Germanistische Didaktik – Sitzung 3 Notes
Sprachliche Handlungssituationen
- Alltags-, Berufs-, Arbeits-, Lebens-, kulturelle und demokratische Bereiche → Sprache dient der Aushandlung des Zusammenlebens.
- Zwei elementare Kategorien
- Kategorie der Erscheinungsweise
• phonisch – gesprochen
• graphisch – geschrieben - Kategorie der Gebrauchsweise
• rezeptiv → Hören, Lesen
• produktiv → Sprechen, Schreiben
- Kategorie der Erscheinungsweise
- Weitere kommunikative Träger: Bilder, Videos, Podcasts …
- Handlungssituationen lassen sich zusätzlich einordnen nach
• medial (mündlich / schriftlich)
• konzeptionell (mündlich / schriftlich)
• Duktus: informell ↔ formell
Konzeption der Sprachhandlung (Koch & Oesterreicher 1994)
- Mediale Ausprägung (gesprochen – geschrieben) und konzeptionelle Ausprägung (mündlich – schriftlich) bilden ein Kontinuum.
- Typische Platzierung von Beispielen
• "Grußkarte" → medial schriftlich, aber konzeptionell mündlich.
• "Gesetzestext" → medial & konzeptionell schriftlich.
• "Gespräch mit Freunden" → medial & konzeptionell mündlich.
• "Wissenschaftlicher Vortrag" → medial mündlich, konzeptionell schriftlich.
10 prototypische Unterschiede (Dürscheid 2016)
- Flüchtigkeit vs. Dauerhaftigkeit.
- Orts-/Zeitgebundenheit vs. Ungebundenheit.
- Synchron (Dialog) vs. asynchron (Monolog).
- Häufige Deixis vs. Verzicht auf Deixis – erfordert präzisere Formulierungen.
- Unterstützung durch Intonation, Mimik, Gestik vs. fehlende paraverbale Hilfen.
- Phylo- & ontogenetisch primär vs. sekundär.
- Werkzeuglos vs. Werkzeuggebunden (Schreibzeug).
- Fehlsatzbau, Ellipsen, Partikeln etc. vs. Normorientierung.
- Lautkontinuum (zeitlich) vs. diskrete Einheiten (räumlich).
- Dialogisch vs. monologisch.
Sprache der Nähe ↔ Sprache der Distanz (Dürscheid 2016)
- Nähe: raum-zeitliche Nähe, Vertrautheit, Privatheit, Emotionalität, situationsgebunden, Dialog, Spontaneität, freie Themenentwicklung.
- Distanz: raum-zeitliche Distanz, Fremdheit, Öffentlichkeit, Emotionalitäts-Verzicht, Themenfixierung, Monolog, keine spontane Kooperation.
Parameter Mündlichkeitspol ↔ Schriftlichkeitspol
- Informationsdichte: geringer ↔ größer.
- Kompaktheit, Integration, Komplexität, Elaboriertheit, Planung nehmen zum Schriftlichkeitspol hin zu.
Bildungssprache
- Schriftsprachliche/bildungssprachliche Register – Zuordnung variiert, wird oft durch Medium bestimmt.
- Drei Hauptfunktionen (Morek & Heller 2013)
• Kommunikativ → Wissenstransfer.
• Epistemisch → Werkzeug des Denkens.
• Sozial → „Eintrittskarte“ zu Bildungserfolg. - Registerdimensionen (Halliday 1978)
• field (Gegenstand)
• style (Beziehung/Rollen)
• mode (Art & Weise) - Schreiben ist NICHT bloß Übertragen von Mündlichkeit, sondern erfordert das Register der Bildungssprache.
Literalität / Literacy (Teil 2)
Begegnung mit Schrift
- Schriftdokumente im Haushalt, in der Umgebung → Kinder wachsen in einer schriftgestützten Gesellschaft auf.
- Literacy = soziale Praxis(en) mit Schrift.
Bedeutung von Schrift auf drei Ebenen (Feilke, Mehlem)
- Kulturebene
• „Literalität = Gesamtheit von Einstellungen, Fähigkeiten, Rollen & Institutionen, die eine Schriftkultur trägt.“ - Handlungsebene
• Konkrete schriftbezogene Praktiken (Briefe schreiben, Fahrkarten lesen …). - Sprachstrukturebene
• Texte, Textmuster, Satzstrukturen, Wortschatz, Duktus.
