Fallvorstellungen und biomechanische Prinzipien der Ulna-Schaftfrakturen
Grundlagen der Frakturstabilität und Knochenheilung
- Konzepte der Stabilität:
- Die Wahl des Osteosyntheseverfahrens hängt entscheidend davon ab, ob eine relative oder eine absolute Stabilität angestrebt wird.
- Absolute Stabilität: Ziel ist es, jegliche Mikrobewegungen im Frakturspalt zu eliminieren, was primär durch Kompression (z. B. Zugschraube oder Kompressionsplatte) erreicht wird. Dies führt zur direkten Knochenheilung ohne Kallusbildung.
- Relative Stabilität: Erlaubt geringfügige Bewegungen, die die Kallusbildung (indirekte Knochenheilung) stimulieren, oft erreicht durch Marknägel oder Überbrückungsplatten.
Fallvorstellung 1: Unkomplizierte Ulna-Schaftfraktur
- Patientenprofil:
- Alter: 56 Jahre.
- Geschlecht: Männlich.
- Anamnese: Ansonsten gesunder Patient, stellt sich nach einem Verkehrsunfall im Jahr 2024 in der Rettungsstelle vor.
- Nebendiagnosen: Keine Vorerkrankungen; lediglich kleine Schürfverletzungen im Gesicht.
- Klinischer Befund:
- Hauptbeschwerde: Schmerzen im linken Unterarm.
- Periphere Durchblutung, Motorik und Sensibilität (pDMS): Vollständig erhalten.
- Diagnostik:
- Röntgenbefund: Ulna-Schaftfraktur.
- Klassifikation: AO-Klassifikation A1.
- Operative Versorgung:
- Lagerung: Rückenlage mit einem ausgelagerten Armtisch.
- Zugangsweg: Direkter Zugang zwischen den Muskelgruppen der Extensoren und Flexoren.
- Fixierung: Durchführung einer metaphysealen Plattenosteosynthese.
- Ergebnis: Postoperativ zeigt sich eine sehr gute anatomische Reposition in den Röntgenbildern.
- Verlauf und Konsolidierung:
- 6-Wochen-Kontrolle: Die Frakturkonsolidierung ist gut fortgeschritten.
- Langzeitverlauf (1,5 bis 2 Jahre später): Der Patient ist komplett beschwerdefrei; die Fraktur ist vollständig konsolidiert.
- Materialentfernung: Aufgrund eines störenden Gefühls über der Platte wurde knapp 2 Wochen vor der Präsentation eine komplikationslose ambulante Materialentfernung durchgeführt.
Fallvorstellung 2: Komplizierter Verlauf bei einem Profifußballer
- Patientenprofil:
- Alter: 27 Jahre.
- Beruf: Profifußballer.
- Anamnese: Sturz auf den linken Arm während eines Fußballspiels im Jahr 2024.
- Diagnostik:
- Verletzungsmorphologie: Ulna-Schaftfraktur, klassifiziert als A3-Verletzung.
- Primärversorgung (Extern):
- Durchführung einer Osteosynthese mit einer 6-Loch-LCP (Locking Compression Plate).
- Verwendung einer plattenabhängigen Zugschraube.
- Kritische Analyse der Primärversorgung:
- Frakturüberbrückung: Es ist fraglich, ob eine 6-Loch-Platte bei dieser Morphologie genügend Stabilität bietet.
- Zugschraube: Die Positionierung und der Nutzwert der plattenabhängigen Zugschraube in diesem Fall sind diskussionswürdig.
- Reposition: Zweifel an der Erreichung einer echten anatomischen Reposition.
- Lockerungszeichen: Bereits im Röntgenbild nach knapp 2 Monaten zeigen sich Anzeichen einer Lockerung (leichtes Abstehen der Platte).
- Komplikation:
- Entwicklung einer hypertrophen Pseudarthrose.
- Subjektives Instabilitätsgefühl des Patienten.
- Revisionsoperation:
- Wechsel auf eine längere 9-Loch-Metaphysenplatte.
- Zusätzliche Maßnahmen: Anfrischung der Frakturenden und Durchführung einer Spongiosaplastik zur Biologiestimulation.
- Infektausschluss: Intraoperative mikrobiologische Proben waren negativ (kein Bakteriennachweis).
- Postoperative Behandlung: Empirische Antibiotikatherapie über einen gewissen Zeitraum.
Biomechanische Analyse und Prinzipien der Unterarmfraktur
- Stabilitätsanforderungen beim Erwachsenen:
- Am Unterarm ist bei Erwachsenen eine anatomische Reposition und absolute Stabilität zwingend erforderlich.
- Speziell im Ulna-Bereich ist Kompression entscheidend für die Heilung.
- Eine hypertrophe Pseudarthrose ist immer ein Zeichen für ungenügende Stabilität bei erhaltener Biologie (der Körper versucht zu heilen, kann aber die mechanische Instabilität nicht überbrücken).
- Problem der Zugschraube bei Querfrakturen:
- Eine Zugschraube muss idealerweise im 90o-Winkel zur Frakturlinie stehen, um interfragmentäre Kompression zu erzeugen.
- Bei einer Querfraktur ist eine Zugschraube technisch oft nicht sinnvoll einsetzbar und kann die Heilung eher stören als fördern.
- Konservative Therapie:
- Die Behandlung einer Ulna-Schaftfraktur (klassische "Parierfraktur") mittels Oberarmschiene ist beim Erwachsenen oft nicht erfolgreich und führt häufig zu Non-Unions.
Vergleich: Kinderchirurgie vs. Erwachsenenorthopädie
- Frakturheilung bei Kindern:
- Die Knochenheilung bei Kindern erfolgt wesentlich schneller (oft innerhalb von maximal 3 Wochen fest konsolidiert).
- Verfahren: ESIN (Elastic Stable Intramedullary Nailing).
- Vorteil bei Kindern: Die biologische Aktivität und das Wachstum sind so hoch, dass Rotationsstabilität und absolute Kompression weniger kritisch sind als beim Erwachsenen.
- Prinzip: Intramedulläre Schienung.
- Unterschied zum Erwachsenen:
- Beim Erwachsenen führt eine intramedulläre Schienung am Unterarm zu Rotationsinstabilität.
- Erwachsene benötigen die mechanische Kompression (z. B. mittels LCP oder LCDCP), um eine Konsolidierung zu erreichen.
Fragen & Diskussion aus dem Plenum
- Frage zur Zugschraube bei Querfrakturen:
- Frage: Wie kann man bei einer Querfraktur eine interfragmentäre Zugschraube setzen?
- Antwort: Bei einer reinen Querfraktur geht das technisch nicht sinnvoll. Die Schraube müsste im 90o-Winkel zur Fraktur stehen, um Kompression zu erzeugen. Im vorgestellten Fall hat die Zugschraube die Heilung eher behindert.
- Frage zu ESIN vs. Platte:
- Frage: Warum nutzt man bei Kindern ESIN und bei Erwachsenen Platten?
- Antwort: Die Biologie ist der entscheidende Faktor. Kinder haben ein enormes Wachstumspotenzial. Bei Erwachsenen ist die Rotationsinstabilität ohne Platte zu hoch und die notwendige Kompression kann nur durch Plattenosteosynthese (z. B. nach den Prinzipien von Martin Jordan) erzeugt werden.
- Abschließendes Fazit:
- Einfache Frakturen erfordern eine konsequente Anwendung der chirurgischen Prinzipien (AO-Prinzipien).
- Moderne Implantate (LCP) entbinden den Chirurgen nicht von der Notwendigkeit einer korrekten Technik (Kompression, Plattenlänge).