Erziehung aus Sicht der Psychoanalyse

Psychoanalytische Theorie

  • Grundlegende Begriffe und Aussagen
    • Aufbau der Persönlichkeit
    • Entwicklung unter verschiedenen Erziehungsweisen
  • Entstehung und Änderung von Erlebens- und Verhaltensweisen
    • Zusammenhang zwischen Erzieherverhalten und Verhalten des Kindes
  • Seelische Fehlentwicklung
    • Erziehungsfehler als Ursache

Grundannahmen der psychoanalytischen Theorie

  • Psychoanalyse hat große Verbreitung gefunden.
  • Sigmund Freud (1856-1939)
    • Neurologische Forschung
    • Analyse psychisch bedingter Erkrankungen (Hysterie)
    • Arbeit mit Jean-Martin Charcot (Hypnose)
    • Eigenes Verfahren mit Josef Breuer zur Heilung psychischer Störungen
    • Psychoanalyse als Theorie des menschlichen Erlebens und Verhaltens
    • Goethepreis 1930, Emigration nach London 1938, Tod 1939
  • Freuds theoretische Überlegungen wurden im Laufe des Lebens immer wieder geändert.
  • Persönlichkeitstheorie und Entwicklungstheorie
  • Psychotherapeutisches Konzept zur Behandlung psychischer Störungen

Das Unbewusste und das Vorbewusste

  • Nur ein geringer Teil der seelischen Vorgänge ist bewusst.
  • Die meisten Vorgänge spielen sich im Vorbewussten und Unbewussten ab.
  • Unbewusst: Seelische Vorgänge, die nicht bewusstseinsfähig sind, aber das Erleben und Verhalten maßgeblich beeinflussen.
    • Beispiel: Frau Neuhaus, die als Kind Zeugin von sexuellem Missbrauch war und sich nicht mehr daran erinnert, hat Probleme, sich einem Mann hinzugeben.
  • Unbewusste Vorgänge kommen nicht von allein ins Bewusstsein.
  • Vorbewusst: Latente Vorgänge, die dem Bewusstsein wieder zugänglich gemacht werden können.
    • Beispiel: Herr Prude erinnert sich nach einem Gespräch mit seinem Freund wieder daran, dass er in der neunten Klasse vom Lehrer vor die Tür gesetzt wurde.
  • Verhaltensweisen, die automatisch ablaufen, sind nicht unbewusst, da sie jederzeit bewusstseinsfähig sind.
  • Unbewusste seelische Vorgänge sind dem aktuellen Bewusstsein unzugänglich, drängen aber dauernd in das Bewusstsein und nehmen Einfluss auf unser Erleben und Verhalten.
  • Die meisten seelischen Vorgänge laufen im Unbewussten ab.
  • Ap Dijksterhuis: Das Bewusstsein ist nur der „Pressesprecher des Gehirns“ und weiß oft gar nicht genau Bescheid.
  • Bestimmte seelische Vorgänge und innere Kräfte sind dem Bewusstsein verborgen, wirken sich aber auf das individuelle Verhalten und die Entwicklung der Persönlichkeit aus.
  • Unbewusste Inhalte schlagen sich in Fehlleistungen nieder (sich versprechen, verlesen, verschreiben, verhören, etwas verlieren oder verlegen bzw. vergessen) oder in Träumen.
  • Fehlleistungen sind „Kompromissbildungen“ zwischen einer bewussten Absicht und unbewussten Vorgängen.
    • Beispiel: Sitzungspräsident, der die Sitzung mit den Worten eröffnete, die Sitzung sei geschlossen.

