Interkulturelle Kompetenz, Kultur, Migration & Verwaltung – Vollständige Lernnotizen
Interkulturelle Kompetenz (IKK)
- Begriff & Dimensionen
- "Wissen" (kognitiv), "Wollen" (affektiv) & "Können" (handlungs- u. kommunikationsbezogen) ermöglichen erfolgreiche Begegnungen zwischen Menschen verschiedener Kulturen (Ruben 1976).
- Form der Sozialkompetenz, die über monokulturelle Anforderungen hinausgeht; befähigt zu adäquater Interaktion im kulturfremden Umfeld (Thommen 2002).
- Bestandteile
- Selbst- & Fremdreflexion
- Ambiguitätstoleranz
- Perspektivenwechsel & Empathie
- Kommunikations- & Konfliktfähigkeit
- Wissen über Kulturmodelle, Kulturstandards, Migrations- & Integrationsprozesse
Kulturforschung
Was ist Kultur?
- "Gesamtheit der erlernten Verhaltensweisen, Einstellungen, Wertesysteme & Kenntnisse" (Weggel 1989).
- Nicht statisch, nicht rein national/ethnisch; multiple Differenzlinien (Geschlecht, Generation, Milieu …) → Identität wird ausgehandelt (Fischer 2003).
Thesen zum Kulturbegriff
- Identitätsstiftend, orientierend, erlernt, offen, prozesshaft, zeit- & kontextgebunden.
- Es treffen immer Menschen, nie abstrakte „Kulturen“ aufeinander; Reduktion auf Kulturspezifika unzulässig.
Kulturmodelle
- Schein:
- Sichtbare Ebene (Symbole, Sprache, Verhalten).
- Unsichtbare Ebene (Werte, Normen).
- Kulturkern (Grundannahmen).
- Schulz v. Thun: Jeder Wert besitzt Gegen- & Übertreibungswert; Entwicklungsrichtung zwischen Sach- & Beziehungsorientierung.
Kulturstandards & Kulturdimensionen
Kulturstandards (Thomas 1996)
- Kollektive Normen für Wahrnehmen, Denken, Werten, Handeln; eigenes & fremdes Verhalten wird daran gemessen.
Deutsche Kulturstandards (Auswahl)
- Struktur- & Regelorientierung, Sachorientierung, Trennung Arbeit / Privat, direkte Kommunikation (low-context), Individualismus, Zeitplanung, hohe (internalisierte) Kontrolle & Disziplin.
- Historische Verankerung: Territorialstaaten, Protestantismus, existenzielle Erschütterungen.
Kulturdimensionen (allgemein)
- Grundprobleme, die zwischen Extrempolen liegen (z. B. Fürsorge ↔ Leistungsorientierung).
- Durchschnittswerte beschreiben Kulturen, nicht Individuen; Gefahr der Kulturalisierung.
Hofstede – sechs Dimensionen (Beispiele & Länderwerte kennen: Deutschland, Türkei, Ukraine, Syrien, Marokko)
- Individualismus vs. Kollektivismus
- Geringe vs. hohe Machtdistanz
- Feminität vs. Maskulinität
- Unsicherheitsvermeidung hoch vs. niedrig
- Langzeit- vs. Kurzzeitorientierung
- Genuss vs. Zurückhaltung
Weitere ausgewählte Dimensionen
- Monochrone vs. polychrone Zeit
- Low-context vs. high-context Kommunikation
- Universalismus vs. Partikularismus
- Sach- vs. Beziehungsorientierung
Beispiele
- Monochron (USA, D, CH, Skandinavien) → Planung, eine Sache, geringe Ablenkung.
- Polychron (Südeuropa, Lateinamerika, Arabische Länder) → Mehrfachaufgaben, flexible Pläne, Beziehungsfokus.
Grundlagen Interkultureller Interaktion
Akkulturation & Kulturschock
- Akkulturation = Prozess des Einlebens in fremder Kultur.
- Anpassungskrise (Kulturschock) mit Symptomen: Erschöpfung, Angst, Schlaf- & Essveränderungen.
- Ursachen: Anstrengung, Rollenkonfusion, Heimweh, Statusverlust, Push-/Pull-Faktoren.
- Einflussfaktoren (verstärken/verringern): Aufgabendistanz, soziale Unterstützung, Dauer, Freiwilligkeit, kulturelle Distanz.
- Bewältigung: Wissensaufbau, Offenheit, Erwartungsanpassung, Unterstützung suchen.
Wahrnehmung
- Subjektiv, selektiv, erfahrungs- & kontextabhängig, von Stereotypen/Vorurteilen geprägt, kulturgebunden.
- Effekte: Halo-Effekt, Größenillusion, etc.
