Professionalität und Autonomie
Bedeutung von Professionalität und Autonomie
Professionalität in der Bildung bedeutet, dass Lehrkräfte nicht nur viel über ihr Fach wissen, sondern auch gut unterrichten können (pädagogische Expertise). Sie denken über ethische Fragen nach und können Probleme eigenverantwortlich lösen.
Autonomie gibt Lehrkräften die Freiheit, eigene pädagogische Entscheidungen zu treffen. Diese Entscheidungen basieren auf dem, was ihre Schüler brauchen und wie die Schule funktioniert. Der Umfang der Autonomie kann je nach Person und Bildungssystem unterschiedlich sein.
Die Entscheidungsfreiheit von Lehrkräften hängt vom jeweiligen Umfeld ab und wird durch viele Gesetze und Regeln beeinflusst.
Der Kontext (das Umfeld) ist sehr wichtig: Eine kleine Grundschule auf dem Land hat andere Freiheiten als ein großes Gymnasium in der Stadt. Auch zwischen verschiedenen Ländern gibt es Unterschiede.
Die Regulierung durch Gesetze schafft einen rechtlichen Rahmen für die Arbeit in der Bildung. Diese Gesetze können die Autonomie schützen, aber auch einschränken.
Wahrnehmung von Autonomie: Es ist wichtig zu verstehen, dass es einen Unterschied zwischen der Autonomie gibt, die Lehrkräfte fühlen, und der Autonomie, die sie tatsächlich haben.
Lehrkräfte könnten sich frei fühlen, obwohl Regeln von außen ihren Spielraum stark begrenzen. Oder es ist umgekehrt: Sie haben mehr Freiheit, als sie glauben.
Entscheidungsbefugnis (die Erlaubnis, Entscheidungen zu treffen) wird oft als etwas Positives angesehen. Manchmal kann es aber auch eine Erleichterung sein, wenn man nicht alles selbst entscheiden muss, weil das die Situation vereinfacht (Komplexität wird reduziert).
Der Beruf der Lehrer*innen ist eingebettet in mehrere Ebenen, die ihre Autonomie (Freiheit) und Professionalität beeinflussen.
Es gibt äußere Strukturen → Bildungssystem → professionelle Ebene → individuelle Ebene.
Je weiter außen, desto stärker der Einfluss, aber desto weniger direkt kontrollierbar.
1. ÄUSSERE UMWELT
(Politische, wirtschaftliche, rechtliche Rahmenbedingungen)
Beispiele links:
Gesetzgebung, Finanzierung, Governance
sozialer Status von Lehrer*innen
politische Ideologien, Manipulation
Beispiele rechts:
Bereitstellung von Personal
Legitimierungsfunktionen (Warum Schule „wichtig“ ist)
Aufbau von öffentlichem Vertrauen
soziale Bewegungen, Revolutionen
👉 Diese Ebene setzt die großen Rahmenbedingungen, die Lehrpersonen nicht beeinflussen können (z. B. Schulgesetze, Bildungsausgaben).
2. Subsystem „Bildung“
Hier geht es um das Schulsystem selbst.
Beispiele:
Organisationen (Ministerium, Bildungsdirektion, Schulen)
Lehrer*innenausbildung
pädagogische Traditionen („So macht man Unterricht“)
Auswahl- und Anerkennungsmechanismen (z. B. Beförderungen, Prüfungen)
👉 Diese Ebene bestimmt Strukturen und Regeln innerhalb des Schulsystems.
3. Professionelle Autonomie (berufliche Ebene)
Beispiele:
kollegiale Autorität (Anerkennung im Kollegium)
Vertrauen zwischen Lehrperson und Schüler*innen/Eltern
Berufsethos (Was gilt als guter Unterricht?)
Ermessensspielraum bei der Beurteilung
👉 Diese Ebene beschreibt den professionellen Handlungsspielraum, den Lehrer*innen im Alltag haben.
4. Identitätsbildung & (teilweise) Freiheit von Strukturen
Das ist der Kern:
👉 Lehrer*innen entwickeln eine berufliche Identität – wer sie sind, was sie vertreten, wie sie unterrichten wollen.
Die Freiheit ist teilweise, weil äußere Strukturen immer mitspielen.
5. Individuelle/kolektive Handlungskraft
Beispiele:
Selbstdefinition („Welche Art von Lehrperson bin ich?“)
Handlungsvermögen (Was kann ich real umsetzen?)
Unterstützende/behindernde Faktoren:
Trainings- und Bildungsmaßnahmen
Lehrer*innenstreiks
Gewerkschaften
Arbeitsbedingungen
👉 Hier geht es um das, was Lehrpersonen konkret tun können, allein oder gemeinsam.
Worum geht es insgesamt?
Die Grafik zeigt:
🔹 Autonomie und Professionalität entstehen nicht nur in der einzelnen Lehrperson, sondern sind eingebettet in viele Ebenen – von der Politik über Schulen bis zur eigenen Identität.
🔹 Je weiter innen, desto persönlicher und individueller. Je weiter außen, desto struktureller und politischer.
🔹 Alle Ebenen greifen ineinander und beeinflussen sich gegenseitig.
Autonomiebegriff? (Frostensson)
Professionelle Autonomie umfasst:
Einfluss auf Bildungsinhalte, Qualitätskriterien (was ist gute Bildung?), legitime Kontrollmechanismen (z.B. Tests, Prüfungen), Zertifizierung, Berufsethos
Kollegialität (gemeinsames Verständnis davon haben was es bedeutet, z.B. LehrerIn, SozialpädagogIn etc., zu sein), Orientierung an gemeinsamem Wertesystem
Klare Grenzziehung zwischen Profession und anderen Bereichen
Gemeinsam ausgehandelte (Arbeits-)Bedingungen
Abhängigkeiten nicht notwendigerweise gleichbedeutend mit Beschneidung von Rechten; sondern geben auch Schutz (z.B. seitens des Staates), sorgt dafür, dass bestimmte Bereiche bis zu einem gewissen Grad autonom bleiben können
Warum wurde Autonomie zu einem Thema?
Hintergrund: umfangreiche Forschung zu Deprofessionalisierung bei Lehrkräften
Zunehmender Einfluss auf das, was Lehrer*innen können und machen sollen (Staat, Gesellschaft, Politik)
Immer weniger professionelle Entscheidungsmacht (Form und Inhalte des Unterrichtens): neue „sinnlose“ Aufgaben
Wachsende Standardisierung von außen: Kompetenzen (vgl. PISA); bsp. „teaching to the test“: das wird abgeprüft, also schaue ich, dass in den letzten Jahren darauf hingearbeitet wird
Umgehung von professioneller Ausbildung (z.B. Teach for Austria, Quereinsteiger*innen…) nicht unbedingt immer schlecht, weil teilweise andere Kompetenzen mitgebracht werden
Scripted Lessons: Unterrichts“rezepte“: „Muster“ was man als LehrerIn bekommt, wo genau vorgegeben ist, wie eie bestimmte Stunde gestalten wird; bspw. fertige Lektionen über Projektor abspielen
Mehr verbreitet in Ländern, welche NPM-Steuerungsformen eingeführt haben
New Public Management (NPM)?
NPM ursprünglich gegen einen starren, leistungsschwachen Staat gerichtet (vgl. Vorlesung zu Governance)
Annahme & Forderung: Öffentliche Institutionen können wie Unternehmen geführt werden
Z.B. im Fall von Schulen: Leistungsvereinbarungen, Output- Kontrolle
Folge: Dezentralisierung (Schulen nicht mehr als reine Empfänger von Vorgaben, sondern Erbringer von Leistungen)
Theoretisch Erstarken von institutioneller Autonomie: Alle Formen sind legitim, solange die Leistung erbracht wird
Praktisch häufig Beschneidung professioneller Entscheidungen von Lehrer*innen zugunsten von Management-Entscheidungen (z.B. „teaching to the test); soziales, emotionales, etc. spielt keine Rolle mehr, sondern nur was am Ende auf dem Papier dabei rauskommt; SchülerInnen nur auf gute Ergebnisse trainieren
Frostenssons Argument?
