Schaufler

  • Vorverständnis, Vorbegriff, Vorurteil= Vorformen des Wissens und Denkens, die unser Verständnis prägen, noch bevor wissenschaftliche Reflexion einsetzt

  • Lebensweltlich: allgemeine, persönliche, subjektive Sichtweise auf die Welt → persönliche Meinung

  • Wissenschaftlich: systematische, methodische, reflektierte Auseinandersetzung mit einem Thema

  • Vorurteile

    • lebensweltlich:

      • negativ konnotiert, zu vermeiden

      • oft verbunden mit falschen Annahmen oder mangelnde Offenheit

    • wissenschaftlich:

      • notwendiger Ausgangspunkt jedes Denkens

      • leiten denken, helfen Fragestellungen zu entwickeln

      • Ziel: bewusst machen, hinterfragen, reflektieren

      • Vorurteile verengen Blick, daher wichtig sie zu erkennen um tiefer in Sache einzudringen

      • Hinterfragungsprozess ist nie abgeschlossen, es entstehen immer neue Vorurteile

      • → wissenschaftliches Denken= laufender Prozess der Reflexion von Vorurteilen

Entstehung Pädagogik als Wissenschaft („Institutionalisierung der Pädagogik“)

  • 18. J.h. → Aufklärung

    • Pädagogik löst sich von Philosophie und wird zu eigenständiger Wissenschaft/ Disziplin

  • Erster Lehrstuhl 1806 in Wien, besetzt von Vinzenz Edurard Milde unter dem Namen „Erziehungskunde“

  • In DE wichtige Begründer: Rousseau, Herbart, Schleiermacher

    • Schleiermacher: erster Professor der Pädagogik als eigenständige Vorlesung hielt

    • „Was man im Allgemeinen unter Pädagogik versteht, ist als bekannt vorrausszusetzen“

      • Missverständnis: er meint nicht „Pädagogik ist selbstverständlich, reines Alltagswissen…“

      • sondern → Menschen haben allgemeines, lebensweltliches Vorverständnis, welches als Ausgangspunkt dient, um es im weiteren verlauf wissenschaftlich zu untersuchen

Lebensweltlich vorgefundene Phänomene

  • Erfahrungen, Situationen, Fragen aus eigenem Leben, die nicht theoretisch erlernt, sondern erlebt wurden

    • Pädagogische Wissenschat beginnt dort, wo man diese Dinge zu hinterfragen beginnt

    • von „ich studiere Pädagogik“ zu „warum studiere ich Pädagogik und nichts anderes?“

  • Finden sich in unterschiedlichen Lebensbereichen

    • Erziehung, Bildung, Lehren, Lernen

    • Didaktik, Curriculum

    • Individuum und Gesellschaft

    • Beratung, Theorie

    • → Bereiche sind lebensweltlich bekannt/wurde erlebt, aber noch nicht verstanden

      • Pädagogik erfindet sie nicht, sondern findet sie auf und analysiert sie


Reflexion des Vorgegebens vs. Expert*innentum

echte pädagogische Wissenschaft heißt nicht „Ich weiß, wie Erziehung funktioniert“ sondern „Ich frage, warum ich Erziehung so sehe“ → Expert*innen müssen Vorgehen reflektieren können, um als solche/r zu gelten

  • Perspektivität: man hat nie den ganzen Gegenstand, immer nur einen Ausschnitt (=kein Fehler, sondern Grundbedingung)

    • untersch. Personen haben untersch. Wahrnehmungen über den selben Gegenstand (kene davon ist falsch, nur nicht vollständig) →

    • wissenschaftlich= Bewusstsein über eigene Perspektive haben, Grenzen erkennen und diese reflektieren

  • von „Intentio recta“ (gerade Blickrichtung, unreflektierte, zielgerichtet, funktional, „Ich sehe das, was ich sehen will“)

    • zu „intentio obliqua“ (reflektierte differenzierte Blickweise/ schiefer Blick/ bewusster Reflexionswechsel/ einen Schritt zur Seite treten, um neues zu erkennen)

  • Fragwürdige Selbstverständlichkeit

    • lebensweltlich: das ist doch selbstverständlich“ keine Begründung nötig

    • wissenschaftlich: hinterfragt das selbstverständliche

      • ist es wirklich selstverständlich? warum denke ich so?

      • „so habe ich das noch nie gesehen“ ist Beginn wissenschaftlichen Denkens

      • Ziel: kritische Durchdringung von Selbstverständlichkeiten um zu höherer Erkenntnisstufe zu erlangen (auch wenn es selbstverständlich bleibt)

    • Wittgenstein: „ein philosophischen Problem hat die Form: ich kenne mich nicht aus“

      • nicht-wissen ist kein Fehler, sondern Beginn von Erkenntnis/ Ausgangspunkt wissenschaftlicher Arbeit (Wissenschaft arbeitet nicht mit sicherheit, sondern Offenheit)

      • Erkenntnis bleibt offen, d.h. hört nie auf → Prozess unabschließbar

  • Expertinnentum

    • lebensweltlich (bspw. in Medien): Moderator*innen oder Prominente gelten schnell als Experte

    • In Sozial- und Humanwissenschaft gilt:

      • Autorität allene zählt nicht

      • Aussagen müssen begründet, überprüft, reflektiert werden

      • Expert*in erkennt eigene Perspektive und prüft sie kritisch


  • Etymologie= Wissenschaft von der Herkunft von Wörtern und der Bedeutungsveränderung

    • Untersucht den Ursprung, die historische Entwicklung und den Bedeutungswandeln (Wörter können ihre Bedeutung verändern → mal positive, mal negative Bedeutug)

  • Kritik

    • lebensweltlich: „du bist aber kritisch“ → negativ konnotiert, als nörgelnd, ablehnend

    • wissenschaftlich: Fähigkeit, Unterschiede zwsch. Dingen zu erkennen und zu begründen

      • gilt als Vorraussetzung für eine eigene, reflektierte Meinung und ist zentral für wissenschaftliches Denken

      • immer mehr kritik herauszuarbeiten ermöglicht differenziertes Urteilen

  • Hermeneutik:

    • Ursprung: griech. Mythologie („Verstehen von Botschaften“)

      • Auslegung heiliger Texte (erster Gegenstand Bibel)

    • Früher: für Auslegung heiliger Texte (erster Gegenstand Bibel)

      • Ziel: feststehenden Sinn richtig erfassen (noch nicht wissenschaftlich)

      • Leitfrage „Verstehe ich das, was eigentlich klar ist, richtig?“

      • Problem: es gibt versch. Bücher, Perspektiven, über denselben Gegenstand

    • heute (wissenschaftliche Bedeutung): Lehre vom Verstehen von Sinn

      • nicht nur Texte, sondern auch Gesten, Handlungen, Zeichen

      • fragt nach Sinn, hinter dem Offensichtlichen/ Alltäglichen

      • Ziel: unterscheiden und zusammendenken können von

        • alltäglichem mitdenken (spontanes, selbstverständliches Verstehen)

        • vs. dem, was wissenschaftlich hinzugefügt wird (z.B. Reflexion, Begründung, Perspektive)

        • d.h. erkennen, welcher Teil meine

        • → alltägliche Verstehen aufnehmen, sichtbar machen, reflektieren, wissenschaftlich einordnen