Aminosäuren, Proteine und Hämsynthese - Struktur, Funktion und Regulation

Aufbau und chemische Eigenschaften von Aminosäuren

  • Prinzipieller molekularer Aufbau:     * Jede Aminosäure besteht aus einem zentralen α\alpha-Kohlenstoffatom (CαC_{\alpha}-Atom).     * An dieses Zentralatom sind vier verschiedene Gruppen gebunden:         * Eine Aminogruppe (NH2-NH_2), die bei physiologischem pHpH meist protoniert als NH3+-NH_3^+ vorliegt.         * Eine Carboxygruppe (COOH-COOH), die bei physiologischem pHpH meist deprotoniert als COO-COO^- vorliegt.         * Ein Wasserstoffatom (HH).         * Ein spezifischer Rest (RR), auch Seitenkette genannt, der die chemische Individualität der Aminosäure bestimmt.

  • D-/L-Nomenklatur und Fischer-Projektion:     * Aminosäuren (außer Glycin) sind chiral, da das CαC_{\alpha}-Atom vier verschiedene Substituenten trägt.     * In der Fischer-Projektion steht die am höchsten oxidierte Gruppe (die Carboxygruppe) oben.     * Befindet sich die Aminogruppe links, handelt es sich um eine L-Aminosäure; befindet sie sich rechts, um eine D-Aminosäure.     * In menschlichen Proteinen kommen ausschließlich L-Aminosäuren vor.

  • Die 21 proteinogenen Aminosäuren:     * Zu den klassisch bekannten 20 Aminosäuren tritt Selenocystein als 21. proteinogene Aminosäure hinzu (Einbau erfolgt über ein spezielles Stop-Codon UGAUGA).

  • Eigenschaften der Seitenketten (Klassifizierung):     * Unpolare, hydrophobe Reste: Glycin, Alanin, Valin, Leucin, Isoleucin, Prolin, Phenylalanin, Tryptophan, Methionin.     * Polare, ungeladene (neutrale) Reste: Serin, Threonin, Tyrosin, Cystein, Asparagin, Glutamin.     * Saure Reste (negativ geladen bei pH7pH \approx 7): Aspartat (Asparaginsäure), Glutamat (Glutaminsäure).     * Basische Reste (positiv geladen bei pH7pH \approx 7): Lysin, Arginin, Histidin (Histidin ist bei neutralem pHpH nur teilweise geladen aufgrund eines pKa6.0pK_a \approx 6.0).

  • Redoxverhalten und Disulfidbrücken:     * Cystein besitzt eine Thiolgruppe (SH-SH).     * Zwei Cysteine können unter oxidativen Bedingungen eine kovalente Disulfidbrücke (SS-S-S-) bilden, wobei das Molekül Cystin entsteht. Dies ist entscheidend für die Stabilisierung der Tertiär- und Quartärstruktur von Proteinen.

  • Ladungsverhalten und Isoelektrischer Punkt (pIpI):     * Aminosäuren sind Ampholyte (Zwitterionen), da sie sowohl saure als auch basische Gruppen besitzen.     * Der pIpI ist der pHpH-Wert, bei dem die Nettoladung des Moleküls Null ist. Formel für einfache Aminosäuren: pI=pKa1+pKa22pI = \frac{pK_{a1} + pK_{a2}}{2}.     * In Pufferbereichen (nahe der pKpK-Werte) können Aminosäuren Änderungen des pHpH-Werts abfangen.

Chemische Struktur und Stabilität von Proteinen

  • Die Peptidbindung:     * Eine kovalente Amidbindung zwischen der α\alpha-Carboxygruppe einer Aminosäure und der α\alpha-Aminogruppe der folgenden Aminosäure unter Wasserabspaltung.     * Partieller Doppelbindungscharakter: Durch Mesomerie (Resonanz) zwischen der C=OC=O und der CNC-N Bindung ist die Peptidbindung nicht frei drehbar und planar konfiguriert.     * Konfiguration: Fast alle Peptidbindungen liegen in der stabileren trans-Konfiguration vor, um sterische Hinderung der Seitenketten zu minimieren.     * Peptidyl-Prolyl-Bindungen: Bei Prolin ist der Energieunterschied zwischen cis und trans geringer, weshalb hier vermehrt cis-Konfigurationen vorkommen können.

  • Hierarchische Proteinstruktur:     * Primärstruktur: Die lineare Abfolge (Sequenz) der Aminosäuren, vom N-Terminus (freies Amino-Ende) zum C-Terminus (freies Carboxy-Ende).     * Sekundärstruktur: Lokale Faltungsmuster durch Wasserstoffbrückenbindungen zwischen den Atomen des Peptidrückgrats (z. B. α\alpha-Helix, β\beta-Faltblatt).     * Tertiärstruktur: Die vollständige räumliche Faltung einer Polypeptidkette durch Interaktionen der Seitenketten.     * Quartärstruktur: Zusammenschluss mehrerer Polypeptidketten (Untereinheiten) zu einem funktionalen Komplex.     * Proteindomänen: Funktionelle und strukturelle Einheiten innerhalb einer Polypeptidkette, die sich unabhängig falten können.

