Gefühls- und Mitleidsethik: David Hume und Arthur Schopenhauer
David Hume: Grundlagen der Gefühlsethik
- Historischer Kontext und philosophische Einordnung:
- David Hume (∗1711; +1776) war ein schottischer Philosoph und ein Hauptvertreter des Empirismus.
- Seine Philosophie entstand als Reaktion auf den Rationalismus des 17. Jahrhunderts, insbesondere auf René Descartes (∗1596; +1650), der die Vernunft als oberste Orientierung setzte.
- Hume und die Vertreter der schottischen Aufklärung stellten die Funktionsweise des Verstandes infrage. Sie argumentierten, dass der Verstand allein kein Wissen über die Welt generieren könne.
- Gefühle wurden als unvermeidbare Zustände der Lebenswirklichkeit ins Zentrum der Untersuchung gerückt.
- Das Menschenbild nach Hume:
- Der Mensch wird als erkennendes, fühlendes und handelndes Wesen begriffen.
- Hume berief sich auf Francis Bacon (∗1561; +1626) und Isaac Newton (∗1643; +1727), die Erkenntnis aus Beobachtung und Erfahrung (Empirie) ableiteten.
- Er warnte davor, die Erfahrung zugunsten einer „falsch verstandenen Vernunft“ zu vernachlässigen, da dies zu Aberglauben, Schwärmerei und Enthusiasmus führe.
- Glaubensinhalte betrachtete Hume als diesseitsbezogen entstanden; Handeln werde nicht durch göttliche Offenbarung, sondern durch sinnliche Erfahrungen und Instinkte geleitet.
Die Natur der Perzeptionen und Affekte bei Hume
- Perzeptionen (Bewusstseinserlebnisse):
- Hume unterschied zwischen Eindrücken (Impressions) und Vorstellungen (Ideas).
- Eindrücke sind die lebhafteren Perzeptionen (Hören, Sehen, Fühlen, Lieben, Hassen).
- Vorstellungen sind lediglich schwächere Abbilder dieser Eindrücke im Denken.
- Einteilung der Eindrücke (M2):
- Primäre Eindrücke: Entstehen ohne vorherige Perzeption in der Seele, oft durch physikalische oder natürliche Ursachen (z. B. körperliche Schmerz- und Lustgefühle).
- Sekundäre Eindrücke (Eindrücke der Selbstwahrnehmung/Affekte): Entstehen aus primären Eindrücken oder deren Vorstellungen.
- Ruhige Affekte: Zum Beispiel das Gefühl von Schönheit oder Hässlichkeit bei Kunstwerken oder Handlungen.
- Heftige Affekte: Liebe, Hass, Gram, Freude, Stolz, Niedergedrücktheit.
- Direkte und indirekte Affekte:
- Direkte Affekte: Entstehen unmittelbar aus Gut/Übel bzw. Lust/Schmerz (Begehren, Abscheu, Schmerz, Freude, Hoffnung, Furcht, Verzweiflung).
- Indirekte Affekte: Beruhen auf denselben Grundlagen, erfordern aber zusätzliche Momente (Stolz, Kleinmut, Ehrgeiz, Eitelkeit, Liebe, Neid, Mitleid, Groll, Großmut).
- Die Grenzen des Denkens (M3):
- Das Denken scheint grenzenlos (man kann sich goldene Berge oder ein tugendhaftes Pferd vorstellen), doch es kombiniert nur Material, das durch Sinne und Erfahrung gegeben ist.
- Goldener Berg: Verbindung der bekannten Vorstellungen „Gold“ und „Berg“.
- Gottesvorstellung: Entspringt der Reflexion über die Operationen des eigenen Geistes und der grenzenlosen Steigerung der Eigenschaften Güte und Weisheit.
Moral Sense, Sympathie und die Funktion der Vernunft
- Moral Sense (Sittliches Gefühl):
- Moralische Unterscheidungen zwischen „richtig“ und „falsch“ basieren auf Gefühlen der Billigung (Approbation) oder Missbilligung (Improbation).
- Tugendhafte Handlungen erzeugen ein angenehmes Gefühl, lasterhafte ein unangenehmes.
- Diese Gefühle sind nicht subjektiv-willkürlich, sondern in der menschlichen Natur und der sozialen Gemeinschaft verankert.
