Stilistische Fragen beim Schreiben einer wissenschaftlichen Arbeit – Notizen (Kompaktfassung)

Die intersubjektive Position

  • Ziel der intersubjektiven Position: Warum sie in den Wissenschaften wichtig ist und wie sie sich von rein persönlichen oder Ich-zentrierten Darstellungen unterscheidet.
  • Grundannahme: In wissenschaftlichen Texten schreibt man nicht einfach mit einem persönlichen Ich. Ein bloßes Vermeiden von "ich" genügt jedoch nicht; das sogenannte Ich-Verbot allein macht eine Aussage noch nicht intersubjektiv.
  • Zentrale Einsicht: Eine Aussage wird nicht durch Weglassung von "ich" intersubjektiv, sondern durch nachvollziehbare Beschreibungen, Belege und gemeinschaftlich überprüfbare Argumentation intersubjektiv.
  • Die Ich-Falle: Das Vermeiden von Ich kann als oberflächliche Regel erscheinen; entscheidend ist das Intersubjektivitätsgebot, das die Nachvollziehbarkeit und Überprüfbarkeit von Aussagen sicherstellt.

Die intersubjektive Position – Die persönliche Position

  • Natürlicher Schreibstil als Gegenpol zur intersubjektiven Position: Das Ich wird sichtbar durch Formulierungen wie "So sehe ich den Sachverhalt", "das meine ich dazu".
  • Merkmale der persönlichen Position: Erzählen, eigene Meinung äußern, Stellungnehmen; Glaubwürdigkeit entsteht durch authentische Erzählweise; Integrität des Erzählers wirkt als Legitimation für den Bericht.
  • Probleme der persönlichen Position in der Wissenschaft: Sie trennt Nachricht von der Person des Erzählers; fehlende Methodik zur Überprüfung; dennoch wird sie oft als natürliche Form des Berichtens empfunden.

Wissenschaftliche Glaubwürdigkeit

  • Entstehung wissenschaftlicher Glaubwürdigkeit: Aus der korrekten Beschreibung der Beobachtung sowie aus der Einhaltung akzeptierter Methoden oder der berechtigten Kritik an diesen Methoden.
  • Autorität in den Naturwissenschaften: Das Experiment; in den Ingenieurwissenschaften: Die Implementierung im nutzbaren Artefakt; die Wirkung auf Anwender und Gesellschaft.
  • Endliche Objektivität: Am Ende entscheidet der Kopf des Rezipienten; auch Methodik des Experiments und deren Darstellung können nie völlig objektiv sein.

Personen als Autorität?

  • Autorität in Sozialsystemen: Hierarchien, Organisationen; in der Wissenschaft: Schon beim Komplexitätsabbau bevorzugt man oft den Fachmann, aber echte Fortschritte kommen oft von Außenseiterinnen/Außenseitern.
  • Kernprinzip: In den Wissenschaften ist jeder als Geber von Argumenten willkommen, aber nicht jeder hat Zeit oder Autorität in jedem Gebiet; fachliche Autorität ergibt sich aus Plausibilität der Argumente.

Die intersubjektive Position – Charakteristik

  • Zentralität: Die Aussage ist unabhängig von der Person des Autors – "So ist das ganz unabhängig von mir".
  • Sichtweise: Beschreiben, schlussfolgern, erklären; Legitimation ergibt sich aus dem Dargelegten selbst, durch die Denkvorgänge beim Rezipienten und durch Diskussionen anderer Wissenschaftler (inter-subjektiv).
  • Wahrnehmungsprobleme: Häufig wird die intersubjektive Position missverstanden als bloßes Nicht-Ich-Schreiben; kann distanziert und kalt wirken, was als Entpersonalisierung empfunden wird.

Notwendigkeit der intersubjektiven Position in der Belegarbeit

  • Es besteht der Wunsch, lebendiger zu schreiben; manche Autoren tun dies erfolgreich (z. B. Richard Feynman).
  • Warnung: Für Belegarbeiten nicht immer geeignet; Verstöße gegen Angemessenheitsnormen werden eher als Fehler gewertet, wenn der Rezipient dem Produzenten unterstellt, Normen nicht beherrschbar.
  • Erkenntnis: Wer bereits gezeigt hat, Normen zu beherrschen, wird den mutmaßlichen stilistischen Mehrwert möglicher Verstöße prüfen; dennoch bleibt Zurückhaltung empfohlen.

