Planung und Gestaltung von Lehr-Lernprozessen - Pädagogisches Handeln in Schulen
Pädagogische Diagnostik
Definition der Pädagogischen Diagnostik (Ingenkamp & Lissmann, , S. ):
- Die Pädagogische Diagnostik umfasst alle Tätigkeiten, durch die bei einzelnen Lernenden Voraussetzungen und Bedingungen planmäßiger Lehr- und Lernprozesse ermittelt, Lernprozesse analysiert und Lernergebnisse festgestellt werden, um individuelles Lernen zu optimieren.
- Ferner gehören dazu diagnostische Tätigkeiten, die die Zuweisung zu Lerngruppen, zu individuellen Förderprogrammen oder weiterführenden Bildungsgängen ermöglichen.
Funktionen der pädagogischen Diagnostik:
- Pädagogische Funktion (Lernprozess- und Förderdiagnostik): Dient der Unterstützung individueller Lernprozesse.
- Gesellschaftliche Funktion (Selektions- und Zuweisungsdiagnostik): Beinhaltet die Beurteilung, die Zuweisung zu Bildungsgängen sowie die Vergabe von Zertifikaten.
Diagnostische Kompetenz von Lehrkräften und Beurteilungsfehler
- Häufige Beurteilungsfehler bei der Diagnostik:
- Tendenz zur Mitte: Das Meiden von extremen Aussagen bei der Bewertung.
- Tendenz zu extremen Urteilen (Extremisierungstendenz): Tritt oft bei mangelnden Differenzierungsmöglichkeiten auf (z. B. nur Einteilung in „Könner“ vs. „Nichtkönner“).
- Milde- oder Strenge-Effekt: Beeinflusst durch pädagogische Motive oder das Motiv der Demonstration der eigenen Kompetenz als Lehrkraft.
- Reihungs- und Kontrasteffekte: Die Bewertung wird durch die Reihenfolge beeinflusst. Beispielsweise werden erste Arbeiten oft strenger beurteilt oder eine Arbeit wirkt nach mehreren mäßigen Leistungen besser als sie objektiv ist.
- Halo-Effekt (Hof-Effekt): Ein Merkmal oder eine Verhaltensweise strahlt auf andere Merkmale aus (z. B. wird eine saubere Schrift inhaltlich besser bewertet; auch das Aussehen oder Auftreten kann die Fachnote beeinflussen).
- Logische Fehler: Einzelne Merkmale werden aufgrund impliziter Persönlichkeitstheorien oder Vorurteilen fälschlicherweise mit anderen Merkmalen in Verbindung gebracht.
Diagnostische Methoden und Gütekriterien
Methoden der Diagnostik:
- Diagnostischer Test: Ein Routineverfahren zur Untersuchung eines abgrenzbaren Merkmals mit dem Ziel einer quantitativen Aussage über dessen Ausprägung.
- Diagnostisches Gespräch:
- Anamnese: Datensammlung zur Vorgeschichte.
- Exploration: Erkundungsgespräch zur Ausprägung und den Kontextbedingungen.
- Interview-Befragung: Systematische Erkenntnisse zur Überprüfung von Hypothesen.
- Diagnostische Beobachtung: Kann systematisch (mit Stichproben und Verhaltenskodierung) oder unsystematisch erfolgen.
Gütekriterien der Messung:
- Objektivität: Der Grad, in dem ein Untersuchungsergebnis unabhängig vom Untersucher ist (hinsichtlich Durchführung, Auswertung und Interpretation).
- Reliabilität: Der Grad der Genauigkeit und Zuverlässigkeit, mit dem ein Merkmal gemessen wird (unabhängig davon, was gemessen wird).
- Validität: Der Grad der Genauigkeit, mit dem ein Verfahren tatsächlich das Merkmal misst, das es messen soll (z. B. Inhaltsvalidität, prognostische Validität).
Bezugsnormen und Determinanten der Schulleistung
Bezugsnormen der Interpretation:
- Soziale Bezugsnorm: Vergleich der Leistung mit einer Referenzgruppe (z. B. Klassendurchschnitt, Normstichprobe).
