Optische Täuschungen und selektive Wahrnehmung

Ames'scher Raum

  • Der Ames'sche Raum erzeugt eine Größenillusion, bei der Personen unterschiedlich groß wahrgenommen werden, obwohl sie dies nicht sind.
  • Dies liegt daran, dass der Raum so konstruiert ist, dass er aus einer bestimmten Perspektive wie ein normaler, rechteckiger Raum aussieht, obwohl seine Wände und Decke tatsächlich trapezförmig sind.
  • Dadurch erscheinen Personen, die in einer Ecke des Raumes stehen, viel kleiner als Personen, die in der anderen Ecke stehen, weil die Entfernung zu den Personen unterschiedlich wahrgenommen wird.

Formillusion (Ponzo-Täuschung)

  • Die Ponzo-Täuschung ist eine optische Illusion, bei der die Größe von Objekten durch perspektivische Linien beeinflusst wird.
  • Ein rechteckiger Rahmen, der über konvergierende Linien gelegt wird, erscheint als Trapez, das sich nach oben verbreitert.
  • Wenn das Rechteck als in derselben Ebene wie die Linien wahrgenommen wird, wirkt die obere Horizontale breiter.
  • Wenn das Rechteck jedoch als stehend wahrgenommen wird, verringert sich dieser Effekt.

Gekippter-Raum-Effekt

  • In einem gekippten Raum werden die Wände nach kurzer Zeit als vertikal wahrgenommen, während ein Kronleuchter schräg hängt.
  • Besucher nehmen sich selbst als schief stehend wahr, obwohl sie aufrecht stehen.
  • Dies liegt daran, dass das visuelle System die Orientierung aufgrund des geneigten Raums korrigiert und die Orientierungen umkehrt.
  • Der Raum erscheint gerade, und die Person neigt sich zur Seite.
  • Beim Versuch, die Schieflage zu korrigieren, würde man das Gleichgewicht verlieren.

Rahmen-und-Kreis-Täuschung

  • Chenyang Lin und Ladan Shams zeigten, dass Kreise, die auf den Mittelpunkten unterschiedlich breiter Rechtecke platziert sind, in ihrer vertikalen Position zu variieren scheinen.
  • Dieser Effekt verringert sich, wenn die Rechtecke entfernt werden, ist aber noch erkennbar.
  • Bei gleichmäßigen Abständen der Kreise bleibt der Eindruck der vertikalen Höhe konstant.

Roelofs-Effekt

  • Der Roelofs-Effekt, entdeckt von C. O. Roelofs im Jahr 1935, beschreibt, wie ein großer beleuchteter Rahmen in einem dunklen Raum die wahrgenommene Mittellinie einer Person beeinflusst.
  • Wenn der Rahmen seitlich der Mittellinie platziert wird, verschiebt die Person ihre wahrgenommene Mittellinie in Richtung des Rahmens.

Selektive Wahrnehmung

  • Die visuelle Wahrnehmung ist von Natur aus selektiv.
  • Der Bereich schärfsten Sehens, die Fovea centralis, ist nur einen halben Millimeter groß, was die selektive Natur des Wahrnehmungssystems belegt.
  • Man konzentriert sich auf bestimmte Objekte stärker als auf andere, um die Umgebung zu verstehen.
  • Die Entscheidung, worauf man sich als Nächstes konzentriert, erfolgt in der Regel automatisch und unbewusst.
  • Beispiel: An einer Kreuzung konzentriert man sich eher auf die Ampel als auf den Briefkasten, es sei denn, man möchte einen Brief verschicken.
  • Selektive visuelle Prozesse werden in jedem wachen Moment durchgeführt.

Salienzkarte (Saliency Map)

  • Um Elemente präzise zu erkennen, müssen sie mit dem Blick fixiert werden, sodass ihre Projektion auf die Sehgrube fällt.
  • Nur Informationen in der Sehgrube sind klar und vollfarbig, während Informationen in der Peripherie unscharf und farblich reduziert sind.
  • Die Wahrnehmung kompletter Szenen erfordert eine Abfolge vieler Fixationen.
  • Augenbewegungen, sogenannte Sakkaden, sind sprunghafte, sehr schnelle Bewegungen (ca. drei pro Sekunde) beim Betrachten einer statischen Ansicht.
  • Das Blickverhalten hängt von visuellen Eigenschaften, der Bedeutung einzelner Objekte, Wissen und den Aufgaben der betrachtenden Person ab.

Visuelle Eigenschaften, Bedeutung und Aufgaben der Betrachter:innen

  • Visuelle Eigenschaften einer Szene enthalten Bereiche größerer und geringerer Auffälligkeit (Salienz).
  • Studien zeigen eine Übereinstimmung von Augenbewegung und visuell markanten Bereichen bei den ersten Fixationen.
  • Im weiteren Verlauf der Betrachtung beeinflussen andere Faktoren wie die Bedeutung und das vorhandene Wissen den Blickverlauf.
  • Der Einfluss einer Aufgabe, die jemand in der Umgebung durchführen möchte, hat den stärksten Einfluss auf die Blickbewegung.
  • Fixationen sind nur auf für die Aufgabe erforderliche Handhabungen und Gegenstände gerichtet.
  • Yarbus zeigte, dass je nach Aufgabenstellung (z.B. Einschätzung der wirtschaftlichen Situation oder des Alters der dargestellten Personen) die Fixationen unterschiedliche Schwerpunkte haben.
  • Salienz ist eine Bottom-Up-Funktion, die spontan und vorbewusst abläuft, während Wissen und Bedeutung auf reflexivem Denken basieren.
  • Die genannten Faktoren beeinflussen viele Situationen gleichzeitig, wobei der jeweilige Anteil variiert.

Zusammenfassung

  • Gestaltung ist angewandte Wahrnehmung; besseres Wissen über Wahrnehmungsphänomene erleichtert die gezielte Steuerung des gestalterischen Prozesses.
  • Das Verständnis der Ordnungsstruktur der wahrgenommenen Wirklichkeit ermöglicht die Realisierung verständlicher Designs.
  • Konstanzphänomene ermöglichen die Wahrnehmung einer zusammenhängenden Welt.
  • Gestaltprinzipien bündeln Lichtflecke zu Ordnungsmustern und erleichtern die Erkennbarkeit von Zusammenhängen.
  • Kenntnisse über optische Täuschungen helfen, Fehler in der Gestaltung zu vermeiden und पोटenziale für ungewöhnliche Lösungen zu nutzen.
  • Selektive Wahrnehmungsvorgänge, einschließlich der Logik der Augenbewegung, sind ein wichtiges Instrument für die visuelle Kommunikation.
  • Ergebnisse müssen sich auf Prozesse der selektiven Wahrnehmung stützen, um erwartbaren Handlungen und Abläufen zu entsprechen und innovative Lösungen zu entwickeln.