Motivationspsychologische Kernkonzepte: Implizite/Explizite Motive, Annäherung & Vermeidung, Selbstbestimmungstheorie, Intrinsik & Extrinsik, Flow
Implizite vs. Explizite Motive
Grundbegriffe
- Implizite Motive
- Affektbasierte, vielfach unbewusste Präferenzen
- Wurzeln in vorsprachlichen Lernerfahrungen der frühen Kindheit
- Werden vor allem mit projektiven Verfahren (z. B. TAT-Bildgeschichten) erfasst
- Explizite Motive
- Bewusste Selbstzuschreibungen (Selbstkonzept‐Ebene)
- Entstehen durch sprachliche Interaktion und soziale Erwartungen
- Erfassbar mittels Fragebögen/Selbstberichten
- Empirie: geringe Korrelation zwischen TAT-Werten und Selbstbericht ⇒ Hinweis auf zwei getrennte Motivsysteme
Verhaltenskorrelate
- Implizite Motive „liefern Energie“ (innerer Antrieb); explizite Motive „liefern Richtung“ (bewusste Zielsetzung)
- Explizite Motive sagen respondentes Verhalten in klar strukturierten Situationen vorher
· Beispiel: Wahl eines Referatsthemas - Implizite Motive sagen operantes Verhalten in offenen Situationen vorher
· Beispiel: langfristige Karrierewahl
Relevante Anreize
- Ohne Anreiz keine Verhaltenswirkung
- Implizite Motive → reagieren auf intrinsische Anreize (Neuheit, Herausforderung, eigener Gütemaßstab)
· Leistungsmotivierte wollen komplexe Aufgaben, nicht außen induzierten Druck - Explizite Motive → reagieren auf extrinsische Anreize (Bewertung, Anerkennung, soziale Folgen)
Entstehung (McClelland et al., 1989)
- Implizit: Lernen über affektive Konsequenzen noch vor dem Spracherwerb
· Stolz beim Übersteigen eines Hindernisses … - Explizit: spätere, sprachlich vermittelte Normen
· „Im Leben zählt Erfolg, mein Kind.“
Messmethoden
- Implizit: indirekte Verfahren (TAT, PSE, IAT, OBI etc.)
- Explizit: Fragebögen (z. B. Personality Research Form)
Zusammenwirken & (In)Kongruenz
- Vier Kombinationsmuster (Brunstein & Hoyer, 2002)
- Motive beide niedrig → konfliktfrei, aber wenig Antrieb (Kongruenz I)
- Motive beide hoch → Energie + bewusste Ziele bündeln sich (Kongruenz II)
- Impl. hoch / Expl. niedrig → „Mir fehlt irgendwas“ (Ink. I)
- Impl. niedrig / Expl. hoch → „Ich muss mich überwinden“ (Ink. II)
- Motivinkongruenz
- Versteckter Stressor (hidden stressor)
- Beeinträchtigt Ausführung, Wohlbefinden, Physiologie
Ursachen der Inkongruenz
- Schwache Körper-/Affektwahrnehmung
- Übermäßige Orientierung an sozialer Umwelt
- Mangelhafte referentielle Kompetenz (Übersetzung non-verbal ⇄ verbal)
Reduktionsstrategien
- Affektzustände in Zielsetzung einbeziehen (Zielimagination)
- Laufende Selbstbeobachtung: „Wie fühlt sich das Ziel an?“
- Emotionale Selbstoffenbarung, um Stress zu mindern
Annäherung vs. Vermeidung
Neurobiologische Grundlagen
- Frontale Asymmetrie (Davidson et al., 1979)
· Links > rechts = Annäherung
· Rechts > links = Vermeidung - Gray’s BIS/BAS-Modell (1979)
- BIS (Behavioural Inhibition System)
· Sitz: Septo-Hippokampus
· Aktiviert durch Erwartung von Strafe/Unsicherheit → Angst, Verhaltenshemmung - BAS (Behavioural Activation System)
· Sitz: dorsales & ventrales Striatum