- Ipsative / individuelle Bezugsnorm: Intraindividueller Vergleich, bei dem der Leistungsfortschritt des einzelnen Schülers im Vordergrund steht (Verbesserung oder Verschlechterung).
- Kriteriale / sachliche Bezugsnorm: Vergleich mit curricularen Zielkriterien oder Kompetenzstandards (z. B. Erreichung des Regelstandards).
Determinanten der Schulleistung (nach Hesse & Latzko, ):
- Individuelle Lernvoraussetzungen: Schulleistung, Emotionen, Volition, Lernmotivation, Vorwissen, Strategien.
- Unterrichtsqualität.
- Kontextfaktoren: Elternhaus, Medien, Schul-/Klassenklima, Peers.
Strukturanalyse des Vorwissens in der schulischen Diagnostik:
- Breite der Wissensmängel: In welchen Fächern oder Themengebieten bestehen Mängel? (Testung über verschiedene Dimensionen).
- Schwere der Wissensmängel: Wie stark weicht der Wissensstand von der Erwartung des Lehrplans ab? (Testung nach sachlichen Kriterien).
- Tiefe der Wissensmängel: Wie weit reichen die Wissenslücken zeitlich/inhaltlich zurück? (Testung mit Aufgaben aus mehreren Schuljahren).
Konzepte von Planen und Unterrichten
Theoretische Konzepte:
- Unterrichten erfordert die Konstruktion von Plänen und schnelle „on-line“ Entscheidungen (Leinhardt & Greeno, ).
- Schön () spricht von „Design Kompetenz“.
- Yinger () bezeichnet es als „improvisational performance“.
Der Planungsprozess nach Yinger ():
- Konkretisierung der Planungsaufgabe in einer ersten Konzeption.
- Elaboration und mentale Überprüfung der Konzeption.
- Implementation und Evaluation des Entwurfs.
- Der Kreislauf der Unterrichtsentwicklung: Planen -> Unterrichten -> Evaluieren/Reflektieren.
Unterschiede zwischen Experten und Novizen:
- Experten: Planen oft mit „mental plans“ (McCutcheon, ) oder nutzen Entwürfe nur als „skeletal frameworks“ (Rosebery, ).
- Novizen: Planen sehr detailliert, aber oft inkohärent und orientieren sich stark an Oberflächenmerkmalen wie Lebensweltbezug oder Methodenvielfalt.
Ebenen der Planung
Drei Ebenen der Planung:
- Unterrichtsskripts: Grobe methodische Ausrichtung (Direkte Instruktion, konstruktivistischer Unterricht, offener Unterricht).
- Aktivitätsstrukturen: Lehrerpräsentation, Klassengespräch, Einzelarbeit, Gruppenarbeit, Schülerpräsentation, Übergänge.
- Didaktische Werkzeuge: Aufgaben, Erklärungen, Beispiele, Impulse, Fragen, Vergleiche.
Qualität von Lehr-Lernprozessen:
- Diese entsteht auf der Ebene der Tiefenstrukturen (Didaktische Werkzeuge).
- Oberflächenstrukturen umfassen lediglich die Skripts und Aktivitätsstrukturen.
Didaktische Werkzeuge: Analyse und Kategorisierung von Aufgaben
Kategoriensystem zur Aufgabenanalyse (Maier et al., ):
- Art des Wissens: Fakten, Prozeduren, Konzepte, Metakognition.
- Kognitive Prozesse: Reproduktion, naher Transfer, weiter Transfer, Problemlösen.
- Anzahl Wissenseinheiten: eine, bis zu , mehr als .
- Offenheit der Aufgabenstellung:
- definiert und konvergent (klarer Ausgang, eine Lösung).
- definiert und divergent (klarer Ausgang, mehrere Lösungen).
- ungenau und divergent (Anfangszustand unklar, Gestaltungsaufgabe).
- Lebensweltbezug (LWB): kein LWB, konstruiert, authentisch, real.