- Die Rolle der Vernunft (M4):
- Die Vernunft ist gänzlich passiv. Sie kann niemals unmittelbar eine Handlung hervorrufen oder verhindern; dies können nur Affekte.
- Handlungen können „lobenswert“ oder „tadelnswert“ sein, aber im philosophischen Sinne nicht „vernünftig“ oder „unvernünftig“.
- Die Vernunft dient nur zwei Zwecken: Sie belehrt über die Existenz von Objekten (ruft so Affekte hervor) oder zeigt Mittel zur Befriedigung von Affekten auf (Ursache-Wirkung-Zusammenhänge).
- Sympathie (Mitgefühl) als soziale Basis:
- Sympathie ist eine ursprüngliche Emotion, die Menschen befähigt, sich gegenseitig zu verstehen und ein Zusammengehörigkeitsgefühl zu entwickeln.
- Fellow-feeling: Ein Begriff für die soziale Veranlagung, die egoistische Tendenzen überwindet und Handeln auf Basis gemeinsamer Interessen ermöglicht.
- Der unparteiische Beobachter: Durch den Austausch von Gefühlen kann man eine Position einnehmen, die Voreingenommenheit missbilligt und moralische Empfindungen objektiviert.
Arthur Schopenhauer: Die Welt als Wille und Vorstellung
- Biografischer und philosophischer Hintergrund:
- Arthur Schopenhauer (∗1788; +1660) war ein deutscher Philosoph und gilt als Wegbereiter der Psychoanalyse (laut Sigmund Freud, 1856−1939).
- Er verband westliche Denktraditionen (Kant, Hume) mit östlichen Weisheiten (Upanishaden, Buddhismus/Buddha-Erzählung).
- Das Konzept der Zwei Welten (Info):
- Die Welt als Vorstellung: Die Welt, wie sie uns als Erscheinung entgegentritt, geregelt durch Kausalität, Zeit und Raum. Sie ist „Schein“ (Maya), Trug und Täuschung.
- Die Welt als Wille: Der „verborgene Grund“ hinter den Erscheinungen. Der Wille ist ein blinder, unbewusster, metaphysischer Lebensdrang. Er ist grundlos und der Ursprung alles Leidens.
- Das Wesen des Lebens als Leiden (M3, M4):
- „Alles Leben ist Leiden“. Wollen entspringt aus Mangel, und Mangel ist Schmerz.
- Beispiel Java-Schildkröten: Franz Junghuhn beschrieb Felder von Schildkrötengerippen auf Java. Schildkröten werden geboren, um Eier zu legen, von Hunden lebendig zerfleischt zu werden, die wiederum von Tigern gefressen werden. Dies ist die Objektivation des „Willens zum Leben“.
- Der angeborene Irrtum: Die Vorstellung, wir seien da, um glücklich zu sein. Da die Welt nicht auf Glück ausgerichtet ist, führt dieser Irrtum zu Enttäuschung und theoretischer Perplexität.
Egoismus, Mitleid und die Aufhebung des Wollens
- Das Menschenbild und der Egoismus (M6):
- Die Haupttriebfeder ist der Egoismus: „Alles für mich, und nichts für die anderen“.
- Jeder Mensch macht sich zum Mittelpunkt der Welt, da ihm nur er selbst unmittelbar gegeben ist, andere hingegen nur mittelbar als Vorstellung.
- Die drei Grund-Triebfedern (M9):
- Egoismus: Will das eigene Wohl (grenzenlos).
- Bosheit: Will das fremde Wehe (geht bis zur Grausamkeit).
- Mitleid: Will das fremde Wohl (einzige Basis für Handlungen mit moralischem Wert).
- Mitleid als Fundament der Moral:
- Moralischer Wert existiert nur bei Handlungen der freiwilligen Gerechtigkeit und Menschenliebe.
- Mitleid entsteht durch die Identifikation mit dem Leiden des anderen: Man erkennt im anderen das eigene Wesen („Das bist du“).
- Mitleid ist unmittelbar und entzieht sich der egoistischen Berechnung.
- Die Parabel von den Stachelschweinen (M5):
- Eine Gesellschaft von Stachelschweinen sucht im Winter Nähe für Wärme, wird aber durch die Stacheln abgestoßen.
- Die „mittlere Entfernung“, die ein Beisammensein ermöglicht, ohne den Schmerz der Stacheln zu spüren, ist die Höflichkeit und feine Sitte.
- Aufhebung des Wollens (M7):
- Wahre Ruhe findet der Mensch nur, wenn er das Wollen aufgibt.
- Dies geschieht durch reine Kontemplation (geistiges Versinken), bei der das Individuum zum „reinen Subjekt des willenlosen Erkennens“ wird.
- In diesem Zustand ist es gleichgültig, ob man die Sonne aus einem Kerker oder einem Palast untergehen sieht.
Religionskritik und Staatsgewalt (M8)
- Hume und Schopenhauer betrachten den Menschen kritisch: Ohne die Staatsgewalt (den „Maulkorb“) würden sich Menschen wie Tiger und Wölfe verhalten.
- Schopenhauer traut weder der Religion noch dem Gewissen eine große Wirkung zu, wenn die ordnende Macht des Staates entfällt.
- Hume sieht das Interesse an der staatlichen Ordnung als wichtigsten Ausdruck der Sozialität.
Fragen & Diskussion: Kritik an der Gefühls- und Mitleidsethik
- Gespräch zwischen Elisabeth von Thadden, Ute Frevert (Historikerin) und Eva Illouz (Soziologin):
- Kommerzialisierung der Gefühle (Illouz):
- Gefühle werden heute durch den Kapitalismus und die Konsumkultur „verfertigt“.
- Marketing nutzt psychologisches Wissen, um Produkte (Musik, Hotels, Kosmetik) als „emotionales Make-up“ zu verkaufen.
- Soziale Normen und Geschichte (Frevert & Illouz):
- Gefühle sind „kondensierte Kultur“. Ein Beispiel ist die Wut über Vordrängeln an der Bushaltestelle (demokratischer Gleichheitsanspruch) im Gegensatz zur Akzeptanz von Priority-Schaltern in Banken.
- Gefühle wandeln sich historisch: Warum weinten Männer in Romanen des 18. Jahrhunderts, aber kaum noch im 19. Jahrhundert?
- Gefühlswissen ist notwendig, um heutige Empfindungen zu relativieren (z. B. Begeisterung für öffentliche Hinrichtungen in der Aufklärungszeit trotz proklamiertem Mitgefühl).
- Politische Kraft von Gefühlen (Frevert):
- Mitgefühl (Adam Smith, ∗1723; +1790) war die Triebfeder für Menschenrechte und die Abschaffung der Sklaverei.
- Josiah Wedgwood (1730−1795) nutzte das Motiv des angeketteten Afrikaners („Am I not a man and a brother?“), um politisch zu mobilisieren.
- Risiken der modernen Gefühlskultur (Frevert):
- Wenn Gefühle zur alleinigen Quelle von Authentizität erhoben werden, droht die Verletzbarkeit des Einzelnen so weit gedehnt zu werden, dass kein gemeinsamer moralischer Code mehr besteht.
- Universalität von Menschenrechten und Würde könnte verloren gehen, wenn alles nur eine „Frage des Gefühls“ wird.
David Hume: Grundlagen der Gefühlsethik
Historischer Kontext und philosophische Einordnung:
- David Hume (*1711; +1776) war ein schottischer Philosoph und ein Hauptvertreter des Empirismus.
- Seine Philosophie entstand als Reaktion auf den Rationalismus des 17. Jahrhunderts, insbesondere auf René Descartes (*1596; +1650), der die Vernunft als oberste Orientierung setzte.
- Hume und die Vertreter der schottischen Aufklärung hinterfragten die Funktionsweise des Verstandes. Sie argumentierten, dass der Verstand allein kein Wissen über die Welt generieren könne.
- Gefühle wurden als unvermeidbare Zustände der Lebenswirklichkeit ins Zentrum der Untersuchung gerückt.
Das Menschenbild nach Hume:
- Der Mensch wird als erkennendes, fühlendes und handelndes Wesen betrachtet.
- Hume berief sich auf Francis Bacon (1561; +1626) und Isaac Newton (1643; +1727), die Erkenntnis aus Beobachtung und Erfahrung (Empirie) ableiteten.
- Er warnte davor, die Erfahrung zugunsten einer „falsch verstandenen Vernunft“ zu vernachlässigen. Dieses Missverständnis könnte zu Aberglauben, Schwärmerei und übertriebener Begeisterung führen.
- Glaubensinhalte sah Hume als diesseitsbezogen entstanden; das Handeln werde nicht durch göttliche Offenbarung, sondern durch sinnliche Erfahrungen und Instinkte geleitet.
Die Natur der Perzeptionen und Affekte bei Hume
Perzeptionen (Bewusstseinserlebnisse):
- Hume unterschied zwischen Eindrücken (Impressions) und Vorstellungen (Ideas).
- Eindrücke sind die lebhafteren Perzeptionen, die wir durch Hören, Sehen, Fühlen, Lieben und Hassen erfahren.
Beispiele:
- Eindruck: Der Geruch von frisch gebackenem Brot kann ein starkes Gefühl der Freude hervorrufen.
- Vorstellung: Wenn du an den Geruch von Brot denkst, ist das nur eine schwächere Abbildung des ursprünglichen Eindrucks.
Einteilung der Eindrücke:
- Primäre Eindrücke:
- Entstehen ohne vorherige Perzeption in der Seele, oft durch physikalische oder natürliche Ursachen.
- Beispiel: Ein plötzliches, starkes Geräusch führt zu einem Schreck (körperliches Schmerzgefühl).
- Sekundäre Eindrücke (Eindrücke der Selbstwahrnehmung/Affekte):
- Entstehen aus primären Eindrücken oder deren Vorstellungen.
- Ruhige Affekte: Ein Beispiel hierfür ist das Gefühl von Schönheit bei Kunstwerken oder in der Natur, wie der Anblick eines Sonnenuntergangs.
- Heftige Affekte: Zu diesen gehören starke Emotionen wie Liebe, Hass, Trauer, Freude oder Stolz.
Moral Sense, Sympathie und die Funktion der Vernunft
Moral Sense (Sittliches Gefühl):
- Moralische Unterscheidungen zwischen „richtig“ und „falsch“ basieren auf Gefühlen der Billigung (Approbation) oder Missbilligung (Improbation).
Beispiele:
- Wenn jemand eine gute Tat vollbringt, wie einem Obdachlosen zu helfen, empfinden wir Freude und Billigung.
- Ein böswilliger Akt wie Betrug führt zu Missbilligung und einem unangenehmen Gefühl.
- Tugendhafte Handlungen erzeugen ein angenehmes Gefühl, lasterhafte ein unangenehmes. Diese Gefühle sind nicht willkürlich, sondern in der menschlichen Natur verankert.
Die Rolle der Vernunft:
- Die Vernunft ist passiv und kann niemals direkt eine Handlung hervorrufen oder verhindern; dies können nur Affekte.
Beispiel:
- Wenn du einen Entschluss fasst, etwas Gutes zu tun, wie einen Freund zu besuchen, ist es das Gefühl der Freude, das dich antreibt, nicht die rationale Überlegung allein.
- Handlungen können „lobenswert“ oder „tadelnswert“ sein, aber im philosophischen Sinne nicht „vernünftig“ oder „unvernünftig“.
- Die Vernunft dient zwei Zwecken: Sie belehrt über die Existenz von Objekten oder zeigt Mittel zur Befriedigung von Affekten auf.
Egoismus, Mitleid und die Aufhebung des Wollens
Das Menschenbild und der Egoismus:
- Die Haupttriebfeder ist der Egoismus, d.h., „Alles für mich, und nichts für die anderen“.
- Jeder Mensch macht sich zum Mittelpunkt der Welt, da ihm nur er selbst unmittelbar gegeben ist.
- Die drei Grund-Triebfedern:
- Egoismus: Will das eigene Wohl (grenzenlos).
- Bosheit: Will das fremde Wehe (geht bis zur Grausamkeit).
- Mitleid: Will das fremde Wohl (Basis für Handlungen mit moralischem Wert).
- Mitleid als Fundament der Moral: Es entsteht durch Identifikation mit dem Leiden des anderen: Man erkennt im anderen das eigene Wesen.
Beispiel:
- Wenn du siehst, dass jemand stürzt, kannst du Mitleid empfinden und ihn helfen, weil du den Schmerz fühlst, den er erfährt.
- Die Parabel von den Stachelschweinen: Eine Gruppe von Stachelschweinen sucht im Winter Nähe für Wärme, wird aber durch ihre Stacheln abgestoßen.
- Die „mittlere Entfernung“, die ein Beisammensein ermöglicht, ohne den Schmerz der Stacheln zu spüren, ist Höflichkeit und feine Sitte.