Grundlagen der Narratologie in der Primarstufe
Grundlagen der Narratologie und das Zweiebenenmodell
Die Narratologie (Erzähltheorie) befasst sich mit der Analyse der Bau- und Strukturformen epischer Texte und deren Funktion für den Umgang mit Literatur.
Ein zentrales Analyseinstrument ist das Zweiebenenmodell nach Wenzel, das zwischen dem „Was“ und dem „Wie“ einer Erzählung unterscheidet.
Ziel der Vorlesung ist die Einführung in diese Theorie sowie die Vermittlung literarisch-ästhetischer Kompetenzen für die Primarstufe.
Kommunikationsmodell narrativer Texte
Das Kommunikationsmodell unterscheidet strikt zwischen verschiedenen Ebenen und Instanzen:
Außertextuelle Kommunikationsebene: Hier befinden sich der reale Autor (Produzent des Textes) und der reale Leser.
Ebene der erzählerischen Vermittlung: Dies ist die Ebene innerhalb des Werkes, bestehend aus der Erzählinstanz (Sender) und dem fiktiven Leser/Adressaten (Empfänger).
Ebene der erzählten Welt: Hier agieren die Figuren (handelnde Instanzen).
Definitionen der Instanzen:
Autor: Der reale, historisch fassbare Produzent des Textes.
Autorinstanz: Ein „Stellvertreter“ des Autors in der Erzählung, der Wertungen und Einstellungen des Autors ausdrückt.
Leser: Der reale Rezipient des Textes.
Leserinstanz: Der „Stellvertreter“ des realen Lesers in der Erzählung, der von der Autorinstanz indirekt adressiert wird.
Erzähler: Die eigentliche Sprechinstanz, die den Erzähltext vermittelt.
Adressat: Der „Hörer“ der Erzählung, an den sich der Erzähler direkt wendet.
Erzählende Figur: Eine Figur innerhalb der Geschichte, die selbst Teile der Erzählung wiedergibt.
Fiktiver Adressat: Der Hörer, an den sich eine erzählende Figur wendet (oft eine andere Figur).
Das Zweiebenenmodell: Histoire vs. Discours
Das Modell unterscheidet zwischen der Geschichte und ihrer Vermittlung:
Histoire (Geschichte - Das „Was“): Der Geschehenszusammenhang, die Handlung und die statischen Konstituenten (Raum, Figuren).
Discours (Diskurs - Das „Wie“): Die sprachlich realisierte Erzählung, die Art und Weise, wie die Geschichte vermittelt wird (Zeit, Modus, Stimme).
Die Zeit im Erzähltext (Zeitgestaltung)
Die Zeit wird unter drei Hauptkategorien betrachtet: Ordnung, Dauer und Frequenz.
1. Ordnung (Reihenfolge):
Ordo naturalis: Chronologische Abfolge der Ereignisse.
Ordo artificialis: Abweichung von der Chronologie durch Anachronien.
Analepse (Rückwendung): Nachträgliche Darstellung eines Ereignisses, das vor dem gegenwärtig Erzählten stattgefunden hat.
Prolepse (Vorausdeutung): Vorwegnehmende Darstellung eines Ereignisses, das erst nach dem gegenwärtig Erzählten stattfinden wird.
Simullepse: Gleichzeitige Darstellung (Nebeneinander verschiedener Handlungsstränge).
2. Dauer (Erzähltempo): Es wird das Verhältnis zwischen der Erzählzeit (Zeit für den Akt des Erzählens) und der erzählten Zeit (Dauer der Geschichte) gemessen.
Ellipse (Aussparung): Die Erzählzeit ist , während die erzählte Zeit weiterläuft (\text{Erzählzeit} < \text{erzählte Zeit}).
Zeitraffung: Die Erzählzeit ist kürzer als die erzählte Zeit (\text{Erzählzeit} < \text{erzählte Zeit}).
Zeitdeckung (Isochronie): Die Erzählzeit entspricht exakt der erzählten Zeit (), z. B. in Dialogen.
Zeitdehnung: Die Erzählzeit ist länger als die erzählte Zeit (\text{Erzählzeit} > \text{erzählte Zeit}).
Deskriptive Pause: Die erzählte Zeit steht still (), während der Erzähler beschreibt (\text{Erzählzeit} > 0).
3. Frequenz (Häufigkeit):
Singulativ: Ein Ereignis, das einmal geschehen ist, wird einmal erzählt ().
Repetitiv: Ein Ereignis, das einmal geschehen ist, wird mehrfach erzählt ().
Iterativ: Ereignisse, die sich mehrfach wiederholt haben, werden nur einmal erzählt ().
Der Modus (Perspektive und Distanz)
Der Modus bestimmt den Standpunkt der Wahrnehmung und die Distanz zum Erzählten.
