Planung und Gestaltung von Lehr-Lernprozessen - Pädagogisches Handeln in Schulen

Pädagogische Diagnostik

  • Definition der Pädagogischen Diagnostik (Ingenkamp & Lissmann, 20082008, S. 1313):

    • Die Pädagogische Diagnostik umfasst alle Tätigkeiten, durch die bei einzelnen Lernenden Voraussetzungen und Bedingungen planmäßiger Lehr- und Lernprozesse ermittelt, Lernprozesse analysiert und Lernergebnisse festgestellt werden, um individuelles Lernen zu optimieren.
    • Ferner gehören dazu diagnostische Tätigkeiten, die die Zuweisung zu Lerngruppen, zu individuellen Förderprogrammen oder weiterführenden Bildungsgängen ermöglichen.
  • Funktionen der pädagogischen Diagnostik:

    • Pädagogische Funktion (Lernprozess- und Förderdiagnostik): Dient der Unterstützung individueller Lernprozesse.
    • Gesellschaftliche Funktion (Selektions- und Zuweisungsdiagnostik): Beinhaltet die Beurteilung, die Zuweisung zu Bildungsgängen sowie die Vergabe von Zertifikaten.

Diagnostische Kompetenz von Lehrkräften und Beurteilungsfehler

  • Häufige Beurteilungsfehler bei der Diagnostik:
    • Tendenz zur Mitte: Das Meiden von extremen Aussagen bei der Bewertung.
    • Tendenz zu extremen Urteilen (Extremisierungstendenz): Tritt oft bei mangelnden Differenzierungsmöglichkeiten auf (z. B. nur Einteilung in „Könner“ vs. „Nichtkönner“).
    • Milde- oder Strenge-Effekt: Beeinflusst durch pädagogische Motive oder das Motiv der Demonstration der eigenen Kompetenz als Lehrkraft.
    • Reihungs- und Kontrasteffekte: Die Bewertung wird durch die Reihenfolge beeinflusst. Beispielsweise werden erste Arbeiten oft strenger beurteilt oder eine Arbeit wirkt nach mehreren mäßigen Leistungen besser als sie objektiv ist.
    • Halo-Effekt (Hof-Effekt): Ein Merkmal oder eine Verhaltensweise strahlt auf andere Merkmale aus (z. B. wird eine saubere Schrift inhaltlich besser bewertet; auch das Aussehen oder Auftreten kann die Fachnote beeinflussen).
    • Logische Fehler: Einzelne Merkmale werden aufgrund impliziter Persönlichkeitstheorien oder Vorurteilen fälschlicherweise mit anderen Merkmalen in Verbindung gebracht.

Diagnostische Methoden und Gütekriterien

  • Methoden der Diagnostik:

    • Diagnostischer Test: Ein Routineverfahren zur Untersuchung eines abgrenzbaren Merkmals mit dem Ziel einer quantitativen Aussage über dessen Ausprägung.
    • Diagnostisches Gespräch:
      • Anamnese: Datensammlung zur Vorgeschichte.
      • Exploration: Erkundungsgespräch zur Ausprägung und den Kontextbedingungen.
      • Interview-Befragung: Systematische Erkenntnisse zur Überprüfung von Hypothesen.
    • Diagnostische Beobachtung: Kann systematisch (mit Stichproben und Verhaltenskodierung) oder unsystematisch erfolgen.
  • Gütekriterien der Messung:

    • Objektivität: Der Grad, in dem ein Untersuchungsergebnis unabhängig vom Untersucher ist (hinsichtlich Durchführung, Auswertung und Interpretation).
    • Reliabilität: Der Grad der Genauigkeit und Zuverlässigkeit, mit dem ein Merkmal gemessen wird (unabhängig davon, was gemessen wird).
    • Validität: Der Grad der Genauigkeit, mit dem ein Verfahren tatsächlich das Merkmal misst, das es messen soll (z. B. Inhaltsvalidität, prognostische Validität).

