Ontologische und Kosmologische Gottesbeweise nach Anselm von Canterbury und Thomas von Aquin

Der ontologische Gottesbeweis von Anselm von Canterbury

  • Grunddefinition Gottes nach Anselm:     * Anselm von Canterbury definiert Gott als das absolut größte Wesen, das man sich überhaupt vorstellen kann.     * Der lateinische Kernsatz dieser Definition lautet sinngemäß: Gott ist dasjenige, über dem nichts Größeres gedacht werden kann.

  • Die Existenz im Denken (in intellectu):     * Anselm argumentiert, dass selbst ein Mensch, der die Existenz Gottes leugnet (der – wie in Psalm 14 erwähnt – ‘Tor’), den Begriff ‘Gott’ verstehen muss, um ihn ablehnen zu können.     * Sobald ein Mensch diese Vorstellung von einem größtmöglichen Wesen begreift, existiert dieses Wesen zumindest in seinem Verstand.

  • Die Unterscheidung der Existenzebenen:     * Anselm differenziert strikt zwischen zwei Arten der Existenz:         1. Die Existenz im bloßen Verstand (rein gedanklich).         2. Die Existenz in der Wirklichkeit (in der Realität).

  • Das Argument der Größe:     * Ein zentrales Axiom Anselms besagt, dass ein Wesen, das sowohl im Verstand als auch in der Realität existiert, notwendigerweise größer ist als ein Wesen, das lediglich im Verstand existiert.     * Würde Gott nur im Kopf (als bloßer Gedanke) existieren, dann könnte man sich ein noch größeres Wesen vorstellen: Nämlich eines, das alle Eigenschaften Gottes teilt, aber zusätzlich in der realen Welt existiert.

  • Logischer Widerspruch und Schlussfolgerung:     * Wenn man Gott als das größte denkbare Wesen definiert, es aber nur im Denken existieren ließe, entstünde ein logischer Widerspruch: Das größte denkbare Wesen wäre nicht das größte, da man sich ein real existierendes Wesen vorstellen könnte, das dann größer wäre.     * Da eine Definition nicht ihrem eigenen Inhalt widersprechen kann, kommt Anselm zu dem notwendigen Schluss: Gott muss nicht nur im Denken, sondern zwingend auch in der Wirklichkeit existieren.

Der kosmologische Gottesbeweis von Thomas von Aquin

  • Empirische Beobachtung der Welt:     * Im Gegensatz zu Anselm geht Thomas von Aquin nicht von einer Definition aus, sondern von der Beobachtung der physischen Welt.     * Er stellt fest, dass in der Welt alles eine Ursache hat. Jedes Ereignis wird durch eine vorhergehende Ursache ausgelöst.

  • Die Kausalkette:     * Aus den Einzelbeobachtungen ergibt sich eine zusammenhängende Kette von Ursachen und Wirkungen.     * Jede Ursache ist selbst wiederum die Wirkung einer noch früheren Ursache.

  • Das Problem des unendlichen Regresses:     * Thomas argumentiert, dass diese Kette von Ursachen unmöglich unendlich weit in die Vergangenheit zurückreichen kann.     * Sein logisches Argument lautet: Wenn es keine erste Ursache gäbe, gäbe es keinen Anfangspunkt für die Wirkung.     * Ohne eine erste Ursache könnte es folglich keine weiteren (intermediären) Ursachen geben, und somit würde heute gar nichts existieren.

  • Gott als die erste Ursache:     * Da jedoch offensichtlich Dinge existieren, muss es eine ‘erste Ursache’ (‘causa prima’) geben.     * Diese erste Ursache muss sich dadurch auszeichnen, dass sie selbst nicht von etwas anderem verursacht wurde (‘unverursachte Ursache’).     * Diesen Ursprung der Kausalkette, der selbst außerhalb der Kette steht, bezeichnet Thomas von Aquin als Gott.

Analyse und Vergleich der Positionen (Strukturierte Erarbeitung)

  • 1) Differenzierte Darstellung der Aussagemethodik:     * Gott wird in den Texten als ein Problem der Herleitung angesehen, das logisch oder empirisch gelöst werden muss.     * Anselm sieht es als Problem an, dass die reine Definition Gottes dessen reale Existenz bereits implizieren muss, um widerspruchsfrei zu bleiben.     * Er ist der Ansicht, dass die gedankliche Größe das Sein in der Realität einschließt.     * Somit kommt er zu dem Entschluss, dass die Leugnung der Existenz Gottes ein logischer Fehlgriff ist.

  • 2) Erläuterung der Problematik zwischen Canterbury und Aquin:     * Anselm von Canterbury nutzt einen ‘a priori’ Beweis (vom reinen Denken her), während Thomas von Aquin einen ‘a posteriori’ Beweis (von der Erfahrung der Welt her) nutzt.     * Aus Sicht Anselms würde die Argumentation von Thomas vielleicht als zu materiell empfunden werden, da sie auf der Sinneswahrnehmung der Welt basiert, während Gott für Anselm bereits durch den bloßen Begriff zweifelsfrei feststeht.     * Aus dieser Sicht würde Thomas von Aquin Anselm eventuell nicht vollständig zustimmen, da Thomas der Meinung ist, dass wir Gott nicht direkt durch unseren Verstand begreifen können, sondern indirekt über seine Wirkungen in der Welt auf ihn schließen müssen.

  • 3) Stellungnahme zur Plausibilität:     * Meiner Meinung nach ist der kosmologische Beweis (‘Erste Ursache’) eine plausible Erklärung für die Entstehung des Universums, da er sich an beobachtbaren Naturgesetzen orientiert.     * Besonders die Argumentation von Anselm erscheint mir nachvollziehbar im Kontext der formalen Logik, auch wenn sie voraussetzt, dass Existenz tatsächlich eine Eigenschaft von ‘Größe’ ist.     * Außerdem bin ich der Ansicht, dass beide Beweise versuchen, den Glauben durch Vernunft zu stützen.     * Deshalb bieten sie auch heute noch eine Diskussionsgrundlage für das Verhältnis von Glaube und Rationalität.