Stereotype & Vorurteile
- Stereotyp: kognitive, vereinfachte, verzerrte Vorstellung über Gruppen.
- Vorurteil: Stereotyp + emotionale Bewertung.
- Heterostereotyp (Fremdbild) vs. Autostereotyp (Selbstbild).
- Funktionen: Orientierung, Anpassung, Abwehr, Selbstdarstellung, Identität, Rechtfertigung.
- Gefahren: In-/Out-group, selbsterfüllende Prophezeiung, Diskriminierung.
- Abbau: Bewusstmachen, Neugier, beschreibende statt wertende Sprache, Annahmen prüfen, Bildung, Kontakt.
Diskriminierung & Rassismus
- Diskriminierung = ungerechtfertigte Ungleichbehandlung aufgrund "Rasse", Ethnie, Geschlecht, Religion, Behinderung, Alter, Sexualität.
- Rassismus: Einteilung & Abwertung anhand äußerer/kultureller Merkmale.
- Racial Bias (unbewusste Benachteiligung).
- Racial Stress (mentale/physische Belastung).
- Othering (Fremdmachung).
- Wirkmechanismen: Naturalisierung, Homogenisierung, Polarisierung, Hierarchisierung.
- Ebenen: struktureller, institutioneller, individueller, Alltags-Rassismus.
- Abbau: Selbstreflexion, Sichtbarkeit von BIPOC, Aufdeckung rassistischer Strukturen.
Ethnozentrismus vs. Ethnorelativismus
- Ethnozentrismus: Bewertung anderer anhand eigener Maßstäbe.
- Ethnorelativismus: Bereitschaft, eigene Normen zu relativieren und fremde zu integrieren.
Nonverbale Kommunikation (Ting-Toomey 1999)
- Mimik (universelle Grundemotionen: Freude, Trauer, Wut, Angst, Ekel).
- Gestik, Augenkontakt, Paralinguistik, räumliche Distanz (Hall), Körperberührung, Umgebung, Umgang mit Zeit.
- Ambiguitätstoleranz nötig, da Bedeutungen kulturabhängig.
Migration & Integration
Grundbegriffe
- Migration: räumliche Verlegung des Lebensmittelpunkts.
- Migrant*in: verlässt Heimat > 3 Monate aus nicht-touristischen Gründen.
- Push-Faktoren: Krieg, Diskriminierung, Armut, Klima …
- Pull-Faktoren: Sicherheit, Wirtschaft, Bildung, Medizin, Familie …
Historie Deutschland
- 1955–1973: Anwerbeabkommen (Gastarbeiter).
- 1973–1985: Familiennachzug.
- 1980/90er: Jugoslawien-Kriege, Asylzunahme.
- 1991: Reform Ausländergesetz.
- 2000: Jus Soli eingeführt.
- 2005: Zuwanderungsgesetz + Integrationskurse.
- 2011: EU-Arbeitnehmerfreizügigkeit.
- 2015: Syrienkrieg.
- 2022: Ukrainekrieg.
Aktuelle Zahlen (Stand 2023 sofern nicht anders benannt)
- 29{,}7\% der Bevölkerung haben Migrationshintergrund.
- Häufigste Herkunftsländer: Türkei, Polen, Russische Föderation, Kasachstan, Syrien, Rumänien.
- In BaWü: 34{,}7\% mit Migrationshintergrund; aber nur 15\% im öffentlichen Dienst.
- Einbürgerungs-Ausschöpfungsquote < 5\%.
- Muslime in D 2020: 5{,}5\text{ Mio}.
Einbürgerung – Kernvoraussetzungen
- \ge 5 Jahre rechtmäßiger Aufenthalt, unbefristetes Recht, Bekenntnis zur FDGO, Deutsch B1, Einbürgerungstest, Lebensunterhalt, keine Straftaten.
Integrationsdimensionen (Esser 2001)
- Kulturation (Sprache, Alltagswissen).
- Platzierung (Arbeits-, Bildungs-, Wohnsituation).
- Interaktion (soziale Kontakte).
- Identifikation (subjektives Zugehörigkeitsgefühl).
Akkulturationsstrategien (Berry 1990)
- Integration, Assimilation, Segregation, Marginalisierung (Dimensionen: Identität & Kontakt).
Messung & Monitoring
- Integrationsmonitorings: demografisch, Bildung, Arbeit, Wohnen, Gesundheit, Kriminalität, weiche Kriterien (Wohlbefinden, Diskriminierung).
- Statistische Probleme: Definitionsunterschiede, Datenlücken, Verzerrungen.
Milieuansatz
- Gruppierung nach Grundorientierung, Lebensstil & sozialer Lage.
- Sinus-Migrant*innen-Milieus 2018: zunehmende Integration, heterogene migrantische Population, Familienbindung hoch, Durchmischung erwünscht.