Bezugsnormen und Determinanten der Schulleistung

  • Bezugsnormen der Interpretation:

    • Soziale Bezugsnorm: Vergleich der Leistung mit einer Referenzgruppe (z. B. Klassendurchschnitt, Normstichprobe).
    • Ipsative / individuelle Bezugsnorm: Intraindividueller Vergleich, bei dem der Leistungsfortschritt des einzelnen Schülers im Vordergrund steht (Verbesserung oder Verschlechterung).
    • Kriteriale / sachliche Bezugsnorm: Vergleich mit curricularen Zielkriterien oder Kompetenzstandards (z. B. Erreichung des Regelstandards).
  • Determinanten der Schulleistung (nach Hesse & Latzko, 20112011):

    • Individuelle Lernvoraussetzungen: Schulleistung, Emotionen, Volition, Lernmotivation, Vorwissen, Strategien.
    • Unterrichtsqualität.
    • Kontextfaktoren: Elternhaus, Medien, Schul-/Klassenklima, Peers.
  • Strukturanalyse des Vorwissens in der schulischen Diagnostik:

    • Breite der Wissensmängel: In welchen Fächern oder Themengebieten bestehen Mängel? (Testung über verschiedene Dimensionen).
    • Schwere der Wissensmängel: Wie stark weicht der Wissensstand von der Erwartung des Lehrplans ab? (Testung nach sachlichen Kriterien).
    • Tiefe der Wissensmängel: Wie weit reichen die Wissenslücken zeitlich/inhaltlich zurück? (Testung mit Aufgaben aus mehreren Schuljahren).

Konzepte von Planen und Unterrichten

  • Theoretische Konzepte:

    • Unterrichten erfordert die Konstruktion von Plänen und schnelle „on-line“ Entscheidungen (Leinhardt & Greeno, 19891989).
    • Schön (19831983) spricht von „Design Kompetenz“.
    • Yinger (19871987) bezeichnet es als „improvisational performance“.
  • Der Planungsprozess nach Yinger (19801980):

    1. Konkretisierung der Planungsaufgabe in einer ersten Konzeption.
    2. Elaboration und mentale Überprüfung der Konzeption.
    3. Implementation und Evaluation des Entwurfs.
    • Der Kreislauf der Unterrichtsentwicklung: Planen -> Unterrichten -> Evaluieren/Reflektieren.
  • Unterschiede zwischen Experten und Novizen:

    • Experten: Planen oft mit „mental plans“ (McCutcheon, 19801980) oder nutzen Entwürfe nur als „skeletal frameworks“ (Rosebery, 20052005).
    • Novizen: Planen sehr detailliert, aber oft inkohärent und orientieren sich stark an Oberflächenmerkmalen wie Lebensweltbezug oder Methodenvielfalt.

Ebenen der Planung

  • Drei Ebenen der Planung:

    1. Unterrichtsskripts: Grobe methodische Ausrichtung (Direkte Instruktion, konstruktivistischer Unterricht, offener Unterricht).
    2. Aktivitätsstrukturen: Lehrerpräsentation, Klassengespräch, Einzelarbeit, Gruppenarbeit, Schülerpräsentation, Übergänge.
    3. Didaktische Werkzeuge: Aufgaben, Erklärungen, Beispiele, Impulse, Fragen, Vergleiche.
  • Qualität von Lehr-Lernprozessen:

    • Diese entsteht auf der Ebene der Tiefenstrukturen (Didaktische Werkzeuge).
    • Oberflächenstrukturen umfassen lediglich die Skripts und Aktivitätsstrukturen.

Didaktische Werkzeuge: Analyse und Kategorisierung von Aufgaben

  • Kategoriensystem zur Aufgabenanalyse (Maier et al., 20102010):

    • Art des Wissens: Fakten, Prozeduren, Konzepte, Metakognition.
    • Kognitive Prozesse: Reproduktion, naher Transfer, weiter Transfer, Problemlösen.
    • Anzahl Wissenseinheiten: eine, bis zu 44, mehr als 44.
    • Offenheit der Aufgabenstellung:
      1. definiert und konvergent (klarer Ausgang, eine Lösung).
      2. definiert und divergent (klarer Ausgang, mehrere Lösungen).
      3. ungenau und divergent (Anfangszustand unklar, Gestaltungsaufgabe).
    • Lebensweltbezug (LWB): kein LWB, konstruiert, authentisch, real.
    • Sprachlogische Komplexität: niedrig, mittel, hoch.
    • Repräsentationsform: eine (z. B. nur Text), mehrere (z. B. Text und Grafik), Transformation erforderlich.
  • Beispielaufgabe 11 (Winkelarten):