Umsetzen der intersubjektiven Position

  • Deskriptive Sprache als bevorzugte Option: "Etwas ist so-und-so, daraus folgt das-und-das, hiermit ergibt sich jenes, das bedeutet dieses, das kann so beschrieben werden, usw."
  • Stilmodi und ihre Vor- bzw. Nachteile:
    • Passiv: Wirkt unpersönlich und sprachlich unästhetisch; häufig als distanziert wahrgenommen.
    • Wir-Stil: Wirkt anmaßend oder als kollektive Haltung; kann distanzierend wirken.
    • Man-Stil: Dient der Allgemeinheit des Sachverhalts, kann jedoch zu Unpersönlichkeit führen.
    • Fazit: Diese Anregungen sind Orientierung und kein zwingendes Muss; der Stil sollte zur Nachvollziehbarkeit beitragen und den Gegenstandscharakter befördern.

Weitere Folgerungen aus der intersubjektiven Position

  • Vermeide persönliche Weg-zu-Lösungen: Vermeide Erlebnisaufsätze wie "Als ich meine Bachelorarbeit schrieb".
  • Zeige stattdessen methodische Zugänglichkeit und begründe Vorgehen sachlich.
  • Ausnahmen: Persönliche Wertungen passen gut in Einleitungen oder Zusammenfassungen; die Methodik sollte im Fokus der Arbeit stehen.

Präzision in der Formulierung

  • Ziele: Präzision von Formulierungen verstehen und anhand von Definitionen prüfen.
  • Beispiele problematischer Definitionen:
    • "Rekursion bedeutet, daß eine Funktion rekursiv ist."
    • "Kontext-frei bedeutet, daß die Grammatik der Sprache ohne Kontext auskommt."
    • "Ein Cache ist ein Zwischenspeicher." (Was ist ein Zwischenspeicher überhaupt?)
    • "Der oder Operator von zwei Aussagen A, B, ist wahr, wenn die Aussage A wahr ist oder die Aussage B wahr ist."
    • "Eine Menge ist die Zusammenfassung unterscheidbarer Objekte zu einer Gesamtheit."
    • "Ein Ruhesystem ist ein Bezugssystem, in dem der Beobachter sich als nicht bewegt ansieht." (Ein Beobachter sieht sich immer als nicht bewegt.)
    • "Mit Stoffmenge bezeichnet man eine quantitative Mengenangabe für Stoffe."
  • Problem der Definitionsqualität: Erklärungen nicht falsch, aber oft inhaltlich leer; Wikipedia wird als wissenschaftlich wenig zuverlässig kritisiert.
  • Begriffsstufen der Abstraktion:
    • Motivation: Warum führe ich einen Begriff ein?
    • Definition: Einführung des Begriffs, basierend auf Bekanntem.
    • Eigenschaft: Die Definition führt zu Schlußfolgerungen.
    • Vermutung: Ich glaube, weiß aber nicht sicher.
  • Trennung der Ebenen von Theorie und Empirie: Eine Eigenschaft ergibt sich aus Schlußfolgerungen; Schlussfolgerungen beweisen nichts über die Wirklichkeit; wenn die Schlussfolgerung nicht mit der Beobachtung übereinstimmt, ist das Modell falsch.
  • Fazit/Leitsatz: Es lohnt sich oft, eigene Aussagen präzise zu analysieren; mit zeitlichem Abstand wird die Formulierung klarer; der Autor ist in der Thematik 'drin', was das logische Aufbaun problematisch machen kann; korrekt formulierte Aussagen sind für den Leser nutzbar, wenn sie logisch aufgebaut sind.

Stilistische Hinweise

  • Ziele: Weitere stilistische Überlegungen, die zur Verständlichkeit beitragen.

