TREVERIS Universität Trier

Selbstregulation und Willenspsychologie

Prof. Dr. Roland Neumann - Universität Trier
11. Termin

1. Lewins Feldtheorie

Selbstregulation und Willenspsychologie
1. Handlungsregulation
2. Selbstregulationsansätze

2.1 Der Ansatz von Mischel

2.2 Der Ansatz von Higgins

3. Theorien der Handlungskontrolle

3.1 Der Ansatz von Ach

3.2 Der Ansatz von Heckhausen & Gollwitzer


Selbstregulation

Vorangegangene Überlegungen

Im bisherigen Verlauf der Vorlesung wurde untersucht, welche Zielzustände unter bestimmten Bedingungen bevorzugt werden. Die Umsetzung des Verhaltens, d.h. inwiefern und unter welchen Umständen Ziele teilweise oder vollständig umgesetzt werden, wurde hierbei nicht ausreichend behandelt.

Selbstregulationsansätze
Metaphern und Modelle
  • Metapher der Maschine/kybernetisches Modell (Miller, Galanter & Pribram, 1960): Kontinuierlicher Abgleich zwischen Referenzwert und dem tatsächlichen Zustand. Bei vorhandener Diskrepanz erfolgt eine Verhaltensregulation.

  • Stagner: Metapher des biologischen Systems: Eine Diskrepanz führt zu autonomer Erregung und energetisiert die Zielverwirklichung.

  • Festinger: Diskrepanz führt zu Dissonanz, die als emotionale Erregung beschrieben wird. Es wird auf die sozialpsychologischen Aspekte verwiesen.


2. Selbstregulationsansätze

2.1 Der Ansatz von Mischel (1974)
Belohnungsaufschubparadigma
  • Ziel: Wie gelingt es, langfristige Ziele zu erreichen, wenn kurzfristig konkurrierende Ziele auftreten?

  • Erklärung: Wenn es gelingt, auf eine kurzfristige Belohnung zu verzichten, kann eine größere, langfristige Belohnung gezielt erlangt werden.

  • Schwierigkeiten: Die Repräsentation kurzfristiger Belohnungen ist sensorisch viel differenzierter als die relativ abstrakte langfristige Belohnung. Diese Differenzierung führt dazu, dass oftmals die unmittelbare Belohnung bevorzugt wird.

Einfluss der visuellen Präsenz der Belohnung (Mischel & Ebbesen, 1970)
  • In einer Untersuchung warteten Vorschulkinder auf eine präferierte langfristige Belohnung (2 Schokoriegel), während sie entweder die langfristige, eine kurzfristige (1 Schokoriegel), beide oder keine Belohnung vor Augen hatten.

  • Forschungsfrage (AV): Wie lange dauert es, bis die langfristige Belohnung aufgegeben wird?

Darstellung der Ergebnisse

Die Grafik zeigt die Zeit in Minuten, in der die Kinder zögerten, die kurzfristige Belohnung aufzugeben, in Abhängigkeit von der Sichtbarkeit der Belohnungen.


Weitere Untersuchungen von Mischel

Studie zu Ablenkung
  • In einer Studie, in der die Belohnung nicht sichtbar war, sollten Kinder an etwas Lustiges, an Spielzeug oder an die Belohnung denken (Mischel, Ebbesen & Zeiss, 1972).

  • Ergebnisse zeigen, dass Ablenkung die Wartezeit deutlich verringern kann, wenn Kinder an unterhaltsame Themen denken.


Fazit der Studien von Mischel

Durch die Art des Repräsentationsformats können erzeugte emotionalen Zustände die Fähigkeit zum Belohnungsaufschub beeinflussen.

  • Differenzierung von Informationsverarbeitungssystemen (Metcalfe und Mischel, 1999): Unterscheidung in ein „heißes“ und ein „kaltes“ System.

Heißes System
  • Fokussiert auf sensorisch reiche Repräsentationen und erzeugt einen Druck zur Durchführung des entsprechenden Verhaltens.

Kaltes System
  • Fungiert hauptsächlich zur Kontrolle des heißen Systems ohne unmittelbaren Einfluss auf das Verhalten.

Selbstkontrolle

Diese kann ausgeübt werden, indem die Aufmerksamkeit vom heißen System weg auf andere Dinge gelenkt wird.


2.2 Der Ansatz von Higgins (1998)

Theorie des regulatorischen Fokus

Higgins unterscheidet zwei unterschiedliche Selbstregulationssysteme:

  • Prevention Fokus: Fokus auf Sicherheits- und Verantwortungserfüllung, empfindlich gegenüber der Vermeidung negativer Zustände.

