Der Auftrag der Profession Schule: Anforderungen an die Professionalität der Politischen Bildung unter dem Aspekt der Geschlechtergerechtigkeit
Der Auftrag der Profession Schule und die Professionalität der Politischen Bildung
Zentrale Fragestellung: Béatrice Ziegler untersucht die Rolle der Schule im Kontext des gesellschaftlichen Ziels der Geschlechtergerechtigkeit. Es wird hinterfragt, welche Anforderungen daraus an die Professionalität von Lehrpersonen sowie an die Ausgestaltung der Politischen Bildung resultieren.
Theoretische Fundierung: Die Analyse basiert auf der theoretischen und empirisch gestützten Prämisse, dass Geschlechterverhältnisse politische Verhältnisse sind. Die Gleichheit der Geschlechter wird als ein zentraler, verfassungsrechtlich verankerter Wert der Gesellschaft betrachtet.
Ziele der Schule: Die Schule hat den Auftrag, zur Erreichung gesellschaftlicher Ziele beizutragen, indem sie Bildungsprozesse initiiert, die die Schülerinnen und Schüler zur Teilhabe an einem demokratischen Staat befähigen.
Konzepte der Gleichheit und Geschlechtergerechtigkeit
Relationales Gleichheitskonzept: Geschlechtergleichheit wird nicht als Identität oder bloße Ähnlichkeit verstanden, sondern als ein relationales Konzept. Hierbei geht es um die Gestaltung gesellschaftlicher Beziehungen und Machtverhältnisse.
Vermeidung von Hierarchisierung: Das Ziel ist die Überwindung von Ungleichheiten, die aus der Zuordnung zu einem Geschlecht resultieren. Dies schließt die Reflexion über Hierarchisierungen ein, die über das Geschlecht hinausgehen (Intersektionalität).
Definition von Geschlechtergerechtigkeit:
Anspruch auf Gleichheit in Bezug auf Rechte, Pflichten und Chancen.
Berücksichtigung unterschiedlicher Voraussetzungen: Menschen sollen trotz ungleicher Startbedingungen gleich behandelt werden, um faktische Gerechtigkeit zu erreichen.
Individuelle Selbstbestimmung: Bildung soll es ermöglichen, dass Menschen jenseits starrer geschlechtlicher (oder anderer) Zuordnungen ihre Identität entwickeln und am gesellschaftlichen Leben teilnehmen können.
Die Schule als Institution des demokratischen Staates
Gesellschaftlicher Auftrag: Die Schule ist kein isolierter Raum, sondern eine Institution des demokratischen Staates. Sie ist der Gesellschaft gegenüber rechenschaftspflichtig und spiegelt deren Werte wider.
Doppelrolle der Akteure: Bürgerinnen und Bürger (einschließlich Lehrpersonen und Eltern) handeln in einer Doppelrolle als Privatpersonen und als Teil der Bürgergesellschaft. Die Schule dient der Vorbereitung auf diese öffentliche Rolle.
Sozialisationsfunktion: Schulen tragen maßgeblich zur Sozialisierung von Kindern und Jugendlichen bei. Sie vermitteln Normen, die für den Fortbestand und die Weiterentwicklung der demokratischen Gesellschaft notwendig sind.
Geteilte Verantwortung: Die Gestaltung von Schule und Unterricht ist eine Gemeinschaftsaufgabe von Staat und Gesellschaft.
Rechtliche Grundlagen und Diskriminierungsverbot
Gleichheit vor dem Gesetz: Ein zentraler Pfeiler ist der Grundsatz, dass alle Menschen vor dem Gesetz gleich sind.
Diskriminierungsverbote: Niemand darf benachteiligt werden aufgrund von:
Geschlecht
Rasse
Alter
Sprache
Sozialer Stellung
Religiöser, konfessioneller oder politischer Überzeugung
Körperlicher, geistiger oder psychischer Behinderung
Tatsächliche Gleichstellung: Das Gesetz fordert nicht nur rechtliche, sondern auch faktische Gleichheit. Dies gilt insbesondere für Ausbildung, Arbeit und Entlohnung (Gleicher Lohn für gleichwertige Arbeit).
Spezifischer Bildungsauftrag: Das Bildungssystem muss sicherstellen, dass beide Geschlechter auf ihrem Ausbildungsweg die gleichen Chancen und Unterstützungen erhalten.
Geschlechtergerechtigkeit als pädagogischer Auftrag
Zwei Zugänge zur Umsetzung:
Normativ-institutioneller Zugang: Gestaltung des Schullebens (z. B. Personalpolitik, Arbeitsverhältnisse, ausgewogene Geschlechterverteilung in Leitungspositionen).
Inhaltlich-didaktischer Zugang: Integration von Geschlechterthemen in den Lehrplan und die Gestaltung eines geschlechtersensiblen Unterrichts.
Geschlechtersensibles Handeln: Lehrpersonen müssen ihr Verhalten gegenüber Schülern und Schülerinnen kritisch reflektieren, um unbewusste Stereotypisierungen zu vermeiden.
Sensibilisierung der Lernenden: Schülerinnen und Schüler sollen über Rechtsgleichheit informiert werden und lernen, gesellschaftliche Geschlechterverhältnisse kritisch zu hinterfragen.
Politische Bildung: Fachdidaktik und Geschlecht
Erweitertes Politikverständnis: Politik findet nicht nur in Parlamenten statt. Ein geschlechtertheoretisch informierter Politikbegriff umfasst jegliche Form der Regelung gesellschaftlicher Anliegen und Machtverhältnisse (z. B. Metoo-Debatte, Regelung sexueller Gewalt).
Ziel der Politischen Bildung: Befähigung zur selbstbestimmten Teilhabe an Staat und Gesellschaft. Dies setzt fundiertes politisches Wissen voraus.
Zentralität der Kenntnis: Die empirische Forschung (z. B. Ziegler 2020) zeigt, dass politisches Wissen ein wichtigerer Prädiktor für Partizipation ist als bloße Partizipationserfahrungen in der Schule.
Der Beutelsbacher Konsens im Unterricht
Überwältigungsverbot: Lehrpersonen dürfen Schülern nicht ihre eigene politische Meinung aufdrängen. Schüler sollen in die Lage versetzt werden, sich ein eigenes Urteil zu bilden.
Kontroversitätsgebot: Themen, die in der Gesellschaft kontrovers diskutiert werden (wie etwa Geschlechterrollen oder Quotenregelungen), müssen auch im Unterricht kontrovers dargestellt werden. Alle relevanten Argumente und Positionen müssen zu Wort kommen.
Schülerorientierung: Der Unterricht muss an der Lebenswelt und den Interessen der Lernenden ansetzen.
Grenzen der Kontroversität: Argumente, die die Würde des Menschen oder Grundrechte (wie die Gleichheit der Geschlechter) negieren, müssen als solche benannt und kritisch im Hinblick auf ihre Wertebasis beurteilt werden.
Konzeption geschlechtergerechten Unterrichts
Drei-Ebenen-Modell der Planung:
Metaebene: Analyse der Geschlechterverhältnisse aus wissens- und gesellschaftstheoretischer Sicht. Reflexion über den Sinn politischer Bildungsprozesse.
Planungsebene: Didaktisch-methodische Reflexion. Auswahl geschlechterorientierter Inhalte, Reflexion der eigenen Rollenauffassung und Übersetzung in Methoden.
Prozessebene: Durchführung und Analyse des Unterrichts. Beobachtung von Interaktionen und Kompetenzförderung.
Interaktionsstrukturen: Berücksichtigung von Sichtstrukturen und Organisationsformen (z. B. zeitweise geschlechtergetrennte Gruppen, falls didaktisch sinnvoll).
Professionalität und Lehrpersonen
Forschungsstand zum Geschlecht der Lehrperson: Studien zeigen, dass das Geschlecht der Lehrperson entgegen verbreiteter Mythen keinen signifikanten Einfluss auf die Lernleistung der Schüler hat. Wichtiger ist die professionelle Fachkompetenz und die Haltung.
Anforderung an die Ausbildung: Geschlechterthemen werden oft noch als marginales Nischenthema betrachtet. Eine Professionalisierung erfordert die feste Verankerung dieser Themen in der Fachdidaktik.
Zeit für Reflexion: Professionalität erfordert Zeit und Muße für die kritische Selbstbefragung und die Auseinandersetzung mit der Welt.
Fragen und Diskussion
Frage: Hat das Geschlecht der Lehrperson eine Vorbildfunktion, die die Motivation beeinflusst?
Antwort: Die Studienergebnisse hierzu sind widersprüchlich. Es gibt Hinweise auf Motivationseffekte, aber diese sind nicht konsistent genug, um den Lernerfolg direkt daran zu koppeln. Die Forderung nach einer paritätischen Verteilung von Männern und Frauen im Lehrberuf begründet sich eher aus dem demokratischen Auftrag der Schule als aus einer nachgewiesenen Steigerung der Schülerleistung.