4) Konjunktur

Konjunktur und Konjunkturzyklus
Die wirtschaftliche Leistung einer Volkswirtschaft verläuft über die Zeit nicht gleichmässig: Das reale Bruttoinlandprodukt wächst in manchen Perioden kräftig, in anderen kaum oder geht sogar zurück. Diese kurz- bis mittelfristigen Schwankungen der wirtschaftlichen Aktivität um den langfristigen Wachstumstrend bezeichnet man als Konjunktur. Sie ist vom langfristigen Wirtschaftswachstum zu unterscheiden, das die Entwicklung der Produktionsmöglichkeiten über Jahrzehnte beschreibt; die Konjunktur beschreibt die Schwankungen um diesen Pfad. Zur Veranschaulichung dient das Modell des Konjunkturzyklus, in dem das reale BIP in Wellenbewegungen um eine ansteigende Trendlinie schwankt. Das Modell vereinfacht die Wirklichkeit, in der die Phasen oft unregelmässig verlaufen und nicht immer klar abzugrenzen sind.


Die vier Phasen
Idealtypisch durchläuft der Konjunkturzyklus vier Phasen.
Im Aufschwung nimmt die wirtschaftliche Aktivität zu: Produktion und Beschäftigung steigen, die Arbeitslosigkeit geht zurück, und die Stimmung wird zunehmend optimistisch. Im Boom oder in der Hochkonjunktur erreicht die Wirtschaft ihre Leistungsspitze; die Kapazitäten sind hoch ausgelastet, die Arbeitslosigkeit ist tief, Löhne und Preise steigen stärker, und es zeigen sich oft Anzeichen einer Überhitzung wie Engpässe bei Fachkräften oder beschleunigte Inflation. Im Abschwung verlangsamt sich die Aktivität, die Wachstumsraten sinken, Investitionen und Konsum werden vorsichtiger, und die Arbeitslosigkeit beginnt zu steigen. In der Rezession schrumpft die Aktivität oder bleibt längere Zeit schwach; eine technische Definition lautet, dass das reale BIP über zwei aufeinanderfolgende Quartale zurückgeht. Am unteren Wendepunkt beginnt die Wirtschaft erneut zu wachsen. Diese Phasen gehen fliessend ineinander über.

Indikatoren und Ursachen
Um die Konjunkturlage einzuschätzen, werden verschiedene Indikatoren beobachtet. Zentral ist das reale BIP beziehungsweise dessen Wachstumsrate gegenüber dem Vorquartal oder dem Vorjahresquartal. Auch die Arbeitslosenquote ist wichtig, reagiert aber verzögert, weil Unternehmen nicht sofort entlassen und neue Stellen erst bei gefestigter Erholung schaffen. Weitere Hinweise liefern Auftragseingänge, die Konsumentenstimmung, Geschäftslagebeurteilungen, die Kapazitätsauslastung und die Preisentwicklung. Man unterscheidet Frühindikatoren, die künftige Entwicklungen signalisieren, Präsensindikatoren, die die aktuelle Lage zeigen, und Spätindikatoren, die Entwicklungen im Nachhinein bestätigen.

Konjunkturschwankungen entstehen, weil gesamtwirtschaftliche Nachfrage und Produktionsmöglichkeiten nicht dauerhaft im Gleichgewicht sind. In guten Zeiten investieren Unternehmen mehr und bauen Lager auf, was den Aufschwung verstärkt; in schwächeren Zeiten geschieht das Gegenteil. Verstärkend wirkt, dass die Ausgaben des einen zum Einkommen des anderen werden und weitere Nachfrage auslösen. Auch internationale Einflüsse spielen eine grosse Rolle, da die Schweiz stark mit dem Ausland verflochten ist und Wechselkurse die Exportwirtschaft beeinflussen. Unerwartete Ereignisse wie Rohstoffpreisschocks, Pandemien, Finanzkrisen oder unterbrochene Lieferketten können plötzliche Einbrüche auslösen, und pessimistische oder optimistische Erwartungen können sich selbst verstärken.


Wirtschaftspolitische Reaktionen
Schwächt sich die Konjunktur stark ab oder droht eine Überhitzung, kann die Wirtschaftspolitik stabilisierend eingreifen, vor allem über Geldpolitik und Fiskalpolitik. Die Geldpolitik führt in der Schweiz die Schweizerische Nationalbank. Über den Leitzins und Interventionen am Devisenmarkt beeinflusst sie die Finanzierungsbedingungen: Tiefere Zinsen verbilligen Kredite, fördern Investitionen und Konsum und stützen die Konjunktur, während höhere Zinsen eine überhitzte Wirtschaft bremsen und gegen Inflation wirken. Das primäre gesetzliche Ziel der Nationalbank ist die Preisstabilität, definiert als ein jährlicher Anstieg des Preisniveaus von weniger als zwei Prozent.

Auch der Staat kann reagieren; seine Einflussmöglichkeiten heissen Fiskalpolitik und betreffen vor allem Staatsausgaben und Steuern. In einer schwachen Phase kann er zusätzliche Ausgaben tätigen oder Haushalte und Unternehmen durch tiefere Steuern entlasten, um Konsum und Investitionen anzuregen. Ein Teil der fiskalpolitischen Wirkung entsteht automatisch, ohne neue Beschlüsse: In einer Rezession sinken die Steuereinnahmen, während Ausgaben für Arbeitslosenunterstützung steigen, was die Nachfrage stützt; im Boom kehrt sich dies um. Solche Mechanismen nennt man automatische Stabilisatoren. Die Wirkung beider Politikbereiche ist allerdings begrenzt und mit Unsicherheit verbunden, weil Massnahmen oft verzögert wirken und externe Schocks ihre Wirkung abschwächen können. Ziel ist deshalb nicht, jede Schwankung zu verhindern, sondern starke Ausschläge abzufedern.