Fokalisierung (Perspektivierung):
Nullfokalisierung (Übersicht): Der Erzähler weiß mehr als jede Figur. Die Formel lautet: \text{Erzähler} > \text{Figur}. Er hat Einblick in die Gedanken aller.
Interne Fokalisierung (Mitsicht): Der Erzähler sagt nicht mehr, als die Figur weiß. Die Formel lautet: .
Externe Fokalisierung (Außensicht): Der Erzähler sagt weniger, als die Figur weiß; er beobachtet nur von außen. Die Formel lautet: \text{Erzähler} < \text{Figur}.
Multiperspektivisches Erzählen: Wechselnde Fokalisierung zwischen verschiedenen Figuren.
Variable Fokalisierung: Die Perspektive ändert sich im Verlauf der Erzählung.
Die Stimme (Wer spricht?)
Die Stimme umfasst den Zeitpunkt, die Ebene und die Involviertheit des Erzählers.
Erzählzeitpunkt:
Späteres Erzählen: Rückblickend (Standardfall).
Gleichzeitiges Erzählen: Live-Bericht, Tagebuch.
Früheres Erzählen: Prophezeiung.
Erzählebeben (Ort des Erzählens):
Extradiegetisch: Erste Ebene (Rahmenerzählung).
Intradiegetisch: Zweite Ebene (Binnenerzählung).
Metadiegetisch: Dritte Ebene (Erzählung in der Binnenerzählung).
Involviertheit (Verhältnis des Erzählers zum Geschehen):
Heterodiegetisch: Der Erzähler ist keine Figur in der erzählten Welt (3. Person).
Homodiegetisch: Der Erzähler ist eine Figur in der erzählten Welt (1. Person).
Autodiegetisch: Sonderfall des homodiegetischen Erzählers; er ist die Hauptfigur seiner eigenen Geschichte.
Konzepte des Ich-Erzählers
Beim Ich-Erzähler wird zwischen zwei Zuständen unterschieden:
Erzählendes Ich: Befindet sich auf der Gegenwartsebene (Basiserzählung), besitzt Welterfahrung und kommentiert/wertet rückblickend.
Erlebendes Ich: Befindet sich auf der Vergangenheitsebene (Analepse), ist das agierende „erzählte Ich“.
Varianten des literarischen Anfangs
Ab ovo: Einstieg ganz von vorn (z. B. Geburt, „Es war einmal…“).
In medias res: Sprung direkt in das laufende Geschehen ohne Einleitung.
In ultimas res: Beginn am Ende oder kurz vor dem Ende der Geschichte (häufig im Detektivroman).
Invocatio (Vorwort): Anrufung oder Hinführung zur Geschichte unter einem speziellen Blickwinkel zur Legitimation des Erzählens.
Figurengestaltung und Charakterisierung
Die Analyse der Figuren stützt sich häufig auf die Modelle von Manfred Pfister.
Figurenkonzeption:
Statisch vs. Offen/Dynamisch: Bleibt die Figur gleich oder entwickelt sie sich?
Eindimensional vs. Mehrdimensional: Hat die Figur nur einen Charakterzug oder ist sie komplex?
Personifikation vs. Typ vs. Individuum: Von der rein allegorischen Darstellung bis zum einzigartigen Charakter.
Charakterisierungstechniken:
Auktorial: Charakterisierung durch den Erzähler (explizit durch Beschreibung oder implizit durch sprechende Namen).
Figural: Charakterisierung durch die Figur selbst oder andere Figuren (Eigenkommentar/Fremdkommentar).
Explizit: Direkte Benennung von Eigenschaften.
Implizit: Vermittlung durch sprachliches Verhalten (Dialekt, Soziolekt), äußeres Erscheinungsbild (Kleidung, Mimik), Verhalten oder den Schauplatz/Umfeld.
Der diegetische Raum
Raum ist in Erzähltexten mehr als nur Dekoration; er erfüllt verschiedene Funktionen nach Gansel:
Handlungsraum: Bildet den Bedingungsrahmen für Taten (ermöglicht oder verhindert Handlungen).
Atmosphärisch gestimmter Raum: Erzeugt eine Stimmung, die als Ausdrucksträger fungiert und die Figuren beeinflusst.
Anschauungsraum: Statische Hintergrundfolie zur Verortung von Ereignissen aus einer Fernsicht.
Symbolischer Raum: Der Raum trägt eine übertragene Bedeutung (z. B. Haus = Geborgenheit, Wald = Einsamkeit).
Kontrastierender Raum: Gegensätzliche Räume verdeutlichen Konflikte.
Perspektivierter Raum: Der Raum wird durch die subjektive Wahrnehmung einer Figur gefärbt.
Wahrnehmungskette des Raums: