Exhaustive Studiennotizen: Strategische Kommunikation, Werbung und PR

Einführung und begriffliche Grundlagen der strategischen Kommunikation

  • Definition der strategischen Kommunikation:

    • Es handelt sich um den intentionalen, zweckgebundenen und organisationsgebundenen Einsatz von Kommunikation zur Erreichung organisationaler Ziele.

    • Sie ist primär persuasionsorientiert und grenzt sich idealtypisch von rein verständigungsorientierter Kommunikation ab.

  • Klausurrelevante Merkmale:

    • 1. Intentionalität.

    • 2. Zweckgebundenheit.

    • 3. Persuasionsorientierung.

    • 4. Organisationsgebundenheit.

    • 5. Ausrichtung auf interne oder externe Adressaten.

    • 6. Idealtypische Abgrenzung von Verständigungskommunikation.

  • Strategische Kommunikation als Oberbegriff:

    • Felder wie Werbung, Public Relations (PR), Marketingkommunikation, politische Kommunikation und Wissenschaftskommunikation werden hierunter gefasst.

    • Gemeinsames Prinzip: Organisationen nutzen Kommunikation gezielt, um ihre spezifischen Ziele zu erreichen.

  • Historische Entwicklung der Werbung:

    • Etymologie: „Reklame“ leitet sich vom lateinischen reclamare ab, was „laut dagegen anschreien“ bedeutet. Historische Formen umfassen Marktschreier, Plakate, Anzeigen, Schaufenster und Litfaßsäulen.

    • Zeitstrahl:

      • 19.19. Jahrhundert: Anfänge der modernen Werbung.

      • Ende 19.19. / Anfang 20.20. Jahrhundert: Phase der Professionalisierung. Entstehung von Werbeplänen, Fachzeitschriften, spezialisierten Fachleuten, Lichtreklame und Animationstechniken. Gründung früher Reclame-/Presse-Bureaus und Agenturen; Werbung wird planbarer und arbeitsteiliger.

      • NS-Zeit: Gleichschaltung der Werbewirtschaft. Übernahme propagandistischer Ästhetiken. PR wurde teilweise als „passive, unbewusste Werbung“ bezeichnet.

      • 19501950er Jahre: Wirtschaftsboom und Konsumwelle. Fokus auf hochwertige Güter, Heile-Welt-Idylle und traditionelle Familienbilder (US-Vorbild).

      • 19601960/19701970er Jahre: Gesellschaftliche Kritik und Protestbewegungen. Einführung systematischer Marktforschung. Gründung des Deutschen Werberats (19721972). Jugendliche rücken als Zielgruppe in den Fokus; Zunahme von Foto- und TV-Werbung.

      • 19801980er Jahre: Phase der Rehabilitation.

      • 19901990er Jahre: Verstärkter Wettbewerb und Fokus auf Markenführung.

      • 20002000/20102010er Jahre: Aufstieg von Online-Werbung, Social Media, eWoM (electronic Word of Mouth) und viralem Marketing. Starke Vernetzung der Konsumenten.

      • Heute: Einsatz von Künstlicher Intelligenz (KI), Social Media und moralische Aufladung (Wokeness, Nachhaltigkeit).

  • Fachliche Definitionen:

    • Werbung: Ein geplanter Kommunikationsprozess zur gezielten Beeinflussung von Wissen, Meinungen, Einstellungen und Verhalten in Bezug auf Produkte, Dienstleistungen oder Marken unter Nutzung von Werbemitteln und Werbeträgern.

    • Public Relations (nach Bentele): Management von Informations- und Kommunikationsprozessen zwischen Organisationen und ihren internen/externen Umwelten bzw. Teilöffentlichkeiten. Funktionen: Information, Persuasion, Imagegestaltung, Vertrauen und Konsens.

    • Marketing: Ein Prozess zur Befriedigung von Bedürfnissen durch Erzeugung und Austausch von Werten. Es geht über reines Verkaufen hinaus.

    • Marketingkommunikation: Alle Prozesse der Bedeutungsvermittlung zur Realisierung markt- und kundenbeziehungsorientierter Unternehmensführung.

Das Werbewirtschaftssystem und die Branchenstrukturen

  • Rahmenbedingungen der Werbung:

    • Werbung wird durch Politik, Recht, Technologie, Ökonomie, Kultur und Medien beeinflusst und prägt diese wiederum selbst.

  • Regulierung und Recht:

    • Politik: Regulierung erfolgt durch Hard Laws (rechtsverbindlich) und Soft Laws (Selbstregulierung, z. B. Leitlinien des Werberats).

    • Organisationen: EASA, ZAW (Zentralverband der deutschen Werbewirtschaft, gegr. 19491949), Deutscher Werberat, ASA.

    • Rechtliche Bereiche: UWG (Gesetz gegen unlauteren Wettbewerb – regelt irreführende/vergleichende Werbung), Rundfunkrecht, Jugendschutz, Datenschutz (DSGVO: Einwilligung, Double-Opt-in, Opt-out).

  • Medientypen im Werbekontext:

    • Primärmedien: Keine Technik nötig (z. B. Verkaufsgespräch).

    • Sekundärmedien: Technik nur beim Absender nötig (z. B. Print-Werbung).

    • Tertiärmedien: Technik bei Absender und Empfänger nötig (z. B. Fernsehen).

    • Quartärmedien: Beide Seiten benötigen Technik plus Netzwerk (z. B. virale Online-Spots).

  • Ökonomische Konzepte:

    • USP (Unique Selling Proposition): Einzigartiger, sachlicher Produktnutzen.

    • UAP/UCP (Unique Advertising/Communication Proposition): Rein kommunikative Differenzierung bei austauschbaren Produkten.

    • Brutto-Werbeinvestitionen: Gesamtkosten (Honorare, Produktion, Medienkosten).

    • Netto-Werbeeinnahmen: Beträge, die tatsächlich bei den Medien ankommen (nach Abzug von Rabatten/Provisionen).

  • Akteure im Werbeprozess:

    • Werbetreibende Unternehmen (P&GP\&G als Beispiel für einen „Big Player“).

    • Werbeagenturen (z. B. große Netzwerke wie Omnicom) und Spezialdienstleister.

    • Marktforschung und Wissenschaft.

    • Medien als Werbeträger.

    • Markt/Rezipienten.

  • Agenturtypen und Rollen:

    • Full-Service-Agentur: Bietet alle Leistungen (Beratung, Kreation, Media) aus einer Hand an, koordiniert auch externe Dienstleister.

    • Berufsrollen: Account/Kundenberatung, Strategic Planner, Creative/Art Director, Texter, Media Planner.

    • Inbound (Pull): Kunden werden durch relevante Inhalte angezogen (SEO-Ratgeber).

    • Outbound (Push): Proaktive Ansprache (Anzeigen, Plakate).

  • Zentrale Kennzahlen (KPIs):

    • Share of Market: Marktanteil.

    • Share of Advertising: Anteil der eigenen Werbeausgaben am Gesamtmarkt.

    • Share of Voice: Anteil der kommunikativen Reichweite der Marke.

    • Share of Mind: Anteil der mentalen Präsenz/Erinnerung beim Kunden.

    • Cost per Click (CPC): Werbekosten dividiert durch die Anzahl der Klicks.

Strategische Markenführung

  • Kernkonzept der Marke:

    • Eine Marke ist ein in der Psyche der Konsumenten verankertes, unverwechselbares Vorstellungsbild. Während Produkte materiell/funktional sind, sind Marken immateriell/symbolisch.

    • Pepsi-Paradoxon: In Blindtests gewinnt oft Pepsi, in Markentests Coca-Cola. Das Markenwissen dominiert die sensorische Wahrnehmung.

  • Markenarchitektur:

    • House of Brands: Einzelmarken stehen im Vordergrund, die Dachmarke ist unsichtbar (Beispiel: P&GP\&G mit Ariel und Pampers).

    • Branded House: Die Dachmarke dominiert alle Angebote (Beispiel: Virgin).

  • Markenidentität (Modelle):

    • Aaker-Modell: Marke als Produkt, Organisation, Person und Symbol.

    • Esch-Markensteuerrad: Umfasst Nutzen (funktional/psychosozial), Attribute, Kompetenz, Tonalität (Stil) und Markenbild (sensorische Codes wie Corporate Design).

    • Kernidentität: Der stabile, langfristige Anker der Marke.

    • Erweiterte Identität: Dynamische Anpassungen an den Zeitgeist.

  • Markenpositionierung:

    • Point of Difference (POD): Relevante Stärken gegenüber dem Wettbewerb.

    • Point of Parity (POP): Mindestanforderungen, um als Alternative akzeptiert zu werden.

    • Outside-in: Positionierung basierend auf Kundenbedürfnissen.

    • Inside-out: Positionierung basierend auf eigenen Kompetenzen (Beispiel: Walkman schuf neues Bedürfnis).

Werbeforschung und Gestaltungsmittel

  • Wirkungsdimensionen:

    • Kognitiv: Wissen, Aufmerksamkeit, Erinnerung.

    • Affektiv: Gefühle, Sympathie, Image.

    • Konativ: Kaufabsicht, Verhalten.

  • Gestaltungselemente:

    • Musik: Entscheidend ist der „Musical Fit“ (Kongruenz zu Produkt, Erzählung und Zielgruppe). Musikprävalenz in Werbung liegt bei ca. 9494\,%.

    • Humor: Erhöht Aufmerksamkeit und Sympathie (Hedonia), birgt aber das Risiko, die Botschaft zu überstrahlen oder die Glaubwürdigkeit bei ernsten Themen zu untergraben.

    • Testimonials: „Match-up-Hypothese“ besagt, dass Testimonial und Marke glaubwürdig zusammenpassen müssen (Sportler für Laufschuhe).

    • Animation: Funktionen nach Goel umfassen die Darstellung abstrakter Ideen, Maschineninnenleben, Zooming-in und die Erklärung der Produktanatomie.

    • Nacktheit/Erotik: Wirkt bei „Functional Nudity“ (Zusammenhang mit Produkt, z. B. Jeans) besser als bei rein „Suggestive Nudity“. Gefahr des Vampir-Effekts (Ablenkung von der Marke).

Online-Marketing und Digitalisierung

  • Performance-Aspekte:

    • Online-Marketing ist im Vergleich zu klassischer Werbung direkter messbar und ergebnisorientierter. Wichtige Metriken sind Klicks, Conversions und Profit.

    • Conversion Rate: ConversionRate=Anzahl der ConversionsAnzahl der Klicks/BesucheConversion Rate = \frac{\text{Anzahl der Conversions}}{\text{Anzahl der Klicks/Besuche}}.

    • ROAS: ROAS=UmsatzWerbekostenROAS = \frac{\text{Umsatz}}{\text{Werbekosten}}.

  • Suchmaschinen-Marketing:

    • Search Intent: Absicht hinter der Suche (Information, Kauf).

    • SEO (organisch) vs. SEA (bezahlt).

    • GEO (Generative Engine Optimization): Optimierung für KI-Antworten.

    • Strukturelle Vorteile von Google: Index, Ads, Analytics, Android-Ökosystem.

Interkulturelles Marketing

  • Kulturbegriffe:

    • Hofstede definiert Kultur als „kollektive Programmierung des Geistes“.

    • High-Context: Bedeutung liegt stark im Kontext/impliziten Signalen.

    • Low-Context: Bedeutung wird explizit und direkt ausgesprochen.

  • Kognitive Strukturen:

    • Schema: Allgemeine Wissensstruktur.

    • Stereotyp: Verallgemeinerte Gruppenzuschreibung (Wärme vs. Kompetenz im SCM-Modell).

    • Vorurteil: Bewertende, affektive Haltung.

  • Internationale Strategien:

    • Standardisierung: Kostenvorteile (Economies of Scale), konsistentes Image.

    • Lokalisierung: Kulturelle Passung.

    • Glocalization: Global denken, lokal handeln.

Markt- und Konsumforschung / Shopper Insights

  • Verbraucherpanels:

    • Paneldaten (z. B. YouGov) verfolgen „shopper footprints over time across places“. Sie sind repräsentativ und basieren auf beobachtetem Kaufverhalten (Scandaten), nicht nur auf Meinungen.

    • Abgrenzung: Händlerdaten zeigen nur die Sicht eines Händlers; Paneldaten zeigen das Verhalten über alle Einkaufsorte hinweg.

    • FMCG: Fast Moving Consumer Goods (Schnelldreher).

    • KPIs: Käuferreichweite, Kaufhäufigkeit, Loyalität, Gain-&-Loss-Analysen.

Strategische Krisenkommunikation

  • Merkmal der Krise: Hohe Unsicherheit, Zeitdruck, öffentlicher Druck, mediale Aufmerksamkeit.

  • Phasen:

    • Prävention: Risikoidentifikation, Issues Management (Früherkennung), Krisenstab, Vorbereitung von Dark Sites.

    • Intervention: Schnelle Reaktion (gesicherte Fakten), Empathie, „One Voice“-Policy, Monitoring der Social-Media-Dynamiken.

    • Evaluation: Analyse der Abläufe. Unterscheidung zwischen „Lessons identified“ (Probleme erkannt) und „Lessons learned“ (Verbesserungen umgesetzt).

Integriertes Campaigning und Public Relations

  • Campaigning: Strategische Orchestrierung verschiedener Disziplinen (Werbung, PR, Social Media, Events). Nicht die Anzahl der Kanäle zählt, sondern die richtige Verknüpfung.

  • Das Briefing: Besteht aus Hintergrund, Aufgabe, Zielen (z. B. Bekanntheit, Mobilisierung), Zielgruppen, Tonalität, Kernbotschaft und Proof Points (Belege).

  • Public Relations (PR) im Detail:

    • PR ist eine Managementfunktion zur Sicherung der organisationalen Legitimation.

    • Stakeholder-Salienz (Mitchell): Relevanz ergibt sich aus Macht+Legitimita¨t+DringlichkeitMacht + Legitimität + Dringlichkeit.

    • Intereffikationsmodell: PR und Journalismus bedingen und ermöglichen sich wechselseitig (efficare = ermöglichen).

    • PR-Ethik: Überwachung durch Gremien wie den Deutschen Rat für Public Relations (DRPR). Zentrales Dilemma: Loyalität zum Auftraggeber vs. Verantwortung gegenüber der Wahrheit.

Fragen & Diskussion (Zusammenfassung der Prüfungsaspekte)

  • Unterschied Werbung vs. PR: Werbung = „to sell“ (Absatz, kurzfristig, bezahlter Raum); PR = „to tell“ (Beziehungen, langfristig, redaktionelle Vermittlung).

  • Fehlvorstellungen: Marketing ist nicht gleich Werbung (Werbung ist nur ein Teil von Promotion); PR ist nicht „kostenlose Werbung“.

  • KI-Einfluss: KI verändert die Erstellung und Auffindbarkeit, ersetzt aber nicht die Notwendigkeit von technischer Qualität und Vertrauen.

  • Gehälter: In der Werbebranche im Vergleich nicht in der Spitzengruppe, variierend nach Erfahrung und Agenturgröße.