Organisation

Grundlagen der Organisation als Managementaufgabe

  • Notwendigkeit der Organisation: Ein Unternehmen muss primär organisieren, um eine Arbeits teilung vorzunehmen, da an der Erfüllung der Gesamtaufgabe mehrere Personen beteiligt sind. Ziel ist die Zuordnung von Teilaufgaben an einzelne Personen.

  • Effizienzstreben (Beispiel Adam Smith, 1776): Adam Smith beschrieb die Auswirkungen der Arbeitsteilung in einer Stecknadelfabrik.

    • Zehn spezialisierte Arbeiter (jeder $2$ bis $3$ Verrichtungen) produzierten pro Tag zusammen 4800048\,000 Nadeln (entspricht 48004\,800 Nadeln pro Kopf).

    • Ohne Arbeitsteilung hätte ein einzelner Arbeiter nur etwa 2020 Nadeln pro Tag herstellen können.

    • Spezialisierung führt somit zu einer massiven Steigerung der Produktivität.

  • Konsequenzen zunehmender Spezialisierung:

    • Zunahme der Abhängigkeiten: Fällt ein spezialisierter Arbeiter in der Kette aus, steht die gesamte Produktion still.

    • Zunahme der Komplexität: Die Verrichtungen müssen genau aufeinander abgestimmt werden, um Zwischenlager oder Unter-/Überbeschäftigung zu vermeiden.

  • Grenzen der Arbeitsteilung:

    • Koordinationskosten können den Nutzen des Produktivitätsfortschritts überkompensieren.

    • Technologische Gegebenheiten setzen natürliche Grenzen.

    • Menschliche Faktoren: Zunehmende Monotonie führt zu gesundheitlichen Schäden, Kommunikationsschwierigkeiten oder häufigem Stellenwechsel.

  • Definition Organisation: Organisieren bedeutet, die Gesamtaufgabe des Unternehmens sinnvoll in Teilaufgaben zu gliedern und diese zueinander in Beziehung zu setzen, um Unternehmensziele optimal zu erreichen.

  • Aspekte des Organisationsbegriffs:

    1. Gestalterischer Aspekt: Das Unternehmen wird organisiert (Tätigkeit der Gestaltung; Gestaltungsfunktion).

    2. Instrumentaler Aspekt: Das Unternehmen hat eine Organisation (bewusst geschaffene Ordnung der Strukturen und Prozesse; Ordnungsfunktion).

    3. Institutionaler Aspekt: Das Unternehmen ist eine Organisation (soziales Gebilde mit spezifischen Zielsetzungen; umfasst auch öffentliche Betriebe, Kirchen, Militär).

  • Formale und informale Organisation:

    • Formal: Bewusst gestaltete Strukturen und Abläufe.

    • Informal: Strukturen, die sich aus Unternehmenskultur, Sympathie, gemeinsamem Status oder Arbeitsbedingungen (Zeitdruck) bilden. Sie wirken komplementär (ergänzend) oder substituierend (ersetzend).

Der Problemlösungsprozess der Organisation (Organisationsmanagement)

  • Phasen des Prozesses:

    1. Analyse der Ausgangslage: Berücksichtigung der Umweltbedingungen (Unsicherheit, Gesetzgebung, Marktgrösse) und unternehmensspezifischer Faktoren (Grösse, Historie, Produktanzahl).

    2. Bestimmung der Organisationsziele: Erhöhung der Effizienz durch optimale Arbeitsverteilung (bezieht sich auf Struktur und Prozess).

    3. Bestimmung der Organisationsmassnahmen: Wahl der Formen der Aufbau- und Ablauforganisation.

    4. Bestimmung der Mittel: Bereitstellung von Finanzen, Personen und Instrumenten (Stellenbeschreibungen, Netzpläne).

    5. Umsetzung (Implementierung): Bewältigung von Widerständen und Konflikten bei der Anpassung der Menschen an neue Situationen.

    6. Evaluation der Resultate: Prüfung, inwieweit die Neuordnung den Anforderungen gerecht wird.

  • Managementfunktionen im Prozess: Planung, Entscheidung, Aufgabenübertragung und Kontrolle (Steuerungsfunktionen).

Formale Elemente der Organisation

  • Aufgabe:

    • Statisch: Eine bestimmte Soll-Leistung.

