Lektion 4 text 2

Die Reise der Sprachen

Maria saß in einem kleinen Café in Berlin und beobachtete die Menschen auf der Straße. Es war ein grauer Nachmittag im November, und der Regen klopfte leise gegen das Fenster. Sie hatte ihren Kaffee schon fast getrunken, als plötzlich ihr Handy vibrierte. Eine Nachricht von ihrer Freundin Sophie erschien auf dem Bildschirm: "Ich komme gleich! Entschuldige die Verspätung."

Maria lächelte und schrieb zurück, dass es keine Eile gab. Sie hatte heute den ganzen Nachmittag frei und freute sich darauf, mit Sophie zu sprechen. Die beiden Frauen hatten sich seit drei Monaten nicht mehr gesehen, weil Sophie für ihre Arbeit viel gereist war.

Zehn Minuten später kam Sophie herein. Sie trug einen dunkelblauen Mantel und hatte einen roten Schal um den Hals gewickelt. "Maria! Endlich!" Sie umarmte ihre Freundin herzlich und setzte sich ihr gegenüber. Aus ihrer Tasche holte sie ein Portemonnaie und legte es auf den Tisch. "Ich lade dich heute ein, okay? Ich habe so viel zu erzählen."

"Worüber möchtest du zuerst sprechen?", fragte Maria neugierig.

"Über meine Reise nach Portugal. Es war unglaublich!"

Sophie hatte in Lissabon einen Sprachkurs an einer kleinen Sprachenschule besucht. Sie hatte schon immer davon geträumt, Portugiesisch zu lernen, aber ihr Alltag in Deutschland ließ ihr nie genug Zeit dafür. Jedenfalls war sie jetzt drei Wochen dort gewesen und hatte viel gelernt.

"Ich kann natürlich noch nicht fließend sprechen", sagte Sophie ehrlich, "aber ich verstehe schon ziemlich viel. Es ist schwieriger als ich dachte. Eine Fremdsprache zu lernen, ist wirklich harte Arbeit."

Maria nickte. Sie selbst hatte schon jahrelang Französisch gelernt, und trotzdem fühlte sie sich manchmal unsicher, wenn sie mit Franzosen sprach. "Wieso findest du es so schwierig? Das Portugiesische ist doch dem Spanischen ähnlich, oder?"

"Ja, aber die Aussprache ist eine Katastrophe für mich!", lachte Sophie. "Ich übe jeden Abend vor dem Spiegel, aber es klingt immer noch komisch. Darum habe ich meinen Lehrer gefragt, wie ich mich verbessern kann."

"Und was hat er gesagt?"

"Er meinte, ich soll mich nicht so viel anstrengen. Entspannung ist wichtig. Außerdem soll ich jeden Satz laut wiederholen und meine eigene Stimme aufnehmen. Die Wiederholung ist der Schlüssel."

Maria fand das interessant. Sie bestellte noch einen Kaffee und überlegte, ob sie selbst etwas Ähnliches machen sollte. Ihr Französisch war gut, aber irgendwann wollte sie auch Italienisch lernen. Das war schon lange ihr Traum gewesen.

"Weißt du", begann Sophie nach einer kurzen Pause, "in Lissabon habe ich eine sehr interessante Frau kennengelernt. Sie heißt Isabel und ist Autorin. Sie schreibt Kinderbücher, und wir haben uns lange über Sprachen unterhalten."

"Worüber genau habt ihr gesprochen?"

"Über Dialekte, zum Beispiel. Isabel hat mir erklärt, dass sich das Portugiesisch in Portugal stark von dem in Brasilien unterscheidet. Es ist fast wie zwei verschiedene Sprachen! Der Dialekt in Porto klingt auch anders als der in Lissabon."

"Das ist ja wie bei uns in Deutschland", sagte Maria. "Bayrisch und Hochdeutsch zu vergleichen ist manchmal wirklich schwierig. Mein Opa aus München redet so schnell, dass ich ihn kaum verstehe."

Sophie lachte. "Genau! Isabel hat auch gesagt, dass ihre Muttersprache eigentlich Galicisch ist. Sie stammt aus einem kleinen Dorf im Norden Spaniens, aber ihre Familie war später nach Portugal gezogen. Deswegen spricht sie beide Sprachen perfekt."

"Was für ein spannendes Leben!"

"Ja, und sie hat mir auch viel über die Schrift des Galicischen erzählt. Die Rechtschreibung ist anders als im Spanischen, obwohl die Sprachen sich sehr ähneln. Isabel hat sogar einige ihrer Bücher für mich übersetzt, damit ich sie lesen konnte."

