1 und 2 Stunde

2. Pragmatik, Text- und Diskursanalyse als Teilbereiche der Angewandten Linguistik

  • Diese Disziplinen analysieren Sprache in verschiedenen sozialen, medialen, historischen und kulturellen Kontexten.

  • Wichtige Begriffe:

    • Multimodales semiotisches Medium: Sprache beinhaltet nicht nur gesprochene und geschriebene Worte, sondern auch Gestik, Mimik, Körperhaltung etc.

    • Soziolinguistik, Textlinguistik, Neurolinguistik: Verschiedene linguistische Ansätze zur Sprachpraxis.

3. Sprache macht Gesellschaft: Sprachliches Handeln, Texte, Diskurse

  • Sprache strukturiert Gesellschaften durch sprachliches Handeln. Diskurse organisieren soziale Ordnungen und reproduzieren Wissen und Machtverhältnisse.

  • Wichtige Begriffe:

    • Sprachfunktionen (nach Jakobson):

      • Darstellungsfunktion (Repräsentation der Realität),

      • Expressive Funktion (Gefühlsausdruck),

      • Appellfunktion (Handlungsaufforderung).

    • Diskurs: Schafft soziale Wirklichkeit durch sprachliche Handlungen, z. B. politische Reden oder wissenschaftliche Debatten.

4. Semiotische Grundlagen von Pragmatik, Textlinguistik und Diskursanalyse

  • Semiotik ist die Wissenschaft von Zeichen, die alle Lebensbereiche betrifft. Keine Kommunikation findet ohne Zeichen statt.

  • Wichtige Begriffe:

    • Semiotik: Wissenschaft von Zeichen (griech. sēma, „Zeichen“).

    • Semiose: Der kontinuierliche Prozess der Wahrnehmung, Hervorbringung und Interpretation von Zeichen.

I. Was ist Semiotik? (Folie 18–20)

  • Saussure: Sprachwissenschaft ist Teil der Semiotik und analysiert sprachliche Zeichen auf verschiedenen Ebenen.

  • Die Wahrnehmung von Zeichen erfolgt über die fünf Sinne (Hören, Sehen, Tasten, Riechen, Schmecken).

  • Wichtige Begriffe:

    • Sematologie (Bühler): Lehre von den Zeichen.

    • Semiologie (Saussure): System der Zeichen innerhalb sozialer Kontexte.

II. Ferdinand de Saussure (Folie 21–24)

  • Saussures Zeichenmodell: Ein Zeichen besteht aus zwei Teilen: dem Signifikant (Lautbild) und dem Signifikat (Vorstellung).

  • Zwei Eigenschaften von Zeichen:

    1. Arbitrarität: Die Verbindung zwischen Zeichen und Bedeutung ist willkürlich.

    2. Linearität: Sprachliche Zeichen verlaufen in der Zeit.

  • Wichtige Begriffe:

    • Signifikant: Lautbild (psychischer Eindruck eines Lautes, nicht der tatsächliche Klang).

    • Signifikat: Die Bedeutung, die das Lautbild repräsentiert.

    • Relationale Zeichen: Bedeutung von Zeichen durch Abgrenzung zu anderen Zeichen.
      „Die sprachliche Tatsache ist vollständig bestimmt nur, wenn sie abgegrenzt ist, [...]. Die konkreten sprachlichen Tatsachen stehen sich als abgegrenzt oder als Einheiten im Mechanismus der Sprache gegenüber.“ (Saussure 1967, S. 123).

III. Karl Bühler (Folie 25–34)

  • Bühler entwickelte das Organon-Modell der Sprache, das drei Sprachfunktionen unterscheidet:

    1. Darstellungsfunktion: Sprache als Mittel zur Darstellung von Wirklichkeit.
      Wörter & Sätze

    2. Ausdrucksfunktion: Emotionen und Einstellungen des Sprechers werden vermittelt.

    3. Appellfunktion: Der Sprecher versucht, den Hörer zu beeinflussen oder zu einem bestimmten Handeln zu bringen.

  • Abstraktiven Relevanz:

  • Apperzeptiven Ergänzung:

  • Erweiterung durch Jakobson:

    • Jakobson fügte dem Modell zwei weitere Funktionen hinzu:

      1. Phatische Funktion: Herstellung und Aufrechterhaltung des Kontakts zwischen Sprecher und Hörer.

      2. Metasprachliche Funktion: Sprache über Sprache, z.B. Definitionen und Erklärungen.

  • Wichtige Begriffe:

  • Organon-Modell: Bühler’s Modell der Sprachfunktionen (Darstellung, Ausdruck, Appell).

  • Phatische Funktion: Aufrechterhaltung von Kommunikation (z.B. durch Begrüßungen oder Small Talk).