    • Dynamisch: Aktivitäten zur Erfüllung der Soll-Leistung.

    • Abgrenzungsmerkmale: Verrichtung (was?), Objekt (woran?), Sachmittel (womit?), Ort (wo?), Rang (Leitung/Ausführung), Phase (Planung/Vollzug), Zweckbeziehung (Primär-/Sekundäraufgabe), Zeit, Person.

  • Stelle:

    • Die kleinste organisatorische Einheit, bestehend aus einem Aufgabenkomplex.

    • Linienstellen: Ausführende Stellen (weisungsgebunden ohne eigene Befugnis nach unten) und Leitungsstellen (Instanzen, hierarchisch übergeordnet).

    • Unterstützende Stellen:

      • Stabstellen: Beratung, Information, Entscheidungsvorbereitung; keine Anordnungsbefugnis gegenüber der Linie.

      • Zentrale Dienste (Service-Center): Fachliche Zentralisation (z.B. IT, Personalwesen) mit fachtechnischem Weisungsrecht.

  • Stellenbildung:

    • Sachbezogen: Erst Stelle definieren, dann Person suchen.

    • Personenbezogen: Orientierung an Qualifikation vorhandener Mitarbeiter (oft auf hohen Führungsstufen oder bei Fachkräftemangel).

  • Stelle vs. Arbeitsplatz: Die Stelle ist ein abstrakter Aufgabenkomplex (kann mehrere Personen/Arbeitsplätze umfassen). Der Arbeitsplatz ist der konkrete Ort der Erfüllung.

  • Abteilung: Zusammenfassung mehrerer Stellen, die zusammenhängende Aufgaben erfüllen, unter einer Instanz. Kann in Unterabteilungen gegliedert werden.

  • Kongruenzprinzip: Aufgaben, Kompetenzen (Rechte/Befugnisse) und Verantwortung (Pflicht zur Rechenschaft) müssen deckungsgleich sein.

  • Verbindungswege (Dienstwege):

    • Transportwege: Austausch physischer Objekte.

    • Kommunikationswege: Reine Mitteilungswege, Entscheidungswege (Anrufungswege wie Anträge/Beschwerden, Mitsprachewege, Anordnungswege).

Aufbau- und Ablauforganisation

  • Aufbauorganisation:

    • Gestaltet die vertikale und horizontale Struktur des Unternehmens.

    • Prozess: Aufgabenanalyse (Zerlegung in Elementaraufgaben) $\rightarrow$ Aufgabensynthese (Stellenbildung) $\rightarrow$ Abteilungsbildung $\rightarrow$ Gesamtstruktur.

    • Leitungsspanne (Kontrollspanne): Anzahl der unterstellten Mitarbeiter. Empfehlungen liegen zwischen 55 und 3030. Einflussfaktoren: Führungsstil (partizipativ ermöglicht grössere Span), Qualifikation, IT-Einsatz, Komplexität der Aufgaben.

    • Zusammenhang: Eine kleine Kontrollspanne führt bei gleicher Mitarbeiterzahl zu einer grossen vertikalen Leitungstiefe (viele Hierarchieebenen).

  • Ablauforganisation:

    • Festlegung der Arbeitsprozesse unter Berücksichtigung von Raum, Zeit, Sachmitteln und Personen.

    • Prozess: Arbeitsanalyse (Zerlegung in Arbeitsteile) $\rightarrow$ Arbeitssynthese.

    • Stufen der Arbeitssynthese:

      1. Arbeitsverteilung (personale Synthese): Kombination von Arbeitsteilen zu Arbeitsgängen für einen Träger.

      2. Arbeitsvereinigung (temporale Synthese): Zeitliche Abstimmung.

      3. Raumgestaltung (lokale Synthese): Anordnung der Arbeitsplätze (Fertigungsverfahren).

  • Dilemma der Ablaufplanung:

    • Konflikt zwischen dem Prinzip der Zeitminimierung (Durchlaufzeiten minimieren) und dem Prinzip der Kapazitätsauslastung (Leerzeiten minimieren).

    • Ziel: Optimale Abstimmung, bei der Bearbeitungszeiten möglichst den Förderzeiten entsprechen.

Organisationsinstrumente

  • Organigramm: Grafische Darstellung der Struktur (Stellen als Rechtecke, Linien als Dienstwege). Formen: Vertikal, Horizontal, Säulenorganigramm.

  • Stellenbeschreibung: Festlegung von Aufgaben, Kompetenzen und Verantwortung. Hilft bei Personalbedarfsermittlung und Leistungsbeurteilung. Gefahr der Starrheit bei zu hohem Detaillierungsgrad.

  • Funktionendiagramm: Matrixförmige Darstellung des Zusammenwirkens mehrerer Stellen. Dimensionen: Stellen vs. Aufgaben. Funktionen: Initiative, Planen, Entscheiden, Mitsprache, Anordnen, Ausführen, Kontrollieren.

  • Organisationsgrad:

    • Substitutionsprinzip (Gutenberg): Mit abnehmender Veränderlichkeit (Variabilität) nimmt die Tendenz zur allgemeinen Regelung zu.

    • Organisatorisches Optimum: Alle gleichartigen, repetitiven Vorgänge sind allgemein geregelt.

    • Unterorganisation: Zu wenige Regeln für repetitive Vorgänge.

    • Überorganisation: Zu viele allgemeine Regeln für ungleichartige (fallweise zu behandelnde) Tatbestände.

Strukturierungsprinzipien und Organisationsformen

  • Prinzipien der Stellenbildung:

    1. Verrichtungsprinzip (Funktional): Zusammenfassung gleichartiger Tätigkeiten (z.B. Marketing, Produktion). Vorteil: Spezialisierung, keine Doppelspurigkeiten.

    2. Objektprinzip (Divisional): Ausrichtung auf Produkte/Produktgruppen. Vorteil: Kurze Wege, Marktnahe, weniger Monotonie.

    3. Regionalprinzip: Gliederung nach geografischen Gebieten (Standorte/Absatzmärkte).

  • Leitungsprinzipien:

    • Einliniensystem (Fayol): Eindeutige Unterstellung (Einheit der Auftragserteilung). Nutzt "Fayol’sche Brücken" als horizontale Mitteilungswege.

    • Mehrliniensystem (Taylor): Mehrfachunterstellung (Prinzip des kürzesten Weges). Vorteile: Spezialisierung der Führung. Nachteile: Kompetenzkonflikte.

  • Entscheidungszentralisation vs. -dezentralisation: Delegation von Entscheidungskompetenzen an rangtiefere Stellen.

  • Spezifische Organisationsformen:

    • Funktionale Organisation: Gliederung nach Verrichtungen (11-Produkt-Unternehmen, stabile Umwelt).

    • Stablinienorganisation: Funktionale Struktur ergänzt durch Stäbe zur Entlastung der Führung. Problem: "Graue Eminenzen" (Macht ohne Verantwortung).

    • Spartenorganisation (Divisionale Struktur): Autonome Einheiten für Produkte oder Regionen.

      • Cost-Center: Verantwortung nur für Kosten.

      • Profit-Center: Verantwortung für Gewinn/Erfolg.

      • Investment-Center: Zusätzliche Verantwortung für Investitionen.

    • Management-Holding: Muttergesellschaft (Holding) mit rechtlich selbstständigen Töchtern (Konzern).

      • Finanz-Holding: Nur Vermögensverwaltung.

      • Management-Holding: Strategische Führung.

      • Formen: Integriert, mit Managementgesellschaften oder als Netzwerk.

      • Zustand: Reife Holding (gleichwertige Sparten) vs. Unreife Holding (unterschiedliche Umsatzgrössen).

    • Matrixorganisation: Gleichzeitige Anwendung zweier Kriterien auf einer Ebene (z.B. Funktion und Produkt). Erfordert hohe Konfliktfähigkeit.

    • Netzwerkorganisation:

      • Intern: Teamstrukturen innerhalb.

      • Stabil: Führendes Unternehmen mit festen Zulieferern (Outsourcing).

      • Dynamisch (Virtuelle Organisation): Temporäre Kooperationen je nach Projekt; treten nach aussen als Einheit auf.

    • Projektorganisation:

      • Stab-Projektorg.: Projektleiter berät nur.

      • Reine Projektorg.: Eigenständige Abteilung ("Task Force").

      • Matrix-Projektorg.: Mischform zur Ressourcenteilung.

Organisatorischer Wandel

  • Modell von Larry Greiner (19671967): Beschreibt sechs Phasen (Druck, Intervention, Diagnose, Erfindung, Experiment, Bestätigung).

  • Organisationsentwicklung (OE): Langfristiger, humanistischer Wandel. Prinzipien: Betroffene zu Beteiligten machen, Hilfe zur Selbsthilfe.

    • 3-Phasen-Modell (Lewin): Unfreezing (Auftauen), Moving (Ändern), Refreezing (Stabilisieren).

    • Rollen: Change Agent (Berater), Client System (Kunde), Change Catalyst (Promotor).

  • Organisationales Lernen:

    • Single-Loop-Learning: Korrektur von Handlungen innerhalb bestehender Regeln.

    • Double-Loop-Learning: Hinterfragen der zugrunde liegenden Werte und Ziele (Tiefenstruktur).

    • Deutero-Learning: Lernen, wie man lernt (Analyse der Lernprozesse).

  • Business Reengineering (BR): Radikaler Neuentwurf (Kernprozesse statt Funktionen).

    • Fokus auf Wertschöpfungskette.

    • Rollen: Leader (Macht), Prozessverantwortlicher, Team, Reengineering-Zar (Experte).

  • Unterschied BR vs. OE: BR ist revolutionär, top-down und ökonomisch getrieben; OE ist evolutionär, partizipativ und sozialorientiert.

Selbstorganisation und Agilität

  • Charakteristika: Autonomie, Redundanz (Mehrfachqualifikation), Komplexität, Selbstreferenz (Teamsteuerung).

  • Scrum: Agiles Projektmanagement.

    • Rollen: Product-Owner (Erfolg), Scrum-Master (Moderator), Entwicklungsteam.

    • Prozess: Sprints (max. 44 Wochen), Sprint-Planning, Daily Scrums, Sprint-Review.

  • Agiles Management: Überwindung von Silodenken, Vertrauen statt Kontrolle, Nutzung von Big Data und sozialen Netzwerken.

  • Holokratie (Robertson): Evolutionäre Anpassung an die VUCA-Welt (Volatility, Uncertainty, Complexity, Ambiguity).

    • Governance: Trennung von Person und Rolle. Rollen definiert durch Purpose, Domains und Accountabilities.

    • Meetings: Operative Meetings (Synchronisation) und Governance-Meetings (Struktur-Update).

Organisationstheorien

  • Bürokratie-Ansatz (Max Weber): Fokus auf legale Herrschaft, feste Hierarchie, Amtsführung nach Aktenlage, Regelgebundenheit.

  • Scientific Management (Taylor): Trennung von Kopf- und Handarbeit.

    • Funktionsmeisterprinzip: 88 Meister (Arbeitsverteiler, Unterweisungsbeamter, Zeit- und Kostenbeamter, Aufsichtsbeamter + Verrichtungs-, Geschwindigkeits-, Prüf- und Instandhaltungsmeister).

    • Nutzt Zeit- und Bewegungsstudien.

  • Human-Relations-Ansatz (Mayo/Roethlisberger): Basierend auf den Hawthorne-Experimenten.

    • Erkenntnis: Soziale Faktoren (Aufmerksamkeit) steigern Leistung mehr als physische Bedingungen (Beleuchtung).

  • Situative Ansätze: Es gibt keinen "one best way".

    • Burns/Stalker: Mechanistische (stabile Umwelt) vs. organische Systeme (dynamische Umwelt).

    • Lawrence/Lorsch: Differenzierung und Integration als Erfolgsfaktoren.

    • Woodward: Zusammenhang zwischen Fertigungstyp (Einzel, Serie, Prozess) und Struktur.

    • Perrow: Varietät und Zerlegbarkeit des Transformationsprozesses.

  • Institutionenökonomische Ansätze:

    • Property-Rights-Theorie: Fokus auf Verfügungsrechte.

    • Transaktionskostenansatz (Coase): Entscheidung zwischen Marktbezug und Eigenerstellung (Make-or-Buy).

    • Prinzipal-Agenten-Theorie: Analyse von Informationsasymmetrien und Interessenskonflikten zwischen Auftraggeber und Nehmer.