"Das war aber nett von ihr!"

"Daher habe ich mich natürlich sehr bei ihr bedankt. Ich habe ihr versprochen, dass ich sie bald wieder besuche."

Maria hörte gespannt zu. Sie hatte gar keine Idee gehabt, wie tief Sophie in die portugiesische Kultur eingetaucht war. Da saß ihre alte Freundin vor ihr, und sie wirkte wie eine ganz neue Person. Reisen konnten Menschen wirklich verändern.

"Und was hast du jetzt vor?", fragte Maria. "Willst du weiter Portugiesisch lernen?"

"Auf jeden Fall! Ich möchte meine Kenntnisse verbessern und irgendwann einen längeren Aufenthalt in Brasilien planen. Halt Schritt für Schritt, weißt du?"

"Das klingt nach einem tollen Plan."

Sophie trank einen Schluck von ihrem Tee und schaute Maria direkt in die Augen. "Ich muss dir auch die Wahrheit sagen. Ich habe ein bisschen gelogen, als ich sagte, dass meine Reise nur ein Sprachkurs war."

Maria zog die Augenbrauen hoch. "Wie meinst du das?"

"Na ja, eigentlich habe ich auch jemanden kennengelernt. Einen Mann. Er heißt Rui und arbeitet als Journalist. Er hat sogar einmal den Präsidenten Portugals interviewt!"

"Sophie! Warum hast du das nicht gleich gesagt?"

"Ich wollte erst sehen, ob es ernst wird. Aber jetzt weiß ich es. Wir schreiben uns jeden Tag, und ich werde im Januar wieder nach Lissabon fliegen."

Maria war überrascht, aber auch glücklich für ihre Freundin. Sie wusste, wie lange Sophie allein gewesen war. Nach der Trennung von ihrem letzten Freund vor zwei Jahren hatte sie sich ausschließlich auf ihre Arbeit konzentriert.

"Ich freue mich so für dich! Aber was ist mit der Sprache? Sprecht ihr Englisch miteinander?"

"Am Anfang ja. Aber Rui hilft mir jetzt mit meinem Portugiesisch. Er korrigiert meine Ausdrücke und erklärt mir alles noch mal, wenn ich etwas nicht verstehe. Er ist sehr geduldig."

"Das ist wunderbar. Liebe ist wirklich die beste Motivation, eine Sprache zu lernen!"

Die beiden Frauen lachten zusammen. Draußen hatte es aufgehört zu regnen, und ein schwaches Licht kam durch die Wolken. Maria sah auf ihre Uhr. Sie saßen schon seit zwei Stunden im Café, aber die Zeit war wie im Flug vergangen.

"Übrigens", sagte Sophie plötzlich, "weißt du, was mich am meisten beeindruckt hat? Ruis Mutter spricht sieben Sprachen fließend. Sieben! Sie hat ihre Kinder zweisprachig erzogen, und jetzt sprechen alle drei Geschwister mehrere Sprachen."

"Unglaublich."

"Sie hat mir gesagt: 'Sprachen sind wie Schlüssel. Jede öffnet eine neue Welt.' Darum wollte ich dich fragen, Maria: Hättest du Lust, mit mir zusammen einen Italienischkurs zu besuchen? Du hast doch immer davon geträumt."

Maria überlegte kurz. "Wenn ich genug Zeit hätte, würde ich sofort Ja sagen. Aber mit meiner neuen Arbeit..."

"Komm schon! Einmal pro Woche, abends. Das schaffst du bestimmt."

"Okay, okay. Ich denke darüber nach."

Bevor sie das Café verließen, bezahlte Sophie die Rechnung und Maria bedankte sich herzlich. Auf der Straße umarmten sich die beiden Freundinnen noch einmal.

"Weißt du", sagte Maria leise, "ich glaube, du hast in Portugal nicht nur eine Sprache gelernt. Du hast auch dich selbst wiedergefunden."

Sophie lächelte nur und sagte nichts. Sie musste auch gar nichts sagen. Manchmal erklärt ein Blick mehr als tausend Worte, egal in welcher Sprache.

Als Maria später allein nach Hause ging, dachte sie über alles nach, was sie gehört hatte. Zu Hause ging sie in den kleinen Keller ihrer Wohnung, wo sie alte Bücher aufbewahrte. Zwischen den staubigen Kartons fand sie ihr altes italienisches Lehrbuch aus der Schulzeit. Sie öffnete es vorsichtig und las den ersten Satz: "Buongiorno! Come stai?"

Sie lächelte. Vielleicht war es wirklich Zeit für einen Neuanfang.