  • Metasprachliche Funktion: Diskussion über die Sprache selbst.

Karl Bühler – Erweiterung durch Roman Jakobson (Folie 35–45)

Roman Jakobson erweitert das von Bühler entwickelte Organon-Modell um mehrere Sprachfunktionen. Diese Funktionen sind:

1. Referentielle Funktion (Folie 35)
  • Diese Funktion entspricht der Darstellungsfunktion bei Bühler. Sie ist auf den Kontext und die Beziehung zwischen Sprache und Realität ausgerichtet.

  • Wichtige Begriffe:

    • Referentielle Funktion: Repräsentation von Realität oder „Wirklichkeit“ durch Sprache, z.B. Beschreibungen oder Fakten.

2. Expressive (Emotive) Funktion (Folie 36)
  • Diese Funktion entspricht der Ausdrucksfunktion bei Bühler. Sie vermittelt die Gefühle und Haltungen des Sprechers gegenüber dem Gesagten.

  • Wichtige Begriffe:

    • Expressive Funktion: Emotionen und subjektive Einstellungen, die durch Sprache ausgedrückt werden (z.B. Interjektionen wie „Ah!“).

3. Konative Funktion (Folie 37)
  • Diese Funktion entspricht der Appellfunktion bei Bühler und ist besonders im Imperativ und Vokativ präsent. Sie richtet sich direkt an den Hörer, um ihn zu beeinflussen oder eine Handlung zu initiieren.

  • Wichtige Begriffe:

    • Konative Funktion: Die Appellfunktion in der Sprache, z.B. Befehle oder Aufforderungen (z.B. „Komm her!“).

4. Phatische Funktion (Folie 38–41)
  • Diese Funktion zielt darauf ab, den Kommunikationskanal offen zu halten und sicherzustellen, dass der Kontakt zwischen Sprecher und Hörer besteht. Sie spielt eine wichtige Rolle in der sozialen Interaktion.

  • Wichtige Begriffe:

    • Phatische Funktion: Aufrechterhaltung von sozialem Kontakt durch sprachliche Mittel, z.B. Begrüßungen, Small Talk, „Hallo“, „Wie geht's?“.

    • Diese Funktion wurde ursprünglich von Bronislaw Malinowski entwickelt und beschreibt die „phatic communion“ als belanglose Kommunikation zur Herstellung sozialer Bindungen.

5. Poetische Funktion (Folie 42–43)
  • Diese Funktion ist auf die Form der Mitteilung selbst gerichtet. Sie konzentriert sich auf das ästhetische Spiel mit der Sprache, z.B. in Gedichten, Alliterationen oder Anaphern.

  • Wichtige Begriffe:

    • Poetische Funktion: Die ästhetische und kreative Nutzung der Sprache, oft in literarischen Texten, wo Form und Struktur der Sprache besonders betont werden.

6. Metasprachliche Funktion (Folie 44–45)
  • Diese Funktion bezieht sich auf das Sprechen über Sprache. Sie ist in der Erklärung von Wörtern, Definitionen oder grammatischen Regeln wichtig.

  • Wichtige Begriffe:

    • Metasprachliche Funktion: Diskussion oder Erklärung von Sprache selbst, z.B. „Was bedeutet das Wort 'X'?“ oder „Wie ist dieses Wort zu verstehen?“.

IV. Charles Sanders Peirce (Folie 46–69)

  • Peirce entwickelte ein Zeichenmodell, das auf drei Komponenten basiert:

    1. Zeichenkörper: Das physische Zeichen.

    2. Objekt: Das, worauf sich das Zeichen bezieht. (unmittelbar dynamisch)

    3. Interpretant: Die mentale Repräsentation des Zeichens beim Interpreten.

  • Peirce unterscheidet drei Arten von Zeichen:

    1. Ikon: Zeichen, das durch Ähnlichkeit mit seinem Objekt verbunden ist (z.B. Fotos, Metaphern).

    2. Index: Zeichen, das durch physische oder kausale Verbindung zum Objekt steht (z.B. Rauch als Zeichen für Feuer, Symptome einer Krankheit).

    3. Symbol: Zeichen, das durch Konvention oder Übereinkunft mit seinem Objekt verbunden ist (z.B. sprachliche Zeichen wie Wörter).

  • Wichtige Begriffe:

    • Ikon: Zeichen, das eine abbildende Beziehung zum Objekt hat.

    • Index: Zeichen, das durch kausale oder physische Verbindung hinweist. (Wegweiser, Fingerabdrücke, Symptome einer Krankheit)

    • Symbol: Konventionelles Zeichen ohne physische Verbindung (expliziten und direkten physischen Zusammenhang) zum Objekt.