    • Fragt nach Faktenwissen (Reproduktion kognitiver Prozess).
    • Umfasst bis zu 44 Wissenseinheiten (spitz, stumpf, 90-Grad-Winkel90\text{-Grad-Winkel}).
    • Geringes kognitives Aktivierungspotenzial.
  • Beispielaufgabe 22 (Bewerbungsschreiben verbessern):

    • Aktivierung von mehr als 44 Wissenseinheiten (konzeptuelles Wissen zur Textsorte, Rechtschreibung, Sprachbewusstsein, Formatierung, Softwarebedienung).
    • Kognitiver Prozess: Weiter Transfer. Offenheit: Definiert und divergent.

Unterrichtsskripts im Vergleich

  • Direkte Instruktion (Idealtypisch):

    1. Lehrerpräsentation (Einführung, Anknüpfung).
    2. Klassengespräch (angeleitetes Entwickeln).
    3. Einzel-/Partnerarbeit (Übung).
    4. Klassengespräch (Korrektur).
    5. Zusammenfassung/Sicherung.
  • Konstruktivistisches Lehr-Lern-Skript (Idealtypisch):

    1. Lehrerpräsentation (Einführung eines neuen Problems).
    2. Klassengespräch (Hypothesenbildung).
    3. Gruppen-/Partnerarbeit (Lösungssuche).
    4. Schülerpräsentation (Vergleich der Lösungen).
    5. Klassengespräch (Diskussion und Kommentar).

Das Lehr-Lern-Prozessmodell (nach Klauer & Leutner, 20072007)

  • Das Modell beschreibt den Fluss von der Motivation bis zum Transfer:
    1. Start Motivation: Ist der Lernende motiviert? (Maßnahme: Sorge für Motivation durch interessante Probleme/Atmosphäre).
    2. Informierung: Hat der Lernende alle Informationen? (Maßnahme: Gestaltung der Information, Aufmerksamkeit durch Advance Organizer).
    3. Informationsverarbeitung: Alles verstanden? (Maßnahme: Elaborative Prozesse, Querverbindungen, reduktive Prozesse/Mindmaps).
    4. Speichern und Abrufen: Information im Gedächtnis? (Maßnahme: Einprägestrategien, Übung, Mnemotechnik).
    5. Transfer: Informationen anwendbar? (Maßnahme: Vergleiche, Gemeinsamkeiten/Unterschiede bei ähnlichen Sachverhalten).

Schritte der Planung von Lehr-Lernprozessen

  1. Fachwissenschaftliche und curriculare Voraussetzungen klären:Thematische Strukturierung (hierarchisch, chronologisch).
  2. Lernvoraussetzungen erfassen:
    • Kognitiv (Vorwissen, Strategien).
    • Motivational (Interesse, Selbstwirksamkeit, Leistungsangst).
    • Sozial (Kompetenzen, Beziehungen).
  3. Lernziele / Kompetenzziele formulieren:
    • Unterscheidung in Richtziele, Grobziele, Feinziele.
    • Operationalisierung von Teilzielen für die Beurteilung des Erfolgs.
  4. Verlauf planen: Aktivitätsstrukturen, Zeitbudget, Antizipation von Schüleraktivitäten.
  5. Medien und Materialien auswählen: Repräsentationsmodi (Bruner, 19881988):
    • Enaktiv: Handlungsgebunden.
    • Ikonisch: Bildhaft.
    • Symbolisch: Sprachlich/formal.
  6. Lehr-Lernprozess evaluieren: Feedback zur Güte des Ergebnisses und zum Prozess.

Adaptivität bei der Planung

  • Unterricht sollte adaptiv gestaltet werden durch:
    • Differenzierung der Lernziele auf unterschiedlichen Niveaus.
    • Variation der Komplexität von Erklärungen.
    • Bereitstellung von Aufgaben mit unterschiedlichem Schwierigkeitsgrad.
    • Anpassung des Zeitbudgets.
    • Variation der Repräsentationsmodi.
    • Individuelle Unterstützung (Scaffolding) und Rückmeldung.