Der Mensch als ein festgelegtes Wesen

  • Der Mensch ist ein Wesen, das von verschiedenen Energien gesteuert wird.
  • Die Energiemenge ist begrenzt.
  • Das Verhalten des Menschen wird durch Triebe erzeugt und gesteuert.
  • Menschliche Verhaltensweisen sind darauf gerichtet, Triebwünsche zu befriedigen und innere Spannungen zu vermindern.
  • Der Mensch ist sich der seelischen Kräfte und Motive, die sein Verhalten steuern, meist nicht bewusst.
  • Sämtliche Verhaltensweisen des Menschen sind durch seelische Prozesse bedingt und festgelegt.
  • Bestimmte Symptome hängen auf bedeutungsvolle Art und Weise mit ganz bestimmten erlebten Ereignissen zusammen und werden durch diese determiniert.
  • Psychischer Determinismus: Jedes Erleben und Verhalten hat eine Ursache und ist durch früher gemachte Erfahrungen festgelegt.
    • Beispiel: Patientin, die als erwachsene Person nichts sah, konnte sich unter Hypnose daran erinnern, dass sie als kleines Kind ihre Eltern beim Geschlechtsverkehr beobachtet hatte.

Das psychoanalytische Persönlichkeitsmodell

  • Sigmund Freud verwendete ein Instanzenmodell, um den Aufbau und die Dynamik der Persönlichkeit zu beschreiben und zu erklären.
  • Die Instanzen sind keine realen Gegebenheiten, sondern Hilfskonstruktionen.

Die Instanzen der Persönlichkeit

  • Drei Persönlichkeitsinstanzen: Es, Ich und Über-Ich.
  • Diese entwickeln sich nacheinander in der frühen Kindheit.
Das Es
  • Elementarste Schicht, bereits vom ersten Lebenstag an vorhanden.
  • Beinhaltet alle Triebe, Wünsche und Bedürfnisse eines Individuums.
  • Ziel: Blindes Streben nach Befriedigung der Triebe, Wünsche oder Bedürfnisse, die als lustvolle Entspannung erlebt wird (Lustprinzip).
  • Keine Organisation, kein Gesamtwillen, nur das Bestreben, den Triebbedürfnissen unter Einhaltung des Lustprinzips Befriedigung zu verschaffen.
  • Für die Vorgänge im Es gelten die logischen Denkgesetze nicht.
    • Gegensätzliche Regungen bestehen nebeneinander, ohne einander aufzuheben.
Das Ich
  • Instanz der bewussten Auseinandersetzung mit der Realität.
  • Bewusstes Leben und Wahrnehmen, Denken und Handeln, Planen, Wählen, Fühlen, Wollen, Urteilen und Werten.
  • Enthält alle zur Anpassung an die Umwelt kognitiven Fähigkeiten und Funktionen, die der Aufnahme, Verarbeitung und Speicherung von Informationen dienen.
  • Beispiele: Intelligenz, Denken, Kreativität, Gedächtnis, Sprachfähigkeit, Lernfähigkeit, Wahrnehmung, Urteilen, Erkennen, Vorstellen usw.
  • Arbeitet nach dem Realitätsprinzip.
  • Aufgabe des Ichs ist die Verteidigung der eigenen Person und ihre Anpassung an die Umwelt sowie die Lösung des Konflikts zwischen der Wirklichkeit und den nicht mit ihr in Einklang zu bringenden Wünschen.
  • Kontrolliert den Zugang zum Bewusstsein und zur Handlung.
Das Über-Ich
  • Umfasst die Wert- und Normvorstellungen und das Verhalten und Handeln des Ichs im Sinne der geltenden Moral (Moralitätsprinzip).
  • Träger des Ich-Ideals, an dem sich das Ich misst, dem es nachstrebt und dessen Anspruch auf immer weitergehende Vervollkommnung es zu erfüllen bemüht ist.
  • Stellt ein Leit- und Denkbild dar, wie das Ich gerne sein möchte.
  • Vertretung aller moralischen Beschränkungen, der Anwalt des Strebens nach Vervollkommnung.