- Sprachlogische Komplexität: niedrig, mittel, hoch.
- Repräsentationsform: eine (z. B. nur Text), mehrere (z. B. Text und Grafik), Transformation erforderlich.
Beispielaufgabe (Winkelarten):
- Fragt nach Faktenwissen (Reproduktion kognitiver Prozess).
- Umfasst bis zu Wissenseinheiten (spitz, stumpf, ).
- Geringes kognitives Aktivierungspotenzial.
Beispielaufgabe (Bewerbungsschreiben verbessern):
- Aktivierung von mehr als Wissenseinheiten (konzeptuelles Wissen zur Textsorte, Rechtschreibung, Sprachbewusstsein, Formatierung, Softwarebedienung).
- Kognitiver Prozess: Weiter Transfer. Offenheit: Definiert und divergent.
Unterrichtsskripts im Vergleich
Direkte Instruktion (Idealtypisch):
- Lehrerpräsentation (Einführung, Anknüpfung).
- Klassengespräch (angeleitetes Entwickeln).
- Einzel-/Partnerarbeit (Übung).
- Klassengespräch (Korrektur).
- Zusammenfassung/Sicherung.
Konstruktivistisches Lehr-Lern-Skript (Idealtypisch):
- Lehrerpräsentation (Einführung eines neuen Problems).
- Klassengespräch (Hypothesenbildung).
- Gruppen-/Partnerarbeit (Lösungssuche).
- Schülerpräsentation (Vergleich der Lösungen).
- Klassengespräch (Diskussion und Kommentar).
Das Lehr-Lern-Prozessmodell (nach Klauer & Leutner, )
- Das Modell beschreibt den Fluss von der Motivation bis zum Transfer:
- Start Motivation: Ist der Lernende motiviert? (Maßnahme: Sorge für Motivation durch interessante Probleme/Atmosphäre).
- Informierung: Hat der Lernende alle Informationen? (Maßnahme: Gestaltung der Information, Aufmerksamkeit durch Advance Organizer).
- Informationsverarbeitung: Alles verstanden? (Maßnahme: Elaborative Prozesse, Querverbindungen, reduktive Prozesse/Mindmaps).
- Speichern und Abrufen: Information im Gedächtnis? (Maßnahme: Einprägestrategien, Übung, Mnemotechnik).
- Transfer: Informationen anwendbar? (Maßnahme: Vergleiche, Gemeinsamkeiten/Unterschiede bei ähnlichen Sachverhalten).
Schritte der Planung von Lehr-Lernprozessen
- Fachwissenschaftliche und curriculare Voraussetzungen klären:Thematische Strukturierung (hierarchisch, chronologisch).
- Lernvoraussetzungen erfassen:
- Kognitiv (Vorwissen, Strategien).
- Motivational (Interesse, Selbstwirksamkeit, Leistungsangst).
- Sozial (Kompetenzen, Beziehungen).
- Lernziele / Kompetenzziele formulieren:
- Unterscheidung in Richtziele, Grobziele, Feinziele.
- Operationalisierung von Teilzielen für die Beurteilung des Erfolgs.
- Verlauf planen: Aktivitätsstrukturen, Zeitbudget, Antizipation von Schüleraktivitäten.
- Medien und Materialien auswählen: Repräsentationsmodi (Bruner, ):
- Enaktiv: Handlungsgebunden.
- Ikonisch: Bildhaft.
- Symbolisch: Sprachlich/formal.
- Lehr-Lernprozess evaluieren: Feedback zur Güte des Ergebnisses und zum Prozess.
Adaptivität bei der Planung
- Unterricht sollte adaptiv gestaltet werden durch:
- Differenzierung der Lernziele auf unterschiedlichen Niveaus.
- Variation der Komplexität von Erklärungen.
- Bereitstellung von Aufgaben mit unterschiedlichem Schwierigkeitsgrad.
- Anpassung des Zeitbudgets.
- Variation der Repräsentationsmodi.
- Individuelle Unterstützung (Scaffolding) und Rückmeldung.