· Aktiviert durch Belohnungshinweise → Annäherung
Temperamentsannahme
- Annäherungs- und Vermeidungssensibilität als Basistendenzen der Persönlichkeit
· Parallelen zu Extraversion (BAS) und Neurotizismus (BIS)
Hoffnung- und Furchtmotive
- Jedes Basismotiv (Leistung, Macht, Anschluss) teilt sich in Hoffnung (Annäherung) und Furcht (Vermeidung)
| Motiv | Hoffnung (Ziel) | Furcht (zu vermeidender Zustand) |
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|---|
| Leistung | Erfolg, Kompetenz | Misserfolg, Inkompetenz |
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| Macht | Kontrolle, Einfluss | Machtlosigkeit |
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| Anschluss | Zugehörigkeit | Zurückweisung | |
| Dispositionen verfestigen sich durch self-fulfilling prophecy (Erwartung → Verhalten → Erfahrung) | | | |
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Regulationsfokustheorie (Higgins, 1997) | | | |
- Promotionsfokus
- Orientierung am Ideal-Selbst (Gewinne maximieren)
- Aktives, freudvolles Vorgehen; Erfolg ⇒ Freude, Misserfolg ⇒ Trauer
- Präventionsfokus
- Orientierung am Soll-Selbst (Verluste minimieren)
- Vorsichtig, genau; Erfolg ⇒ Erleichterung, Misserfolg ⇒ Angst
- Soziales Lernen: Fürsorge/Nahrung → Promotion; Sicherheit/Schutz → Prävention
- Regulatory fit: Passung zwischen dispositionellem und situativem Fokus ⇒ höhere Motivation & Performanz
Zieltypen im Leistungskontext (Elliot & Church)
- Vier Kombinationen aus Valenz (±) × Referenz (Lernen vs. Leistung)
- Annäherungs-Lernziel
· „Ich will möglichst viel lernen.“ → beste Performanz & Wohlbefinden - Annäherungs-Leistungsziel
· „Ich will besser sein als alle.“ - Vermeidungs-Lernziel
· „Ich will vermeiden, Stoff nicht zu verstehen.“ - Vermeidungs-Leistungsziel
· „Ich will nicht schlechter sein als andere.“
- Vermeidungsziele → stärkeres Versagensdenken, geringere Leistung
Anschlusskontext
- Annäherungsziele → soziale Initiative, Zufriedenheit
- Vermeidungsziele → Einsamkeit, Sensitivität für Zurückweisung
Sind Vermeidungsziele immer schlecht?
- Altersverlauf: junge Erwachsene → Optimierung; ältere → Kompensation
- Gesundheitspsychologie: „Nicht rauchen, um Lungenkrebs zu verhindern“ kann sinnvoll sein
Unbewusste Aktivierung
- Automotive-Theorie (Bargh): Kontextreize, die mit Ziel assoziiert sind, lösen Verhalten automatisch aus (Priming)
- Elliot et al. (2007): rotes Deckblatt ⇒ schlechtere Testleistung
Intrinsische & Extrinsische Motivation
Definitionen
- Intrinsisch: Tätigkeit wird um ihrer selbst willen ausgeführt (Interesse, Neugier, Werte)
- Extrinsisch: Tätigkeit als Mittel zum Zweck (Belohnung, Bewertung, Geld)
Selbstbestimmungstheorie (SDT; Deci & Ryan)
- Umfasst drei Teiltheorien
1) Kognitive Bewertungstheorie
- Menschen haben inhärente Tendenz zu Lernen & Herausforderung
- Korrumpierungseffekt: Externe Belohnungen/Zeitdruck verlagern wahrgenommenen Handlungsursprung von „intern“ nach „extern“ ⇒ geringere Intrinsik
· Deci (1971)-Studie mit Puzzles (Bezahlung ⇒ weniger freiwilliges Weiterpuzzeln)