  • Beispiele ikonischer Sprachzeichen: Onomatopoetika (z.B. „kikeriki”, “plumps“), Pluralformen, Typografie (größere Schrift für höhere Bedeutung, Fettdruck, Zentrum vs. Rand), Ordo naturalis (Syntax, Erzählung):Erzählreihenfolge entspricht der Reihenfolge des Erlebten.

  • Indexikalische Sprachzeichen: Deiktische Ausdrücke (personal, lokal, temporal, sozial z.B. “der”, „hier“, „jetzt“, “du vs. Sie”), Fußnoten(zeichen), Spezifische Interpunktionszeichen (Anführungszeichen), Akzente als soziale oder regionale Indikatoren.

  • Symbolische Sprachzeichen: phonologisch (z. B. Phoneme) − morphologisch (z. B. Morpheme) − syntaktisch (z. B. Satztypen) − lexikalisch (z. B. Wörter) − pragmatisch (z. B. Typen von Sprechakten wie Behauptung, Aufforderung, Versprechen usw.), Wörter, als konventionelle sprachliche Einheiten.


Zeichenarten bei Peirce (Folie 50–64)

  • Peirce unterscheidet drei Typen von Zeichen, abhängig von ihrer Bezugnahme auf das Objekt:

    1. Qualizeichen („Potizeichen“): Potenzielles Zeichen mit wahrnehmbaren Eigenschaften (z.B. Laute, Farben).

    2. Sinzeichen (lat. sin heisst „nur einmal vorkommend“, „singulär“): Aktuell vorkommendes Zeichen, das konkret realisiert wird (z.B. die tatsächlich gesprochene Lautform).

    3. Legizeichen (von lat. lex, „Gesetz“; vgl. Peirce (21993, 123): Ein Zeichen, das über ein spezifisches Vorkommen hinausgeht und allgemein sowie gesetzmäßig ist, wird auch "type" genannt, da es durch Typizität bestimmt wird.

  • Beispiel aus dem Bereich der Sprache:

    • Potentielle Phone: realisiert und einem Phonem zugeordnet werden können und die potentiell einen Dialekt indizieren (Im Tirolerischen wird das /kh/ im Wort „Kunst“ stark affriziert und aspiriert, im Gegensatz zu anderen österreichischen Dialekten, wo /kh/ weniger affriziert und schwächer aspiriert ist)

    • Konkret realisierte Phone eines Phonems: Im Tirolerischen das /kh/ im Wort „Kunst“ konkret stark affriziert und aspiriert aus.

    • Phoneme als abstrakte bedeutungsunterscheidende Lauteinheiten in einem sprachlichen System: das /kh/ im Tirolerischen, was sehr typisch ist

  • Beispiel „die“ als Sin-, Legi-, Qualizeichen: Font, „Die“ kann als bestimmter Artikel, Demonstrativum oder als Funktionswort verwendet werden, je nach Kontext und Realisierung, Visualisierung


Interpretant bei Peirce (Folie 65–67)

  • Der Interpretant ist die Wirkung eines Zeichens auf den Interpreten. Peirce unterscheidet zwischen:

    1. Unmittelbarer Interpretant: Spontane Reaktion oder Gefühl auf das Zeichen.

    2. Dynamischer Interpretant: Aktion, die das Zeichen auslöst (z.B. Befolgen eines Befehls).

    3. Logischer Interpretant: Kognitive Schlussfolgerung oder Argumentation, die aus dem Zeichen resultiert.

  • Wichtige Begriffe:

    • Interpretant: Die Reaktion oder Interpretation des Zeichens durch den Betrachter.

    • Logische Interpretanten: Zeichen, die zu Schlussfolgerungen führen, z.B. Argumentationen oder symbolische Bedeutungen.

Peirce: Noch ein Beispiel (Folie 68–69)

  • Testament-Untersuchung durch Peirce: Peirce und sein Vater führten 1867 eine Untersuchung zur Echtheit eines Nachtrags im Testament von Sylvia Ann Howland durch.

  • Sie analysierten 42 echte Unterschriften (Sinzeichen) und verglichen sie mit der Unterschrift im Testament.

  • Schlussfolgerung: Die Übereinstimmungen der Unterschriften im Nachtrag waren zu hoch, was auf eine Fälschung hindeutete. Das führte zur Entscheidung, dass der Nachtrag ungültig war.

Wichtige Begriffe:

  • Sinzeichen: Konkrete, einmalig vorkommende Zeichen, in diesem Fall die echten Unterschriften.

  • Ikonizität: Die Ähnlichkeit der Unterschriften, die hier auf Fälschung hindeutet.