- Kommune → Fokus auf Gemeinsamkeiten, Bedarfsgerechte Angebote, soziale Interaktion fördern.
Postmigrantische Gesellschaft (Foroutan & El-Mafaalani)
- Migration = normaler Bestandteil; Zugehörigkeit & Teilhabe neu verhandelt.
- Repräsentationslücken: Öffentlicher Dienst \approx 10\%, Medien 2\%, Kommunalpolitik 4\%, Stiftungen 9\%, Lehrkräfte 6\%.
- Integrationsparadox: mehr Integration ⇒ mehr Konflikte wegen Macht- & Sichtbarkeitsverschiebung.
Öffentliche Verwaltung & Interkulturelle Öffnung
Organisationskultur der Verwaltung
- Low-context, sach- & regelorientiert, monochrone Zeit, Pünktlichkeit, Trennung Arbeit/Privat, Universalismus, Unsicherheitsvermeidung.
- Sichtbar durch Kommunikationsstil, Verhalten, Rituale, Hierarchie, Schriftlichkeit.
Bürokratie nach Max Weber
- Trennung Amt/Person, Regelgebundenheit, Neutralität, Hierarchie, Schriftlichkeit, Arbeitsteilung.
Interaktionskonstellation Verwaltung ↔ Migrant*in
- Zeitdruck, Vorschriften, existenzielle Anliegen, begrenzte Spielräume, mögliche Rollen- & Erwartungskonflikte.
Konfliktlösungsstile (TKI, Thomas & Kilmann 1973)
- Konkurrieren, Nachgeben, Kompromiss, Vermeidung, Zusammenarbeit.
- Gesetzesbindung limitiert Entgegenkommen; Zusammenarbeit evtl. ämterübergreifend möglich.
Schlüsselkompetenzen im Behördenkontakt
- Beratungsqualität (verständliche Sprache, Zusatzinfos).
- Diskriminierungsfreiheit.
- Selbstreflexion & Ambiguitätstoleranz.
- Perspektivenwechsel & Empathie.
- Lösungsorientierung.
Critical-Incident-Methode (Thomas 1993)
- Beschreibung → Analyse (Kultur, Institution, Situation, Person) → Handlungsstrategien (Ziele, Lösungen).
Interkulturelle Öffnung (IKÖ) als OE-Strategie
- Ziel: gleiche Teilhabechancen, Anpassung von Strukturen, Prozessen, Dienstleistungen an Vielfalt.
- OE-Kreislauf: Ist-Analyse → Ziel → Maßnahmen → Umsetzung → Evaluation → Neustart.
Drei Maßnahmenfelder
- Verwaltungskultur & ‑struktur
- IKK im Leitbild, Führungsverantwortung, religiöse Feiertage, Essgewohnheiten, Handlungsempfehlungen.
- Personalmanagement
- IKK in Aus-/Fortbildung, Diversity-Workshops, aktive Werbung, Zertifikate, Praktika, offene Türen.
- Organisationsentwicklung
- Kundenorientierung (leichte Sprache), Mehrsprachigkeit, kultursensible Beratung, Zielüberprüfung, Beitritt „Charta der Vielfalt“.
- PartIntG BW (2015): rechtliche Grundlage für Teilhabe & IKÖ, Vorgaben zu Vertretung, Schule, Hochschule, Feiertagsregelung, Prüfungsordnungen.
- Repräsentationslücke BaWü: 16\% Beschäftigte vs. \approx 30\% Bevölkerung mit Migrationshintergrund.
Instrumente & Konzepte
- InQA-Check „Vielfaltskompetente Verwaltung“: Selbsteinschätzung Strategie, Personal, Organisation, Führung.
- Diversity Management: Anerkennung & Nutzung von Vielfalt (sektoral vs. intersektional); basiert auf AGG, inspiriert von 1960er US-Bürgerrechtsbewegung.
- Charta der Vielfalt 2006: > 6000 Unterzeichner; Wertschätzung aller Mitarbeiter.
Zusammenhänge & Implikationen
- IKK verbindet individuelle Kompetenzen (Wissen, Wollen, Können) mit organisationaler Verantwortung (IKÖ, Diversity Management).
- Kulturdimensionen dienen als Analyse- & Reflexionsinstrument, bergen aber Stereotypisierungsgefahr → Bewusst einsetzen!
- Migration & Integration sind gesamtgesellschaftliche Aushandlungsprozesse; Verwaltung hat Vorbildfunktion.
- Rassismusabbau erfordert strukturelle, institutionelle & individuelle Maßnahmen.
- Milieu- & postmigrantische Ansätze betonen Heterogenität – bieten Chancen für passgenaue Politik & Verwaltungshandeln.