2) Theorie der organismischen Integration
- Regulationsformen auf Kontinuum [extern→intrinsisch]
- Extern, Introjiziert (Schuld vermeiden), Identifiziert (Passung zu Idealen), Integriert, Intrinsisch
3) Theorie der Basisbedürfnisse
- Drei universelle Bedürfnisse
- Autonomie – Gefühl freiwilligen Handelns
- Kompetenz – Wirksamkeitserleben
- Soziale Eingebundenheit – Zugehörigkeit & Unterstützung
- Soziale Umgebung kann Bedürfnisbefriedigung unterstützen (Autonomie-unterstützend, strukturiert, zugewandt) oder behindern (kontrollierend, chaotisch, distanziert)
Intrinsische Motivation & Erwartungs-mal-Wert (EMV)
- Problem: Aktivitäten, die auch ohne Ergebniswert verfolgt werden
⇒ Unterscheidung Tätigkeits- vs. Zweckanreize
Nu¨tzlichkeit=Erwartung×Wert greift nur für Zweckanreize
Intrinsische Motivation & Ziele
- Lernzielorientierung
· Leistung veränderbar → weniger Angst → mehr Intrinsik - Leistungszielorientierung
· Leistung stabile Eigenschaft → Zweifel → weniger Intrinsik - Zielsystemtheorie (Shah & Kruglanski)
· Intrinsik hoch, wenn Aktivität eindeutig & exklusiv ein Ziel bedient
· Ziel-Mittel-Kongruenz zentral
Flow (Csikszentmihalyi 1975)
- Merkmale
- Tiefes Involvement (Tätigkeit als Selbstzweck)
- Verschmelzung von Handlung & Bewusstsein (keine Selbstreflexion)
- Gefühl totaler Kontrolle
- Veränderte Zeitwahrnehmung
- Bedingungen
- Passung Forderung ↔ Fähigkeit ("Challenge-Skill-Balance")
- Klare Ziele
- Unmittelbares Feedback (intern oder extern)
- Neuartige, bedeutsame Aufgaben, geringer Zeitdruck
- Häufiger bei autotelischer Persönlichkeit (selbstbestimmt, realistische Ziele)
- Konsequenzen
- Optimaler Motivationszustand, Persistenz, Spitzenleistung
- Potenzielles Abschottungs- oder Suchtrisiko bei Dauer-Flow
Extrinsische Motivation & Verstärker
- Verhalten abhängig von Umweltanreizen (klassische Verstärkungsprinzipien)
- Verstärker können Intrinsik mindern → daher Belohnungen nur als informationales Leistungsfeedback, nicht als Kontrolle!
- Vorteile: aktiviert bei uninteressanten Tätigkeiten (wo Intrinsik fehlt)
Motivation bei uninteressanten Aufgaben
- Rationale, überzeugende Bedeutung der Aufgabe erklären ("Weg fegen, damit Freunde kommen können")
- Klare Ziele + Strategien zur Interessenssteigerung (Gamification, Geschichten, Wettbewerb)
Praktische Empfehlungen (Lehre, Führung, Erziehung)
- Primär Interesse & Wert der Tätigkeit betonen (intrinsische Quelle)
- Belohnungen sparsam, erläuternd, nicht controlling einsetzen
- Autonomieeinschränkungen begründen → reduzieren Motivationsverlust
- Bei Nicht-Verstärkung (Löschung) auf Nebenwirkungen achten (Frustration, Aggressionsausbruch)
Gesamtschau
- Menschliches Verhalten wird von Motivebene, Zielebene und Situationsanreizen gemeinsam gesteuert.
- Konflikte zwischen Systemen (implizit vs. explizit; Annäherung vs. Vermeidung; Intrinsik vs. Extrinsik) beeinflussen Leistung, Gesundheit, Wohlbefinden.
- Interventionen: Bedürfnisbefriedigende Umwelten, Ziel-Affekt-Passung, reflexive Selbstbeobachtung, angemessene Verstärkung.