Unterscheidung zwischen der Rahmung von professioneller Autonomie und der tatsächlichen Praxis
Profession ist nicht gleich professionelle Praxis
Beschneidung bzw. Ausüben von professioneller Autonomie auf unterschiedlichen Ebenen:
1. Allgemeine professionelle Autonomie
2. Kollegiale professionelle Autonomie
3. Individuelle professionelle Autonomie
Drei Ebenen der professionellen Autonomie
Allgemeine professionelle Autonomie
Entscheidungen/Einflussnahme auf höheren Ebenen, z.B. in Bezug auf
Die Organisation des Schulsystems (inkl. Privatisierung)
Gesetzgebung
Curricula
Kontrollmechanismen (z.B. Eingangsprüfungen, Abschlüsse, Notensystem)
Lehrer*innenbildung
= wenig Autonomie auf Seiten der Lehrer*innen
Kollegiale professionelle Autonomie
Umfasst die Freiheiten, die sich innerhalb der Schule als Team (Kollegium) ergeben.
Das kann die Entwicklung von schuleigenen Lehrplänen, pädagogischen Konzepten, Regeln für die Zusammenarbeit oder die Festlegung von Prüfungsmaßstäben betreffen.
Wie stark diese Autonomie-Ebene ausgeprägt ist, hängt sehr stark von der Schulkultur, der Führung durch die Schulleitung und der jeweiligen Organisationsstruktur ab.
Abhängigkeit von neuen Managementformen: Diese können die kollegiale Autonomie erweitern, aber auch neue Abhängigkeiten und Verantwortlichkeiten schaffen.
Entscheidungen werden oft in Fachschaften, Lehrerkonferenzen oder speziellen Arbeitsgruppen getroffen.
Individuelle professionelle Autonomie
Dies ist die persönlichste Ebene und betrifft die Freiheit des einzelnen Lehrers in seinem eigenen Unterricht.
Dazu gehören die Wahl der Unterrichtsmethoden (Didaktik), die Auswahl von Materialien, die Gestaltung der Lernumgebung, die Anpassung an unterschiedliche Schülerbedürfnisse und die Zeiteinteilung innerhalb des vorgegebenen Rahmens.
Auch die individuelle Gestaltung der Beziehung zu den Schülern gehört dazu.
Obwohl diese Ebene oft als der Kern der Autonomie von Lehrkräften gilt, wird sie ebenfalls durch externe Vorgaben (Lehrplan, Stundenplan) und schulinterne Absprachen begrenzt.
Zusammenfassung und Ausblick
Generell wird ein Verlust an Autonomie festgestellt.
Trotz vieler Reformen fühlen sich viele Lehrkräfte und Schulen durch wachsende Bürokratie, Standardisierung und externe Bewertungen in ihrer Autonomie eher eingeschränkt.
Dieser Verlust wird oft durch den stärkeren Fokus auf messbare Ergebnisse und die damit verbundene Rechenschaftspflicht (Verantwortung für Ergebnisse) verstärkt.
Der Druck, vorgegebene Ziele zu erreichen, kann die Freiheit zur individuellen pädagogischen Gestaltung reduzieren.
Wichtige Unterscheidungen nach den Ebenen der Autonomie sind nötig, um den Einfluss von Reformen zu bewerten.
Um den tatsächlichen Einfluss von Bildungsreformen richtig zu beurteilen, ist es unerlässlich, genau zu schauen, welche Autonomie-Ebene (allgemein, kollegial, individuell) betroffen ist.
Eine Reform könnte zum Beispiel die kollegiale Autonomie (z.B. durch mehr Schulbudget) stärken, während sie gleichzeitig die individuelle Autonomie (z.B. durch detailliertere Lehrplanvorgaben) reduziert.
Nur durch diese differenzierte Betrachtung lassen sich die komplexen Auswirkungen von Bildungsreformen vollständig verstehen.