Schrift und Schriftstruktur des Deutschen (Teil 3)
- Literale Basisqualifikationen über die Schrift hinaus:
• Aussprache, Hörverstehen, Wortschatz, mentale Lexika, Schrift-Konzepte, Literaturerfahrungen.
Alphabetschrift
- Graphem-Phonem-Korrespondenz nahezu .
- Buchstaben (davon Vokale + Umlaute, Diphtonge, ß).
- Vokalqualitäten: gespannt / ungespannt; Länge bedeutungsunterscheidend ( vs. ).
- Lernanforderung: Wörter in Laute → Silben → schreiben.
Orthographische Prinzipien (nach Schründer-Lenzen 2013)
- Phonologisches
- Silbisches
- Grammatisches
- Semantisches
- Historisches/etymologisches
- Graphisch-formales
- Morphologisches
Beispiele
- →
vs. → . - eu/äu:
- Groß-/Kleinschreibung, Verwendung von Spatien.
Phonographisches Prinzip
- Grapheme ↔ Phoneme; Schreiben = Kodierung, Lesen = Rekodierung.
- Lautwert positionell abhängig ( : Anlaut / Endlaut ).
- Basisgrapheme & Orthographeme (Listen nach Schründer-Lenzen).
Ansätze des Schriftspracherwerbs
1. Synthetisch-analytischer Ansatz
- Startet bei Lauten → Buchstaben → Silben → Wörter.
- Materialien:
• Anlauttabellen (Finken-Verlag).
• Hörtabellen (Berkemeier 2022). - Konzept: "Phonics" – systematisches Lautieren und Verschriften.
2. Silbisches Prinzip / silbenanalytische Methode
- Silbe = Anfangsrand (Onset) + Kern (Nucleus) + Endrand (Koda).
- Deutsch-spezifisch: Konsonantencluster, deutliche Vokallängen.
- Haupt- vs. Reduktionssilbe, Kern = Reim (z. B. "Strumpf – Schlumpf").
- Didaktische Umsetzung
• Silben klatschen/klopfen/hüpfen.
• Vokalqualität trainieren.
• Silbenbögen, Farbmarkierung von Haupt-/Reduktionssilbe. - Häuschenmodell (Röber/Röber-Siekmeier 2013) – visualisiert Silbenstruktur.
Vergleich beider Methoden
- Diskussion: reine Phonics vs. reine Silbenarbeit; zunehmend Kombination empfohlen.
Fachdidaktische Fortführungen
- Lesen & Schreiben kombiniert: Silbengedichte, Silbenpyramiden, gemeinsames Vorlesen.
- Anlauttabelle als Schreibhilfe.
- Zwei-Wege-Modell des Lesens (Coltheart 1978)
• top-down vs. bottom-up Prozesse. - Wortüberlegenheitseffekt (Juska-Bacher et al. 2016): Buchstaben werden in Wörtern besser erkannt als isoliert.
- Weitere Prinzipien bewusst einführen: grammatisch, semantisch, historisch, morphologisch, graphisch-formal.
Förderprogramme & Hilfen
- "Hören – Lauschen – Lernen" (Küspert / Schneider 2006):
• Lausch-, Reim-, Silben-, Lautsynthese- & Satzspiele. - Lautgebärden (Reber & Schönauer-Schneider 2018) – multisensorische Unterstützung.
Schriftspracherwerb als Entwicklungsprozess (Frith 1978/1985)
- Logographische Phase – Orientierung an Wortbildern/Logos.
- Alphabetische Phase – bewusste Graphem-Phonem-Zuordnung.
- Orthographische Phase – Nutzung von Morphemen, Regelwissen, Rechtschreibmustern.
Literaturhinweise (Auswahl)
- Berkemeier (2022); Bredel et al. (2017); Dürscheid (2016); Feilke (2011); Frith (1975/1985); Halliday (1978); Koch & Oesterreicher (1994); Mehlem (2024); Morek & Heller (2013); Schründer-Lenzen (2013) … (vgl. vollständige Liste auf Folie 40).