Benigne Hämatologie II - Anämien
Anämie: Definition und Grundlagen
Anämie ist definiert als eine Verminderung der Hämoglobinkonzentration (Hb) und/oder des Hämatokrits (Hkt) unterhalb des Normalbereichs einer vergleichbaren Referenzpopulation.
Hämoglobin (Hb): Gehalt von Hämoglobin pro Volumeneinheit Blut.
Hämatokrit (Hkt): Volumenanteil der zellulären Erythrozyten.
Referenzbereiche für Hb, Hkt und Erythrozyten
Männer:
Hb:
Hkt:
Erythrozyten:
Frauen:
Hb:
Hkt:
Erythrozyten:
Besonderheiten:
Bei Kindern, Patienten über 70 Jahre und in der Schwangerschaft sind die altersentsprechenden Referenzbereiche zu beachten.
Häufigkeit von Anämien
Europa und USA: ca. 1% (Männer) bzw. 14% (Frauen)
Afrika: ca. 27% (Männer) bzw. 48% (Frauen)
Südostasien: ca. 40% (Männer) bzw. 57% (Frauen)
Retikulozytenproduktionsindex (RPI)
RPI wird als Anteil der Retikulozyten an den Erythrozyten angegeben (in Prozent).
Bei erniedrigtem Hämatokrit kann ein fälschlich hoher Retikulozytenanteil ermittelt werden.
RPI > 2: Effektive Erythropoese (Anstieg der Retikulozyten als Reaktion auf die Anämie)
RPI < 2: Ineffektive Erythropoese (unzureichende Reaktion des Knochenmarks)
Einteilung der Anämien nach Ätiologie
Blutung:
Üblicherweise klinisch auffällig: Meläna (schwarzer Stuhl), Hämatochezie (frisches Blut im Stuhl), Hämatemesis, kaffeesatzartiges Erbrechen.
Diagnostik: Hämoccult-Test (3x), ÖGD (Ösophagogastroduodenoskopie), Koloskopie.
Bei unauffälliger Klinik: Patienten mit Blutverdünnern und retroperitonealer Blutung; Diagnostik mittels Sono (Sonographie), CT (Computertomographie).
Bildungsstörung:
Endokrin/Ernährung: Eisenmangel, Vitamin B12-/Folsäuremangel.
EPO-Problem/Eisenstoffwechsel: Chronische Erkrankung (Eisenretention), Dialyse-Patienten (niedriges EPO).
Knochenmarkschäden: Toxine (Ethanol), Chemotherapie, Myelodysplastisches Syndrom, Leukämien, Aplastische Anämie.
Gesteigerter Abbau (Hämolyse):
Angeboren:
Enzymmangel: G6PDH (Glukose-6-Phosphat-Dehydrogenase-Mangel, X-chromosomal rezessiv) & Pyruvatkinase-Mangel (autosomal rezessiv).
Membrandefekte: Sphärozytose, Elliptozytose.
Hämoglobinopathien: Sichelzellanämie, Thalassämie.
Erworben:
Hämolytische Anämien: DIC (Disseminierte intravasale Koagulation), TTP (Thrombotisch-thrombozytopenische Purpura, ADAMTS13 AK), HUS (Hämolytisch-urämisches Syndrom, EHEC, Shiga-Toxin), HELLP-Syndrom, Mechanische Herzklappen.
Autoimmun: Warm vs. Kalt.
Paroxysmale Nächtliche Hämoglobinurie (PNH).
Einteilung nach Morphologie
MCV (Mean Corpuscular Volume): Mittleres Erythrozytenvolumen, berechnet als in Femtoliter (fL).
Normozytär: Normales MCV.
Makrozytär: Erhöhtes MCV.
Mikrozytär: Erniedrigtes MCV.
MCH (Mean Corpuscular Hemoglobin): Mittlerer Hämoglobingehalt eines Erythrozyten, berechnet als .
Normochrom: Normaler Hämoglobingehalt.
Hypochrom: Erniedrigter Hämoglobingehalt.
Hyperchrom: Erhöhter Hämoglobingehalt (selten, meist Artefakt).
MCHC (Mean Corpuscular Hemoglobin Concentration): Mittlere Hämoglobinkonzentration in den Erythrozyten, berechnet als .
Nur bei Sphärozytose relevant.
Morphologische Einteilung und Differentialdiagnose
Mikrozytär & Hypochrom:
Eisenmangel.
Thalassämie.
Normozytär & Normochrom:
Akute Blutung.
Renale Anämie.
Chronische Erkrankung.
Makrozytär & Hyperchrom:
Vitamin B12- oder Folsäuremangel.
Renale Anämie
Knochenmark: Hypoplasie der Erythropoese.
Nierenerkrankungen → verminderte EPO-Bildung → normochrome, normozytäre Anämie → erniedrigte Retikulozytenzahl.
Tumor- und Infektanämie
Knochenmark: Hypoplasie der Erythropoese.