  • Stabilisierende Bindungsarten:     * Kovalent: Peptidbindung (Primärstruktur), Disulfidbrücken (Tertiär-/Quartärstruktur).     * Nicht-kovalent: Wasserstoffbrücken, hydrophobe Wechselwirkungen (Triebkraft der Faltung im wässrigen Milieu), van-der-Waals-Kräfte, ionische Wechselwirkungen (Salzbrücken).

Posttranslationale Modifikationen (PTM)

  • Phosphorylierung:     * Anhängen einer Phosphatgruppe an die Hydroxylgruppe von Serin, Threonin oder Tyrosin.     * Dient oft der Regulation der Enzymaktivität (An-/Ausschalten).

  • Glykosylierung:     * N-Glykosylierung: Bindung an den Amid-Stickstoff von Asparagin. Beginnt im rauen Endoplasmatischen Retikulum (ERER) und wird im Golgi-Apparat modifiziert.     * O-Glykosylierung: Bindung an die Hydroxylgruppe von Serin oder Threonin. Findet primär im Golgi-Apparat statt.

  • Weitere Modifikationen:     * Acetylierung: Oft am N-Terminus oder an Lysin-Resten (wichtig bei Histonen).     * Hydroxylierung: Einbau von OH-Gruppen (z. B. bei Prolin und Lysin in Kollagen, benötigt Vitamin C).     * Ubiquitinylierung: Verknüpfung von Ubiquitin mit Lysin-Resten markiert Proteine für den Abbau im Proteasom.

Proteinfaltung und Chaperone

  • Chaperone: Proteine (z. B. Hitzeschockproteine wie Hsp70Hsp70), die anderen Proteinen helfen, ihre korrekte native Konformität zu erreichen. Sie verhindern Fehlfaltungen und Aggregation (Verklumpung), indem sie hydrophobe Bereiche abschirmen.
  • Proteindomäne: Ein Teil der Proteinstruktur, der sich unabhängig vom Rest des Proteins stabil falten kann und oft eine spezifische Funktion besitzt.

Hämoglobin und Myoglobin

  • Prosthetische Gruppen: Nicht-Protein-Anteile, die fest an ein Protein gebunden sind. Bei Hämoglobin und Myoglobin ist dies der Häm-Komplex (Protoporphyrin IX mit einem zentralen Fe2+Fe^{2+} Ion).

  • Strukturvergleich:     * Myoglobin: Monomer (eine Kette), dient der Sauerstoffspeicherung im Muskel.     * Hämoglobin: Tetramer (α2β2\alpha_2\beta_2 beim Erwachsenen), weist Quartärstruktur auf, transportiert Sauerstoff im Blut.

  • Sauerstoffbindungskurve:     * Myoglobin: Hyperbolischer Verlauf; hohe Affinität auch bei niedrigem Partialdruck.     * Hämoglobin: Sigmoidaler Verlauf aufgrund von Kooperativität (Bindung des ersten O2O_2 erleichtert die Bindung weiterer O2O_2 durch Übergang vom T-Zustand in den R-Zustand).     * Einflussfaktoren: Ein Anstieg von CO2CO_2, H+H^+ (sinkender pHpH, Bohr-Effekt), Temperatur oder 2,3BPG2,3-BPG führt zu einer Rechtsverschiebung der Kurve (leichtere Abgabe von Sauerstoff im Gewebe).

Hämsynthese

  • Lokalisation: Findet in fast allen Geweben statt, primär jedoch in der Leber (Häm für Cytochrome) und im Knochenmark (Häm für Hämoglobin).
  • Kompartimentierung: Die Synthese beginnt in den Mitochondrien, verläuft über das Zytosol und endet wieder in den Mitochondrien.
  • Schlüsselschritte und Enzyme:     * Ausgangsstoffe: Succinyl-CoA (aus Citratzyklus) + Glycin.     * Schlüsselenzym: δ\delta-Aminolävulinatsynthase (ALASALAS). In der Leber (ALAS1ALAS-1) durch Häm via Feedback-Hemmung reguliert; im Knochenmark (ALAS2ALAS-2) durch Eisenverfügbarkeit gesteuert.     * Ferrochelatase: Das letzte Enzym der Kette, das das Eisen-Ion (Fe2+Fe^{2+}) in den Protoporphyrinring einbaut (findet im Mitochondrium statt).