Die Dynamik der Persönlichkeit

  • Es, Ich und Über-Ich stehen in ständiger Wechselbeziehung, in einem Mit- und Gegeneinander.
  • Das Es kündigt bestimmte Wünsche oder Bedürfnisse beim Ich an.
  • Diese Wünsche und Bedürfnisse werden vom Über-Ich bewertet.
  • Je nach Bewertung gibt das Über-Ich Anweisung an das Ich, ob die Es-Wünsche zugelassen werden dürfen oder nicht.
  • Das Ich versucht, zwischen Über-Ich und Es zu vermitteln, und überprüft die Realität, ob Befriedigung möglich ist oder nicht.
  • Je nach den Wert- und Normvorstellungen, die im Über-Ich vorhanden sind, entscheidet sich, ob das Ich die Wünsche des Es zulassen kann oder nicht.
  • Zugelassene Ansprüche werden vom Ich gesteuert und, wenn es die Realität ermöglicht, verwirklicht.
  • Nicht zugelassene Wünsche oder Bedürfnisse müssen vom Ich abgewehrt, unbewusst gemacht, verdrängt werden.
  • Beispiel: August, der sich ein Fahrrad wünscht, aber keines kaufen kann.
    • Es: Meldet den Wunsch an das Ich, ein Fahrrad zu besitzen.
    • Über-Ich: Bewertung des Wunsches entsprechend der verinnerlichten Norm: „Man stiehlt nicht!“
    • Ich: Überprüft die Realität und vermittelt zwischen dem Es-Wunsch und der Einschränkung des Über-Ich.

Ich-Schwäche

  • Wenn es dem Ich nicht gelingt, zwischen den konkurrierenden Forderungen des Es und des Über-Ich zu vermitteln, und es einer der beiden Instanzen oder der Realität unterlegen ist.
  • Ungleichgewicht zwischen den einzelnen Persönlichkeitsinstanzen und der Realität.
  • Möglichkeiten der Ich-Schwäche:
    • Das Über-Ich siegt über das Ich: Die Wünsche und Bedürfnisse des Es, die das Über-Ich verbietet, müssen weitgehend unterdrückt werden.
    • Das Es siegt über das Ich: Das Es kann sich mit seinen Ansprüchen, die das Über-Ich verbieten möchte, gegenüber dem Ich durchsetzen.
    • Die Realität siegt über das Ich: Das Ich wird von den Forderungen der Realität beherrscht.

Ich-Stärke

  • Das Ich ist imstande, die Anforderungen des Es, des Über-Ich und der Realität in Einklang zu bringen und kann es sich gegenüber den beiden Instanzen und der Realität durchsetzen.
  • Gleichgewicht zwischen den einzelnen Persönlichkeitsinstanzen und der Realität.
  • Das Ich hat eine zentrale Aufgabe: Es muss versuchen, den verschiedenen Ansprüchen und Forderungen des Es, des Über-Ich und der Realität gerecht zu werden.
  • Dabei sind Konflikte unvermeidlich.
  • Beispiel: Das Es meldet den Wunsch an, einen Menschen zu schlagen, das Über-Ich aber versucht, diesen Wunsch vehement zu verhindern.