IL-1, IL-6, TNFα: Makrophagen-Ferritin↑, Erythropoetin↓ → normochrome, normozytäre Anämie.
Vitamin B12 und Folsäure Mangel
Folsäure wird im Duodenum aufgenommen.
Vitamin B12:
Bindung an Intrinsic Factor (aus Parietalzellen des Magens).
Aufnahme im Ileum via rezeptorvermittelter Endozytose.
Transport im Blut durch Transcobalamin.
Ursachen für Makrozytäre Anämie
Vitamin B12- und Folsäuremangel (Folsäureantagonisten, Alkoholismus, perniziöse Anämie).
Klinik: Allgemeinsymptome, bei B12-Mangel auch funikuläre Myelinolyse (Hinterstrangschädigung) → Verlust des Vibrationsempfindens und des Lagesinns.
Eisenaufnahme und Transport
Aufnahme im Duodenum:
Nahrungseisen meist als .
Reduktion durch DCYTB zu .
Transport von in Enterozyten via DMT1 ( divalent metal transporter 1).
ist löslicher und reaktiver im leicht sauren pH des Duodenums → besser absorbierbar.
Intrazellulär:
Bindung an Apoferritin → Ferritin, ggf. Speicherung als Hämosiderin.
Export:
über Ferroportin an Blut abgegeben.
Oxidation durch Hephaestin zu .
Transport im Plasma gebunden an Transferrin ().
Im Blut muss Eisen sicher transportiert werden, da freies toxisch ist (Fenton-Reaktion → Bildung freier Radikale).
Eisenmangelanämie
Häufigste Anämie in Deutschland.
Resorption im oberen Dünndarm.
Ursachen:
Mangelhafte Zufuhr: Anorexie, Vegetarier.
Mangelhafte Resorption: Zöliakie, M. Crohn.
Gesteigerter Bedarf: Menstruation, GI-Blutung (2/3 oben).
Klinik: Müdigkeit, Kopfschmerzen, Schwäche, helle Schleimhäute, Cheilosis, Plummer-Vinson-Syndrom (Atrophie und Brennen der Zungen- u. Ösophagusschleimhaut).
Labor: Hb↓, MCV↓, MCH↓, Ferritin↓ (cave Akute-Phase-Protein), Ausstrich: Anulozyten.
CAVE: Niemals Eisen substituieren ohne Ursache zu suchen!
Hämolytische Anämien
Verkürzte Erythrozytenüberlebenszeit (< 120 Tage).
Einteilung:
Angeboren vs. Erworben.
Korpuskulär vs. Extrakorpuskulär.
Intravasal vs. Extravasal.
Klinik: Allgemeine Symptome einer Anämie + Ikterus (Skleren-> Haut, intravasal) oder Splenomegalie (extravasal).
Angeboren - Membrandefekte
Sphärozytose
Angeborener Defekt von Strukturproteinen (Ankyrin AD, Spektrin AR)
Vasookklusion
Organinfarkte
MCHC↑
Osmotische Resistenz erniedrigt
Therap. Splenektomie: Cave: OPSI
Angeboren - Enzymdefekte
Glukose-6-Phosphat Dehydrogenase Mangel
Favismus
X-chromosomal rezessiv
Frauen sind Konduktorinnen
Leichte Malaria Resistenz
Hämolytische Krisen nach oxidativem Stress: Bauch-, Rückenschmerzen, Schüttelfrost und Fieber
Pyruvatkinase Mangel
Autosomal rezessiv
Aerobe Glykolyse gestört (weniger ATP)
Therapie: n/a
Erworben - Immunologisch
Autoimmunhämolytische Anämie (AIHA)
Autoantikörper
IgG Wärmeantikörper
IgM Kälteantikörper (Mykoplasmen!)
Idiopathisch, Infektionen, Medikamente, Lymphoproliferative Erkrankungen
Nachweis: Direkter Coombs Test
Therapie: Grunderkrankung Therapieren, Trigger meiden, ggf. Cyclophosphamid bei Kälteantikörpern
Erworben - Alloimmunologisch
Morbus haemolyticus neonatorum
Mutter ist RhD negativ-> erstes und zweites Kind RhD positiv
Mutter bildet IgG Anti D AK
Fetus: Hepatomegalie, Ikterus, Anämie
Gefahr: Kernikterus
Direkter Coombs Test beim Kind positiv
Therapie: Austauschtransfusion, Phototherapie macht Bilirubin wasserlöslich
Prophylaxe: RhD negative Mütter kriegen vor Geburt Anti-D Antikörper
Erworben - Physikalisch
Marschhämoglobinurie
Trommelhämoglobinurie
Mechanische Herzklappe
Fragmentozyt/Schistozyt
Nach drei Studen wird freies Hb über Urin ausgeschieden
Erworben - infektiologisch
Malaria und hämolytische Fieber (Ebola, Marburg Virus)
Malaria Tropica: Schwarzwasserfieber (Hämoglobinausscheidung) mit Nierenversagen
Erworben - korpuskulär
Paroxysmale nächtliche Hämoglobinurie
Einzig erworbene korpuskuläre Anämie
Erworbene Erkrankung der myeloischen Stammzelle
Verändertes Oberflächenprotein
Komplementhemmung funktioniert nicht mehr
Nächtliche hämolytische Krisen
Morgendliche Hämoglobinurie
Aktivierung der Thrombozyten mit atypischen Thrombosen (Pfortader)
Nachweis über PCR
Therapie: Komplementinhibitoren: Eculizumab
Hämoglobinopathien – Thalassämia ß
Quantitative Störungen der Hämoglobinsynthese
ß-Thalassämie (β-Ketten sind vermindert)
Mittelmeerraum
α-Ketten akkumulieren und führen zur Hämolyse
ß-Kette↓, γ-Kette ↑ (HbF), δ-Kette ↑ (HbA2)
häufigste Thalassämie
hypochrome, mikrozytäre Anämie,
Targetzellen
Thalassämia ß
Heterozygote: Thalassaemia Minor
leichte Hämolyse- und Anämiezeichen, Prognose: günstig
Homozygote: Thalassaemia Major, Cooley-Anämie
manifestiert in der ersten Lebensmonaten (Hepatosplenomegalie, Hämolyse, Hämosiderose – Haut, Leber, Pankreas, Herz –Kardiomyopathie, Knochenmarkhyperplasie führt zu typischen Knochenveränderungen)
α-Thalassämie
selten, Gebiete des Vorkommens von Malaria
Es gibt zwei genetische Loci für α-Globin und deshalb vier Gene in diploiden Zellen.
Verlaufsform je nach Anzahl der betroffenen Gene
alle 4 Gene: Hydrops fetalis
3 Allele sind betroffen: Splenomegalie, mentaler Retardierung
2 Allele: minimale Anämie
1 Allel: asymptomatisch
Therapie: Transfusion, Eisenchelatbildner, Splenektomie, KM-Transplantation
Sichelzellkrankheit
häufigste Hämoglobinopathie
Mutation der ß-Kette, Bildung
Punktmutation Chr.11: Glutamin-Valin
Homozygoten vs. Heterozygoten
Resistenz gegen Malaria
Das Hb-S polymerisiert und deformiert die Erys
Vasookklusive Krisen: Herz-, Milz-, Hirn-, Nieren- , Knocheninfarkt
Autosplenektomie: Infektionen (z.B. Streptococcus pneumoniae)
Therapie: allogene Stammzelltransplantation, Hydroxiurea
Anämie - Algorithmus
Algorithmus bei verminderter Produktion
RPI:
<2%
>2%
MCV:
> 100 Makrozytär
80-100 Normozytär
< 80 Mikrozytär
LDH:
erhöht Hämolyse
normal Blutverlust
DCT:
DCT+ Autoimmun
DCT- = Nicht Autoimmun
Differentialdiagnose bei verminderter Produktion
Mikrozytär
Eisenmangel (RDW↑, Ferritin↓)
Chronische Erkrankung (RDW norm)
Thallasämie (MCV<70 aber Erys normwertig)
Mentzner index MCV/RBC<13
Target Zellen
Bei Thalassämie: viele kleine Erythrozyten → MCV ↓, aber Erythrozytenzahl hoch → Index niedrig
Bei Eisenmangel: MCV ↓, aber auch Erythrozytenzahl ↓ → Index hoch
Makrozytär
Labor: Folsäure, B12, TSH
VitB12 Screening 200-400 inkonklusiv
Holo-Transcobolamin = 35-50 inkonklusiv,
Methylmalonsäure und Homocystein erhöht
EtOH Anamnese
MM, MDS
Medis: 5FU, MTX, HIV-Meds etc. pp.
Normozytär
MDS, MM
Chronische Erkrankung
Differentialdiagnose bei vermehrten Abbau
Autoimmun (DCT+)
Warme AK: IgG+
* Virale infektionen (Kinder)
* Tranfusions Reaktion
* Hodgkin's or NH lymphoma
* CLL (11% bekommen das !), manchmal: ALL
* MM
* Thymoma
* (SLE, RA, Hashimoto’s, M. Basedow)
* Medis:
* Cephalosporine (#1)
* NSAID
* Quinine
Kalte AK: IgM+
* Mycoplasma (25% d. Infektionen)
* CLL>Lymphoma
* EBV
* AdenoCA
* Syphilis
Nicht Autoimmun (DCT-)
Anamnese: Hämoglobinopathien / G6PD
Thrombosen: PNH
Trauma: Marathon, Trommeln ?
Fieber: Malaria?
Ausstrich:
Sphärozyten
Elliptozyten
Sichelzellen
Target Zellen: Thallasämie
Schistozyten:
MAH, TTP/HUS, DIC, Herzklappe, HELLP syndrome
Bite cells: G6PD deficiency
Inclusion bodies: Malaria, babesiosis, bartonella