  • Müllwörter:

    • Müllwörter sind Wörter, die Inhalt oder Verständlichkeit nicht abschwächen; sie können oft weggelassen werden.
    • Leitsatz: Prüfe, ob der Text Müllwörter verwendet; lasse Müllwörter weg; formuliere dieselbe Aussage ohne Müllwörter.
    • Bestimmung, ob ein Wort ein Müllwort ist, hängt vom Kontext ab.
    • Typische Beispiele: "Studie über", "Anmerkungen zu", "Untersuchungen über", "unter besonderer Berücksichtigung von", "in Bezugnahme auf", "in Anwendung auf", "gleichsam", usw.
  • Strukturieren:

    • Leitsatz: Logische und optische Strukturen machen Texte leichter lesbar.
    • Logische Strukturen (Beispiele):
    • Im Denken: Fragestellung, These, Antithese, Synthese
    • Mathematik: Motivation, Definition, Satz, Beweis, Beispiel
    • Empirie: Begriff, Experiment, Modell, Falsifikation, Gültigkeitsgrenze
    • Optische Strukturen (Beispiele):
    • Im Kleinen: Absätze, Leerzeilen, fett und kursiv, Block-Elemente
    • Im Großen: Kapitel, Lead, Unterkapitel, Zusammenfassung
    • Wichtig: Für Vergleichbarkeit verschiedener Lösungsansätze sinnvolle, durchgängige Stil-Strukturen verwenden.

Anhang und rechtliche Hinweise

  • III/Anhang: Diverse Symbole und Orientierungshilfen (Anhang) - Überblick, Legende, etc. (Schematische Folien-Gliederung)
  • Übersicht/Literaturverzeichnis: Verweis auf das Literaturverzeichnis und rechtliche Hinweise.
  • Zitierweise dieses Dokuments: Zitat-Empfehlungen und BibTeX-Informationen
    • Beispiel-Zitierweise: Clemens H. Cap: Stilistische Fragen beim Schreiben einer wissenschaftlichen Arbeit. Electronic document. https://iuk.one/1012-1052 30. 1. 2021. Bibtex Information: https://iuk.one/1012-1052.bib
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  • Autor und Urheberrecht: Alle Inhalte urheberrechtlich geschützt; Alle Nutzungsrechte liegen beim Autor Clemens Cap; Copyright © 2020.

Verzeichnis aller Folien (Zusammenfassung der Slide-Struktur)

  • Titelseite
  • 1. Die intersubjektive Position
  • 3. Das Ich im wissenschaftlichen Text
  • 4. Die persönliche Position
  • 5. Wissenschaftliche Glaubwürdigkeit
  • 6. Personen als Autorität?
  • 7. Die intersubjektive Position
  • 8. Notwendigkeit intersubjektive Position in der Belegarbeit
  • 9. Umsetzen der intersubjektiven Position
    1. Weitere Folgerungen aus der intersubjektiven Position
  • 2. Präzision in der Formulierung
    1. Beispiele problematischer Definition
    1. Begriffsstufen der Abstraktion
    1. Fazit
  • 3. Stilistische Hinweise
    1. Müllwörter
    1. Strukturieren
  • Legende: Fortsetzungsseite, Seite ohne Überschrift, Bildseite, etc.

Literaturverzeichnis (Beispiele)

  • [Ort06] Hanspeter Ortner. Wissenschaftliches Schreiben in der Hochschullehre, chapter Spontanschreiben und elaboriertes Schreiben – wenn die ursprüngliche Lösung zu einem Teil des (neuen) Problems wird. Studienverlag, 2006. ISBN 978-3-7065-1996-0.

Zitierweise dieses Dokuments

  • Zitieren: Clemens H. Cap: Stilistische Fragen beim Schreiben einer wissenschaftlichen Arbeit. Electronic document. https://iuk.one/1012-1052 30. 1. 2021. Bibtex: @misc{doc:1012-1052, author={Clemens H. Cap}, title={Stilistische Fragen beim Schreiben einer wissenschaftlichen Arbeit}, year={2021}, month={1}, howpublished={Electronic document}, url={https://iuk.one/1012-1052} }

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