Angst und Abwehr

  • Droht zwischen den einzelnen Persönlichkeitsinstanzen ein Ungleichgewicht, dann treten Ängste auf, die das Ich vor einer Bedrohung warnen sollen (Signalfunktion).
  • Es ist die Aufgabe des Ichs, mit diesen Bedrohungen fertigzuwerden und den Druck, der als Angst erlebt wird, abzubauen.
  • Das Ich kann eine realistische Lösung in Betracht ziehen oder Schutzmaßnahmen einsetzen, die die bedrohlichen und Angst auslösenden Erlebnisinhalte abwehren, unbewusst machen und somit drohende Konflikte vermeiden helfen (Abwehrmechanismen).
  • Ihr Einsatz erfolgt meist unbewusst.
  • Abwehrmechanismen sind Schutzmaßnahmen des Ichs, die bedrohliche und angstauslösende Erlebnisinhalte ausschalten, unbewusst machen und somit drohende Konflikte und Ängste vermeiden bzw. reduzieren.
  • Beispiele für Abwehrmechanismen:
    • Verdrängung: Triebwünsche, Gefühle, Bedürfnisse, Bestrebungen, Ereignisse oder Erinnerungen, die der Mensch nicht wahrhaben will oder kann und die Angst auslösen, werden in das Unbewusste abgeschoben.
    • Projektion: Eigenschaften, die die eigene Person betreffen, die man aber an sich selbst nicht wahrhaben kann bzw. will, werden anderen Personen bzw. Personengruppen oder Gegenständen zugeschrieben und dort bekämpft.
    • Reaktionsbildung: Um Verdrängungen zu sichern, wird im Bewusstsein das Gegenteil des zu Verdrängenden fixiert.
    • Verschiebung: Wünsche und Bedürfnisse, die sich nicht am Original befriedigen können, werden an einem Ersatzobjekt realisiert.
    • Rationalisierung: Verpönte Wünsche und Bedürfnisse sowie unangepasste Verhaltensweisen werden verstandesmäßig mit vernünftigen Gründen gerechtfertigt, um die wahren Gründe, die man nicht wahrhaben kann oder will, zu vertuschen.
    • Identifikation: Die Abwehr der Angst gelingt durch die Gleichsetzung mit einer anderen Person.
    • Widerstand: Der Mensch wehrt sich gegen das Aufdecken verdrängter Inhalte und Vorgänge.
    • Sublimierung: Nicht zugelassene Wünsche und Bedürfnisse werden umgesetzt in Leistungen, die sozial erwünscht sind oder sogar hoch bewertet werden.
    • Fixierung: Ein Verhaftetbleiben an entsprechenden Erlebens- und Verhaltensweisen einer Entwicklungsphase.
    • Regression: Ein Zurückfallen auf in einer bestimmten Phase vorherrschende Erlebens- und Verhaltensweisen.
    • Konversion: Umwandlung von verdrängten Belastungen und Konflikten in körperliche Symptome.

Die psychoanalytische Trieblehre

  • Alles Verhalten wird durch Triebe erzeugt.

Der Lebens- und Todestrieb

  • Ein Trieb ist immer ein Drang, eine Kraft, die eingesetzt wird, um seine Befriedigung zu erreichen.
  • Ein Trieb ist durch drei Merkmale näher gekennzeichnet:
    • Die Triebquelle: Der Reiz, von dem das Bedürfnis ausgeht.
    • Das Triebziel: Die Erreichung der Aufhebung des Reizzustandes an der Triebquelle“.
    • Das Triebobjekt: An dem sich die Befriedigung des Triebwunsches vollzieht.
  • Grundlage von Trieben ist eine psychische Energie, die sich beim Kind noch ungerichtet und völlig wahllos entlädt.
  • Zwei Haupttriebe erzeugen und steuern das gesamte menschliche Verhalten: der Lebenstrieb (Eros) und der Todestrieb (Thanatos).
  • Der Lebenstrieb hat die Selbst- und Arterhaltung, Überleben, Weiterleben und Fortpflanzung zum Ziel.
    • Seine psychische Energie bzw. Antriebskraft wird als Libido bezeichnet.
    • Sie ist auf Lustgewinn gerichtet und kann sowohl auf die eigene Person als auch auf ein äußeres Objekt (Personen, Gruppen und Gegenstände) bezogen sein.
    • Die Ausrichtung der Libido auf andere Personen und Gegenstände bezeichnet die Psychoanalyse als Objektbesetzung, im Gegensatz zur libidinösen Besetzung des eigenen Körpers oder des eigenen Ichs.
  • Der Todestrieb steht dem Lebenstrieb entgegen und hat die Auflösung bzw. Zurückführung des Lebens in den anorganischen Zustand und somit dessen Vernichtung zum Ziel.
    • Destruktivität, Aggression oder Lust am Zerstören und Vernichten sind folglich Äußerungsformen des Todestriebes.
    • Seine psychische Energie bzw. Antriebskraft wird als Destrudo bezeichnet.
    • Sie ist entweder in Form von Selbsthass und Selbstvernichtung nach innen, also gegen die eigene Person, gerichtet, oder sie wendet sich als Aggression, Hass, Zerstörungs- oder Vernichtungswille nach außen, also gegen andere Personen, -gruppen und/oder deren Gegenstände.
  • Lebens- und Todestrieb arbeiten gegeneinander, doch besteht in der Regel eine Verschränkung zwischen diesen beiden Haupttrieben, ohne dass einer über den anderen vorherrscht.