  • Promotion Fokus: Konzentration auf Ideale und Ziele, empfindlich gegenüber der Annäherung positiver Zustände.

Interaktion zwischen den Fokus-Systemen

Die Foki können sowohl als überdauernde Persönlichkeitseigenschaften als auch als temporäre States betrachtet werden. Beispiele aus sozialen Beziehungen: Eltern-Kind, Lehrer-Schüler, Chef-Mitarbeiter.


3. Willenspsychologie

3.1 Der Ansatz von Ach (1905)
Willenspsychologie der Würzburger Schule

Die Willensakte treten dann in Erscheinung, wenn Widerstände oder Schwierigkeiten zu überwinden sind. Die Effekte von Willensstärke wurden mit verschiedenen Methoden analysiert, darunter die Verwendung sinnloser Silben, die reproduziert oder umgestellt werden sollten.

  • Prämissen des Ansatzes von Ach:

  1. Starke Motivation ist nicht ausreichend zur Erklärung von Handlungen; Anreiz und Selbstverpflichtung können nicht immer erfolgreiches Handeln garantieren.

  2. Volitionsprozesse setzen nach Entscheidungsfindung ein, um ein bestimmtes Ziel zu verfolgen.

  3. Volitionsprozesse sind relevant, wenn Schwierigkeiten im handlungsgerichteten Prozess zu erwarten sind. Ziel: Initiierung und Aufrechterhaltung der Handlung.

  4. Entwicklung von strategischen Ansätzen zur Aufrechterhaltung der Intention und Schutz gegen alternative Ziele.


3.2 Der Ansatz von Gollwitzer (1990)

Rubikon-Modell der Handlungsphasen

Das Modell untersucht den Zusammenhang zwischen Absichten und Verhalten sowie die notwendigen Prozesse zwischen Absicht und Ausführung.

Phasen des Rubikon-Modells:
  1. Prädezisionale Phase: Wünsche und Hoffnungen werden abgewogen.

  2. Planende Bewusstseinslage: Fokussierung auf zielbezogene Informationen.

  3. Intention: Bildung einer konkreten Zielintention.

  4. Präaktionale Phase: Strategieüberlegung, wie die Handlung eingeleitet, durchgeführt und beendet wird.

  5. Aktionale Phase: Konkrete Handlungsorientierung und Konzentration.

  6. Postaktionale Phase: Bewertung des Erfolgs und mögliche Änderungen.


4. Literatur

  • Horstmann, G., & Dreisbach, G. (2012). Allgemeine Psychologie 2 Kompakt: Lernen. Emotion, Motivation, Gedächtnis (S. 137-145). Weinheim: Beltz Verlag.

  • Rothermund, K., & Eder, A. (2011). Allgemeine Psychologie. Motivation und Emotion (S. 130-137). Wiesbaden: VS Verlag.

1. Lewins Feldtheorie
Selbstregulation und Willenspsychologie

Lewins Feldtheorie dient als grundlegender Rahmen für das Verständnis menschlichen Verhaltens, das als Funktion der Person und ihrer Umwelt definiert wird: B=f(P,E)B = f(P, E). Innerhalb dieses „Feldes“ treiben psychologische Kräfte und Spannungen das Verhalten in Richtung von Zielen (Valenzen) an.

1. Handlungsregulation

Die Handlungsregulation umfasst Prozesse, durch die Individuen ihr Verhalten steuern, um es an internen Standards oder externen Zielen auszurichten. Sie überbrückt die Lücke zwischen Motivation (der Auswahl eines Ziels) und Volition (der Ausführung).

2. Selbstregulationsansätze
2.1 Der Ansatz von Mischel (1974)

Belohnungsaufschubparadigma

Diese Forschung untersucht, wie Individuen unmittelbaren Versuchungen zugunsten größerer, langfristiger Belohnungen widerstehen. Im berühmten „Marshmallow-Test“ zeigten Kinder, die länger warten konnten, in Längsschnittstudien oft bessere Lebensumstände (höhere Testergebnisse, geringerer BMI, besseres Stressmanagement).

  • Kognitive und affektive Mechanismen: Die Schwierigkeit des Wartens entsteht, weil unmittelbare Belohnungen in einer „konsummatorischen“ oder „heißen“ Weise repräsentiert werden, während langfristige Belohnungen abstrakt und „kühl“ sind.

  • Visuelle Präsenz (Mischel & Ebbesen, 1970): Experimentalgruppen zeigten, dass die Wartezeit signifikant sank, wenn die Belohnung sichtbar war. Die kognitive Repräsentation der Belohnung aktiviert impulsive Systeme, was die Selbstkontrolle erschwert.

