention: Beeinflussung des individuellen Gesundheitsverhaltens.

    • Verhältnisprävention: Veränderung der Lebensbedingungen und Umweltstrukturen.

  • Methoden:

    • Psycho-edukativ: Information, Beratung, Training.

    • Sozio-edukativ: Nutzung von Gruppendynamiken.

    • Normativ-regulatorisch: Verbote, Gesetze, Sanktionen.

    • Ökonomisch: Finanzielle Anreize (z. B. Erhöhung der Tabaksteuer).

Gesundheitsförderung und Setting-Ansatz

  • Ottawa-Charta (1986): Leitbild der WHO zur Umorientierung von Krankheitsverhütung hin zur Ressourcenstärkung. Fokus auf Selbstbestimmung.

  • Setting-Ansatz: Gesundheitsförderung in sozialen Systemen/Lebenswelten (Schulen, Betriebe, Kommunen).

  • Praxisbeispiel: Frauengesundheitstreff in Bremen-Tenever. Maßnahmen wie Alphabetisierungs- und Fahrradkurse verbesserten Partizipation, Selbstwertgefühl und Mobilität sozial benachteiligter Frauen.

Chronische Krankheiten

  • WHO-Definition: Nicht übertragbare Krankheiten (NCDs), die lange andauern und durch genetische, physiologische, ökologische und verhaltensbezogene Faktoren entstehen.

  • Definition schwerwiegende chronische Krankheit ($ 62 SGB V):

    • Behandlungsbedürftigkeit seit mindestens einem Jahr (Dauerbehandlung: mindestens einmal pro Quartal).

    • Zusatzkriterien (eines muss zutreffen):

      • Pflegegrad 44 oder 55.

      • Grad der Behinderung (GdB) oder Minderung der Erwerbsfähigkeit (MdE) von mindestens 60%60\,\%.

      • Notwendigkeit kontinuierlicher medizinischer Versorgung zur Vermeidung lebensbedrohlicher Verschlimmerung oder dauerhafter Beeinträchtigung der Lebensqualität.

  • Epidemiologie: Herz-Kreislauf-Erkrankungen (50%50\,\% der Todesfälle) und Krebs (20%20\,\%) dominieren. Zwischen 1985 und 2005 verdoppelte sich die Prävalenz chronischer Krankheiten.

  • Risikofaktoren:

    • Beeinflussbar: Nikotin, Alkohol, Übergewicht, Bewegungsmangel, Stress.

    • Nicht beeinflussbar: Alter, Geschlecht (männlich), genetische Disposition.

Ökonomische Aspekte und Evaluation

  • Allokationsproblem: Verteilung knapper Ressourcen im Gesundheitswesen.

  • Priorisierung: Rangfolge von Leistungen nach Dringlichkeit (oft ethisch konfliktreich).

  • Effizienzproblem: Durchführung von Maßnahmen mit hoher Qualität bei geringen Kosten.

  • Thesen zur Morbiditätsentwicklung:

    • Kompressionstheise (Fries): Menschen leben länger gesund, schwere Krankheiten treten erst kurz vor dem Tod auf.

    • Medikalisierungsthese (Grueneberg): Die Lebensphase mit Krankheit verlängert sich durch bessere Diagnose und Behandlung; Kosten steigen.

  • Healthy User Effect: Präventionsangebote werden oft von jenen genutzt, die ohnehin schon gesundheitsbewusst sind.

  • Evaluation von Bonusprogrammen ($ 65a SGB V): Krankenkassen müssen nachweisen, dass sich Boni durch Einsparungen (z. B. bei Krankenhausbehandlungen) refinanzieren.

Institutionen in Deutschland

Das soziale Sicherungssystem umfasst Kranken-, Renten-, Arbeitslosen-, Pflege- und Unfallversicherung.

  • Gesetzliche Krankenversicherung (GKV): Selbstverwaltung, Fokus auf Erhaltung, Wiederherstellung und Verbesserung der Gesundheit. Erreicht jährlich ca. 5.15.1 Millionen Versicherte mit Präventionsangeboten.

  • Gesetzliche Rentenversicherung (RV): Altersvorsorge und Renten bei verminderter Erwerbsfähigkeit.

  • Gesetzliche Unfallversicherung (DGUV): Berufsgenossenschaften und Unfallkassen. Präventionsauftrag zur Verhütung von Arbeitsunfällen und Berufskrankheiten.

  • Öffentlicher Gesundheitsdienst (ÖGD): Kommunale Gesundheitsämter bis zu Landesministerien.

  • Zentrale Bundesbehörden:

    • Robert Koch-Institut (RKI): Überwachung und Bekämpfung von Infektionskrankheiten; Epidemiologie.

    • Paul-Ehrlich-Institut (PEI): Zulassung von Impfstoffen und biomedizinischen Arzneimitteln.

    • BfArM: Arzneimittelsicherheit und Zulassung.

    • Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR): Verbraucherschutz, Lebensmittelsicherheit.

    • Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA): Erarbeitung von Leitlinien für Gesundheitserziehung und Aufklärung.

  • Versorgungsansätze: Komplementär (ergänzend zur Individualmedizin) oder subsidiär (Ersatzleistung bei Versorgungslücken).