Die Liebe zur eigenen Person

  • Die Libido kann sich sowohl auf die eigene Person als auch auf ein äußeres Objekt bzw. andere Personen beziehen.
  • Das Bezogensein der Libido auf die eigene Person, welches sich in einer Ich- oder Selbstliebe, in einem Verliebtsein in sich selbst äußert, bezeichnet Sigmund Freud in Anlehnung an die griechische Sage vom Jüngling Narziss mit dem Begriff „Narzissmus“.
  • Freud geht davon aus, dass der Mensch als Säugling keine Beziehung zur Umwelt bzw. zu äußeren Objekten hat.
    • Die Triebenergie, die Libido, ist in einem Frühstadium der Entwicklung zunächst ausschließlich auf das eigene Ich gerichtet (primärer Narzissmus), was nach Freud für das spätere Selbstwertgefühl bedeutsam ist.
  • Fehlformen in der Erziehung oder eine Enttäuschung können wieder zu einer Zurücknahme der Libido von anderen Objekten bzw. Personen auf sich selbst führen (sekundärer Narzissmus), der auch zu psychischen Störungen führen kann.
  • In der heutigen Psychologie hat die narzisstische Persönlichkeit sehr an Bedeutung gewonnen.

Die Entwicklung der Libido in der frühen Kindheit

  • Der Mensch strebt von Natur aus nach Abfuhr der Triebenergie.
  • Diese Abfuhr der Triebenergie wird in der frühen Kindheit über bestimmte Körperteile, den Mund, After und die Genitalien, erreicht.
  • Lustempfinden entsteht jedoch nicht nur durch den jeweiligen Körperteil selbst, sondern durch alles, was mit diesem Körperteil unmittelbar in Zusammenhang steht.
  • In der frühkindlichen Entwicklung dominiert jeweils einer dieser Körperteile.
  • Die Entwicklung der Libido vollzieht sich nach einem genetisch festgelegten Verlauf, doch die Art und Weise, wie ein Mensch diese Entwicklung durchläuft, ist von seiner Umwelt, insbesondere von seinen Bezugspersonen, und seiner Erziehung abhängig.
  • Die Phasen der Entwicklung sind nicht scharf voneinander abzugrenzen, sondern können sich überschneiden.
    • Orale Phase (1. Lebensjahr): Lustgewinn durch die Mundzone (Saugen, Schlucken, Beißen, Nahrungsaufnahme, Lutschen).
    • Anale Phase (2./3. Lebensjahr): Lust-Unlust-Erlebnisse konzentrieren sich auf den Ausscheidungsvorgang.
    • Phallische Phase (4./5. Lebensjahr): Lustgewinn durch Betätigung an den Genitalien.

Die Entstehung seelischer Fehlentwicklungen

  • Fehlformen in der Erziehung wie Ablehnung oder Vernachlässigung des Kindes, Überbehütung und Verwöhnung oder zu autoritäre Erziehung, aber auch bestimmte Erfahrungen begünstigen zum einen, dass das Ich, das Es, das Über-Ich und die Realität in einem Ungleichgewicht zueinander stehen, und zum anderen Konflikte und Probleme, die mit der frühkindlichen Entwicklung der Libido zusammenhängen.