  • Ablenkung und mentale Transformation: Spätere Studien (1972) zeigten, dass Kinder länger warten konnten, wenn sie die Belohnung mental transformierten (z. B. einen Marshmallow als eine kalte, runde Wolke betrachteten). Dies wird als „Abkühlen“ (cooling down) der heißen Repräsentation bezeichnet.

2.2 Das Zwei-System-Modell von Metcalfe und Mischel (1999)
  • Das heiße System (Go): Emotional, impulsiv und reflexiv. Es ist reizgesteuert und entwickelt sich früh in der Kindheit. Es reagiert auf „heiße“ Merkmale (z. B. Geschmack oder Geruch eines Keks).

  • Das kalte System (Know): Kognitiv, komplex, langsam und kontemplativ. Es ist der Sitz der Selbstregulation und ermöglicht die Berücksichtigung langfristiger Konsequenzen. Es reift entwicklungspsychologisch später.

  • Selbstkontrollstrategie: Effektive Selbstkontrolle beinhaltet die Nutzung des kalten Systems, um die heißen, erregenden Reizmerkmale abzumildern oder durch strategische Ablenkung zu neutralisieren.

2.3 Die Theorie des regulatorischen Fokus von Higgins (1998)

Higgins schlägt vor, dass Menschen je nach motivationaler Orientierung unterschiedliche strategische Mittel einsetzen:

  1. Promotion Fokus (Promotionsfokus):

    • Ziel: Fokus auf Ideale, Bestrebungen und Wachstum (Nahrungsbedürfnisse).

    • Sensitivität: Hohe Sensibilität für das Vorhandensein oder Fehlen positiver Ergebnisse (Gewinn vs. Nicht-Gewinn).

    • Strategie: Begeisterung (Eagerness). Das Individuum konzentriert sich auf „Treffer“ und die Verwirklichung von Potenzialen.

  2. Prevention Fokus (Präventionsfokus):

    • Ziel: Fokus auf Pflichten, Verantwortlichkeiten und Sicherheit (Sicherheitsbedürfnisse).

    • Sensitivität: Hohe Sensibilität für das Vorhandensein oder Fehlen negativer Zustände (Verlust vs. Nicht-Verlust).

    • Strategie: Wachsamkeit (Vigilance). Das Individuum konzentriert sich auf das Vermeiden von Fehlern.

  • Regulatory Fit: Wenn die Strategie zum Fokus passt (z. B. eine Person im Promotionsfokus nutzt eine begeisterte Strategie), entsteht ein „regulatorischer Fit“, der das Engagement und die Leistung steigert.

3. Willenspsychologie
3.1 Der Ansatz von Ach (1905)

Ach war ein Pionier bei der Untersuchung von Willensakten, insbesondere wie eine Intention eingefleischte Gewohnheiten überwinden kann.

  • Determinierende Tendenzen: Psychologische Kräfte, die es einer Intention ermöglichen, das Verhalten zu leiten, auch wenn das ursprüngliche bewusste Ziel nicht mehr im Fokus steht.

  • Schwierigkeitsgesetz der Motivation: Die Intensität des Willens (Volition) steigt proportional zur Schwierigkeit der Aufgabe oder der Stärke des Widerstands (z. B. beim Stroop-Effekt).

  • Die 4 Komponenten des Willensakts:

    1. Phänomenologisch: Das bewusste „Ich will“-Erlebnis.

    2. Dynamisch: Die Energie zur Überwindung von Widerständen.

    3. Konkret: Die spezifisch geplante Handlung.

    4. Objektiv: Der angestrebte Zielzustand.

3.2 Das Rubikon-Modell von Gollwitzer (1990)

Dieses Modell unterteilt den Weg vom Wunsch zur Handlung in vier Phasen, getrennt durch „Rubikons“ (Punkte ohne Wiederkehr).

  1. Prädezisionale Phase (Abwägen): Abwägen von Wünschen nach Realisierbarkeit und Wünschbarkeit. Endet mit der Bildung einer Zielintention (z. B. „Ich beabsichtige, mehr Sport zu treiben“).

  2. Präaktionale Phase (Planen): Fokus auf das Wie. Bildung von Vorsätzen (Implementation Intentions) mit der Struktur: Wenn Situation X eintritt, dann werde ich Verhalten Y ausfu¨hren.\text{Wenn Situation X eintritt, dann werde ich Verhalten Y ausführen.}

  3. Aktionale Phase (Handeln): Initiierung und Aufrechterhaltung der Handlung. Abschirmung der Intention gegen Ablenkungen.

  4. Postaktionale Phase (Bewerten): Vergleich des Ergebnisses mit dem ursprünglichen Ziel. Erfolg führt zur Deaktivierung; Misserfolg zu Anpassung oder Abbruch.