Das Ungleichgewicht der Persönlichkeit

  • Erziehungsfehler oder auch traumatische Erlebnisse können ein Ungleichgewicht der einzelnen Persönlichkeitsinstanzen zueinander bewirken.
  • Bei einer zu autoritären, überbehütenden oder verwöhnenden Erziehung beispielsweise ist es sehr wahrscheinlich, dass das Über-Ich zu stark ausgebildet wird und sich das Ich gegenüber dem Über-Ich nicht mehr behaupten kann.
  • Dabei treten Ängste auf.
  • Das Ich kann eine realistische Lösung in Betracht ziehen oder Abwehrmechanismen einsetzen.
  • Diese unterdrückten und unverarbeiteten Erlebnisinhalte lauern in der Tiefe weiter, werden aber bei längerem und übertriebenem Einsatz von Abwehrmechanismen daran gehindert, in das Bewusstsein zu dringen.
  • Dadurch ergeben sich innerpsychische Spannungen, die wegen ständiger Verdrängung nicht gelöst werden können.
  • Über ein oder mehrere Symptome verschafft sich dieser als unangenehm erlebte Konflikt Ausdruck.
  • Ein fortwährendes Einsetzen von Abwehrmechanismen führt zur Leugnung und Verfälschung der Realität, sodass es zu einem dieser Realität nicht angepassten Verhalten kommt.
  • Kennzeichen eines geschwächten Ichs ist also, dass der Mensch die Realität verleugnet oder sehr verzerrt bzw. verfälscht (nicht „realitätsgetreu“) wahrnimmt.
  • Auf diese Weise ist das Individuum kaum fähig, Probleme realitätsgetreu und damit wirksam zu lösen, und es kommt oft zu unangemessenem Verhalten, das es wiederum belastet.
  • Insofern ist eine psychische Störung immer ein gescheiterter Anpassungsversuch, ein Versuch, Probleme zu lösen, die nicht in befriedigender Weise gelöst werden konnten“.

Konflikte in der Libidoentwicklung

  • Einher mit einem Ungleichgewicht der Persönlichkeit gehen in der Regel Konflikte in der Libidoentwicklung.
  • Wurden die für die einzelnen Phasen der Libidoentwicklung charakteristischen Triebwünsche entweder nicht bzw. nur unzureichend oder aber über die Maßen hinaus befriedigt, so können ebenfalls seelische Fehlentwicklungen auftreten.
  • Unzureichende Befriedigung der Bedürfnisse bewirken eine Triebfrustration.
  • Triebfrustration bezeichnet das Erleben einer Enttäuschung, die auftritt, wenn die Befriedigung wichtiger Bedürfnisse fortwährend verhindert wird.
    • Eine Triebfrustration bringt es mit sich, dass das Kind an Erlebens- und Verhaltensweisen, die in der jeweiligen Phase vorherrschen, und/oder Objekten, die in dieser Phase eine wichtige Rolle spielen, verhaftet bleibt (Fixierung).
    • Fixierungen in der oralen Phase können beispielsweise Rauchen, übermäßiges Essen oder Trinken oder Abhängigkeit von anderen Personen sein.
    • Fixierung kann auch auftreten, wenn die Triebwünsche und Bedürfnisse über die Maßen hinaus befriedigt werden (exzessive Befriedigung).
    • Zu große Versagungen oder Verwöhnung in der frühkindlichen Entwicklung der Libido können nicht nur zu Fixierungen führen, sondern auch dazu, dass das Kind eine bestimmte Phase überwindet und zu einem späteren Zeitpunkt wieder auf die in dieser Phase vorherrschenden Erlebens- und Verhaltensweisen zurückfällt (Regression).
    • Auslöser für eine Regression können Enttäuschungen, Befürchtungen oder Schwierigkeiten sein, doch setzt eine Regression voraus, dass wichtige Triebwünsche in einer früheren Entwicklungsphase nicht ausreichend oder über die Maßen befriedigt wurden.
    • Bei einer Fixierung oder Regression auf Erlebens- und Verhaltensweisen, die einer Phase vorherrschen, sprechen wir von einem oralen, analen oder phallischen Charakter.